«Chänd züenis»

Glarnerland

Von Daniele Carrozza
27.08.2010 16:47:08
  

Abseits der Hauptstrassen, auf der Suche nach den verborgenen Schätzen des Kantons mit der kleinsten Hauptstadt der Schweiz.

«Vor fünf Tagen hat es hier oben noch geschneit», weiss Cornelia Epp, die Wirtin des Kiosk-Restaurants auf der Klausen-Passhöhe, während sie uns auf der Terrasse je eine Klausenplatte mit herzhaften Fleischwaren und Käse serviert. Zwei Wochen hatten David und ich auf anständiges Töff-Wetter warten müssen, ehe wir endlich zu unserem zweitägigen Abenteuer durch den Kanton Glarus aufbrechen konnten. Und jetzt ist er da, der Sommer, und beschert uns an diesem sonnigen Donnerstag auf 1952 Metern über Meer noch milde 18 Grad. Startpunkt ist demnach die Klausen-Passhöhe, die sich bekanntlich noch auf Urner Kantonsgebiet befindet.

Bis auf den einen oder anderen weissen Fleck an den Hängen erinnert nichts mehr an den miserablen Frühling 2010. So schwingen wir uns mit vollem Magen motiviert auf unsere Maschinen und brausen talwärts. Nach einem kurzen Foto-Stop an einer der Kehren der östlichen Passrampe, bei dem das Bild im Hintergrund entstanden ist, schweben wir über den Urnerboden, die grösste Alp der Schweiz. Immer wieder zwingen uns gemächlich auf der Strasse flanierende Kühe und und deren Hinterlassenschaft zu Slalom-Einlagen, wobei uns nicht immer wohl ums Herz ist. Was ist, wenn eines dieser Viecher plötzlich durchdreht und meine Triumph Tiger oder Davids Super Ténéré mit einem Rivalen oder gar einem paarungswilligen «Gspänli» verwechselt? Wir wollen’s nicht wissen und rollen nun erstmals über Glarner Territorium. Um den Grenzverlauf auf dem Urnerboden zwischen den Kantonen Uri und Glarus räkelt sich die Legende, wonach sich je ein Urner und ein Glarner Läufer ein Rennen lieferten. Vom Hahn geweckt, sollten sie in aller Herrgottsfrühe von beiden Seiten auf den Urnerboden sprinten, und die Grenze würde dann dort gezogen, wo sie sich treffen. Das Rennen konnten die Zentralschweizer mit einer List für sich entscheiden: Ganz nach der Devise «Wer hungert, der schreit» gaben sie ihrem Hahn kein Futter, und der soll folglich schon Stunden vor dem gemästeten Glarner-Gockel gekräht haben. Tatsächlich herrschte über den Grenzverlauf Uneinigkeit zwischen Urnern und Glarnern, doch wurde das Problem mit der offiziellen Grenzziehung anno 1315 dann doch auf eine etwas andere Weise gelöst.

Wir kurbeln die letzten noch mit Pflastersteinen belegten Serpentinen der Passstrasse hinunter und freuen uns schon jetzt auf das Klausenrennen-Memorial, das hier im September 2011 wieder steigen wird. In Linthal angelangt, von wo eine Standseilbahn Tausende von Touristen in den autofreien Ferienort Braunwald schaufelt, stechen wir in südliche Richtung und fahren der hier oben noch zierlichen Linth entlang Richtung Tierfehd. Vor uns baut sich der wuchtige Gemsistock auf, unmittelbar dahinter markiert mit dem Tödi (3586 m) der höchste Berg der Glarner Alpen seine majestätische Präsenz. Und wärend es dort oben, bei den Quellbächen der Linth, schön frisch sein muss, brütet unten im Tal die Sonne. So beschliessen wir, uns im Restaurant des hübschen Hotel Tödi eine Erfrischung zu gönnen. Bis auf eine riesige Baustelle – im Gebiet Limmerensee-Muttsee wird ein Pumpspeicherkraftwerk gebaut – gibt es in der südlichsten befahrbaren Ecke des Glarnerlands nicht viel zu sehen, und wir ziehen weiter.

Die Flucht in die Höhe
Zurück in Linthal, geht’s auf der Hauptstrasse unter vereinzelt am Himmel verirrten kleinen Wolken nordwärts der Linth entlang das Hinterland hinab. Links zieht ein leerstehendes Fabrikgebäude an uns vorbei. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als im 19. Jahrhundert die Textilindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig im Glarnerland war. In der Blütezeit beschäftigten 44 Textilverarbeitungsfabriken ein Drittel der Glarner Bevölkerung. In Betschwanden treffen wir auf eines der beiden Glarner Lichtsignale. Kein Witz: Im ganzen Kanton gibt es nur deren zwei, nämlich dieses und jenes bei Näfels im Unterland. Über Nidfurn gelangen wir nach Schwanden, wo sich das trogförmige Grosstal zum Mittelland hin öffnet und sich in östlicher Richtung das Sernf- oder Kleintal auftut.

Das Thermometer signalisiert 30 Grad, und die Abwärme der Motoren macht die Sache nicht besser. Da gibt es nur eines: Höhenmeter gewinnen. Von Schwanden zweigt ein Drittklasssträsschen in südliche Richtung ab und führt uns durch dichte, wohlduftende Wälder über enge Kurven schnell auf rund 1000 Meter. Immer wieder liegen kleine Felsbrocken auf dem Strässchen, doch die stellen weder für uns noch für unsere Bikes ein Problem dar. Bei Kies oder Chis ist nach etwa
15 Minuten Endstation. Von hier aus führt aber eine Luftseilbahn im Halbstundentakt auf die Mettmenalp zum Garichti-Stausee. Wir geniessen die frische Waldbrise und ruhen uns an der Talstation ein bisschen aus.

Wieder in Schwanden angelangt, statten wir dem Durstlöscher des Kantons, der 1828 gegründeten Brauerei Adler, einen Besuch ab. Von aussen erinnert die letzte von einstmals 13 Glarner Brauereien an die klassischen Industriebauten aus dem späten 19. Jahrhundert. Innen ist jedoch alles topmodern.

Höchste Zeit, in Schwändi, dem leicht über der Talsohle, an sonnengünstiger Lage ob Schwanden gelegenen kleinen Dorf am Fusse des mächtigen Glärnisch, die Schlüssel für unsere Hotelzimmer abzuholen. Nächtigen werden wir im Töfffahrer-freundlichen Hotel Eintracht. Die Schlüssel sind schnell eingepackt, und wir schwingen uns am frühen Abend über das enge Zufahrtssträsschen den Berg hinab nach Glarus, wo wir uns im Restaurant Steinbock mit Bekannten zum Abendessen treffen werden. Nebst köstlichen Glarner Spezialitäten werden hier übrigens auch vorzügliche Holzofen-Pizzas serviert. Den Apéro geniessen wir jedoch im Restaurant Bergli, von dessen Terrasse man einen herrlichen Blick über die schmucke Kantonshauptstadt geniesst. An der Grossleinwand des Restaurants werden wir noch kurz Zeugen des italienischen Untergangs an der Fussball-WM, und nach dem Essen im Steinbock beschliessen wir, dem in einem ehemaligen Fabrikgebäude domizilierten Kultur- und Ausgangstempel «Holästei» einen Besuch abzustatten. Hier, beim wohl beliebtesten Treffpunkt der Glarner Jugend, gibt’s Partys, finden Livekonzerte mit lokalen wie internationalen Grössen, Kinoabende und Theateraufführungen statt.

Elm: Schiefer, Sport und Tragödien
Am nächsten Morgen düsen wir gegen 9 Uhr los. Schon tauchen wir ins zunächst noch enge und sich dann immer weiter öffnende Sernftal ab. Das Asphaltband ist hervorragend ausgebaut und führt über langgezogene Bögen nach Engi. Hier, im vorderen Sernftal, wurde am Plattenberg schon im 16. Jahrhundert Schiefer abgebaut. Die Platten aus Engi wurden für die Verwendung auf Dächern oder als Schreib- und Tischtafeln gefertigt und gelangten in die ganze Welt. Seit 1961 wird kein Schiefer mehr gebrochen, Teile des ehemaligen Bergwerks können jedoch besichtigt werden.

Im ehemaligen Kurhaus Elm, dem die berühmten Mineralquellen seinerzeit Gäste aus allen Herren Länder bescherten, wurde 1926 dem Mineralwasser Zitronensirup beige­mischt – das Elmer Citro war geboren. Heute werden im Fabrikgebäude der Mineralquellen Elm pro Jahr 38 Millionen Liter Mineralwasser, Citro und andere Getränke abgefüllt. Keine 50 Meter weiter treffen wir auf das Sportgeschäft einer bekannten Elmer Persönlichkeit: Vreni Schneider. Die gebürtige Elmerin gehört zu den erfolgreichsten Skirennfahrerinnen aller Zeiten und hat in ihrer Karriere so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Auf der anderen Strassenseite finden wir an einem stattlichen Bürgerhaus die Aufschrift «Quartier des General Suwarow». Tatsächlich war der russische Feldherr im Jahr 1799 im Kampf gegen die Franzosen über das Klöntal ins Glarnerland vorgestossen. Nach der Niederlage bei Näfels zog er sich mit seinem Heer via Elm über den Panixerpass nach Chur zurück.

Im Gasthaus Sonne verspeisen wir einen exquisiten Glarner Netzbraten, bewundern das Martinsloch und studieren mit Andacht die südöstlich gelegene Bergsturzwand. 114 Menschen mussten am 11. September 1881 beim Bergsturz von Elm, der durch den jahrelangen Schieferabbau verursacht wurde, ihr Leben lassen. Bevor wir das Sernftal wieder verlassen, zieht es uns noch auf den hinten im Tal gelegenen Panzerschiessplatz Wichlen, wo zwei Relikte aus dem Kalten Krieg ausgestellt sind, ein Centurion und ein Panzer 68.

Von See zu See zurück nach Hause
Zurück in Glarus, treffen wir einen alten Bekannten: André Reithebuch, Mister Schweiz 2009, der mit seiner Harley von Linthal angereist ist. In seinem Schlepptau bummeln wir durch die 6000-Seelen-Stadt am Fusse des Vorderglärnisch. Auffallend ist die schachbrettartige Anordnung der typischen Häuserreihen, die auf ein einschneidendes historisches Ereignis zurückgeht: 1861 hatte ein verheerender Brand das alte, enge und verwinkelte Glarus zerstört. So baute man die Stadt neu auf – mit breiten Strassen und stattlichen Gebäuden. Vorbei am Zaunplatz, auf dem jeweils am ersten Maisonntag die traditionelle Landsgemeinde tagt, brausen wir weiter in Richtung Unterland. Bei Näfels – hier lohnt sich ein Besuch im Freulerpalast – biegen wir rechts ab und gelangen via Mollis über den Kerenzerberg nach Mühlehorn am Walensee. Die 1848 erbaute Strasse mit sensationellem Panorama gefällt uns dermassen gut, dass wir wenden und sie noch einmal befahren. Zurück in Näfels, machen wir, die engen Serpentinen des steilen Bergsträsschens unter die Räder nehmend, einen Abstecher an den Obersee und sammeln dort Kräfte für die Heimfahrt.

Um ins Klöntal zu gelangen, wählen wir ab Glarus die südlich verlaufende Route. Die hat schönere Kurven, ist deutlich weniger befahren und führt über die Schwammhöchi, bei deren Berggasthaus man einen traumhaften Blick über den malerischen, zwischen steil aufragenden Bergfassaden eingebetteten Klöntalersee geniesst. Nach einem letzten Kaffee nehmen wir den Abstieg in Angriff, überqueren den Damm des ältesten grösseren Speichersees Helvetiens und ziehen westwärts der Abendsonne entgegen. Vor uns zirkelt ein älterer Herr auf seiner BMW, eine «Krumme» paffend, genüsslich die mehrheitlich einspurige und gewundene Pragelpass-Strasse hinauf. Wir nehmen es gemütlich, lassen unser «Gspänli» das Tempo vorgeben und ergötzen uns an der wildromantischen Bergkulisse. Das Glarnerland liegt nun hinter uns, und während wir den Kanton Schwyz unter die Räder nehmen, erinnern wir uns zufrieden, aber doch ein bisschen melancholisch an das einladende Glarner «Chänd züenis».

Traumhaft facettenreiches Glarnerland: Touren-Informationen

Wissenswertes:
Mit einer Fläche von 684 km2 gehört das Glarnerland zu den kleineren Kantonen; von der Nord- zur Südgrenze sind höchsten 40, von der Ost- zur Westgrenze höchstens 25 km zu messen. Höchstgelegene Hochspannungsleitung Europas. Am 13. Juni 1782 wurde in Glarus mit Anna Göldi eine der letzten Frauen Europas, die der Hexerei beschuldigt wurden, hingerichtet; heute ist anerkannt, dass Anna Göldi Opfer eines Justizmordes wurde. Die 25 Glarner Gemeinden werden zurzeit zu drei Grossgemeinden zusammengeschlossen. GL ist zusammen mit AI der letzte Kanton, der eine Landsgemeinde abhält. Route: Rund 190 km in 2 bis 3 Tagen.

Spezialitäten: Glarner Schabziger, Kalberwurst mit Kartoffelstock und Dörrzwetschgen, Birnbrot, Glarner Pastete mit Mandel- und/oder Zwetschgenfüllung. Restaurants: Klausenpass Kiosk & Restaurant, Steinbock Glarus, Bergli Glarus, Glarnerhof Glarus, Schwammhöchi Klöntal, Richisau Klöntal, Sonne Elm.

Hotels: Hotel Eintracht Schwändi; eintracht.ch. Richisau Klöntal; richisau.com. Lihn Filzbach; lihn.ch. Lofthotel Murg mit Bikerlofts; lofthotel.ch.

Camping: Klöntal: Vorauen und Güntlenau; www.zkgl.ch

Karte: Kümmerli+Frey: Wanderkarte Glarnerland, 1:60 000

Literatur: Glarner Heimatbuch. ISBN: 978-3-85546-188-2

Touristeninfos: www.glarnerland.ch

Pässe: Wintersperren: Klausen November bis Mai; Pragelpass Oktober bis Mai.

Klöntalersee: Beliebtes Glarner Naherholungsgebiet auf 848 m ü.M. mit Wanderwegen und diversen Zeltplätzen. Klöntalersee: Beliebtes Glarner Naherholungsgebiet auf 848 m ü.M. mit Wanderwegen und diversen Zeltplätzen. © Daniele Carrozza
Klausen-Passhöhe: Startpunkt unserer Reise. Klausen-Passhöhe: Startpunkt unserer Reise. © Daniele Carrozza
Glarner Spezialitäten: Die weltberühmten, über 200 Jahre alten Glarner Tüechli, Pasteten, Birnbrot und... André Reithebuch, Mister Schweiz aus dem Jahr 2009. Glarner Spezialitäten: Die weltberühmten, über 200 Jahre alten Glarner Tüechli, Pasteten, Birnbrot und... André Reithebuch, Mister Schweiz aus dem Jahr 2009. © Daniele Carrozza
Farbenfreude an den Fassaden der nach dem Brand von 1861 schachbrettartig angeordneten Häuserreihen von Glarus. Farbenfreude an den Fassaden der nach dem Brand von 1861 schachbrettartig angeordneten Häuserreihen von Glarus. © Daniele Carrozza
Das Quellgebiet der Elmer Mineralquellen liegt auf 1200 m ü.M. Das Quellgebiet der Elmer Mineralquellen liegt auf 1200 m ü.M. © Daniele Carrozza