Yamaha MT-07.
Yamaha MT-07. © Jonatan Godin, Matteo Cavadini

Volksinitiative

Yamaha MT-07

Von Michael Kutschke
12.05.2014 17:37:25

Yamaha ist endlich wieder initiativ: Mit der neuen MT-07 kommt eine überaus verführerische Spassmaschine fürs Töff-Volk.

Vier Uhr früh: Aufstehen! Töffgepäck ins Auto schmeissen und ab zum Flughafen Zürich-Kloten! Es ist frostig und dunkel. Die Japaner haben zu Tests der neuen Yamaha MT-07 geladen. Destination Arrecife, Lanzarote, planmässiger Abflug 06 Uhr 35. Voller Erwartung betrete ich den Check-in-Bereich.

Meeresluft, 19 Grad warm, vier Stunden später: eine andere Welt. Es scheint mal wieder, als ob wir Journalisten Warmduscher wären, aber Fahreindrücke auf frostigen, rutschigen Strassen entsprechen wohl kaum jener Hilfestellung bei der Kaufentscheidung, welche unsere Leser erwarten. Und die ist wirklich nötig, denn Yamaha gibt wieder Vollgas.

"Masters of Torque" – dieses forsche Statement verbirgt sich hinter dem Label "MT", mit dem Yamaha seine unverschämt preisgünstige Naked-Modellreihe versehen hat. Die MT-01 ersetzte schon seit 2005 die Jagd nach immer mehr PS einfach durch den Spass an den Newtonmetern. Die jüngste Interpretation dieser MT-Philosophie will nun maximalen Fahrspass für möglichst wenig Geld (7790 Franken) bieten. Die Marketingstrategen haben damit 20 bis 35 Jahre alte Einsteiger im Visier, welche das Bike – obwohl es für die Alltagsflucht prädestiniert ist – auch gerne für selbigen nutzen wollen, also beispielsweise zur täglichen Fahrt zum Arbeitsplatz.

Wir erinnern uns: Den ersten Streich dieser neu aufgelegten MT-Gesinnung machte letztes Jahr die MT-09 mit ihrem Dreizylinder-Motor (Vergleichstest TÖFF 03/14). Nun schieben die Japaner eine weitere MT nach, welche mit einem völlig neu konstruierten, kraftvollen und kompakten 689-ccm-Zweizylindermotor bestückt ist: Und die soll durch bulliges Drehmoment, niedriges Fahrzeuggewicht, pure Agilität und einen attraktiven Preis begeistern.

Weniger, das Entscheidende am Mehr 

Eigenständige Formen, ein sportlich-eleganter Auftritt und eine drehmomentorientierte Antriebscharakteristik sollen nun also die "Brot-und-Butter-Konkurrenz" alt aussehen lassen. Ein paar schnöde Werte aus dem Datenblatt untermauern diesen Anspruch: Die MT-07 bringt lediglich 182 Kilo auf die Waage. Vollgetankt, wohlgemerkt! Zum Vergleich: Die XJ6 hat satte 28 Kilogramm mehr Speck auf den Rippen, und die neue Honda NC 750 S ist mit 216 Kilo nicht gerade schlank, und selbst die Kawasaki ER-6n bekommt mit 206 Kilo ihr Fett weg.

Bleiben wir aber beim Armdrücken mit der XJ6 aus eigenem Hause: Üppige 68 Nm Drehmoment bei 6500/min stehen der MT gut – die XJ6 erreicht nur 60 Nm bei 8000/min. Muskulös, die MT-07. Dennoch wird der neue Töff die bewährte vierzylindrige XJ6 nicht ablösen, zumindest nicht in nächster Zeit.

Wie kommt es eigentlich zu gewaltigen 28 Kilo Gewichtsvorteil gegenüber der XJ6? Dazu Paolo Pavesio, Marketing Division Manager von Yamaha Europe: "Der neue MT-Motor besteht aus 18 Prozent weniger Teilen. Jedes Bauteil des Twins mit 270 Grad Hubzapfenversatz präsentiert sich ausserdem gewichtsoptimiert und möglichst kompakt. So konnten wir sieben Kilo einsparen. Der Motor wurde mit einem automatischen Dekompressionssystem bestückt. Dies erlaubt es, kleinere und leichtere Starter und Batterien zu verbauen. Selbst die Ausgleichswelle des Zweizylinders gehört zu den Leichtesten ihrer Art. Und sogar der Rahmen kommt mit 22 Prozent weniger Teilen aus. Deshalb und dank optimierter Rohrquerschnitte werden beim Chassis nochmals 18 Kilo eingespart." 

Ein starkes Stück Mittelklasse 

Verlockend klingen aber nicht nur solche Werte aus dem Datenblatt oder der günstige Preis. Auch Design, Finish, Ausstattung und Qualität der MT-07 überzeugen: Multireflektor-Scheinwerfer, LED-Rücklicht und Bremsscheiben im attraktiven Wave-Design und, und, und... Was auf den ersten Blick als bildschöne Aluminium-Schwinge daherkommt, ist in Wirklichkeit ein raffiniert zusammengefügter Verbund aus Press-Stahlteilen. Diese werden mit einem neu entwickelten, speziellen High-Speed-Schweissverfahren zusammengefügt – und das, ohne Abstriche beim Look machen zu müssen. Das Teil sieht wirklich alles andere als hässlich oder gar billig aus. Klar, dass so ein neues, kostengünstiges Herstellungsverfahren künftig bei weiteren Yamaha-Mittelklasse-Modellen zur Anwendung kommen wird.

Liebe zum Detail ist eines, das Gespür für eine betörende Gesamtanmutung etwas anderes: Die frech gebogenen Krümmer und der schöne, kurze Schalldämpfer tragen (wie bei der grossen Schwester MT-09) wesentlich zum neuen sexy Outfit der MT-Familie bei.

Eine konstruktive Besonderheit der MT-07 ist auch die Aufnahme des liegenden Stossdämpfers direkt am Motor. Das spart Material, Gewicht, Platz und Kosten. Dieses "Weniger-ist-Mehr" ziehen die Ingenieure konsequent durch: Auch der Motor selbst baut sehr kurz und ermöglicht so die Anordnung aller Massen möglichst nahe am Schwerpunkt. Mit einer derart stämmigen Triebwerksgeometrie bleiben ausserdem viele Freiheiten, den Antrieb so zu platzieren, dass das Fahrzeuggewicht möglichst gleichmässig auf beide Räder verteilt wird. Umso wichtiger erscheint dies unter dem Gesichtspunkt, dass sowohl der Twin der neuen MT-07 als auch das Dreizylinder-Aggregat der MT-09 in weiteren, künftigen Yamaha-Modellen Verwendung finden sollen.

Die MT-07 jedenfalls scheint nahezu ideal austariert: Die statische Radlastverteilung von 51 Prozent vorn zu 49 Prozent hinten trägt laut Hersteller so selbst unter extremen Bedingungen, (z.B. Soziusbetrieb mit Gepäck) zu hervorragenden Fahreigenschaften der MT-07 bei.

Neben der Leicht- und Kompaktbauweise stand auch eine gute Energieeffizienz im Lastenheft, nicht nur weil dies die Umwelt schont, sondern auch die Betriebskosten senkt. Einen Beitrag dazu leistet die Kurbelwelle: Sie ist nicht etwa in der Flucht unter den Zylindern positioniert, sondern leicht versetzt, was das Zusammenspiel mit den Pleuelstangen verbessern und so die Reibung zwischen Kolben und Zylinder reduzieren soll.

Lustvoller MT-Genuss 

Nehmen wir also Platz: Dank der im vorderen Bereich schlank geschnittenen Sitzbank finden auch kleinere Fahrer einen sicheren Stand. Der Tank schmiegt sich eng an den Rahmen, der Sattel ist angenehm straff gepolstert und liegt mit 805 Millimetern so niedrig, dass auch zierliche Damen bestimmt gerne mit der MT-07 liebäugeln. Bestenfalls der recht sportliche Kniewinkel lässt sich kritisieren.

Ein kurzer Druck auf den Anlasser erweckt den Reihen-Zweizylinder zum Leben. Schon nach wenigen Minuten scheint man mit dem Töff zu verschmelzen. Locker-lässig fühlt sich das alles an, weil der Töff so leicht ist. Das merkt man natürlich auch beim Rangieren. Die Laufkultur des Twins überzeugt, eine gute Voraussetzung also für entspanntes Power-Gleiten mit Sinn und Blick für die Schönheit der vorbeiziehenden Natur. Und wenn’s mal in der Gashand juckt? Leicht, locker und zielgenau lässt sich die MT um die Ecken pfeilen. Überaus agil lenkt sie ein und folgt spielerisch jeder gewählten Linie – egal, ob mit 50 oder 150 Sachen. Enge Kehren und alpine Bergstrecken sucht man auf Lanzarote allerdings vergebens, holprige Asphaltabschnitte auch. Insofern hat die MT-07 eine schonungslosere Fahrwerksprüfung erst noch bei einem folgenden TÖFF-Härtetest zu bestehen.

Egal, es ist mehr als nur der Spass am schnellen Fahren, der die Faszination der MT-07 ausmacht. Besonders die eindrucksvolle Art der Leistungsentfaltung in allen Lebenslagen, ihr breit nutzbares Drehzahlband und der fette Punch aus dem tiefsten Drehzahlkeller begeistern.

War noch was? 

Toll sind die Gepäckhaken, welche sich unter dem Soziussitz befinden und bei Bedarf herausgeklappt werden können. Ösen für Zurrgurte finden sich auch an den Fussrastenplatten. Sehr einfach ist die Ölkontrolle durch das Schauglas. Auch der Kühlwasserstand ist auf einen Blick zu prüfen. Nicht im Sichtfeld dagegen befinden sich bedauerlicherweise die Anzeigen des Cockpits. In Zeiten rigider Tempolimits und Sanktionen kann es doch nicht angehen, dass man jedesmal die Aufmerksamkeit von der Strasse nehmen muss, um zu erfahren, wie schnell man unterwegs ist.

Zu den Bremsen: Die gehen für ein Einsteiger-Bike in Ordnung, denn sie lassen auch grobmotorische Zeitgenossen (über-)leben. Sportliche Fahrer werden sich jedoch an den hohen Handkräften stören. Dies hat insofern Relevanz, als sich die MT-07 durch ihren immensen Spassfaktor auch als Multitool auch fürs sportliche Volksbegehren empfiehlt.



*** *** ***

Fazit

Ein geniales Bike für Töfffans mit kleinem Budget. Yamaha ist mit der MT-07 ein wirkich toller Wurf gelungen.



*** *** ***

Yamaha MT-07

Hubraum: 689 ccm 
Leistung: 74,8 PS bei 9000/min 
Gewicht: 182 kg vollgetankt 
Preis: ab 7790 Franken 
Verkehrsabgabe: 60 bis 226.80 Fr./Jahr 


Auf den Punkt gebracht 

Sie ist aufregend, aber zugleich unaufgeregt. Ein Multitool mit genialem Spassfaktor für Einsteiger und Routiniers. 


+ Leistungscharakteristik, Laufruhe 
+ Kaum Lastwechselreaktionen 
+ Sehr agiles, leichtfüssiges Handling 
+ Umfangreiche Cockpitmenüs 
+ Fahrzeuggewicht, Verarbeitung 
– Cockpit nicht im Sichtfeld platziert 
– Sound könnte bassiger sein 
– Kein Stauraum unter der Sitzbank 


Motor ***** 
Fahrwerk **** 
Ergonomie **** 
Bremsen *** 


Import 

Hostettler AG, Haldenmattstrasse 3, 6210 Sursee. www.yamaha-motor.ch

 

Engagiert oder beschaulich? Egal. Die MT-07 scheint auf Anhieb alles fast intuitiv und wie von selbst zu machen. Engagiert oder beschaulich? Egal. Die MT-07 scheint auf Anhieb alles fast intuitiv und wie von selbst zu machen. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini
Alles da - Durchschnittsverbrauch, Ganganzeige, Tripzähler. Aber leider ist das LCD-Cockpit nicht im Sichtfeld platziert. Alles da - Durchschnittsverbrauch, Ganganzeige, Tripzähler. Aber leider ist das LCD-Cockpit nicht im Sichtfeld platziert. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini
LED-Rücklicht. LED-Rücklicht. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini
Bremsscheiben im Wave-Design. Bremsscheiben im Wave-Design. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini
Der Drehmoment-Meister mit zwei Zylindern und 75 PS. Der Drehmoment-Meister mit zwei Zylindern und 75 PS. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini
Individualisierung oder Adaption an den Toureneinsatz? Yamaha hält über 50 Accessoires bereit. Individualisierung oder Adaption an den Toureneinsatz? Yamaha hält über 50 Accessoires bereit. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini
Ein echt grosser Wurf, der in vielerlei Hinsicht überrascht. Ein echt grosser Wurf, der in vielerlei Hinsicht überrascht. © Jonatan Godin & Matteo Cavadini