Normandie
Idylle und Sturm
Schwarz-gelb-grün leuchten die «Moulesàl’indienne», Muscheln nach indischer Art, in der Nachmittagssonne von Le Tréport. Welch ein Genuss gleich zu Beginn dieser Normandie-Tour, nicht nur auf dem Teller! Auch die quirlige Uferpromenade, der alte Fischereihafen und die höchsten Klippen der Alabasterküste sind ein wahrer Augenschmaus. Gut ins Bild passt die schmucke Zweifarblackierung unserer RoadKing. Nach der langen Anreise hat sich die Harley eine kleine Pause verdient – wartet dezent am Strassenrand geparkt auf die erste Erkundungstour mit einer frisch gestärkten Besatzung. Die freut sich schon auf den kühlen Weisswein am Abend.
Engine off – knister, knister…
Satt rastet der erste Gang ein, und wie von einem Schiffsdiesel getrieben gleitet das chromglänzende Schwermetall von dannen. Irgendwo hoch oben auf dem grünen Dach der Steilküste bei Mesnil-en-Caux findet sich ein stilles Aussichtsplätzchen: Engine off – knister, knister… das das Meer ist leicht gekräuselt, die Sonne lecker warm. Fast möchte man die Normandie, benannt nach dem Wikingerstamm der Normannen (Nordmänner), umtaufen in «Nettandie». Unsere blutigen Exkursionen in die Jahre 1066 und 1944 lassen wir also besser erst später folgen.
Jede Menge Töff-Plaisier
«Nebelmandie» heisst es am nächsten Morgen. Nieseliges Grau hat die Klippen und die Kirche Saint-Jaques von Le Tréport verschluckt. Einem Geisterschiff gleich verlässt unser amerikanischer Reisedampfer die Hafenstadt mit Kurs Südwest. Ab und anwerden mit Begonien und Dahlien, Tagetes und Kapuzinerkresse üppig bepflanzte Verkehrsinseln von der Harley umrundet, die wie bunte Bojen in den Dörfern auftauchen.
Im Nebel südlich der D 925 erscheint die Telegrafenleitung wie die Masten gestrandeter Schiffe, frisch geschnittenes Getreide bedeckt dazu passend in langen Wellen die Felder. Es duftet nach Salbei und Kamille. Gleich hinter Dieppe – in der Feriensaison quasi das nördlichste Arrondissement von Paris und fest in der Hand gestresster Hauptstädter - verspricht die auf der Kartegrün markierte D75 jede Menge Töff-Plaisier.
Endlich Sonne! Eigentlich sind fast alle Strassen der Normandie wie massgeschneidert für den voluminösen Leib der Road King. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls cruist es sich imSattel des 350-Kilo-Brockens ganz relaxt über die sanft geschwungenen, nur seltenwild die Richtung wechselnden Strassen. Zumindest auf diesem Terrain, dessen höchste Erhebungmit 417 Metern der Signal d’Ecouves ist.
Am Château de Janville leuchten die Hortensien rosa und blau. Nicht so fröhlich bunt sind die Farben in der Kapelle Notre Dame du Salut oberhalb von Fécamp, wo Bilder mit Windjammer-Motiven, manche stolz unter voller Takelage, andere havariert oder mit zerfetzten Segeln in sturmgepeitschter See, die Wände zieren.
Wahrzeichen der Normandie
Etretat! Die Küstemit dermarkanten Falaise d’Aval und der vorgelagerten Felsnadel Aiguille ist zusammen mit dem Mont-Saint-Michel das Wahrzeichen der Normandie. Einen guten Logenplatz mit Blick auf die Felsen hat, wer am Ortseingang von Etretat dieD11 verlässt und den Schildern zum Musée Nungesser et Coli folgt. Nicht umsonst wurde das sich dort bietende Panorama schon tausendfach fotografiert.
Zur Abwechslung folgt kurz darauf ein Wahrzeichen der Technik aus Stahlbeton – die Ponte de Normandie:Vorbei an Le Havre, im Zweiten Weltkrieg zerbombt und danach eher zweckmässig als schön wiederaufgebaut, twistendie fetten Pneus der Harley durch ein verschlungenes Geflecht von Umgehungs- und Schnellstrassen zur Brücke über die Seine. 100 PS mehr und 200 Kilo weniger an Bord – und die futuristisch-gigantische Brücke könnte zur Rampe zu den Sternen werden, so scheint es… na ja, zumindest zu den Wolken. Für Töff ist die Passage kostenfrei.
Kunst oder Kuchen?
Die gesparten Euro lassen sich prima anlegen in Honfleur. Das Hafenstädtchen hat sich vom Seefahrerstützpunkt des 16. Jahrhunderts zur Künstlerkolonie entwickelt und ist fest in touristischer Hand.
Rund um das von schmalen Häusern eingerahmte Hafenbecken hat man die Wahl, entweder köstlichen vergänglichen Genüssen zu frönen – oder, statt ins Strassencafé zu eilen, eine der vielen Gemäldegalerien zu besuchen. Natürlich nur, falls nicht sommerliche Hitze und die unbändige Lust auf ein Bad im nahen Meer alle solchen Gedanken obsolet machen.
Töffpolizisten in Stretchhosen
Angenehme Kühle und klassische Musik empfangen uns zum Frühstück bei Madame Catherine Caillot in Prêtreville. An den Wänden Bilder von Dalí bis Monet, dazu Muschelkreationen der Hausherrin. Seit die medizinische Sekretärin den Arbeitsplatz an einen Computer abtreten musste, betreibt sie ein Privatquartier (Chambre d’hôtes La Sauvagine). Wer ländliche Abgeschiedenheit und Familienanschluss schätzt, findet hier eine echte Alternative zu den Hotels an der Küste.
Von Prêtreville zurück ans Meer. Unterwegs ein Blick auf die imposante Basilika von Lisieux, einer auf das Château du Breuil mit seiner Calvados-Destillerie – und einer zur Sozia: «Möchtest du die Brennerei unbedingt besichtigen?» «Nö.» Also weiter zur Côte Fleurie. An der so genannten Blumenküste zwischen den Mündungen von Seine und Orne liegen Badeorte wie Trouville, Deauville und Cabour. Reiseführer schwärmen vom nostalgischen Schick der Belle Époque, Reisende schimpfen gelegentlich auf Nepp in den Restaurants, und die Sehnerven signalisieren ganz einfach «très joli»: Blumenkübel, gross wie Smart-Cabrios, trennen die Fahrbahnen, Motorradpolizisten in strammen Stretchhosen erfreuen die aufmerksame Touristin, und der tägliche Fischmarktvon Trouville ist mit seinem Krabbel und Glibberzeug selbst für Karnivoren (Fleischfresser) höchst interessant.
Café Gondrée
Zwei Stunden später sitzen wir nicht mehr ander Côte Fleurie, sondern vor dem Café Gondrée an der Pegasus Bridge. Vis à-vis steht ein ausgemusterter Panzer, an einem Ständer hängen Ansichtskarten mit Motiven der Invasion. Das Innere des Cafés ist bis zur Decke vollgestopft mit militärischen Devotionalien und erinnert daran, dass hier bereits kurz nach Mitternacht des 6. Juni 1944 britische Fallschirmjäger und Lastensegler landeten und die strategisch wichtige Brücke eroberten.
Heute ist das Café Gondrée – zu erreichen über die Orne-Brücke an der D 514 nördlich von Caen – ein ideales Fleckchen Erde, um das entspannte Treiben an den Nachbartischen zu studieren. Banal? Vielleicht, aber was bedeutet Frieden letztlich anderes als friedlicher Alltag?
Die Invasionsfront
Zeit, mal wieder mit dem Motorrad ein paar Meter zu machen. Westlich der Orne liegt der Küstenstreifen, wo unter dem Tarnnamen Overlord die Landung amerikanischer, englischer und kanadischer Truppen im von der deutschen Wehrmacht besetzten Nordfrankreich erfolgte. Aufgeteilt auf die Abschnitte Sword Beach, Juno Beach, Gold Beach, Omaha Beach und Utah Beach landete am frühen Morgen des 6. Juni 1944 (dem D-Day, wobei dieser Begriff ganz allgemein für eine grössere militärische Operation steht) eine gewaltige Armada: 6000 Schiffe und 13000 Flugzeuge setzten innerhalb weniger Stunden 160000 Soldaten ab. Schnell gelang es den Alliierten, die fünf Brückenköpfe zu verbinden.Weitere zwei Millionen Soldaten und 400000 Fahrzeuge folgten.
Am 21. August 1944 war für die Deutschen die Schlacht um die Normandie verloren, drei Tage später Paris befreit. Bei den wochenlangen Kämpfen starben schätzungsweise 200000 Soldaten der Alliierten, 350000 Angehörige der Wehrmacht und 50000 französische Zivilisten. ZumGedenken an die Toten reisen alljährlich am 6. Juni Veteranen aller beteiligten Nationen und deren Nachkommen an die blutgetränkten Strände, die ihre alten Codenamen bis heute behalten haben.
Zu den Schauplätzen von damals führen insgesamt acht ausgeschilderte Routen durch die Normandie, der nordöstlichste davon ist der Overlord-L’Assaut-Parcour von Merville-Franceville nach Bayeux. Ob die Batterie Allemande bei Longues-sur-Mer oder Reste des künstlichen Hafens Mulburry B bei Asnelles, ob der Film «The Price of Freedom» im 360-Grad-Kino von Arromanches oder der amerikanische Soldatenfriedhof oberhalb von Omaha Beach: An anschaulichem Stoff zum Thema herrscht wahrlich kein Mangel. Manche Leute reagieren nach dem x-ten mahnenden Panzer am Strassenrand auch leicht allergisch und fordern, es müsse doch mal Schluss sein mit den alten Geschichten. Riesige Schwarzweissfotos an der vom warmen Abendlicht beschienenen Kirche von Colleville-sur-Mer spulen für einen kurzen Moment die Zeit zurück, zeigen Soldaten vor den Ruinen des Glockenturms.
Liberté, egalité, fraternité…
Teelichter auf den Terrassentischen vom Hotel La Sapinière in Saint-Laurentsur-Mer sind eine Ankündigung auf das, was wenig später landesweit den Sommernachtshimmel erstrahlen lässt: Das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag 14. Juli.Wie wir wissen, erinnert der Tag an die Erstürmung des Staatsgefängnisses, la Bastille, 1789 und den Beginn der Französischen Revolution.
Wer noch historische Kapazitäten frei hat, für den ist der Teppichvon Bayeux ein Muss: Das 70Meter lange Prachtstück schildert in 58 Szenen die Eroberung Englands durch den uns vermutlich aus dem Englischunterricht bekannten normannischen Herzog William the Conqueror im Jahre 1066.
Und wer die vielleicht schönste Motorradstrecke der Normandie sucht, fahre in den äussersten Nordwesten der Halbinsel Cotentin an die Baie d’Ecalgrain – wundere sich auf demWeg dorthin aber nicht über die perfekt ausgebaute Strecke zwischen Cherbourg und Jobourg: sie führt zur atomaren Wiederaufbereitungsanlage La Hague.
Am anderen Zipfel der Halbinsel scheint dieWelt noch in Ordnung: Barfleur ist ein die Landratten wieder mal entzückender Fischerort, in dessen Nähe zudem der höchste Leuchtturm Frankreichs steht und der Tidenhub bis zu zehn Meter beträgt. Als sei das nicht genug der berichtenswerten Dinge, hat Richard Löwenherz von hier 1194 zur Krönung nach England übergesetzt. Ganz schnell wenigstens ein Wort zum benachbarten Gatteville: ein süsses Margeriten-Mauer-Kirche-Alimentation-Éclaire-Dorf.
Mont-Saint-Michel
Als dann endlich die Bilder der spektakulären Bucht von Écalgrain im Kasten sind, ist ein Anruf in Pontorson nötig, dass es bis zu unserem Eintreffen im vorgebuchten Hotel wohl noch etwas dauere. Es folgt ein gut dreistündiges, unvergessliches Road-King-Movie. Kein Stückchen Chrom, in dem sich nicht wie ein Kussmund die untergehende Sonne spiegelt, kaum ein Kreisverkehr, in dem es nicht erst links zu einer flüchtigen, fast kosenden Berührung von Metall und Asphalt kommt, dann nach rechts umgelegt und wieder hochgeschaltet wird, auf dass der 88er-Twin-Cam seinen Blues weiter in die Nacht wummere. Um Mitternacht sind wir am Mont-Saint-Michel. Eigentlich genau die richtige Zeit für eine Audienz beim wie ein Weihnachtsbaum erleuchteten Klosterberg.
Der an der Grenze zur Bretagne aus dem Meer ragende Granitfelsen, gekrönt von den Türmchen und Dächern einer Abtei, ist eine der markantesten Silhouetten der Christenheit und, wen wundert’s, zumindest tagsüber umbrandet von touristischen Fluten. Neun Kilometer weiter südlich wartet in Pontorson der Wirt vom Hotel Montgomery, Besitzer einer alten R100S übrigens, bereits mit den Zimmerschlüsseln, während seine Frau Marie-Christine uns mit Tipps für die Rückfahrt versorgt. Wochenlang liesse es sich durch das Landesinnere der Normandie touren. Besonders wenn man unterwegs das eine oder andere Mal aus dem Sattel steigt. Gelegenheiten dazu gibt es reichlich: Sei es, um den Frieden mit der Beifahrerin zu sichern, sei es, um auf den Weiden und Feldern lustig gesprenkelte Rinder zustreicheln oder auch eine merkwürdige Hundertschaft halbkugeliger Steine zu inspizieren, die aussehen wie Puddingschalen oder Stahlhelme.
Domfront
Auf der Suche nach einem Kaffeetrinkdorf sind wir in Domfront gelandet, einem mittelalterlichen Festungsstädtchen. Die Bar Normand mit Blick auf neobyzantinische Kirche und Hundesalon Quat’ Pattes (vier Pfoten) ist wie ein Openair-Kino: Als Vorfilm läuft heute «Rollerrennen», dann folgt «Familientreffen», ein Epos mit Überlänge.Wer dazu alle Crêpes und Galettes durchprobiert und immer schön mit Cidre nachspült, dürfte an einem solchen Nachmittag nicht mehr weit kommen. Weder zur Fosse Arthour, einer Schlucht der Sonce, wo der sagenhafte König Artus verschwunden sein soll, noch nach Bagnoles-de-l’Orne, Kurort und Heilbad inmitten des Waldes von Andaines. Rund um den Brunnen an der Place de la République von Bagnoles bitten Bars und Cafés zur Spätvorstellung. Wir nehmen die Einladung gerne an – nachdem zuvor mit dem an Thomas Manns «Zauberberg» erinnernden Hotel le Christal eine passende Bleibe gefunden ist.
Normannische Schlager
Was gehört sonst noch zur Normandie? Das Nationalgestüt Haras du Pin, Pilgerstätte für Pferdeliebhaber. Das Dorf Camembert, wo, richtig, ein normannischer Exportschlager reift. Zufall oder nicht, rund um Camembert zerfliesst der Asphalt fast in der Mittagshitze, liegt Lethargie in der bleiernen Luft, so dass die Tachonadel freiwillig Siesta bei Tempo 70 macht.
Die Äpfel an den Calvados-Bäumen sind noch nicht reif – aber wir so langsam fürs Meer. Yport bietet nur einen Kiesstrand. Dafür gibt’s etwas später Muscheln satt in St-Valery-en-Caux unter den vor Sonne (und Möwen) schützenden Schirmen der Brasserie Le Corsaire. In Quiberville können wir anderntags zuschauen, wie aus den Netzen eines Fischerbootes der frische Fang gepflückt und direkt an den Marktstand nebenan weitergereicht wird. In Le Tréport wartet vor der Rückfahrt deshalb noch ein allerletzter Teller Moules à l’indienne auf uns.
|
Normandie: Allgemeines: Die Normandie liegt zwischen Picardie und Bretagne im |



















