Reife
Kawasaki Versys
Da gibt es ein recht unscheinbares Motorrad, das für faires Geld sehr viel mehr zu bieten hat, als man zunächst denken würde: Die Kawasaki Versys. 2007 aus der Taufe gehoben, hatte sie es als kleine Alleskönnerin von Geburt an nicht einfach. Zum einen wurde sie nicht in eine Aristokraten-, sondern in eine ehrliche Arbeiterfamilie geboren. Will heissen, dass ihr das Familiengeschlecht allein nicht die nötige Aufmerksamkeit im Markt verschaffen konnte. Erschwerend kam hinzu, dass dieses Mittelklasse-Bike als Mischung aus Supermoto und Reise-Enduro in einer Nische zu reüssieren hatte. Und dann war da noch die Optik: Mit einem Scheinwerfer geboren, dessen Umrisse Assoziationen zu einem Totenschädel weckten, wollte die Versys nicht wirklich gefallen. So täuschten alle diese Sachverhalte bei der potenziellen Käuferschaft über die Tatsache hinweg, dass es sich bei der Kawasaki Versys um eine vorzügliche Alleskönnerin mit einem fantastischen Preis-Leistungs-Verhältnis handelte.
Höchste Zeit also, der Versys eine Frischekur zu verpassen, dachten sich die Verantwortlichen bei Kawasaki, die den Hebel primär dort ansetzten, wo der grösste Handlungsbedarf bestand … bei der Optik. Front-Maske, Scheinwerfer, Kotflügel, Motordeckel, Rückspiegel, Auspuffdämpfer, Sozius-Haltegriffe und -Sitzpolster sowie Rückleuchte (jetzt mit LEDs), alles wurde komplett neu gezeichnet. Mit Erfolg: Die ab sofort für Fr. 11 990.– in Gelb und Schwarz erhältliche Versys wirkt weniger pummelig, erwachsener und sportlicher.
Technische Updates findet man nur im Detail: Die in Gummi gelagerten hinteren Motoraufnahmen sollen mit den grosszügiger gummierten Fussrasten die beim Vorgängermodell kritisierten Vibrationen im Zaum halten. Den bis anhin schwachen Windschutz geht Kawasaki mit einem neuen Windschild an, das via Imbusschlüssel in drei verschiedenen Positionen angebracht werden kann. Schliesslich wurde das Zubehörprogramm stark in Richtung Tourentauglichkeit ausgeweitet.
Für Einsteiger und Profis
Nichts Neues beim elastischen
649-ccm-Paralleltwin. Der dreht schon ab 1500/min rund und gibt seine
überschaubaren 64 PS stets berechenbar ans Hinterrad ab. Neu ist, dass er dies
jetzt tatsächlich frei von störenden Vibrationen tut. Am schönsten fährt sich
der auf Low- und Midrange-Power ausgerichtete Twin zwischen 3000 und 6000/min.
Da drückt er bei dumpfem Gepolter auch ganz anständig ab. Bei 120 km/h kommt
die Nadel des analogen Drehzahlmessers im etwas bieder anmutenden Tacho bei
5750/min zu stehen. Das Getriebe zappt sich präzise und mit klarem Feedback.
Einziger Kritikpunkt: Die harte Gasannahme aus längerem Schiebebetrieb. Der
Verbrauch? Sparsame 5,5 Liter.
Das Komfort-Niveau liegt dank des etwas softer abgestimmten Fahrwerks sehr hoch, wodurch sich im weichen Sattel der Versys (845 mm) auch aufgrund der aufrechten Sitzhaltung durchaus lange Reisen meistern lassen. Gut gelungen ist der Wind- und Wetterschutz. So hielt das neue Windschild den starken Regen auf Sardinien effizient vom Schreibenden ab. Einzig die Schultern blieben ungeschützt. Erfrischend: Das leichte Handling bei satter Stabilität. Zusammen mit den griffigen Dunlop Sportmax D221 mutiert dieses Bike zur wahren Kurvenfresserin. Wären da nicht das etwas schwache Feedback vom Vorderrad und die sich im Druckpunkt stumpf anfühlende Bremsanlage vorn, der Fahrgenuss wäre perfekt. Zudem muss für eine starke Verzögerung mit Elan am Bremshebel gezogen werden. Was aber in Anbetracht der Einsteiger, die nach wie vor klar zur Versys-Klientel zählen, nicht schlecht sein muss. Letztere, wie auch Fahrprofis, werden sich am serienmässigen und fein regelnden ABS erfreuen.
Fazit nach der Frischekur: Die leicht wirkende, extrem unkomplizierte und auch im Detail schön verarbeitete Versys wartet neu mit einem noch grösseren Einsatzspektrum auf und zeigt dies jetzt auch. So wurde aus «mehr Sein als Schein» «mehr Sein und Schein».



