It´s aussie time

Australien

Von Robert Geringer
21.12.2010 11:35:51

Unser erster Tag im berühmten und zuweilen auch berüchtigten australischen Outback beginnt genau so wie erwartet. Auszeit – «Aussie time»

So haben wir uns das berühmt-berüchtigte australische Outback vorgestellt: ein mit Sand und Schotter ausgelegter Backofen mit ausgeprägter Oberhitze und platt wie ein Kuchenblech. Wen wundert’s, dass mit einem Mal auch die Verkehrsdichte, die bis anhin schon so gut wie nicht vorhanden war, nochmals abnimmt und letztlich bei zwei Fahrzeugen pro Tag endet? Die für längere Zeit letzten Töfffahrer treffen wir dann auch in Marree an der Tankstelle.

Ab in den Untergrund
Die Piste wird anspruchsvoller. Tiefer, weicher Schotter treibt uns abschnittweise zusätzlichen Schweiss auf die Stirn. Das kühle Bier abends im Pub in William Creek, einem der bekanntesten Pubs im australischen Outback, kommt da sehr gut. Hier hängt und steht alles Mögliche von der Decke und in den Ecken, was Touristen über die Jahre als Andenken dagelassen haben: Geldscheine aus aller Welt und sogar Reisepässe und nicht selten auch Unterwäsche, meistens von Frauen. Der Wirt gibt so manche Geschichten von unvorsichtigen Touristen, die das Outback unterschätzten, zum Besten. Die einer jungen Deutschen zum Beispiel, die nach einer Panne dachte, zu Fuss Hilfe holen zu können, oder die des Briten, der sein defektes Auto verliess und dann verdurstete, obwohl er im Wagen 80 Liter Trinkwasser hatte.

Von so einer Menge können wir nur träumen. Wir hoffen mit unseren sieben Litern pro Person nirgendwo liegen zu bleiben. Nach William Creek – drei Häusern, einer Kneipe, einem Campingplatz und einer Verkehrsampel samt Parkuhr – erscheint uns Coober Pedy wie das pure Leben, obwohl dieses doch überwiegend unterirdisch stattfindet. Wegen der Hitze wurden die Löcher, die quasi als Abfallprodukt bei der Suche nach den wertvollen Opalen anfielen, über die Jahre zu Wohnungen, Kneipen und sogar Campingplätzen ausgebaut. Auch in den Fels gebaute Kirchen findet man in Coober Pedy. Selbst Atheisten verschaffen sich hier angesichts der Temperaturen über 50 Grad im Schatten Abkühlung. Wir dösen im unterirdischen Camping vor uns hin.

«Ich zeig Dir mal, wie’s geht»
Wir haben uns vorgenommen, über Finke nach Alice Springs zu fahren und dazu die Old Ghan Road zu nehmen. Sagen wir mal so: Es hätte uns schon im Vorfeld zu denken geben müssen, dass auf dieser Piste zum Teil das «Finke Desert Race» ausgetragen wird. Vom «Pink Roadhouse» in Oodnadatta nehmen wir die Piste zu den Dalhousie Springs. Wir haben so viel Sprit und Wasser wie möglich dabei und deshalb in den ersten Tiefsandpassagen auf der Piste unsere helle Freude. Unterwegs treffen wir drei Australier, die frohgemut mit ihrem Subaru Allrad samt Anhänger durch den Sand pflügen, als wäre es Asphalt. Schon erstaunlich! Jedenfalls sind diese drei die Einzigen, die wir auf dem Weg zu den Dalhousie Springs treffen. Als wir dann endlich dort sind, wissen wir, warum: Alle anderen sind schon da! Wüste hin oder her, uns ist es zu voll hier, und so fahren wir weiter nach Mount Dare, zu einem Mini-Roadhouse mitten in der Simpson-Wüste. Wir schlagen dort unser Zelt auf und haben unsere Ruhe.

Für die nächsten Kilometer fragen wir im Roadhouse extra nach dem Zustand der Piste. Alles in Ordnung, bekommen wir gesagt: Das Schlimmste hätten wir hinter uns. Doch weit gefehlt! Im Jeep mag man über den Sand lächeln, uns bringt er viel Mühe – und mich zu Fall. Allerdings hat mir da auch der Hochmut, der ja vor demselbigen kommt, noch zusätzlich ein Bein gestellt. Claudia, kein zu grosser Fan tiefen Sands, hadert ein wenig mit den Gegebenheiten. «Ich zeig Dir mal, wie das geht!» Ein fataler Satz, denn es klappt natürlich nicht wie gedacht: Ich verbiege mir Kühler, Verkleidung, Lenker, Rippen und Nacken. Wie kann man nur so blöd sein? Nachdem alles wieder halbwegs hingebogen ist, fahren wir weiter.

Ayers Rock
Natürlich wird es die Piste hoch nach Alice Springs nicht besser. Wir entscheiden, ab Finke über eine einfache, breite Piste zum Stuart Highway und zum Ayers Rock und erst dann nach Alice Springs zu fahren.

Der Ayers Rock wird seinem Ruf gerecht: Das Farbenspiel des Felsens ist einfach unbeschreiblich. Wir treffen auf dem Campingplatz auch die drei Australier aus dem Subaru wieder, die dieselbe Strecke gefahren sind. Sehr einfach, sagen sie. Aha! Vielleicht sollten wir mal tauschen.

Statt direkt nach Alice Springs zu fahren, drehen wir noch eine Schleife, die uns durch den MacDonnell-Nationalpark führt. Die Piste ist übelst! Gegen das Wellblech ist nichts zu machen, die Wellen sind so weit auseinander und so hoch, dass erst abstrus hohe Geschwindigkeiten diese hätten glattbügeln können.

Zu gross, um gefressen zu werden
Von Alice Springs geht es erst mal nur noch Richtung Norden. Darwin ist ja bloss 1500 Kilometer entfernt. Doch direkt dorthin zu fahren, würde bedeuten, einen der schönsten Plätze der Welt, den Kakadu-Nationalpark, zu verpassen. Bevor wir jedoch zum Yellow River fahren, der Hauptattraktion im Nationalpark, wollen wir zu einem Wasserfall. Natürlich ist dieser ausserhalb der Regenzeit trocken, doch an der Abbruchkante soll ein kleiner Teich das ganze Jahr über Wasser haben. So schwimmen wir dann auch in dem garantiert krokodilfreien Becken und können dabei über die Kante in das 50 Meter unter uns liegende Tal schauen. Dennoch überrascht eine Begegnung der besonderen Art. Normalerweise laufe ich im Busch nie ohne Schuhe herum, doch die Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit machen mir schwer zu schaffen. Allein der Gedanke an Schuhe! So laufe ich mit Flip-Flops ums Zelt herum, als es im Gebüsch raschelt. Ich freue mich schon auf ein niedliches Känguru, als plötzlich mit affenartiger Geschwindigkeit eine Schlange auf mich zuschiesst, eine Western Brown! Mir rutscht das Herz in die Latschen. Gott sei Dank erstarrt das Reptil plötzlich. Erst da merke ich, dass eine kleine Eidechse an mir vorbeiflitzt: Schlanges Mittagessen. Nach ein paar Sekunden Bedenk­zeit verzieht sich die Schlange – anscheinend bin ich zu gross, um gefressen zu werden.

In Darwin campen? Nein danke!
Am Yellow River buchen wir für den nächsten Morgen eine Bootstour. Morgens um sechs entfaltet sich bei aufgehender Sonne ein Spektakel für alle Sinne. Hören, sehen, riechen und auch schmecken lässt sich die unbändige Vielfalt der Natur. Nur das mit dem Tasten lassen wir lieber. Ins Wasser will keiner seine Finger stecken, zu gross ist der Respekt vor den gewaltigen Salzwasserkrokodilen. Die Bootstour dauert gut und gerne zwei Stunden – wir sind hin und weg. Berauscht vom Erlebten, fahren wir die letzten Meter nach Darwin, wo ich mich schlicht weigere zu zelten. Bei dieser Luftfeuchtigkeit ist ein Motel mit Klimaanlage einfach zu verlockend. Wir finden ein Zimmer direkt im Stadtzentrum, wo ich mich erst einmal für eine halbe Stunde vor die Air Condition setze. Was für eine Wohltat! Darwin ist hübsch, und am Wochenende ist am Strand Markt, der zu meiner Freude fast nur aus «Fressbuden» besteht.

Achtung, Krokodile!
Die Kimberleys sind nur noch 900 Kilometer entfernt, so lange sollten auch die alten Pneus noch halten. Die Strasse entpuppt sich als erstklassig. Allerdings ist das reine Glückssache, denn die Piste war durch einen Regensturm so stark beschädigt, dass sie neu geschoben werden musste. Hört sich aufwendig an, bedeutet aber nichts anderes, als dass zwei Pistenhobel nebeneinander die gesamte Strecke einmal abfahren, und schon ist sie wie neu. Einzig eine etwa 300 Meter breite Furt durch den Pentecost River bringt etwas Abwechslung. Wir wissen, dass in Fahrtrichtung die eine Seite der Flussdurchfahrt tief und steinig, die andere hingegen eben und nur knöcheltief sein soll − nur: Welche ist welche? Ich wähle natürlich die falsche! Während ich es gerade eben noch schaffe, bleibt Claudia an einem Felsen hängen. Ich parke den Töff am anderen Ufer, eile auf der unbekannten Seite der Furt zu Claudia zurück, und – das Wasser ist tatsächlich nur zentimetertief. Als ich bei Claudia ankomme, fragt sie mich leicht irritiert, ob ich denn das Schild nicht gesehen hätte? Welches? Na, das da: Achtung! Krokodile!

Schöne Grüsse von Robinson Crusoe
Wir finden in den Kimberleys wunderbare Wild-Zeltplätze. Umso mehr enttäuscht uns nun die Touristenhochburg Broome, allerdings geniessen wir auch ihre angenehmen Seiten. So sitzen wir am Abend im Strandhotel und beschliessen den Tag mit ein paar Sundownern, bevor wir uns auf den langen Weg nach Perth machen. Zum einzigen Zwischenstopp nötigt uns Exmouth am Ningaloo-Reef-Nationalpark. Was für ein Ort! Wir Zelten direkt in den Dünen, keine 100 Meter vom Meer entfernt. Ausser uns ist kein Mensch am Strand, wir haben tagelang alles für uns. Schöne Grüsse von Robinson Crusoe. Leider drängt die Zeit. Wir möchten ja noch rüber nach Queensland − ein langer Weg. Fahrtechnisch ist die Strecke von Broome nach Perth, entlang derer auch Exmouth liegt, an Langeweile kaum zu überbieten. Es geht überwiegend geradeaus, landschaftlich gibt es keine Abwechslung. Alles ist gleich und wird nur von der Fahrt durch die Nullarbor Plains von Perth in Richtung Adelaide übertroffen: 150 Kilometer geradeaus ohne den kleinsten Knick in der Strasse.

Wir hatten unsere Reise durch Australien so geplant, dass die Route, mit Sydney als Start und Ziel, einer liegenden Acht gleicht, dem Zeichen für Unendlichkeit. Vor allem im Outback kam und kommt uns alles unendlich weit vor. So kreuzt sich unsere Route wieder in Marree, von wo aus wir jetzt in den Nordosten von Queensland fahren – wiederum durch das Outback. Leider sind wir ein klein wenig zu spät in Birdsville, einem Kuhkaff im Nirgendwo, wo einmal im Jahr das berühmteste Pferderennen Australiens stattfindet. Schade – aber auch gut, denn während des Rennens gleicht Birdsville mehr einer Grossstadt. Wir freuen uns nun über die Einsamkeit und Ruhe, die für uns bald zu Ende sein wird.

Ende in Queensland
So gut uns die Ostküste gefällt, wohin wir kommen, ist viel Verkehr und alles ausgebucht. Im Norden von Queensland, am Cape Tribulation, finden wir bei einer Kajak-Tour dennoch etwas Ruhe. Aber zweierlei hat uns nachhaltig beeindruckt: zum einen das Schnorcheln am Great Barrier Reef, zum anderen das Segeln bei den Whitsunday Islands. Unsere wertvolle «Aussie Time» jedenfalls naht ihrem Ende, der Rückflug von Sydney rückt immer näher.

Zehn Monate waren wir in Australien, davon sind wir sieben Monate lang mit unseren Töff durch ein Land gereist, das uns unendlich weit erschien. Und tatsächlich – wir haben mehr als 30000 Kilometer zurückgelegt, aber immer noch nicht genug. Mal sehen, wann es für uns wieder heisst: «It’s Aussie time.»

 

Traumhaft facettenreiches Australien: Tour- Informationen

Allgemeines: Australien ist riesig! Entweder, man bringt genügend Zeit mit, oder man beschränkt sich auf ausgewählte Gebiete. Die beste Reisezeit ist der australische Winter, der unserem Sommer entspricht. Doch selbst zu dieser Jahreszeit ist es in Australien brüllend heiss. Einzige Ausnahmen sind Tasmanien und das Gebiet um den Kosciuszko National Park, wo die Temperatur ab März in den Nächten schon deutlich unter null sinken kann.

Anreise: Üblicherweise fliegt man mit Zwischenstopp in Bangkok, Singapur oder Hongkong zu allen grösseren Städten Australiens. Den Transport der Motorräder übernimmt jede Spedition, die nach Australien verschifft. Tipp: Spedition InTime in Hamburg, Tel.: +49-40-50751013, Herr Kleinknecht. Achtung: Die Motorräder sollten sauber sein und nicht in Holzkisten transportiert werden, es sei denn, das Holz wurde begast und es existiert darüber ein Zertifikat. Die australischen Behörden lassen schmutzige Fahrzeuge teuer reinigen. Wo eine Reise durch Australien starten soll, ist geschmacks- und zeitabhängig. Auch wenn es keine australischen Nummernschilder gibt, muss man den Töff dennoch registrieren lassen. Nach dem Abholen beim Zoll lässt man das Fahrzeug bei einer zertifizierten Werkstatt, die es an jeder Ecke gibt, auf seine Verkehrssicherheit prüfen; dafür erhält man einen rosa Zettel (sog. Pink Slip). Mit diesem Zettel, dem Carnet, dem internationalen und nationalen Führerschein, dem Fahrzeugausweis und einer Bestätigung der Aufenthaltsadresse (Rechnung des Hotels) geht’s zum Strassenverkehrsamt. Die Bestätigung der Anmeldung ist ein einfaches weisses Blatt Papier (sog. White Slip). Bei der Zulassung muss man zwingend eine Haftpflichtversicherung abschliessen. Wer sich auch gegen eventuell selbstverursachte Sachschäden absichern will, hat nur eine Möglichkeit, nämlich www.carmarket.com.au/contact.asp

Töfffahren: Wer gerne abseits befestigter Strassen fährt, kommt auf seine Kosten. Autobahnen gibt es nur in Ballungsgebieten.

Unterkunft: Australien ist Campingland. Es lässt sich natürlich fast immer auch eine feste Unterkunft finden. Das einmalige Erlebnis, im australischen Outback an nahezu jeder beliebigen Stelle ein Zelt aufschlagen zu können, sollte man sich jedoch nicht entgehen lassen − der Erlebniswert ist einfach unbeschreiblich. Wenn man sich auf Farmland, in Nationalparks oder in ausgewiesenen Regionen der Aboriginies befindet, sollte man vorher sicherstellen, dass man dort auch wild zelten darf.

Literatur/Karten: Wir haben uns für den Lonely-Planet-Führer (ISBN 1-74059-447-9) entschieden. Für hartgesottene Offroad-Experten gibt es beim Reise-Know-How-Verlag das Australien-Outback-Handbuch (ISBN 3-923716-08-7), das detailliert auch über die entlegensten Pisten informiert. Die vorangehende Lektüre des Buchs «Spurensuche» von Andreas Hülsmann (ISBN 3-933385-32-6) ist sehr empfehlenswert.

 

Nördlich der Weinbaugebiete Clare Valley und Barossa Valley gibt die Flinders Range einen ersten Ausblick auf das Outback. Nördlich der Weinbaugebiete Clare Valley und Barossa Valley gibt die Flinders Range einen ersten Ausblick auf das Outback. © Robert Geringer
In den Kimberleys gibt es viele Wasser¬durchfahrten – Krokodile inklusive. In den Kimberleys gibt es viele Wasser¬durchfahrten – Krokodile inklusive. © Robert Geringer
Queenstown: Tasmanische Entspanntheit mit englischem Gründercharme. Queenstown: Tasmanische Entspanntheit mit englischem Gründercharme. © Robert Geringer
Outback: Wildes Campen ist nahezu überall möglich. Outback: Wildes Campen ist nahezu überall möglich. © Robert Geringer
90 Meilen geradeaus, 90 Meilen Langeweile! 90 Meilen geradeaus, 90 Meilen Langeweile! © Robert Geringer
Pink Roadhouse am Oodnadatta Track: Mehr als nur Tankstelle und Imbissbude – Roadhouses sind die Oasen im Outback. Pink Roadhouse am Oodnadatta Track: Mehr als nur Tankstelle und Imbissbude – Roadhouses sind die Oasen im Outback. © Robert Geringer
Ein gutes Steak gehört einfach dazu. Aber es ist nicht das, wonach es aussieht: Diesmal musste ein Schwein herhalten. Ein gutes Steak gehört einfach dazu. Aber es ist nicht das, wonach es aussieht: Diesmal musste ein Schwein herhalten. © Robert Geringer
Naturschutz wird in Australien grossgeschrieben. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Ja, deinen nächsten Baum! Naturschutz wird in Australien grossgeschrieben. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Ja, deinen nächsten Baum! © Robert Geringer
Ayers Rock - Heiligtum der Aboriginies. Ayers Rock - Heiligtum der Aboriginies. © Robert Geringer
Aboriginies: Bis auf Felsmalereien ist wenig von ihrer Vergangenheit zu finden. Aboriginies: Bis auf Felsmalereien ist wenig von ihrer Vergangenheit zu finden. © Robert Geringer
Terra Australis - Einsame Strände, grünes Wasser. Terra Australis - Einsame Strände, grünes Wasser. © Robert Geringer
Williams Creek: Ein Pub, zwei Häuser, ein Campingplatz, eine Ampel und eine Telefonzelle. Williams Creek: Ein Pub, zwei Häuser, ein Campingplatz, eine Ampel und eine Telefonzelle. © Robert Geringer
Coober Pedy: Das sprichwörtliche Loch in der Wüste. Coober Pedy: Das sprichwörtliche Loch in der Wüste. © Robert Geringer