Mit einer Zero voll elektrisch auf den Grossglockner.
Mit einer Zero voll elektrisch auf den Grossglockner. © fbn

Auf die Spitze getrieben

Elektro-Test: Zero DSR ZF13.0

Von Ulf Böhringer
17.10.2017 15:19:08

Mit einer elektrischen ZERO über mehr als 200 km zum höchsten Gipfel Österreichs – kann das klappen?

Die Antwort vorneweg: Ja, aber. Es hat geklappt, ich habe 508 Kilometer mit der Zero DSR zurückgelegt und war nach 28 Stunden ohne Liegenbleiber wieder daheim. Wie beabsichtigt, habe ich die Nacht oben auf dem Grossglockner in 2571 Metern Höhe verbracht.

Seit vielen Jahren kenne ich die kalifornischen Zeros ("zero emissions") aus dem Scotts Valley. Mit der ersten, einer DS, bin ich 2010 in Oberbayern unterwegs gewesen. Es war schlimm: Plötzliches Warnlampenflackern, Gestank aus dem Antriebsbereich, Liegenbleiben – das volle Programm. Doch die Amis verbesserten ihre Fahrzeuge von Jahr zu Jahr. Sie haben die Kritik von Journalisten ("miese Fahrwerke", "schlechte Bremsen", "unzuverlässige Anzeigen"…) ernst genommen.

Erstmals echter Fahrspass

Erstmals ist bei mir 2016 auf einer Zero echter Fahrspass aufgekommen. Es war eine fast 70 PS leistende SR, ein Naked­bike im dezenten Streetfighterstil. Fazit: Breites Grinsen – wenn nur das ewig dauernde Nachladen nicht wäre. Eine Stunde Laden für 10 Minuten Fahren. Wahrscheinlich nicht nur für mich ein No-Go.

Der ultimative Drehmoment-Hammer

Für 2017 gibts erneut Verbesserungen: Dank höherer Temperaturschwellen und besserer Effizienz des IPM-Motors verspricht Zero eine offensivere Fahrweise und dauerhaft höhere Geschwindigkeiten. Genau mein Ding! Dank neuer Controller steigt das maximale Drehmoment nun auf 146 Nm. Es liegt bereits beim Anfahren an, nicht erst bei 6500 Touren wie beim 144-Nm-Power-Bolzen von KTM, der 1290 Super Duke R. Noch mehr mein Ding! Also greife ich zu, als mir Zero die DSR mit fettem 13 kWh-Akku plus integriertem Powertank zum Testen offeriert.

Auf die Edelweissspitze

Ich entschliesse mich, den Test im Wortsinne auf die Spitze zu treiben: Ich starte 120 Kilometer nordöstlich von München mit dem Ziel Edelweissspitze (2571 m ü. M.), erreichbar über eine 1,5 Kilometer lange Stichstrasse von der Grossglockner Hochalpen­strasse aus. Dort, auf der Edelweisshütte, will ich in Sichtweite des höchsten Berges Österreichs die Nacht verbringen.

Aber schaffe ich die Distanz? Der Hersteller gibt die maximale Reichweite der Zero DSR mit 156 Kilometern an; die kürzeste Distanz zwischen dem Startpunkt der Testfahrt und Fusch an der Glocknerstrasse – dort beginnt der eigentliche, 21,6 Kilometer lange "Aufstieg" mit 1760 Höhenmetern – beträgt aber 189 Kilometer! Es wird also nicht ohne Nachladen auf der Strecke gehen.

11.17 Uhr. Es geht los. Nach 20 Kilometern Fahrt ist die Akkustand-Anzeige trotz zügiger Fahrt nur von 100 auf 90 % gefallen – Hoffnung keimt auf. Nach 55 Minuten Fahrt (der Zero-Tach gibt 68,8 Kilometer zurückgelegte Strecke an, eine begleitende Triumph Street Twin aber nur 65 Kilometer, immerhin 6 % Differenz …) sind zwar noch 62 % Energie "im Tank", aber mir fehlt Energie. Nicht nur das marathon-orientierte Fahren im Stile einstiger 50 Kubik-­Töff (immer in Schwung bleiben, NIE bremsen, jeden Lkw-Windschatten nutzen …) zehrt an den Nerven, auch die harte Sitzbank macht mürbe.

Maxime: Ankommen, nicht Fahrspass

Statt Fahrspass ist nun Ankommen die Maxime. "Bringt das Überholmanöver etwas? Darf ich mir etwas mehr Tempo leisten?", Fragen, die ich mir während der letzten 500 000 Kilometer noch nie gestellt habe. Der Fahrspass leidet. Echt. Da kommt die Pizzeria "Da Salvo" in Garching a. d. Alz gerade recht. Super, dass mir die freundliche Wirtin eine Steckdose zur (freien!) Verfügung stellt. Kabel durchs angelehnte Fenster, Parken dicht an der Hausmauer.

Bilanz der Mittagspause: 50 Minuten am Netz steigern den Energievorrat von 62 auf 68 %, die hervorragende Pizza hebt meine Laune auf 100 %. Locker-flockig husche ich weiter nach Süden, dem Glockner entgegen, freue mich des konifizierten Lenkers und der insgesamt guten Sitzposition.

Die irre Power des Motors bleibt zugunsten der Reichweite ungenutzt. Überholen lasse ich mich von Autos freilich nie, das lässt meine Ehre nicht zu. Ausnahme sind zwei Laster, die dann einige Kilometer Windschatten bieten. Ich weiss, es ist unwürdig, aber ich will unbedingt auf den Grossglockner …

Zwangsaufenthalt zum Nachladen

Um 16.10 Uhr rolle ich nach 216,5 Kilometern langsam durch Fusch. Akkustand 0 %, schon kilometerlang. Erreiche ich ein Lokal, wo es nicht nur Kaffee, sondern auch Strom gibt? Ja. Aber der Aufenthalt auf der sonnigen Terrasse des "Römerhof" wird zur Qual: Bis 18.55 Uhr harre ich aus, verfolge neidvoll an die 150 Töfffahrer bei ihrer unbeschwerten Vorbeifahrt in Richtung Glockner. Herrlichstes Motorradwetter, und ich muss (Lade-)Zeit totschlagen!!! Schrecklich.

Um 18.50 Uhr ziehe ich den Stecker. 20 % habe ich in 2 h 45 min laden können. Reicht das für die Bergfahrt? "Sie können am Haus Alpine Naturschau nachladen", hatte mir die Marketing-Dame der Grossglockner Hochalpenstrasse versichert; dort stünde eine von drei Ladestationen entlang der Mautstrasse. Nach 18,5 Kilometern (3 % Restenergie) dort angekommen, stellt sich heraus, dass an diesem Tag hier kein Strom fliesst. Am Fuscher Törl, 1,7 Kilometer später, bin ich auf Null. Das Rasthaus ist geschlossen, eine Aussensteckdose nicht zu finden. Noch 1,6 Kilometer und 166 Höhenmeter – scheitere ich auf den letzten Metern?

Es ist nicht zu glauben: Die Energie-Restanzeige der Zero ist (mittlerweile) so vorsichtig, dass ich hinaufkomme. Langsam zwar, nur so kann man angesichts von durchschnittlich zehn Prozent Steigung Energie sparen. Oben habe ich noch zehn Minuten für das "Sieger-Foto", dann verschwindet die Sonne hinterm Bergkamm.

Steckdose, Bier und ein Tesla von Audi

20 Uhr: Kurt, der Wirt, stellt der Zero eine Steckdose zur Verfügung und mir ein Bier auf den Tisch. Vor der Garage lädt ein abgedeckter Tesla; er gehört Audi und wird von den Ingolstädtern einem Intensiv-Test unterzogen. Ein paar Würstl hat Kurt für mich und ein zweites Bier. Alles ist gut. Die Entsagungen während der Fahrt sind – fast – vergessen.

Jetzt aber: Sport statt Eco

Der nächste Morgen: Schon vor 7 Uhr ist mein Freund Hans aus Osttirol auf dem Glockner. Die Zero lockt nach elfstündiger Kraftkur mit 100 % Akkustand zu – endlich! – artgerechtem Motorradfahren. Erstmals gilt Sport statt Eco. Hans wills wissen, lässt die Zero so richtig von der Leine. Trotz meiner Streckenkenntnisse habe ich auf der Twin keine Chance; das liegt an den 146 Newtonmetern der Zero, die beim Gasaufreissen die neue Africa Twin mit ihren 95 PS alt aussehen lassen.

Eine Stunde toben wir über die Bergstrassen, hinauf zum "Nationalparkplatz" an der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe … wieder runter nach Guttal … wieder rauf zum Hochtor (2505 m) und "full power" hinunter nach Fusch. "Bremst auch echt super", grinst Hans, als wir gemeinsam wieder im Römerhof eintreffen.

69,9 Kilometer haben wir aufs Vergnüglichste abgeradelt. Akkustand 65 % – geht ja – wir hatten viel Bergab-Anteil. Während des Frühstücks steigt der Ladestand auf 70 %. Wie heimkommen? Eco-Modus, stetes Kalkulieren, permanentes Abwägen, jeden Windschatten nutzen. Mir graut …

17 % für 70 Kilometer?

13.20 Uhr: Erneuter Stopp bei "Da Silvo", diesmal gleich an der Hausmauer. 9 % Restkapazität sind nach 203 Streckenkilometern übrig. Eine Stunde später starte ich frischen Mutes mit einer wiederum exzellenten Pizza im Bauch und 17 % Rest­energie. Unmöglich, das reicht nie für knapp 70 Kilometer! Ich streichle den rechten Lenkergriff, nutze jedes Gefälle zum Schwungholen. Dann, 25 Kilometer vor meinem Zuhause, eine Baustellen-Umleitung. Die kann ich mir nicht leisten, ich ­ignoriere mehrere Verbotsschilder. Noch acht Kilometer bis nach Hause: Akkustand 0 %, Restreichweite 8,0 Kilometer.

Ich schleiche mit max. 50 km/h weiter, starre ständig auf die Anzeige. Und stoppe nach acht Kilometern vor meiner Garage. Das Zielfoto (siehe links) zeigt 0,4 Kilometer mehr Restreichweite als acht Kilometer zuvor! Ich bin beeindruckt. Und erleichtert.

141 sportliche Kilometer

Am nächsten Tag, Testfahrt ohne Koffer: ­Sportmodus, flottes Fahren, aber mehr als 120 km/h ­geben die Landstrassen nicht her. Ich schaffe echte 141 Kilometer. Erstaunlich viel, angesichts von  ca. 185 Kilometern Reichweite im Marathon-Modus.  Fazit: Es ist ein Erlebnis, elektrisch über den Grossglockner zu düsen. Aber es wird wohl noch lange dauern, bis wir den ersten E-Töff an der Swiss Alpenchallenge von TÖFF teilnehmen sehen. Die Crux ist nicht mangelnde Leistung, sondern das Laden. Ist dieses Problem gelöst, bin ich ­ dabei …   


Zero  DSR ZF13.0 + Powertank

Preis inkl. Powertank: ab 21 980 Franken 
Max. Leistung: 69 PS bei 3850/min
Dauerleistung: 30 PS bei 3400/min
Drehmoment: 146 Nm
Gewicht: 210 kg
Sitzhöhe: 843 mm
Reichweite lt. EU-Standard: 156 km
Import & Info: www.zeromotorcycle.ch


Motor

Passiv luftgekühlter, bürstenloser und temperaturbeständiger interner Permanentmagnetmotor. Controller: 775 A bürstenloser Drei-Phasen-Controller mit regenerativem Bremssystem.


Fahrwerk

Aluminiumguss-Rahmen, USD-Gabel (41 mm, voll einstellbar), Alu-Zweiarmschwinge mit Zentralfederbein (voll einstellbar), vorn Einzelscheibe (320 mm) mit Zweikolbenzange, hinten Einzelscheibe (240 mm) mit Einkolbenzange. Reifen 100/90-19 und 130/80-17.


Das gefällt uns

  • Power, insbes. Durchzug    
  • Genauigkeit der Anzeigen    
  • Leichtigkeit des Fahrens

 

Das gefällt uns weniger

  • Bis zu 11 Stunden Ladezeit    
  • Kleiner Lenkeinschlag    
  • Kein seriöser Platz fürs Ladekabel

 

Zum Vergleich

Distanz wie Topografie zwischen dem Startort Reisbach in Niederbayern und Fusch an der Glocknerstrasse entsprechen etwa einer gedachten Teststrecke von Schaffhausen nach Interlaken.


82 Jahre Grossglockner-Hochalpenstrasse: Superstrecke im Herzen der Hohen Tauern 

41 Kilometer sind es von Fusch, dem letzten Ort im Land Salzburg vor der Maut-Schranke in Ferleiten, bis Heiligenblut/Kärnten auf der Südseite. Dazu addieren sich 1,6 Kilometer Abstecher auf die Edelweissspitze und 8,7 km vom Abzweig am Kreisverkehr Guttal bis zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Fährt man alle 50,3 Kilometer hin und zurück, sind in Bergauf- wie Bergabfahrt jeweils rund 4500 Höhenmeter zu bewältigen, machbar auch mit einer voll geladenen Zero DSR ohne Powertank. Offiziell beginnt die 1935 eröffnete Panoramastrasse durch die Hohen Tauern im Norden bereits in Bruck/Glocknerstrasse (756 m); dort steht der Km-Stein 0. Die Durchzugsstrecke bis Heiligenblut (1288 m) ist demnach 48,4 km lang. Schönste Übernachtungsmöglichkeiten: Alpincenter Glocknerhaus (an der Gletscherstrasse) und Edelweisshütte. Weitere Infos: www.grossglockner.at.
Geschafft! Mit leerem Akku steht die Zero auf der Edelweissspitze Geschafft! Mit leerem Akku steht die Zero auf der Edelweissspitze © fbn
Vom Nationalparkplatz blickt man direkt zum Grossglockner. Vom Nationalparkplatz blickt man direkt zum Grossglockner. © fbn
Bei Saalfelden lockt das Glocknermassiv. Bei Saalfelden lockt das Glocknermassiv. © fbn
Nachladen, hier im Fuscher Römerhof, ist unerlässlich, um den Grossglockner erreichen zu können. Nachladen, hier im Fuscher Römerhof, ist unerlässlich, um den Grossglockner erreichen zu können. © fbn
Klar gegliedert ist das Zero-Zentraldisplay; die Werte zeigen den Stand am Ende der 508-km-Reise.  A und B geben Restreichweite und Durchschnittsverbrauch an. Klar gegliedert ist das Zero-Zentraldisplay; die Werte zeigen den Stand am Ende der 508-km-Reise. A und B geben Restreichweite und Durchschnittsverbrauch an. © fbn