Töff-Konservieren
Rein in die gute Stube
Eigentlich ist es ein Jugendtraum. Schon damals, als ich mit 18 Jahren mein erstes Motorrad – eine über vier Jahre mühsam ersparte 1993er Cagiva Mito II Eddie Lawson Replica – ersteigert hatte, wusste ich, dass sie irgendwann mein Wohnzimmer zieren würde. Zwischenzeitlich – ich fuhr damit vier Jahre stolz und glücklich in der Gegend rum – hatte das gute Stück zu einem absoluten Wucherpreis – das betroffene Subjekt möge mir verzeihen – den Besitzer gewechselt.
Immer wieder ärgerte ich mich schwarz darüber, dass dieser Verbrecher von meinem Nachfolger die unschuldige kleine 125er über Nacht draussen stehen liess. So bot ich ihm eines Tages an, seine Mito in der Tiefgarage meiner Liegenschaft einzustellen. Und da stand sie dann die nächsten sieben Jahre unmittelbar neben der Garagenausfahrt. Und dann – vor wenigen Wochen – kam der «Tag des Donners». Der Tag, an dem ich die Cagiva, die ich besagtem Käufer inzwischen für läppische 500 Franken wieder abgeschwatzt hatte, in mein Wohnzimmer stellen sollte. Nun sah das Ding inzwischen allerdings ziemlich mitgenommen aus – die Reifen waren platt, es quoll eine Furcht erregende schwarze Schlacke aus der Bauchschale, und die Diesel-Autos hatten eine vier Millimeter dicke Russ-Patina über die Mito gelegt.
Hier müssen Profis ran
Nun stehe ich also da, mit Plattfuss-Aschenbrödel an meiner Seite. Das karge Werkzeug in meiner Garage und die paar Sprays und Pflegemittel reichen nie aus, um die Mito fachgerecht zu konservieren. Also brauche ich Hilfe. Und die bekomme ich von Kawasaki-Schweiz. Die Grünen haben an ihrem neuen Domizil in Härkingen mit der «Good Times Collection» eine permanente Ausstellung bestens erhaltener Klassiker eingerichtet, die sie schon über Jahre fachgerecht hegen und pflegen. Sie wissen damit ganz genau, wie ein Töff zu konservieren ist, sodass man ihn ohne Bedenken für mehrere Jahre ins Wohnzimmer stellen kann.
Beim Briefing mit Christoph Franz, dem Leiter Technik von Kawasaki-Schweiz, und Mechaniker Roger Leuba – mit ihnen werde ich an diesem Tag sämtliche Arbeiten vornehmen – halte ich fest, dass ich das werdende Exponat irgendwann wieder in Betrieb nehmen will. Das heisst, dass wir uns praktisch alle Komponenten am Fahrzeug zur Brust nehmen müssen.
Altersvorsorge
Bevor wir uns an die Reinigung machen, hier noch ein wichtiger Tipp: Bei gewissen Herstellern weiss man nicht, ob sie in fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch Ersatzteile für ein bestimmtes Modell liefern können. Wenn Sie mit dem Fahrzeug also irgendwann wieder fahren wollen, dann bestellen Sie sich Verschleissteile, die durch Alterung Schaden nehmen können, und lagern Sie diese originalverpackt in einer Schachtel bei Raumtemperatur an einem dunklen Ort ein. Dunkel, weil UV-Licht speziell für Kunststoff- und Gummiteile auf Dauer sehr schädlich ist (sie werden spröde). Die Rede ist unter anderem von Verschalungsteilen, Kabelsträngen, Glühbirnen, Schalt-, Brems- und Kupplungshebeln, Gummiteilen, Motordichtungen sowie Luftfiltern aus Schaumstoff.
Gründlich reinigen
Aufgrund der Zeitnot und dem fortgeschrittenen Verunreinigungsgrad sehen wir uns gezwungen, die Cagiva abzudampfen. Zunächst mit, dann ohne Verschalung, um uns der bei Zweitaktern üblichen Fettablagerungen zu entledigen. Wir greifen auf Moto Clean von Motorex zurück. Einsprühen, einwirken lassen, abdampfen, mit Druckluft trocknen. Für arge Fett- und Öl-Ablagerungen rund um den Auspuff und unter dem Motor bewaffnen wir uns mit Bremsscheiben-Reiniger. Gut, dass es heute Bremsreiniger gibt, die den Lack und Kunststoffteile nicht angreifen. Kette, Kettenblatt und Ritzel können in Petrol eingelegt oder ebenfalls mit Bremsreiniger behandelt werden. Danach die Kette wieder schmieren. Wir benutzen einen Keramik-Kettenspray. Tropft nicht, ist resistent und lässt die Kette wie neu aussehen.
Ablassen und konservieren
Die Batterie wird entsorgt, denn diese wird es auch in zehn Jahren noch zu kaufen geben. Ebenso der Luftfilter (Ansaugöffnung mit einem öligen Baumwolltuch verschliessen). Wenn das Fahrzeug länger als ein Jahr stehen soll, müssen sämtliche Flüssigkeiten abgelassen werden, es sei denn, man will sich den Teppich oder den Parkett ruinieren. Denn jede Dichtung segnet bei stehendem Fahrzeug früher oder später das Zeitliche.
Motor-, Getriebe-, Gabel- und Zweitaktöl landen im Altöl-Fass. Gleichzeitig lassen wir die Kühl- und die Bremsflüssigkeit sowie das im Tank und im Vergaser noch vorhandene Benzin ab.
Jetzt geht's ans «Konservieren»: Der Tank wird abgeschraubt und durch die Tanköffnung innen mit einem grosszügigen Sprutz ölhaltigem Konservierungsmittel – im Volksmund WD40 – versorgt. Einmal verschlossen, wird er über alle Achsen ausgeschwenkt, sodass innen durchgehend ein konservierender Ölfilm haften bleibt. Ebenfalls mit WD40 wird durch den Öl-Einfüllstutzen bei abgeschraubter Öl-Ablassschraube das Getriebe ausgesprüht. Auch der Vergaser, dessen Einzelteile eingenebelt werden, will seinen Teil. Als nächstes wird die Zündkerze entfernt, um auch den Brennraum durch das Kerzenloch mit WD40 zu behandeln. Die Kerze wieder reinschrauben.
Da es sich bei der Mito um einen Zweitakter handelt, muss die Auspuffanlage nicht weiter kuriert werden. Anders sieht dies bei Viertaktern aus. Hier wird die (innen vollständig ausgetrocknete!) Anlage durch die Krümmer-Öffnungen, das Endrohr sowie die Kondenswasser-Bohrungen wiederum z.B. mit WD40 ausgesprüht.
Bei Töff mit Einspritzung würde man jetzt die Schläuche des Systems lösen und die Anlage so gut wie möglich entleeren. Danach einen speziellen Konservierungsstoff für Einspritzanlagen (im Fachhandel erhältlich) ins System einfüllen und den Motor kurz drehen lassen, sodass sich auch die Einspritzdüsen mit Konservierungsstoff füllen. Den Kreislauf der Wasserkühlung auf keinen Fall mit ölhaltigem Spray behandeln. Auch hier gibt es spezielle Konservierungsstoffe. Damit wären die wesentlichen Schritte zur Konservierung der wichtigsten «Organe» vollzogen.
Pflege auch im Detail
Jetzt geht's an die peripheren Bauteile. Abgelatschte Reifen sehen traurig aus. So bekommt die Cagiva einen neuen Satz Pirelli Diablo spendiert. Idealerweise wird der Töff im Wohnzimmer aufgebockt, sodass die Gummis keine Dellen davontragen. Christoph Franz empfiehlt diesbezüglich, den Reifendruck um 0,3 bar zu erhöhen und die Räder in regelmässigen Abständen zu drehen. Wer will, kann die Reifen mit Silikonspray behandeln. Das gibt einen schönen Glanz und hält den Gummi-Gestank in Grenzen. Man sollte mit diesen Reifen allerdings nicht mehr fahren. Wichtig: Die Bremskolben in die Bremssättel drücken, damit die Beläge nicht an den Scheiben anliegen und oxidieren.
Als nächstes gilt es, alle Kabelzüge, Gelenke und Lager zu schmieren. Dann werden die Gummi- und Kunststoffteile grosszügig mit Silikonspray behandelt. Letzterer sorgt dafür, dass die Werkstoffe nicht austrocknen und spröde werden. Silikonspray ist zudem wasserverdrängend und -abweisend. Zur Elektrik: Alle Kontakte müssen gereinigt und – sofern korrodiert – mit Kontaktspray eingesprüht werden. Dann folgt die Silikonspray-Schicht.
Sitzbank und Soziussitz werden am besten mit einem Vinyl-Pflegemittel versorgt. Das Kunstleder bleibt so geschmeidig und erhält einen unwiderstehlichen Glanz. Bleiben noch die Verschalungen und die Chrom- bzw. Aluminiumteile. Hier gibt es im Fachhandel eine Unmenge an Polituren, Wachsen und Pflegemitteln. Was die lackierten Teile betrifft, haben wir eine kombinierte Politur mit konservierenden Zusatzstoffen verwendet. So erübrigt sich für uns das Einsprühen mit Silikonspray. Eine hochwertige Chrompolitur verhalf dem Auspuffdämpfer wieder zu Glanz.
Ich habe mir in nur einem Tag mit der fachkundigen Unterstützung von Kawa-Schweiz einen Jugendtraum erfüllt. Klar, hätte man weitergehen können (Kasten), doch für die Erfüllung meines Jugendtraums reicht's alleweil.
| Töff-Konservieren: Eine Frage des Fahrzeugzustandes, der Zeit und des Geldes Im Rahmen der vorliegenden Ratgeber-Story haben wir uns auf die wichtigsten Schritte des Töff-Konservierens konzentriert. Grenzen gibt es grundsätzlich keine. Der eine zerlegt zusätzlich den Motor und beklebt die Wohnzimmer-Fenster mit einer UV-Licht-Filterfolie, der andere gibt sich mit einer gründlichen Reinigung zufrieden. Wichtig: Gemäss Feuerpolizei müssen die Flüssigkeiten – insbesondere die Brennstoffe – abgelassen und die Batterie ausgebaut werden. Im Fall der Cagiva hätten die Konservierungsarbeiten bei Kawasaki-Schweiz knapp 1000 Franken gekostet (Acht Stunden Arbeit plus Reinigungsmittel, Konservierungsstoffe sowie Kleinteile). Hinzu kommen die Kosten für die eingemotteten Verschleissteile und die Reifen. Vereinbaren Sie bei Ihrem Mechaniker einen Termin, bringen Sie den Töff mit und lassen Sie sich einen Kostenvoranschlag machen. |
Wenn Benzin verdunstet, hinterlässt es - hier am Tankdeckel - eine kristallartige Substanz.
Ähnliches gilt für Bremsflüssigkeit, die über die Jahre den Deckel des Expansionsgefässes angegriffen hat.

















