| Ein Motorrad, das mit dem Fahrkönnen wachsen kann: Trotz ihrer einstellbaren Sanftmütigkeit, kann die neue 690 Enduro alles, was eine KTM ausmacht, perfekt. Kein Hang ist ihr zu steil, kein Gelände zu grob. |
KTM LC4 Familie
Single-Party
Supermoto SMC, dazu eine Enduro und obendrauf noch die Duke. Drei
neue Singles machen Party mit demselben Motor: dem potenten
LC-4-Triebwerk der zweiten Generation, welches bereits vor einem Jahr,
bei der 690 Supermoto-Präsentation, ein überaus erfolgreiches Debüt
feierte. Nun schickt sich KTM an, die Single-Szene weiter aufzumischen.
Der erste Streich
«Bam, bam, bam, plopp»..., Motor
abgestorben. Haben Sie schon einmal versucht, mit einer alten LC4 oder
einer EXC Trial zu fahren? Oder einfach nur untertourig Offroad, ohne
die geringsten Racing-Ambitionen? Ohne Drifts, ohne 20-Meter-Sprünge?
Zum Beispiel einfach nur langsam und genüsslich über Schotterpässe
tuckern? Alles machbar, zweifellos. Aber das ist es doch nicht
wirklich, das echte KTM-Vergnügen, oder? Die wahre Stärke der
österreichischen Marke definierte sich bisher doch so: Gaaas! Für die
erbauliche Enduro-Wanderung fordert jedoch so eine Racing-Abstimmung zu
viel Aufmerksamkeit. Nicht unbedingt entspannend, denn KTM-Singles –
seit jeher leistungsmässig auf Top-Level – musste man bisher unter
allen Umständen auf Drehzahl halten. Wehe man versuchte sich gar im
unpassenden Gang (oder auch im richtigen) mit einem beherzten Gasstoss
ans Ende eines Steilhanges zu retten: Meist schloss
Otto-Normal-Endurist dann seine Session am Berg zwar spektakulär – aber
unfreiwillig mit dem bereits zitierten «Plopp» oder mit einem
unkontrolliert in den Himmel steigenden Vorderrad ab. Power ohne Ende
kann Ballast sein – erschwert weniger versierten Fahrern den Einsatz
auf anspruchsvollem Terrain erheblich, egal ob Supermoto, Strasse oder
Schlammpiste.
Und nun sollen kraftstrotzende 64 PS plötzlich für
jedermann beherrschbar werden, gleichzeitig aber weiterhin alles
perfekt erledigen, was eine KTM bisher auszeichnete? Party machen – sei
es im gröbsten Terrain, mit Sprüngen, Klimmzügen an Steilhängen oder im
Tiefflug über grobes Geröll? Dual Purpose lautet die Losung bei KTM:
Das Drive-by-wire-System der bewährten 690 Supermoto ist jetzt mittels
drei wählbaren Mappings ergänzt worden. Und die machen diese drei neuen
Singles multifunktional.
Die 690er-Riege für Gelände, Strasse,
Driftsport bleibt leicht, schnell und im Fall der Enduro sowie der
Supermoto SMC sogar wettbewerbstauglich. Aber KTM hat bei der
elektronifizierten LC4-Generation die Maschinen trotz ihres immensen
Potenzials nicht nur durch Eingriffe ins Motormanagement noch
alltagstauglicher gemacht. Die Motoren von SMC und Enduro wurden mit
einer neuen Nockenwelle bestückt. Veränderte Steuerzeiten helfen mit,
noch mehr Power aus niederen Drehzahlbereichen zu generieren.
Im
Hinterland von Alicante haben wir alle drei ausprobiert. Auf der
Strassentour, im Gelände und auf einem Supermoto-Rundkurs. Die
High-Tech-Österreicher schaffen den schier unmöglichen Spagat zwischen
Express- und Bummel-Einsatz tatsächlich: Der einsame LC4-Kolben ist
trotz seiner Drehfreude und der gewaltigen Leistung selbst in unteren
Drehzahlbereichen ein Hammer: Ab 2500 Touren ist die Fräse aus
Mattighofen auf Vortrieb. Bei 5000 Touren zündet das Trio infernale den
Nachbrenner. In keinem anderen Töffsegment wird die Konkurrenz von
einem einzigen Hersteller derartig deklassiert, wie bei den
Einzylindern. Aber nicht nur wegen der überwältigenden Performance:
Motor aus, Sitzbank runter. «Klick, klick», eine andere Abstimmung. Wir
wechseln mittels Drehknopf von «Standard» auf «Soft». Die Veränderung
ist markant: Plötzlich geht der Single ultra weich ans Gas und hat etwa
30 Prozent weniger Leistung als in der Standardeinstellung. Fast
grobmotorisch lässt sich so, egal ob mit der Enduro im Gelände oder mit
der SMC beim Supermoto, am Quirl drehen.
Kundschaft klauen
Eine
auf das Fahrkönnen oder die Tagesform adaptierbare Enduro wäre doch die
Marktlücke für Yamaha gewesen! Die XT-Qualitäten, die bisher für viele
kaufentscheidend waren, werden nun plötzlich auch zu einer KTM-Tugend:
Auf Knopfdruck gibt sich das PS-Monster aus Mattighofen genauso
gutmütig wie eine lammfromme XT. Mit dieser Innovation hätte die
Legende XT neben den Orangenen ihre Nische besetzen und eine
Erfolgsgeschichte bleiben können.
Zu spät. Die Österreicher
haben die Lücke selbst besetzt und holen mit der neuen LC4-Generation
jetzt ungeniert die für KTM bisher unerreichte, klassische
Enduro-Kundschaft von der viel zu soften Konkurrenz ab. Und das
wohlgemerkt ohne die typischen KTM-Qualitäten zu verraten oder das
ungeheure Leistungs-Potenzial zu beschneiden. Egal ob SMC, Duke oder
Enduro: Auch die erlauchte KTM-Stammkundschaft (und allen, die es
werden wollen) – welche entmündigende Eingriffe der Elektronik eher als
Bevormundung empfindet – können die Mattighofener mit einem Dreh am
«Mapping-Selector» zufriedenstellen.
«Klick, klick»..., wir
wählen Stufe 3: So wird das Drive-by-wire ausser Funktion gesetzt. Wer
jetzt Gas gibt, bekommt nicht elektronisch optimiertes Vollgas, sondern
Vollgas pur. Die Drosselklappe übersetzt nun eins zu eins jeden Befehl
des Piloten. Die Folge: LC4-Power pur und ungefiltert. Auf
Mapping-Stufe 3 sollte man deshalb seine Gashand unbedingt
feinmotorisch regeln können. Denn wie in alten LC4-Zeiten reagiert der
Motor hypersensibel auf die kleinste Dreh-Bewegung der rechten Hand.
Übrigens:
Wer Stufe Null am Drehknopf unter der Sitzbank wählt, bekommt die
passende Motorabstimmung für schlechte Benzinqualität. Ein Hinweis
darauf, dass KTM-Fans bald auf ein neues reisetaugliches Abenteuerbike
mit grossem Tank hoffen dürfen? Ob die 690 Adventure tatsächlich kommt,
darüber hüllen sich die KTM-Offiziellen in Schweigen.
Zwei Rezepte: Konservativ oder avantgardistisch
So
progressiv die neuen Technologien auch erscheinen mögen, in Sachen
Optik setzt KTM bei Enduro und der SMC auf Altbewährtes. Zu
polarisierend ist das Schnabel-Outfit und die hochgezogenen
Auspufftöpfe der 690 Supermoto. Der Neuauflage der Duke wird diese
Kritik trotz ihres Designer-Anzuges erspart bleiben. Wo wir das
Fun-Bike auch geparkt haben, überall zog es die Blicke der Menschen auf
sich.
Die 690 Duke kann jedoch mehr als nur schön aussehen: Wer
noch vor fünf Jahren behauptet hätte, dass ein Serien-Einzylinder die
200 km/h-Marke knackt, wäre ausgelacht worden. An diesem
Strassen-Single wird selbst mancher Vierzylinder-Fahrer verzweifeln.
Wenn es sein muss auch während einer ganzen langen Tagestour. Denn
Sitzkomfort und Ergonomie sind bei der Duke im Gegensatz zu den
sportlich schmal geschnittenen Bänken der SMC und Enduro auf
Tourentauglichkeit getrimmt. Und weil die Duke wie ihre Schwestern
wunderbar kraftvoll aus dem Drehzahlkeller beschleunigt, gehört ab
sofort auch der entspannte Kurvenschwung zum Repertoire der Schönen aus
Mattighofen.
Fazit: Egal für welchen Einzylinder des LC4-Trios
man sich auch entscheidet: Auf Single-Parties stehlen die Österreicher
jetzt allen die Show – die Singles aus Deutschland und Japan wurden von
einer regelrechten Innovationsflut weggespült und tanzen nur noch am
Rande mit.





