Südafrika
Im Garten Eden
Endlich setzt die Maschine zum Landeanflug an. Cape Town – oder auch Kapstadt – wird Ausgangs- und Endpunkt meiner zweiwöchigen Tour durch das südafrikanische Westkap. Durch das Fenster betrachte ich die imposante Szenerie: Der Tafelberg, der tiefblaue Ozean und die kolossale Skyline der Metropole. Nach der Ankunft geht es zum Hotel in der Nähe der berühmten Waterfront, wo ich nur kurz verweile, denn die Vorfreude zieht mich auf direktem Weg zu Ad, dem gut gelaunten Harley-Dealer. Ich erledige die Formalitäten, lasse mir einen Helm anpassen (es herrscht Helmpflicht) und mir endlich meine Maschine zeigen. Strahlende Augen betrachten die rot glänzende Fat Boy. Ich schwinge mich in den Sattel, starte und erfreue mich am vertrauten tiefen Sound. Den ersten Gang reingetreten, und ab geht es ins Vergnügen! Zu Beginn ist der Linksverkehr irritierend, doch man gewöhnt sich an (fast) alles. Welch erhebendes Gefühl, an einer der faszinierendsten Coast Lines der Welt im klaren Licht des späten Nachmittags entlang zu cruisen!
Durch das Weinland
In der Früh geht es mit meiner Fat Boy rein in den Verkehr und raus aus der Stadt in Richtung Weinland. Nach dem Verlassen des Highways cruise ich gemütlich dahin. Langsam stellt sich dieses Gefühl von Unbeschwertheit und Freiheit ein. Meine Route führt durch die alte Universitätsstadt Stellenbosch mit ihrem kap-holländischen Baustil, danach weiter nach Paarl mit seinen perlenähnlich glänzenden Granitblöcken. Immer wieder durchquere ich riesige Estates. In Gedanken erscheint mir ein prall gefüllter Weinkeller. Ich kann den edlen Tropfen förmlich riechen, als Reben an mir vorbeifliegen. Angekommen in Franschoek, lasse ich mir einen jungen, spritzigen Chardonnay genüsslich durch die Kehle laufen (Promillegrenze 0,8) und mich danach von diesem romantischen Örtchen gefangen nehmen.
Bevor ich am nächsten Morgen das Weinland verlasse, werfe ich vom Franschoek-Pass aus einen letzten Blick zurück auf die fruchtbare Ebene, ein ehemaliges Siedlungsgebiet der Franzosen. Hinter dem Gipfel bietet sich mir ein anderes Bild: Eine karge, unwirtliche und von Felsen durchzogene Landschaft. Welch ein Kontrast! Ich kurve die Serpentinen hinunter, passiere einen Stausee, aus welchem kahle Baumstämme ragen. Über Worcester gelange ich nach Robertson, dann nach Ashton. Hier verlasse ich die Hauptstrasse in Richtung Montagu. Unerwartet bietet sich mir ein überraschender Anblick: Der spektakuläre «Kogmanskloof». Ein kleiner Canyon mit bizarren Felsformationen. Bei einem natürlichen Felsportal stelle ich meine Maschine ab und nehme ein erfrischendes Bad in einem Seitenflüsschen des Breede River. Später erreiche ich Montagu und quartiere mich im legendären Country Hotel & Wellness Center ein. Der Charme des 110-jährigen Stadthotels zieht mich in seinen Bann und versetzt mich in eine vergangene Epoche.
Die Route 62
In Montagu beginnt sie, die Route 62, welche beidseitig von Gebirgsketten gesäumt wird. Ihre 700 Kilometer bedeuten feinstes Cruisen auf nahezu leeren Strassen, inmitten atemberaubender Landschaften. Diese Strecke hat viele Gemeinsamkeiten mit der amerikanischen Route 66. Beide waren einst wichtige Ost-West-Verbindungen. Die Route 66 hat Chicago mit LA, die Route 62 Cape Town mit Port Elisabeth verbunden, bevor die beiden Strassen durch die Interstate 40 in den USA bzw. die N2 im Western Cape ersetzt wurden. Glücklicherweise liegen die Dörfer hier in eher wohlhabenden Farmgemeinden und sind deshalb nicht zu Geisterstädtchen verfallen. Endlich habe ich diese legendäre Piste unter den Rädern, den tiefblauen Himmel über mir und die Karoo-Wüste um mich herum. Im Dezember flimmert die Hitze (35 °C) über dem Asphalt. Dahinschwebend fühle ich, wie meine Fat Boy und ich Bestandteil dieser wunderbaren Szenerie werden. Glücksgefühle überwältigen mich, und ich schreie vor Lebensfreude. Der Fahrtwind durchflutet mein Hemd und kühlt meine der gleissenden Sonne ausgesetzten (und gut eingecremten) Arme.
Unweit nach einer Tankpause in Barrydale traue ich meinen Augen nicht: Mitten im Nichts steht ein weisses Häuschen mit der Aufschrift «Ronnies Sex Shop». Realität oder Vision? Neugierig stelle ich meine Harley ab und stelle fest, dass es sich um ein Pub handelt. Eines der besonderen Art! Der Typ mit Bart und weissen Haaren hinter dem Tresen ist Ronnie, der Besitzer. Er schiebt mir ein Bier rüber, das ich mir durch die trockene Kehle laufen lasse, während ich mich umsehe: Decke und Wände sind vollgekritzelt. Skurrile Gegenstände, wohin das Auge blickt. Dessous, Spielkarten mit nackten Damen. «Das sind Souvenirs, die von angeheiterten Gästen zurückgelassen wurden», erklärt Ronnie. Die Lösung des Rätsels um den Namen des Pubs folgt sogleich: Eines Nachts machten sich ein paar alkoholisierte Freunde einen Spass daraus, den bestehenden Schriftzug «Ronnies Shop» mit dem Wörtchen «Sex» zu ergänzen. Seither wurden hier einige Werbespots und ein Roadmovie – in welchem der Pub ein Bordell war – gedreht. Ronnie wurde zu einer Route-62-Ikone und damit vermutlich zu einem der berühmtesten Pub-Besitzer Südafrikas.
Über Ladismith und Calitzdorp cruise ich anschliessend weiter nach Oudtshoorn. Die semiaride Landschaft weist Ähnlichkeiten mit Texas oder Arizona auf. Ladismith kündigt sich von Weitem durch den mächtigen, gespaltenen Gipfel des Towerkop an. Die Legende besagt, dass eine Hexe einst nicht in der Lage war, sich diesen Berg aus dem Weg zu räumen. Zornig zog sie ihm kurzerhand eins mit dem Besen über, wodurch dieser mittig gespalten wurde. Durch beeindruckende Bergpanoramen schlängelt sich der flimmernde Asphalt durch Calitzdorp, der Portwein-Metropole Südafrikas, dann weiter nach Oudtshoorn. Dort geniesse ich wohlverdient den Abend.
Nächstentags führt mich ein Abstecher zum Swartberg-Pass. Der am 10. Januar 1888 eröffnete, 1585 Meter hohe Pass wurde von Südafrikas Strassenbauer Thomas Bain geschaffen – für seinen 17. (und letzten) Bergübergang benötigte er mit rund 2000 Sträflingen ganze vier Jahre. Vor dieser beeindruckenden Kulisse klettere ich knatternd die Kehren hinauf und werde überrascht, denn die andere Seite ist erheblich spektakulärer: Eine geologische Wunderwelt aus feuerrotem Fels tut sich vor mir auf. Über Prince Albert und De Rust kehre ich zurück zu meinem Ausgangspunkt Outshoorn. Rechtzeitig, um im roten Licht der sinkenden Sonne einen exzellenten, kühlen Tropfen zu geniessen. In der frühmorgendlichen Kühle starte ich meine Harley und brettere zurück zur Route 62. Ich bin nahezu alleine auf dem perfekten Asphaltband, das zum Kurvenschwingen einlädt. Ich durchlebe Stunden des Wohlbehagens, fast weltentrückt, beschützt durch den sanften Rücken des Kougamassivs zur Linken und der Tsitsikamma- und Kareedouwberge zur Rechten. In Humansdorp holen mich der rege Stadtverkehr und die Erkenntnis ein, dass hier mein Route-62-Trip leider zu Ende ist.
Die Garden Route
Der nächste Tag beschert mir dafür ein weiteres Highlight: Die berühmte Garden Route. Zwischen Clarkson und Woodlands halte ich vor einem kleinen Store-Restaurant. Ich komme mit dem Besitzer ins Gespräch, da dieser als alter Biker von meiner staubigen, aber immer noch attraktiven Harley angezogen wurde. Er empfiehlt, die Passstrasse nach Kareedouw zu fahren. Zurück auf der Garden Route geniesse ich den zarten Duft und das satte Grün der Wälder, die sich entlang des Tsitsikammagebirges erstrecken. Dabei muss ich aufpassen, dass ich die Abfahrt zum Bloukrans-Pass – einer wilden, urwüchsigen Schlucht – nicht verpasse. Dort eröffnet sich mir das malerische Natur’s Valley. Bevor ich hinunter rolle, lasse ich mich vom unvergesslichen Blick in die Bucht und auf den Indischen Ozean bezaubern. Eine schmale Serpentinenstrasse führt zurück zur Hauptstrasse, welche mich zum Hotel in Plettenberg Bay führt. Am folgenden Morgen fahre ich über Heidelberg und Swellendam nach Bredasdorp. Jetzt sind es nur noch 40 Kilometer bis zum südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents, dem Leuchtturm des Cape Agulhas. Beeindruckend, dort am Riff zu stehen und sich bewusst zu sein, dass nur die Antarktis weiter südlich liegt. Nachdenklich kehre ich diesem Ort den Rücken und mache mich auf die Reifen. Ich cruise durch sanfte Hügel und leuchtende Kornfelder, um nach Gansbay zu gelangen. Dort erhalte ich die Gelegenheit, Wale in Küstennähe zu beobachten. Ein beeindruckendes Schauspiel! Am späten Abend setze ich meine Fahrt bis Kleinmond fort, um dort auf der Terrasse des Beach House meine Eindrücke Revue passieren zu lassen, während die Sonne im Meer versinkt. Das Finale meiner Western Cape Tour führt am nächsten Tag über die kurvenreiche Küstenstrasse nach Strand und via False Bay über Muizenberg, Fish Hoek und Simon’s Town zum berühmt-berüchtigten Cape of Good Hope, wo Indischer und Atlantischer Ozean aufeinander treffen. Einfach gewaltig, die Felsennase des Cape Point!
Wieder auf der Harley, begleiten mich Proteafelder (die Nationalblume), in denen Springböcke (das Nationaltier) ihrem Namen alle Ehre erweisen. Ein letzter Leckerbissen ist der Chapman’s Peak. Via Hout Bay geht es dann wieder zurück nach Cape Town.
Abschied
Geprägt von unvergesslichen Erlebnissen geniesse ich die letzten Stunden in Südafrika an der Waterfront. Im Flugzeug vergesse ich alles um mich herum und lasse glücklich und etwas wehmütig zugleich die Szenen meiner Reise Revue passieren. Dabei taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Werde ich irgendwann noch einmal die Gelegenheit erhalten, dieses einzigartige Stück Erde zu durchstreifen?
Touren-Infos: Südafrika, Cape town
Allgemeines:
Die 2,4-Mio.-Metropole Kapstadt (Cape Town) ist die drittgrösste und älteste Stadt Südafrikas. Sie liegt im Südwesten der Republik nahe dem Kap der Guten Hoffnung. Elf verschiedene Sprachen existieren, wobei Englisch im Alltag verbreitet ist. Der Strassenzustand ist fast europäisch, ebenso Tempolimits und die entsprechend saftigen Bussen dazu.
An- und Abreise:
Kein Visum nötig (ausser Enklave Lesotho). Flug Zürich–Johannesburg, Weiterflug nach Cape Town. Oder: Flug Zürich–Cape Town via Frankfurt a. M. Tickets zum selben Preis. www.flysaa.com
Klima:
Unterschiedliche Klimazonen existieren innerhalb des Landes. Südwesten: Juli bis Ende September: «Green Saison». Es regnet oft, alles blüht. Oktober bis Januar ist Sommer. Von März, April bis Mai ist es warm, meist windstill, und der Winterregen (Küstengebiete) hat noch nicht eingesetzt.
Preise:
Benzin ca. Fr. 1.30/Liter, gezapftes Bier ca. Fr. 3.–, gutes Mittagessen Fr. 12.– und ein Steak (300 g) um Fr. 15.–. Die Postkarte (Plus) funktioniert an vielen Geldautomaten. Tanken nur mit Bargeld. Tipp: Bei Planung Distanz zwischen Tankstellen beachten.






