Ein Motorrad, das mit dem Fahrkönnen wachsen kann: Trotz ihrer einstellbaren Sanftmütigkeit, kann die neue 690 Enduro alles, was eine KTM ausmacht, perfekt. Kein Hang ist ihr zu steil, kein Gelände zu grob.
Ein Motorrad, das mit dem Fahrkönnen wachsen kann: Trotz ihrer einstellbaren Sanftmütigkeit, kann die neue 690 Enduro alles, was eine KTM ausmacht, perfekt. Kein Hang ist ihr zu steil, kein Gelände zu grob. © Peuker, Freeman

KTM LC4 Familie

Single-Party

Von Michael Kutschke
26.04.2008 17:08:00
Duke, SMC, Enduro: Ein Trio, ein LC4-Motor und ein neues KTM-Konzept. Fahrbericht und Video.

Supermoto SMC, dazu eine Enduro und obendrauf noch die Duke. Drei neue Singles machen Party mit demselben Motor: dem potenten LC-4-Triebwerk der zweiten Generation, welches bereits vor einem Jahr, bei der 690 Supermoto-Präsentation, ein überaus erfolgreiches Debüt feierte. Nun schickt sich KTM an, die Single-Szene weiter aufzumischen.

Der erste Streich
«Bam, bam, bam, plopp»..., Motor abgestorben. Haben Sie schon einmal versucht, mit einer alten LC4 oder einer EXC Trial zu fahren? Oder einfach nur untertourig Offroad, ohne die geringsten Racing-Ambitionen? Ohne Drifts, ohne 20-Meter-Sprünge? Zum Beispiel einfach nur langsam und genüsslich über Schotterpässe tuckern? Alles machbar, zweifellos. Aber das ist es doch nicht wirklich, das echte KTM-Vergnügen, oder? Die wahre Stärke der österreichischen Marke definierte sich bisher doch so: Gaaas! Für die erbauliche Enduro-Wanderung fordert jedoch so eine Racing-Abstimmung zu viel Aufmerksamkeit. Nicht unbedingt entspannend, denn KTM-Singles – seit jeher leistungsmässig auf Top-Level – musste man bisher unter allen Umständen auf Drehzahl halten. Wehe man versuchte sich gar im unpassenden Gang (oder auch im richtigen) mit einem beherzten Gasstoss ans Ende eines Steilhanges zu retten: Meist schloss Otto-Normal-Endurist dann seine Session am Berg zwar spektakulär – aber unfreiwillig mit dem bereits zitierten «Plopp» oder mit einem unkontrolliert in den Himmel steigenden Vorderrad ab. Power ohne Ende kann Ballast sein – erschwert weniger versierten Fahrern den Einsatz auf anspruchsvollem Terrain erheblich, egal ob Supermoto, Strasse oder Schlammpiste.

Und nun sollen kraftstrotzende 64 PS plötzlich für jedermann beherrschbar werden, gleichzeitig aber weiterhin alles perfekt erledigen, was eine KTM bisher auszeichnete? Party machen – sei es im gröbsten Terrain, mit Sprüngen, Klimmzügen an Steilhängen oder im Tiefflug über grobes Geröll? Dual Purpose lautet die Losung bei KTM: Das Drive-by-wire-System der bewährten 690 Supermoto ist jetzt mittels drei wählbaren Mappings ergänzt worden. Und die machen diese drei neuen Singles multifunktional.

Die 690er-Riege für Gelände, Strasse, Driftsport bleibt leicht, schnell und im Fall der Enduro sowie der Supermoto SMC sogar wettbewerbstauglich. Aber KTM hat bei der elektronifizierten LC4-Generation die Maschinen trotz ihres immensen Potenzials nicht nur durch Eingriffe ins Motormanagement noch alltagstauglicher gemacht. Die Motoren von SMC und Enduro wurden mit einer neuen Nockenwelle bestückt. Veränderte Steuerzeiten helfen mit, noch mehr Power aus niederen Drehzahlbereichen zu generieren.

Im Hinterland von Alicante haben wir alle drei ausprobiert. Auf der Strassentour, im Gelände und auf einem Supermoto-Rundkurs. Die High-Tech-Österreicher schaffen den schier unmöglichen Spagat zwischen Express- und Bummel-Einsatz tatsächlich: Der einsame LC4-Kolben ist trotz seiner Drehfreude und der gewaltigen Leistung selbst in unteren Drehzahlbereichen ein Hammer: Ab 2500 Touren ist die Fräse aus Mattighofen auf Vortrieb. Bei 5000 Touren zündet das Trio infernale den Nachbrenner. In keinem anderen Töffsegment wird die Konkurrenz von einem einzigen Hersteller derartig deklassiert, wie bei den Einzylindern. Aber nicht nur wegen der überwältigenden Performance: Motor aus, Sitzbank runter. «Klick, klick», eine andere Abstimmung. Wir wechseln mittels Drehknopf von «Standard» auf «Soft». Die Veränderung ist markant: Plötzlich geht der Single ultra weich ans Gas und hat etwa 30 Prozent weniger Leistung als in der Standardeinstellung. Fast grobmotorisch lässt sich so, egal ob mit der Enduro im Gelände oder mit der SMC beim Supermoto, am Quirl drehen.

Kundschaft klauen
Eine auf das Fahrkönnen oder die Tagesform adaptierbare Enduro wäre doch die Marktlücke für Yamaha gewesen! Die XT-Qualitäten, die bisher für viele kaufentscheidend waren, werden nun plötzlich auch zu einer KTM-Tugend: Auf Knopfdruck gibt sich das PS-Monster aus Mattighofen genauso gutmütig wie eine lammfromme XT. Mit dieser Innovation hätte die Legende XT neben den Orangenen ihre Nische besetzen und eine Erfolgsgeschichte bleiben können.

Zu spät. Die Österreicher haben die Lücke selbst besetzt und holen mit der neuen LC4-Generation jetzt ungeniert die für KTM bisher unerreichte, klassische Enduro-Kundschaft von der viel zu soften Konkurrenz ab. Und das wohlgemerkt ohne die typischen KTM-Qualitäten zu verraten oder das ungeheure Leistungs-Potenzial zu beschneiden. Egal ob SMC, Duke oder Enduro: Auch die erlauchte KTM-Stammkundschaft (und allen, die es werden wollen) – welche entmündigende Eingriffe der Elektronik eher als Bevormundung empfindet – können die Mattighofener mit einem Dreh am «Mapping-Selector» zufriedenstellen.

«Klick, klick»..., wir wählen Stufe 3: So wird das Drive-by-wire ausser Funktion gesetzt. Wer jetzt Gas gibt, bekommt nicht elektronisch optimiertes Vollgas, sondern Vollgas pur. Die Drosselklappe übersetzt nun eins zu eins jeden Befehl des Piloten. Die Folge: LC4-Power pur und ungefiltert. Auf Mapping-Stufe 3 sollte man deshalb seine Gashand unbedingt feinmotorisch regeln können. Denn wie in alten LC4-Zeiten reagiert der Motor hypersensibel auf die kleinste Dreh-Bewegung der rechten Hand.

Übrigens: Wer Stufe Null am Drehknopf unter der Sitzbank wählt, bekommt die passende Motorabstimmung für schlechte Benzinqualität. Ein Hinweis darauf, dass KTM-Fans bald auf ein neues reisetaugliches Abenteuerbike mit grossem Tank hoffen dürfen? Ob die 690 Adventure tatsächlich kommt, darüber hüllen sich die KTM-Offiziellen in Schweigen.

Zwei Rezepte: Konservativ oder avantgardistisch
So progressiv die neuen Technologien auch erscheinen mögen, in Sachen Optik setzt KTM bei Enduro und der SMC auf Altbewährtes. Zu polarisierend ist das Schnabel-Outfit und die hochgezogenen Auspufftöpfe der 690 Supermoto. Der Neuauflage der Duke wird diese Kritik trotz ihres Designer-Anzuges erspart bleiben. Wo wir das Fun-Bike auch geparkt haben, überall zog es die Blicke der Menschen auf sich.

Die 690 Duke kann jedoch mehr als nur schön aussehen: Wer noch vor fünf Jahren behauptet hätte, dass ein Serien-Einzylinder die 200 km/h-Marke knackt, wäre ausgelacht worden. An diesem Strassen-Single wird selbst mancher Vierzylinder-Fahrer verzweifeln. Wenn es sein muss auch während einer ganzen langen Tagestour. Denn Sitzkomfort und Ergonomie sind bei der Duke im Gegensatz zu den sportlich schmal geschnittenen Bänken der SMC und Enduro auf Tourentauglichkeit getrimmt. Und weil die Duke wie ihre Schwestern wunderbar kraftvoll aus dem Drehzahlkeller beschleunigt, gehört ab sofort auch der entspannte Kurvenschwung zum Repertoire der Schönen aus Mattighofen.

Fazit: Egal für welchen Einzylinder des LC4-Trios man sich auch entscheidet: Auf Single-Parties stehlen die Österreicher jetzt allen die Show – die Singles aus Deutschland und Japan wurden von einer regelrechten Innovationsflut weggespült und tanzen nur noch am Rande mit.

Drei neue Töff, ein LC4-Motor. Drei neue Töff, ein LC4-Motor. © Peuker, Freeman
Super Duke: Ultrahandlich und super stabil bis zur Höchstgeschwindigkeit von über 200 km/h. Super Duke: Ultrahandlich und super stabil bis zur Höchstgeschwindigkeit von über 200 km/h. © Peuker, Freeman
Standard bei allen KTM: das funktionale Cockpit. Standard bei allen KTM: das funktionale Cockpit. © Peuker, Freeman
Zukunft ist Gegenwart bei KTM: Vier verschiedene Leistungskennfelder sind vom Piloten abrufbar. Zukunft ist Gegenwart bei KTM: Vier verschiedene Leistungskennfelder sind vom Piloten abrufbar. © Peuker, Freeman
Wave-Scheiben: nur für die Enduro. Wave-Scheiben: nur für die Enduro. © Peuker, Freeman
690 Duke: Optisch eine gute Figur und selbst auf Supermoto-Pisten die pure Freude. 690 Duke: Optisch eine gute Figur und selbst auf Supermoto-Pisten die pure Freude. © Peuker, Freeman