Rennstrecken-Training
Stammzellen Kultur
Als Greenhorn fühlt man vor allem eines, wenn man sich in
der Boxengasse umsieht: nervliche Anspannung. Denn jeder schiebt noch eine
extremere, mit Sponsor-Stickern zugepflasterte Maschine heran. Reifenwärmer
werden aufgezogen und Laptops hochgefahren. Ich glaube, von lauter Rossis und Biaggis
umgeben zu sein. Folglich komme ich mir etwas deplatziert vor: Das zweite Mal
auf einer Piste, dazu mit einer geliehenen Suzuki GSX-R 750, die ich tunlichst nicht
kaltverformen soll. Schauplatz: Ein Renntraining auf dem Circuito de Almeria,
organisiert von Valentinos. Ob das gut geht? Der Schneefall am Vorabend
(unüblich in Südspanien) und die Tatsache, dass ich für meine GSX-R zwar
Slicks, aber keine Reifenwärmer besitze, tragen auch nicht eben zu meinem
Wohlbefinden bei. Als wäre dem nicht genug, muss ich mir von meinen Kollegen
beim Abendessen Geschichten von Stürzen und Knochenbrüchen anhören. Was mich in
der Nacht vor dem ersten Fahrtag trotzdem Schlaf finden lässt: Der Schweizer
Superbike-Champion und IDM-Pilot Roman Stamm wird mich Rennstrecken-Einzeller
mit einem Privat-Coaching zum Renntier heranzüchten.
Lampenfieber
Am Morgen die gute Nachricht: Das Unwetter Daisy hat sich
verzogen. Da der Belag noch kalt und nass ist, werden die ersten Turns auf den
Nachmittag verlegt. Als Anfänger schliesse ich mich für das freie Fahren der
gemütlichen Gruppe B an. Dass der Event in Südspanien eher für die Routinierten
gedacht ist, lässt sich daraus erahnen, dass die besagte Gruppe
verhältnismässig klein und die theoretische Einführung des Instruktors knapp ausfällt,
im Stil von «… bei
Sektion 7 müsst ihr ganz links sein, sonst reichts euch nicht mehr für die
Rechtskurve, und ihr fehlt! Verstanden?» Grosse Augen, Kopfnicken. Dann – hopp!
– auf den Töff und ab. Der Tatzelwurm mit Instruktor an der Spitze verlässt die
Boxengasse und nimmt Fahrt auf. Ich bin froh, mich am Ende des Konvois zu
befinden, denn ich muss zuerst sachte meine Slicks auf Temperatur massieren.
Almeria ist kein schneller, dafür ein kurviger Kurs. Dazu verformt das hügelige
Terrain den Asphalt dreidimensional, was viel Steigung und Gefälle ergibt. Das
heisst, dass einige Sektionen blind anzufahren sind und folglich möglichst
schnell im Gehirn abgespeichert werden müssen. Kein Wunder, überwiegt Ehrfurcht
und Vorsicht bei den Neulingen. Beispielsweise der 24-jährige Timo Schaad aus
Bayern konnte sich zu diesem Zeitpunkt wohl kaum vorstellen, dass er zwei Tage
später Knieschleifer an seine Kombi tapen und mit den Semiprofis zusammen das
Fun-Rennen bestreiten wird. Doch auch ich fühle mich am Ende des ersten Tages
wohl auf dem Kurs und bin umso gespannter auf die Privatlektion beim Meister
der forcierten Gangart.
Der Apfel fällt noch weit vom Stamm
Ich hatte mir vorgestellt, dass mir Roman als erstes schlaue
Tricks verraten würde, bei deren Umsetzung meine Rundenzeiten zu purzeln beginnen. Doch zuerst fahre
ich ein paar Runden vor, und Roman folgt mir. Er filmt mich dabei mit seiner
Onboard-Kamera. Zurück in der Box analysieren wir das Aufgezeichnete. Doch
bevor wir überhaupt auf die von mir gefahrene Linie zu sprechen kommen, weist
er auf meine verbesserungswürdige Sitzposition hin: Obwohl ich jeweils das
Gefühl habe, in der Kurve mit meinem Allerwertesten fast über den Asphalt zu
Schleifen, sieht man auf dem Video davon fast nichts. «Dass muss ausgeprägter
werden!», so Roman. Dazu ragt mein Oberkörper auf. Das macht auf der Strasse
höchstens Sinn, wenn man sehen möchte, was auf einen zukommt. Auf der Strecke
hat man sich der Aerodynamik und des Schwerpunktes zuliebe geduckt zu halten.
Zusätzlich stehen meine Knie vom Tank ab wie die Schenkel eines Frosches. Die
Rasten befinden sich unter meinen Zehen, statt stabil in der Fussmitte. Das
habe ich mir über die Jahre auf der Strasse angewöhnt, um nicht in jeder Kurve
den Fuss hochziehen zu müssen. Dazu halte ich mich zu allem Übel am Lenker
fest, da der Knieschluss nicht stimmt. Im Gesamtpaket keine gute Ausgangslage
und mit zunehmendem Tempo und damit steigender Tendenz für Kapriolen der
Maschine Garant dafür, suboptimal zu reagieren. Damit dies nicht geschieht,
klebt mir Roman kurzerhand eine leere PET-Flasche hinter den Tank, was mich in
die richtige Position zwingt. Dann fahre ich wieder vor und versuche, alles
richtig zu machen.
Sektion 4: Ich pfeile die Anhöhe hinunter, vor mir die
unendliche Linkskurve mit dem stolzen Namen «el curvon». Wegen den
vorhergehenden Rechtskurven belaste ich noch immer den linken Fuss. Also
anbremsen und gleichzeitig wechseln. Rechten Fuss mittig auf der Raste
platzieren, Allerwertesten rüber, linken Fuss hochziehen. Mist! Mein Kopf ist
noch immer oben. Also nach links mit dem Oberkörper. Wie anders alles aussieht!
Unter meinem Kinn fliegen bunte Curbs durch, und ich denke «Sch**sse, ich bin
viel zu weit innen!» Also lasse ich mich weiter raustragen und stelle fest,
dass das gar nicht nötig war. Nur meine Perspektive hat sich verändert, die
Linie war immer noch korrekt. So geht es nach einigen eher unsicheren Runden
zurück in die Box. Doch Roman ist zufrieden mit seiner Zucht: «Die Sitzposition
ist zwar immer noch nicht perfekt, aber besser.» Er weist mich darauf hin, dass
ich mich genau jetzt nicht übernehmen soll. «Fahr jetzt ein paar Runden und
achte auf deine Körperhaltung. Fahr bewusst mit 50%, denn jetzt bist du
unsicher.» Am Nachmittag nach einem feinen Risotto bei Romans Mutter fährt er
vor und zeigt mir seine Linie. Er fährt manche Kurven völlig anders an und
lässt sich beispielsweise in «el curvon» im letzten Viertel nach aussen tragen,
um dann mit Schmackes quer durch die Sektion 6 zu schneiden. Danach mache ich mich
allein auf die Socken und stelle beim Umsetzen des Besprochenen fest, dass ich
bei gleichem Tempo weniger Bremsen muss. Obwohl mein Grinsen unter dem Helm
immer breiter wird, merke ich, wie Kondition (Oberschenkel und Rücken) und
Konzentration nachlassen. Keine guten Voraussetzungen, um über sich hinaus
wachsen zu wollen. Also zurück in die Box.
Die alten Gewohnheiten …
«Es
wäre einfacher, einen Neuling zu trainieren, als einen, der seit 15 Jahren
fährt», meint Roman. Wie Recht er hat: Ich habe meinen Fahrstil für die Strasse
entwickelt, der auf der Piste an seine Grenzen stösst. Das ändern von
Gewohnheiten ist eine mühsame Sache. Wunder sind folglich nach einem einzelnen
Coaching-Tag (Preis nach Absprache) keine zu erwarten. Doch Roman besitzt
hervorragende didaktische Fähigkeiten, mit denen er seinen Schüler auf den
richtigen Weg bringt, was ich im Laufe der folgenden Tage feststellen sollte.
So zahlt sich das Coaching für die Zukunft gleich mehrfach aus.






