Werksbesuch Yamaha
Mikrokosmos
Japan. Das Land, wo alles so sauber ist, dass man vom Fussboden essen könnte und wo das Nasenschneuzen in der Öffentlichkeit mit der selben Empörung aufgefasst wird, wie wenn einem bei uns ein peinlich Windlein entfleucht. Wer Japan bereist hat, der weiss: Diese 377 835 Quadratkilometer Inselfläche sind für uns Westeuropäer eine völlig verkehrte Welt. Andere Länder, andere Sitten. Und dennoch fühlen sich gerade Schweizer im Reich der aufgehenden Sonne irgendwie wohl, was an der allumfassenden Sauberkeit oder an der bedingungslosen Pünktlichkeit der kleinen, immerzu freundlich nickenden und gemessen an der rekordverdächtigen Dichte an Getränkeautomaten wohl immerzu durstigen Menschen liegen mag. Japan ist ein Land der Superlativen, wo in einer einzigen Präfektur – von der Fläche her gerade mal so gross wie der Kanton Aargau – drei der weltweit wichtigsten Motorradhersteller domiziliert sind: Honda, Suzuki und unser Gastgeber für diese Story – Yamaha.
Im Rahmen der Welt-Premiere der neuen YZF-R6 (Fahrbericht in TÖFF 12/2007) durften wir in Iwata nahe Hamamatsu dem Hauptquartier der Yamaha Motor Corporation, den angegliederten Werkshallen und der Yamaha-Erlebniswelt «Communication Plaza» einen Besuch abstatten.
Weltweites Netzwerk
Wir beginnen bei den Produktionshallen
von Iwata, die natürlich nur einen Teil des weltweiten Bedarfs
an Yamaha-Zweirädern abdecken. Weitere, für die jeweiligen
Märkte produzierenden Yamaha-Werke (13 an der Zahl) gibt es in
Südost- und Westasien (z.B. Pakistan, Indien, Vietnam,
Indonesien), in Ostasien (China und Taiwan), in Südamerika
(Mexiko, Kolumbien, Brasilien) und natürlich in Europa, wo zum
Beispiel die XT 660 R
(Frankreich) oder die MT-03 (Italien) entwickelt und gebaut wurden
bzw. werden. Doch im Vergleich zu all diesen imposanten und teils
hochtechnischen Einrichtungen ist das 1966 erbaute Iwata-Werk von
einer besonderen Aura umgeben. Es ist sozusagen die Stätte des
Urknalls, denn der grösste Teil der echten Ikonen des
Herstellers mit den drei gekreuzten Stimmgabeln im Emblem wurden
genau hier, in genau diesen Gemäuern erschaffen. Die Rede ist
unter anderem von der MT-01, der XJR 1300, der R1, der R6, der
legendären R7 und der FJR 1300.
Von der Schraube zum Motor
Ein Motorrad ist ein hochkomplexes
technisches Konstrukt, das je nachdem zwischen 1000 und 3000 Bauteile
in sich vereint. Im Gegensatz zu vielen europäischen Herstellern
werden bei Yamaha praktisch alle Komponenten «inhouse»
gefertigt. Ausnahmen sind unter anderem die Sitzpolster, die Gabeln,
Leucht-Elemente sowie einzelne Verschalungsteile, die Yamaha bei
Zulieferern bezieht.
In Iwata gibt es zwei grosse
Produktionszentren: Die «1st Iwata Factory», wo die
Endmontage der Töff stattfindet, und die einige Kilometer
entfernte «2nd Iwata Factory», wo Töff- und
ATV-Motoren mit einem Hubraum zwischen 50 und 1900 ccm
gebaut werden. Wir haben für euch die Hallen mit der Endmontage
besichtigt. Doch bevor wir in die Produk-
tionsstrassen
eintauchen, hier noch einige Fakten zur 2nd Iwata Factory, dem
Kreissaal für Yamaha-Motoren.
Die Produktionshallen erstrecken sich über eine Fläche von 32 887 Quadratmetern, was etwa vier Länderspiel-Fussballfeldern entspricht. Yamaha beschäftigt hier insgesamt 467 Arbeiter.
Bevor ein Motor zusammengeschraubt wird, werden alle seine Bauteile nach einer Qualitätskontrolle in einem Kit zusammengetragen. Je nachdem, wie weit die Arbeiter an den Produktionsbändern sind, werden diese Kits automatisch von unbemannten und elektronisch via Leitschienen am Boden gesteuerten Roboter-Rollis an die Produktionslinien gebracht. Einen besonderen Status geniessen Arbeiter, die heikle Aufgaben übernehmen. Spezialisten beispielsweise, die fürs Einsetzen der Kolben zuständig sind, müssen eine spezielle Ausbildung absolvieren und erhalten dann eine entsprechende Zulassung. Interessant auch das ausgeklügelte Kontrollsystem: Vergisst ein Arbeiter beispielsweise eine Schraube, so wird dies durch das elektronisch kontrollierte Werkzeug registriert, und die Produktionsstrasse wird gestoppt. Bevor die fertig zusammengeschraubten Motoren verschifft oder mit dem Lastwagen in die 1st Iwata Factory gebracht werden, führen besonders erfahrene Spezialisten von Hand und Auge noch einen letzten Qualitäts-Check durch. Übrigens: Yamaha baut hier auch Auto-Motoren für Toyota und Volvo (den V8-Motor).
174 Töff pro Band und Tag
In der 1st Iwata Factory findet auf
154 416 Quadratmetern oder 20
Fussballfeldern neben der Endmontage von Töff auch die Fertigung
von Snowmobilen und Rollern statt. Motorräder mit mittlerem bis
grossem Hubraum werden in Gebäude 5, kleine Töff, Roller
und Snowmobile in Gebäude 7 von insgesamt 598 Mitarbeitern
zusammengeschraubt.
Als wir Gebäude 5 besichtigten, liefen gerade die ersten 2008er-Modelle der R6 auf Band «H». Daneben, auf Band «G», wurden Teile der R1, der FZ1 und der FJR 1300 montiert. Die 140 Meter lange Produktionsstrasse kann also auch modular betrieben werden und ist Arbeitsplatz von etwa 60 Arbeitern, die pro Monat rund 5000 Töff zusammenbauen.
Die Arbeitsbedingungen sind trotz zuweilen recht hohem Lärmpegel gut: Eine Schicht dauert acht Stunden und wird von einer 15-Minuten-Pause morgens sowie mittags (Getränkeautomaten gibt’s auch hier zuhauf) und einer Mittagspause von 40 Minuten unterbrochen. Die Bänder laufen mit humaner Geschwindigkeit, und die auffällig jungen Arbeiterinnen und Arbeiter (geschätztes Alter etwa 28 Jahre) machten auf uns einen eifrigen, nie aber einen gestressten Eindruck.
Viele Helfer; alles automatisiert
Die einzelnen Bauteile werden wie bei
der Motoren-Montage automatisch von Roboter-Rollis oder speziellen
Kranen in Form fein säuberlich zusammengestellter Kits an die
einzelnen Stationen geliefert. Das selbe gilt für Komponenten,
die ein Gewicht von 15 Kilo überschreiten. Typisch japanisch:
Die Rollis geben eine Game Boy-ähnliche Musik von sich, damit
man sie wahrnimmt. Leichte Bauteile können auch an Gittern
aufgehängt auf Schienensystemen von der Decke heranwandeln. An
Arbeitsplätzen, wo schwere und damit zeitintensive Elemente
verbaut werden (z.B. bei der Montage der Räder und Gabeln),
besteht zudem die Möglichkeit, den entstehenden Töff für
eine bestimmte Zeit vom Laufband abzukoppeln. Daher auch der Name
«Free-Flow-Lines».
Schritt für Schritt
Es ist schon eindrücklich: Zu
Beginn steht nur ein Motor auf dem Band, und 140 Meter weiter hinten
rollt ein fixfertiger Töff vom Band. Wie das? Hier ganz grob die
wichtigsten Schritte vom nackten Motor bis zum fahrfertigen Töff.
Zunächst wird der Hauptrahmen angeliefert. Dieser wird in eine Vorrichtung eingespannt, welche Computer-gesteuert die Rahmennummer eingraviert. Dann wird mit einem Kran der Rahmen am Motor positioniert und verschraubt. Es folgen die Montage des Kabelbaums, der Elektronik, der Einspritzung und der Airbox. Nachdem die Auspuffanlage und das Rahmenheck angebracht sind, wird das Kühlsystem angeflanscht. Interessant: Dem Arbeiter, der die Kühlflüssigkeit einfüllt, wird akustisch signalisiert, wenn er die Füllmenge erreicht hat. Als Nächstes werden Gabel, Schwinge, Federbein, Räder, Bremszangen und der Lenker montiert.
Jetzt fehlen nur noch der Tank, die Tacho-Einheit, die Leuchten, die Verschalungen und letzte Kleinteile. Abgeschlossen wird der Produktionsprozess mit einer Endkontrolle, wo das fertige Stück in nur zwei Minuten auf Herz und Nieren durchgeprüft wird. Auf dem Programm stehen unter anderem ein Prüfstandslauf und ein Check der elektrischen Komponenten (Killschalter, Lichtanlage etc.). Auf 100 Töff treten im Schnitt zwei mit Mängeln auf. Diese werden überarbeitet und am Ende noch einmal durchgecheckt.
Die fertigen Töff werden am Ende der Produktionsstrasse von Robotern verpackt. Die Reise kann beginnen …
Was die alles herstellen …
Wussten Sie, dass Yamaha neben Töff
und Musikinstrumenten unter anderem auch Swimmingpools, Wasseraufbereitungsanlagen, Boote, Velos und Rollstühle baut?
Einen Einblick in die äusserst vielseitige Yamaha-Welt bietet
die «Communication Plaza» mit zwei grossen
Ausstellungs-Etagen. Im Erdgeschoss wird dem Besucher die
zeitgenössische Yamaha-Welt mit aktuellen Töff und Exoten
aus anderen Industriezweigen näher gebracht. Die zweite Etage
bietet Einblick in die Geschichte: Neben den Klassikern für die
Strasse sind da auch eine ganze Menge authentischer Rennmotorräder
ausgestellt. Ferner bietet die zweite Etage Platz für
Sonderausstellungen: zurzeit jene zum 10-Jahre-Jubiläum der
YZF-R-Serie.










