Ardèche
Genuss in vollen Zügen
Das Gebiet der Ardèche ist eine mit dem Jura vergleichbare Landschaft – ein Land der Berge, aber auch des Wassers: Am Mont Gerbier de Jonc (1551 m) entspringt ein berühmter Fluss – die Loire. Der Hauptdarsteller des Departements Ardèche in Sachen Wasser ist jedoch ein anderer – ein kleiner Fluss, der bei Vallon-Pont-d'Arc die weltberühmte ’Felsbrücke mit 34 Metern Bogenhöhe passiert und weiter Richtung Rhône durch einen tiefen Canyon mäandert: Von der Quelle im Mazan-Massiv auf 1467 m bis zur Mündung bei Pont-Saint-Esprit legt das Gewässer nur rund 120 km zurück.
Ardèche, die Berühmte
Dieses Flüsschen hat das 5529 km2 umfassende Departement westlich der Rhône berühmt gemacht und ihm sogar den Namen gegeben. Eine 30 km lange, wilde Schlucht mit schwindelerregenden, bis zu 350 m tiefen Abgründen ist dafür verantwortlich – das Resultat einer langsamen, stetigen Erosion von mehreren Millionen Jahren. Die Ardèche, für Kanu-Sportler ein beliebtes Ziel, ist auch für Wissensdurstige in Sachen Geologie und Vorgeschichte ein Traumgebiet: Die ältesten Wandmalereien der Welt wurden in der Chauvet-Höhle entdeckt: 400 davon, teilweise über 32 000 Jahre alt! Verständlich, dass die Originale nicht für Touristen zugänglich sind. Aber weitere Tropfsteinhöhlen, prähistorische Fundstätten und Megalithe in der näheren und weiteren Umgebung sowie ein bedeutendes Fledermausvorkommen bieten dem Besucher ein unvergessliches Unterwelt-Erlebnis.
Lieber langsam pressieren
Die Schlucht ist dank der gut ausgebauten Panoramastrasse mit ihren Aussichtsterrassen auch unter Motorrad-Fahrern weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt: 170 km südlich von Lyon beginnt für uns der spektakuläre Einstieg ins Töff-Erlebnis Ardèche: Von Vallon-Pont d'Arc nach Saint-Martin-d'Ardèche dauert es im Kurvenrausch nicht mal eine Stunde. Aber Vorsicht! Hirnlose Raserei führt hier oft zu fatalen Folgen. Zur Hauptsaison säumen viele Touristen die Strecke.
Es lohnt sich also zweifach, mindestens doppelt so viel Zeit vorzusehen, um die zahlreich am Weg gelegenen Aussichtspunkte und Attraktionen anzusteuern. Zwei Ausblicke darf man keinesfalls versäumen: Die «Serre de Tourre» und den weltberühmten «Pont d’Arc». Ersterer ist nur eine Kurve am Rande des Abgrunds. In schwindelerregender Höhe gibt das Asphaltband hier den Blick auf einige Flusswindungen am Fusse des hoch aufragenden Felsens frei.
Wetten, dass spätestens an der Naturbrücke Pont d’Arc auch der angefressendste Kurven-Süchtige das Verlangen verspürt, die Gorges de l'Ardèche genauer unter die Lupe zu nehmen? Daher sei selbst Wassersport-Muffeln die andere Sichtweise – die einer Kanufahrt durch die Schlucht – wärmstens empfohlen. Ein Abenteuer, das schon Generationen von Urlaubern in Begeisterung versetzt hat. In der Hauptsaison werben bis zu 50 Bootsverleiher um die Gunst der Kunden. Wem das zu viel Stress ist, der sollte wenigstens einmal gemächlich unter der weltberühmten Naturbrücke hindurchschwimmen.
Ardèche, die Unbekannte
Ein Kontrapunkt zum Touristenrummel rund um die vom Wasser tief in den weichen Kalkstein gefrästen Felsabstürze der «Gorges» ist die beschauliche Landschaft des unbekannten Départements Ardèche nur ein paar Kilometer weiter: Einsame Kurvensträsschen, dunkle Wälder, Passstrassen und kühle Gipfelluft … all das vermittelt den Eindruck, irgendwo im Jura, Schwarzwald oder den Vogesen unterwegs zu sein. In den Bergen können zur Winterzeit so grosse Schneemengen fallen, dass die zahlreichen Wildschweine zuweilen schon über die Dächer der Häuser gelaufen sein sollen. Doch die Kastanienwälder in den Übergangszonen der tieferen Lagen und die prächtig gedeihenden Weingüter und Olivenhaine in den Tälern stellen klar, dass diese Landschaft von mediterranem Klima verwöhnt wird.
An den Ufern der Rhône wächst alles: Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche, Pflaumen, Birnen und Äpfel. Auf dem Weg von den Bergen zum grossen Strom wechseln sich liebliche Ebenen ab mit schroffen Felsformationen, dazwischen immer wieder Weinberge und Wiesen, in denen Klatschmohn rote Farbtupfer setzt. Berühmte Leute haben hier gewirkt: Zum Beispiel die Gebrüder Montgolfier, die Erfinder des Heissluftballons. Und sogar ein Heiliger, der in der Ardèche sehr verehrt wird – Charles de Foucauld (1858–1916). Seine Geschichte hat mich schon bei meinen Enduro-Reisen durch die algerische Sahara beeindruckt: Foucauld entstammte einer der reichsten Adelsfamilien Frankreichs, war Offizier in der französischen Armee und Frauenheld. Im Alter von 30 Jahren reiste er als Rabbiner verkleidet durch Marokko. Der Anblick betender Muslime beeindruckte ihn so, dass er zum Glauben fand. Im Kloster Notre Dame de Neiges, bei La Bastide Puylaurent, wurde er 1901 zum Priester geweiht. Ab 1905 begab er sich in die Sahara und lebte im Hoggar-Gebirge als Einsiedler. Die Tuareg-Nomaden verehrten ihn sehr – er erforschte ihre Sprache, schuf das bislang beste Wörterbuch, sammelte ihre Gedichte und Sprichwörter, bevor er 1916 von Aufständischen ermordet wurde.
Aven oder Galeries?
Die Ardèche sorgt auch geologisch für jede Menge Überraschungen: Der Norden ist geprägt von Granit und Vulkangestein – im Osten, Süden und Westen hingegen von Kalk: Grotten und Höhlen sind hier sehr zahlreich. So zahlreich, dass die Einheimischen die Hohlräume unter der Erde sogar klassifiziert haben: Diejenigen Höhlen, die schachtartig zum Teil Hunderte von Metern in die Tiefe gehen, heissen «Aven», die horizontal verlaufenden werden «Galeries» genannt. Eines der grössten und unzugänglichsten Höhlensysteme überhaupt war die L'Aven-d'Ornac-Höhle. Der «Louvre der Unterwelt» gilt als eine der schönsten begehbaren Schau-Höhlen Frankreichs. Die Gelegenheit, sich von der Unterwelt voller Stalagmiten und Stalaktiten entrücken zu lassen.
Eine erbauliche Motorrad-Wanderung lebt aber nicht nur von Besichtigungen oder landschaftlichen und klimatischen Spezialitäten: Auch wer gerne mal auf das Sightseeing verzichtet und stattdessen lieber das Motorrad ins Zentrum des Geschehens rückt, um es mal unbeschwert krachen zu lassen, kommt in der Region voll auf seine Kosten: Denn nach dem Besuch der beeindruckenden geologischen Vielfalt unter der Erde empfiehlt sich die ergänzende überirdische Geologie-Lektion in Form einer Kurvenorgie zum Tanargue-Massiv. Von Largentière geht es Richtung Valgorge. dann weiter zum Col de Meyrand und Les Vans, zurück zum Startpunkt Vallon Pont d'Arc.
Zwischen den Welten
Während die Ardèche-Schlucht in eine typische Kalk- und Karstlandschaft gebettet ist, durchquert man auf dieser Route die geologisch jüngste Landschaftsform der Region: Basaltsäulen und Vulkankegel. Verbunden sind die geologisch-landschaftlichen Widersprüche durch Tausende von Kurven: Der Grip? Traumhaft. Zu tief angebrachte Fussrasten werden hier unweigerlich zu spanabhebenden Funken-erzeugern auf rauem Asphalt. Man tut gut daran, den Fahrstil nicht nur plötzlich auftauchenden Rollsplit-Passagen, dem Verkehrsaufkommen oder der Tagesform, sondern auch dem abwechslungsreichen Charakter dieser Landschaft anzupassen: Im Eiltempo lassen sich die Eigenheiten der Ardèche schwerlich erschliessen.
Zur Horizont-Erweiterung empfiehlt es sich deshalb, trotz verlockender Kurven und einer nervösen Gashand das Tempo bewusst zu drosseln, um statt den Töff lieber die Blicke durch diese überwältigende Landschaft fliegen zu lassen. So wird das Motorrad zum passendsten Vehikel für diese besondere Landschaft: Eines, das schwitzen, frieren und riechen lässt. Zum Beispiel, wenn die Obst- und Kastanienbäume auf dem Weg zur Passhöhe blühendem Ginster weichen und dunkle, duftende Tannenwälder Mensch und Maschine schliesslich über viele Kilometer förmlich zu verschlucken scheinen. Als Beilage gibt's Kurven bis zum Abwinken und Serpentinen satt. Nur für den Fall, dass einem auf dem Weg zum Col de Meyrand die Pferde unterm Sattel doch durchgegangen sind: An der D 151 und D 113 von La Bas-tide Puylaurent nach Les Vans finden sich an den klaren Flüssen und Bächen viele traumhafte Badestellen. Ein kühler Kopf ist ohnehin gut fürs Sightseeing, denn das Asphaltband weist oft nur noch PW-Breite auf. Keine Tankstelle, kein Souvenirladen. Die Ardèche empfiehlt sich hier als Einladung, langsam und genüsslich zu geniessen: Wildwasserbäche stürzen in kleine, enge Täler, versteinerte Felsformationen, Eichen und Kastanien bilden ein wahres Labyrinth, und Bauerndörfer kleben wie Trutzburgen an den steilen Hängen.
Genüsslich geniessen
So Multikulti wie diese Gegend ist auch die Küche: Während im Norden Kastanien in keinem typischen Gericht fehlen dürfen (Kastentext), künden im Süden die Olivenbäume von der Nähe des Mittelmeeres und liefern Gourmets ein hochgeschätztes Öl. Die Ölbäume werden seit dem 15. Jahrhundert kultiviert. Damit lassen sich die regionalen Köstlichkeiten wie Caillette oder Maouche vorzüglich zubereiten. Sowohl berühmte Restaurants mit Michelin-Stern als auch Imbissbuden auf farbenfrohen Märkten haben diese urwüchsigen Speisen in petto: Caillette – eine kleine Pastete mit einer Mischung aus Schweinefleisch und Mangold, die von einem Netz umhüllt wird. Es gibt sie auch mit Kohl, Kartoffeln oder Edelkastanien. Dagegen sieht Maouche, ein gefüllter Schweinemagen, aus wie ein kleiner Ball.
Ein Gläschen aus der Region gehört immer dazu: Die Weingüter der Ardèche bringen dank sonnengereifter Trauben und engagierter Winzer ausgezeichnete Tropfen hervor: Condrieu, Cornas, Saint-Joseph, Saint-Péray, Côtes du Vivarais oder die Landweine der Coteaux d'Ardèche … Weinliebhaber oder solche, die es werden möchten, finden zahlreiche Möglichkeiten zur Degustation.
Sehr empfehlenswert ist das Weingut Notre Dame de Cousignac an der D 190 bei Bourg St-Andréol. Weil man dort dem Billett zuliebe stilvoll nächtigen kann. Dennoch hat so eine Weinprobe mit Sauferei nichts zu tun: Bevor überhaupt auch nur ein edles Tröpfchen die Geschmacksnerven schmeichelt, drückt man zunächst die Schulbank: Es gilt, die Gerüche diverser Früchte und Gewürze zu erkennen, um diese dann später im Duft des Weines zu erschnuppern. Erst dann geht’s zur Probe der ver-schiedenen Spezialitäten. So lernt man Wein nicht nur zu trinken, sondern zu geniessen. Die passionierten Winzer Andéol und Raphaël helfen uns Wein-Novizen beim Analysieren der Geschmackseindrücke.
Villages de caractère
Lust auf mehr machen auch die Dörfer und Städte abseits des Massentourismus rund um die Schlucht: Egal, ob La-beaume, St-Montan oder Ste-Marguerite Lafigère, Montréal oder Largentière – egal, ob sie sich an die Berghänge klammern oder in die Täler schmiegen – die durchwegs mittelalterlichen Dörfer sind alle ausgesprochen sehenswert. Jedes zeichnet sich durch ein typisch eng bebautes Zentrum ebenso aus wie durch die nach wie vor gepflegten Traditionen und eine heitere Lebensart. Insgesamt 13 Dörfer haben sich zu den sogenannten «Villages de caractère» zusammengeschlossen.
Viviers mit seiner Kathedrale Saint-Vincent aus dem 12. Jahrhundert, malerisch auf einer kleinen Kuppe gelegen, war Wirkungsort von Foucauld und gilt als Weltkulturerbe. Allein das Relais du Vivarais direkt an der N 86 ist schon einen Abstecher in die Stadt wert: Die Speisen aus Produkten der Ardèche sind dem bekannten Michelin-Gourmetführer einen Stern wert.
In Alba-la-Romaine erfährt der Besucher alles über die Ursprünge dieser Kulturlandschaft, erlebte der Ort doch bereits unter dem römischen Kaiser Augustus eine Blütezeit. Alba lockt mit einer sehenswerten archäologischen Ausgrabungsstätte, samt antikem Theater und einem Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Das Dorf ist geteilt in Alba und La Roche, am Fusse eines markanten Vulkans. Sein dunkles Gestein bestimmt den Farbton der Fassaden beider Ortsteile. Hier wie in St-Montan sollte man unbedingt den Töff stehen lassen und die gepflasterten Strassen und ihren pittoresken Charme zu Fuss entdecken: Überwölbte Durchgänge, kleine Plätze, Aussentreppchen, Terrassen und schöne Türen verzieren die Häuser. Oleander und Rosenstöcke scheinen manche Fassade zu verschlingen.
Uns dagegen verschlingt plötzlich eine Schlechtwetterfront. Sturzbäche queren die Strassen. Am späten Nachmittag lassen wir's trotzdem wieder laufen. Die Stre-cken in der Ardèche sind einfach ein viel zu geniales Motorradterrain. Die Räder unserer Maschinen wirbeln Gischt auf, es duftet die Macchia – dunkle Wolken tauchen die Landschaft in mystische Stimmung. Regen in Südfrankreich. Die Ardèche in Melancholie. Herb, aber nicht ohne Charme. Wir geniessen es in vollen Zügen.
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Die Ardèche und die Esskastanie Der Grossteil wird frisch verkauft, der Rest verarbeitet zu Mehl, kandierten Maronen, Maronenbier oder -likör und Süsswaren. Die schwierigste Verarbeitungsform dieser Frucht ist zweifellos die kandierte Marone. Mit kandierten Maronen hat sich der Traditionsbetrieb Sabaton in Aubenas bereits vor über 90 Jahren einen Namen gemacht. Heute exportiert Sabaton Maronen-Spezialitäten in die ganze Welt. Im Herbst laden die kleinen Dörfer im Herzen des Parc Naturel Régional des Mont d’Ardèche zu den «Castagnades», den Festen der Esskastanie, ein. Im Kastanienmuseum, dem Musee de la Châtaigneraie in Joyeuse (Tel: +33 475 399 066), lässt sich auch ausserhalb der Kastanien-Saison alles über die Frucht erfahren: Anhand einer umfangreichen Sammlung von alten Werkzeugen, Schälmaschinen und Gebrauchsgegenständen wird dem Besucher die Wichtigkeit der Kastanie für die ganze Region deutlich gemacht. Übrigens auch, wie die Kastanie salonfähig wurde – nämlich als kandierte Marone, die den Gaumen von Ludwig dem XIV. ergötzte. Heutzutage hat diese Leckerei bei Arabiens Scheichs Kultstatus. Anreise: Über die Autobahn in einem Tag zu erreichen. Schöner ist die Anreise über die franz. Alpen (2 Tage). |
Fast wie in den schottischen Highlands: Mystische Stimmung beim Dörfchen Montréal
Pont d'Arc: Weltberühmtes Wahrzeichen der Region im Regen. Die imposante Naturbrücke ist stattliche 66 Meter hoch
und liebliche Weindörfer: Kurvenwedeln durch eine Jahrtausende alte Kulturlandschaft
Produkte des Südens mit Frischegarantie. Die besten Voraussetzungen für die Haute Cuisine










