Vietnam
Good morning Vietnam
Vietnam im Aufbruch. Neue Strassen und Überbauungen. Das einst von unzähligen Velos geprägte Strassenbild wird jetzt von Motorrädern dominiert: Minsk aus Weissrussland, Ural aber auch unzählige Honda, Yamaha und einige chinesische Fabrikate.
Die Reisevorbereitungen für meine Motorrad-Exkursion hatte ich bereits in der Schweiz begonnen und mit einem lokalen Reiseveranstalter verabredet, eine Fahrt mit Motorrädern durch die Berge von Vietnam zu unternehmen.
Hanoi. Landeanflug. Man könnte meinen, wir würden direkt in Reisfeldern landen. Kaum betreten wir das neue Flughafengebäude, ertönt im Lautsprecher ein schrilles «Good morning, Vietnam!». Es hört sich fast so an, wie im gleichnamigen Spielfilm der Reporter Adrian Cronauer die amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg über die Radiostation begrüsste. Nach einer halben Stunde Fahrt über die nagelneue Autobahn steuern wir die riesige Brücke über den legendären Roten Fluss an. Dahinter beginnen bereits die Häuserzeilen von Hanoi. Unser Hotel liegt am Rande der historischen Altstadt und besitzt sogar einen Swimmingpool.
Überall Motorräder
Ausser dem Mausoleum von Ho Chi Minh, dem Hoan-Kiem-See, dem Literaturtempel, einiger weiterer Tempel und Museen hat die Stadt nichts Grosses zu bieten. Wer allerdings einfach durch die engen Gassen der Altstadt schlendert, der kann eine interessante und von der westlichen Welt noch relativ unbeeindruckt funktionierende asiatische Grossstadt erleben, wie sonst kaum irgendwo. Das macht Hanoi eigentlich aus. Wo wir hinkommen ist hektisches Treiben, dumpfer Motorenlärm ertönt, Menschen rufen sich gegenseitig zu, und unzählige Töff brummen wie im Bienenhaus durch die Strassen.
Ein kulinarisches Erlebnis
Vietnam feiert den 50. Jahrestag der Staatsgründung. Die Strassen sind mit tausenden roten Flaggen geschmückt. Die Strasse rund um den Hoan-Kiem-See, welcher direkt an die Altstadt grenzt, wurde für Fahrzeuge gesperrt. Ein ungewohnter Anblick, denn hier feiern nun die Bewohner ihr Nationalfest – tanzen zu Livemusik, sitzen vereint, Picknicken mitten auf dem frei gewordenen Platz.
Zum Nachtessen treffen wir uns mit Bao, dem vietnamesischen Reiseleiter, der lange in der DDR lebte und gut Deutsch spricht, in einem traditionellen vietnamesischen Restaurant. Zum Apéro gibt's vietnamesischen Tee, der leicht bitter schmeckt – zum Essen folgt dann wunderbar bekömmliches Bia-Hoi-Bier. Den vielen Häppchen folgen auf diversen Platten Leckerbissen wie gebratenes Huhn, Schweinefleisch mit exotischen Gewürzen angerichtet, gedünstetes Gemüse mit Knoblauch, wunderbar dekoriertes Mischgemüse, gebratene Nudeln und natürlich Reis. Die Platten mit dem feinen Essen stehen in der Mitte des Tisches, und jeder kann sich bedienen, so viel er mag. Doch das Essen mit den Stäbchen benötigt wohl etwas mehr als nur einen Tag Übung.
Aufbruch ins Ungewisse
Tagesanbruch. Sechs Uhr. Das Treiben in den Gassen weckt uns. In den Strassen preisen Verkäufer vom Land ihre Produkte an. Hier findet man lebendige und tote Hühner und Enten, frisches Gemüse, Früchte, Zuckerrohr, Gewürze, sogar frisches Weissbrot und zur Überraschung französischen Kiri-Weichkäse.
Vor uns liegen 250 km Motorradfahrt zum Nationalpark Ba Be in den Bergen. Wir folgen unserem Tourguide Bao noch etwas unbeholfen durch den dichten Stadtverkehr zum Roten Fluss (Red River). Durch den Brückenboden der riesigen Stahlbrücke aus den Dreissigern können wir wegen der teilweise fehlenden Bretter sogar das braunrote Wasser sehen.
Jetzt haben wir Hanoi hinter uns gelassen. Mit uns fahren unzählige Velos und Töff, aber auch Handwagen. Sogar ganze Büffelherden teilen mit uns die Strasse. Das anfängliche Hupen der überholenden Lastwagen und Busse wird zum Glück nach einigen Stunden Fahrt seltener. Der Verkehr nimmt stetig ab, und bald hat man fast das Gefühl, alleine in dieser ärmlichen Gegend unterwegs zu sein.
Nguyen: Die letzte Stadt
Nach 80 km treffen wir in der Stadt Thai Nguyen ein. Nicht zu übersehen ist das riesige Kriegerdenkmal gleich beim Stadteingang. Wir legen eine Pause ein, denn es sind einige hundert Stufen zum Denkmal hoch am Hügel zu bewältigen. Jedoch ist die fantastische Aussicht über die ganze Stadt mehr als nur eine Entschädigung für die Strapaze.
Man trifft im ganzen Land auf diese überdimensionalen Denkmäler. Auch in den kleinsten Bergdörfern. Sie erinnern an vergangene Freiheitskriege, dienen aber auch dazu, Ideologien mit Bildern an die Bevölkerung zu vermitteln.
Unser Reiseleiter kennt die Route wie seine Westentasche. Ohne seine Ortskenntnisse wäre es unmöglich, den richtigen Weg zum Ba-Be-See zu finden. In Vietnam sind auf legalem Weg keine detaillierten Strassenkarten erhältlich, und auch Wegweiser sind ausserhalb der Stadt sehr selten. Es war Ausländern ja auch bis vor einigen Jahren überhaupt nicht erlaubt, in diese Region zu reisen.
Heute sind die Vorschriften lockerer, und eine Bewilligung lässt sich organisieren.
Am Nachmittag fahren wir durch ein enges Tal, unter uns rauscht der Fluss in die Tiefe. Frauen bieten eine klebrige Reisspezialität feil. Der Reis wird in Bambusrohren auf dem Feuer gebraten und schmeckt lecker und leicht süsslich. Hier tanken wir Energie, denn frische Luft und Motorradfahren macht hungrig. Hier erleben wir Frieden, eine brüllende Stille, die uns Grossstadtmenschen ganz ungewohnt vorkommt – waren wir doch heute noch im Lärm von Hanoi gefangen.
Nie LKW und Wasserbüffeln den Vortritt nehmen
In der Zwischenzeit sind wir auf die direkte Verbindungsstrasse in den Nationalpark Ba Be abgebogen und gewinnen an Höhe. Die Strasse ist zwar nur zwei Meter breit, aber ganz neu. Auf einer Hochebene wird gerade Reis geerntet. Es gibt so viele Gründe für einen kurzen Halt. Immer werden wir in Windeseile von neugierigen Kindern umringt. In einem kleinen Strohhüttendorf bekommen wir von einer Familie Tee angeboten und können gleich zusehen, wie der Tee in anstrengender Arbeit zum Trocknen hergerichtet wird. Dann begegnen wir furchteinflössenden Wasserbüffeln. Sie trotten ruhig, aber bestimmt auf der Strasse. Aber wehe wenn sie die Strasse überqueren, dann sollte man ihnen schon Platz machen. Ein Vietnam-Reisender muss unbedingt wissen, dass Wasserbüffeln und Lastwagen immer der Vortritt zu geben ist. Machtkämpfe lohnen sich für Motorradfahrer nie. Allenfalls Velofahrer und Fussgänger stehen in der Hierarchie tiefer.
Die vielen spontanen Begegnungen und Eindrücke haben uns die Zeit vergessen lassen. Wir treffen erst knapp vor der Dunkelheit im kleinen Familienhotel am Ba-Be-Nationalpark ein. Der Besitzer lädt uns spontan ein. Seine Frau kocht für uns alle nur erdenklichen Speisen, welche traditionellerweise sitzend auf dem Fussboden eingenommen werden. Zum Abschluss gibt's den Reisschnaps Ruou De – einen Eigenbrand natürlich.
Am nächsten Morgen tauschen wir den Töff gegen ein Boot. Die Landschaft des Nationalparks ist geprägt von ausgedehnten Waldflächen, Bergen, Steilhängen, tief eingeschnittenen Tälern, Flüssen, Kulturland sowie dem See Ho Ba Be, dem einzigen natürlichen Bergsee in Vietnam. Gelegentlich spuckt der uralte Dieselmotor schwarzen Rauch. Dennoch geniessen wir die ruhige Fahrt auf dem Fluss sehr. Als wir den Ba-Be-See erreichen, wendet der Bootsführer schliesslich. Eigentlich wäre unser Abenteuer nach der Rückkehr bereits beendet gewesen, aber der Bootsführer lädt uns ganz spontan noch zum Trinken in sein Haus ein. Das Haus (Hütte) besteht nur aus einem kleinen Raum, der seitlich zum anderen Haus mit Brettern und etwas Blech abgegrenzt ist. Die Ausstattung ist sehr ärmlich, und die ganze Familie schläft jeweils auf dem Boden.
Cao Bang und die Spione
Cao Bang. Heute werden wir spektakuläre Bergpässe überqueren. Die Temperaturen? Angenehm, 24 Grad. Für vietnamesische Verhältnisse kühl. Auf der Schotterstrecke holen wir uns prompt einen Platten. In Cao Bang, der grössten Stadt des Nordens, besuchen wir das Monument von Ho Chi Minh, dem Idol und Freiheitskämpfer der Vietnamesen. Die Vietcong legten ab 1956 ein ausgedehntes Wegenetz an, das als so genannter Ho-Chi-Minh-Pfad während des Krieges gegen die USA traurige Berühmtheit erlangte. Cao Bang war jedenfalls für Ho Chi Minh während des Freiheitskampfs gegen die Kolonialmacht Frankreich ein sicherer Aufent-haltsort, da es nahe der chinesischen Grenze liegt.
Unser Ziel ist der Bian-Gioc-Wasserfall 100 km entfernt direkt an der chinesischen Grenze. Wir durchstreifen eine traumhafte Hügellandschaft, überqueren eine ganze Bergkette auf der kürzlich neu gebauten schmalen Passstrasse, vorbei am Zuckerhut-Felsen zum Fluss. Stillgelegte Bewässerungsmühlen aus Bambusrohren säumen den Weg. Heute werden dafür stinkende Dieselmotoren eingesetzt. Am Schluss geht es nur noch zu Fuss weiter – quer durch ein Reisfeld. Plötzlich schäumt direkt vor uns das Wasser über die Klippen. Geschafft! Aber mit Spionen hatten wir nicht gerechnet, Auf der anderen Flussseite in China werden wir durch Fernrohre beobachtet.
Zurück in Cao Bang starten wir nach Son La, einer kleinen Stadt am Fusse der Berge. Bereits nach einigen Kilometern entdecken wir einen kleinen Markt. Hier entdecke ich erstmals Reisschnaps, den Ruou De. Dieser wird in solch grossen Plastikgebinden verkauft – man könnte fast meinen, hier wäre eine Tankstelle.
In der Grenzstadt Dong Dang weiter nördlich herrscht emsiges Treiben. Grosse LKW werden mitten auf der Strasse umgepackt. Alles billige Importwaren aus China. Wir stehen eine Weile am Grenzübergang und linsen neugierig rüber nach China. Es ist wenig Betrieb. Obwohl Vietnam den wirtschaftlichen Anschluss an China sucht.
Ha Long: Weltkulturerbe
Hinter Son La verändert sich die Landschaft. Es wird flacher. Wir müssen einen kleinen Umweg machen, da die eingeplante Strecke während des Taifuns im September gesperrt werden musste. Gegen Abend erreichen wir dann die Küste des Chinesischen Meers in Ha Long City.
Die Ha-Long-Bucht ist ein Weltwunder im wahrsten Sinne und deshalb schon vor Jahren von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben. Hier ragen unzählige, spektakuläre Inselformationen aus dem Wasser, die wie Zuckerhut-ähnliche Berge aussehen – eine bizarre Welt von mehr als 2000 Inseln, Überreste gewaltiger Muschelkalkbänke, die vor 300 Millionen Jahren heranwuchsen. Eine Landschaft für Legenden: Der Ha Long, ein herabsteigender Drache, soll von den Göttern geschickt worden sein, um die Vietnamesen gegen Feinde aus dem Norden zu verteidigen. Sie verfingen sich im Gewirr der Inseln, als der Drache sie mit mächtigen Schwanzschlägen zurücktrieb. So entstanden die tiefen Kerben, die schroffen Felsen und die zahlreichen Grotten – erzählen sich die Einheimischen.
Über Nacht wirft das Schiff Anker in einer Bucht. Es ist sehr gemütlich auf dem Deck, dazu trägt auch die sternenklare Nacht bei.
Cat Ba City ist der Hauptort der gleich-namigen Insel, die zum Cat-Ba-Nationalpark draussen im chinesischen Meer gehört. Hier legt das Schiff nach dem Frühstück an. Wir werden zwei Tage in kleinen Sandbuchten ausspannen und etwas Sonne tanken. Ein guter Platz zum «Abhängen», denn Cat Ba war einst ein verträumtes Fischerdorf, aber in den letzten Jahren ist viel gebaut worden, und zahlreiche Restaurants und Hotels sind entstanden.
Goodbye, Vietnam
Die flache Strecke nach Hanoi stellt keine grossen Ansprüche. Wir haben uns fast vollkommen an die Vietnamesen angepasst und fräsen mit unseren Töff locker durchs chaotische Gewühl bis zum Hotel, das sich mitten in der Altstadt von Hanoi befindet. Reiseleiter Bao hat uns zum Abschluss ins Restaurant «Little Hanoi» eingeladen. Hier werden uns echte Köstlichkeiten serviert: Gedämpftes Gemüse in verschiedenen Farben mit leichtem Kokosgeschmack, Poulet mit gebratenen Nudeln, knusprige Ente, gekochtes Rindfleisch würzig angerichtet, natürlich weissen Reis und viele exotische Früchte. Ich wusste gar nicht, dass Vietnamesen so viel und gerne Bier trinken. Wir haben den Abend feuchtfröhlich beendet.
Am nächsten Morgen frühstücke ich nochmals vietnamesisch mit vielen köstlichen Früchten, wie ich es während zwölf Tagen immer getan habe. Dann heisst es: Tam Bien Ha Noi – goodbye, Vietnam.
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Der erste und einzige unzensierte Krieg des 20. Jahrhunderts Im Vietnamkrieg wurden zwei Millionen Vietnamesen getötet, drei Millionen verwundet und Hunderttausende Waisenkinder zurückgelassen. Zwölf Millionen Menschen verloren ihre Heimat. Der grossflächige Einsatz von Brandbomben (Napalm) und Entlaubungsmitteln (Agent Orange) führte zur Dioxin-Kontamination von Vegetation und Bevölkerung. In der Folge kommt es bis heute zu vermehrten Krebserkrankungen und Missbildungen an Neugeborenen. Noch 2007 sind eine Million Erwachsene und 150 000 Kinder betroffen. Es werden noch Generationen zu leiden haben. |
| Vietnam Allgemeines: Visapflicht für Schweizer und EU Bürger (www.vietnam-embassy.ch). Für die Fahrt in Nordvietnam und zur chinesischen Grenze benötigt man eine Bewilligung der Behörden. Beste Reisezeit: Januar bis Mai und September bis November. Anreise: Zürich via Frankfurt oder Paris mit Vietnam Airlines. Impfungen: Im Moment ist keine Impfung obligatorisch, aktuelle Infos findet man bei www.travel.ch Sicherheit: Vietnam gilt als das sicherste Reiseland Asiens. Sprache: Vietnamesisch. Ältere Menschen sprechen Russisch/ Französisch, jüngere Englisch. Unterkunft: Von Luxusherbergen bis zu preiswerten Minihotels. Vietnam bietet eine vielfältige Auswahl an Unterkünften aller Art. Saubere Doppelzimmer sind schon ab 10 USD zu haben. Essen: Die vietnamesische Küche ist berühmt und wird allenfalls von der thailändischen übertroffen. Motorradfahren: Ausländer benötigen offiziell einen vietnamesischen Führerausweis, das Dokument muss rechtzeitig beantragt werden, zudem ist seit Kurzem auf Hauptstrassen Helmpflicht. Organisierte Motorradreisen: MotoTours.com bietet Motorradreisen durch Vietnam an. Entweder als Strassentour oder als leichte Offroad-Tour in Nordvietnam. Die Motorräder und Bewilligungen sind im Reisepreis eingeschlossen, das Gepäck reist mit dem Mechaniker im Begleitfahrzeug mit, den Flug organisiert MTS Reisen. Infos: MotoTours.com Hardstrasse 56 5432 Neuenhof Tel. 056 406 05 82 Web: www.mototours.com oder www.vietnamtours.ch Literatur: Kulturschock Vietnam, ISBN: 978-3-8317-1629-6 und der Reiseführer Vietnam ISBN: 978-3-8317- 1720-0. Beide aus der Reihe Reise-Know-how. |
Halong-Bucht: Zumeist unbewohnte Inseln und Felsen - zum Teil mehrere hundert Meter hoch
Teepausen bieten immer die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit den freundlichen Einheimischen
Auf amerikanischer Seite fielen in Vietnam etwa 57 000 Soldaten, 153 000 wurden verwundet















