Zum Ursprung
Kult-Tour
Hülsen von abgefeuerten Feuerwerkskörpern liegen herum, ansonsten erinnert nichts an das gerade vergangene lange Wochenende des amerikanischen Unabhängigkeitstages. Vor 62 Jahren musste sich das Putzpersonal wohl wesentlich mehr bemühen. Ich bin in Hollister, einem staubigen und langweiligen Kaff südöstlich von San Francisco. Hier hat an just dem gleichen Wochenende 1947 eine Biker-Party stattgefunden, die zuerst den Weg in die Boulevardpresse und dann ins Kino gefunden hatte. Betrunkene, gewalttätige Biker hätten hier für einen Aufruhr gesorgt, dass dem besorgten örtlichen Sheriff nichts anderes übrig blieb, als die Nationalgarde zu Hilfe zu rufen. So stand es zumindest im Life Magazine vom 21. Juli 1947. Die Polizeidokumente belegen jedoch, dass alles höchstens halb so schlimm gewesen sein kann und die Nationalgarde schon zuvor gerufen wurde – nicht wegen des Verhaltens, sondern wegen der grossen Zahl der Besucher, die an diesem Wochenende zu den Rennen an diesen gottverlassenen Ort kamen. Tote und Schwerverletzte wie in dem 1953 gedrehten Film «The Wild One» mit Marlon Brando in der Hauptrolle, der die Geschichte um die Welt trug, hat es erst recht nicht gegeben. Doch eines geben die an dem Gelage hauptsächlich beteiligten Boose Fighters und ihre Nachfahren gerne zu: Sie haben – wie immer – mächtig gebechert, und einige haben dann alkoholisiert so manches Kunststück auf der Hauptstrasse zum Besten gegeben. Ja, es gab auch Verhaftungen wegen Fahren unter Alkohol, aber am Montag sind alle entlassen worden und wieder heimgefahren. Die Geschichte hat gleichwohl den Kult der Outlaw-Biker geschaffen, der noch heute viele in seinen Bann zieht.
Fontana, San Bernardino, Hollister, Altamont, Oakland, San Francisco – dies sind die Geburtsstätten der Legenden um die Brüderschaften der legendären frühen MC und ihrer Machenschaften. «Die trostlosesten Orte in ganz Kalifornien, kein Wunder, dass die Biker einen draufgemacht haben, wenn sie sich amüsieren wollten», höre ich noch die Stimme von Katie, einer kalifornischen Journalistin, die mich nach dem Ziel meiner Reise fragte. In der Tat. Auch über 60 Jahre später ist Hollister ein trostloser Fleck, der zwar mittlerweile ein paar Einkaufszentren der üblichen amerikanischen Multis besitzt, in dem aber noch immer wenig los ist. Statt dem Hillclimb und dem Dirt Track wie damals gibt es heute eine Motocross-Strecke im Clubformat, ansonsten ist es nach wie vor ein kleiner Ort mit drei Hauptstrassen, zwei Eisenbahnkreuzungen und einfachen Einfamilienhäuschen. Die Leute verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft, alles ist staubig, langsam und monoton. Alle zehn Jahre kramen die Biker ihre Geschichtsbücher hervor, und dann ist diese Gemeinde froh, dass die Motorräder wieder wie einst in Scharen hier eintrudeln. Wie damals, als ihr Kaff Berühmtheit erlangt hat.
Doch wo kamen all diese Biker damals her? Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, gab es in den Häfen, in die die Kriegsflotte zurückkehrte, für wenige Dollars ausgemusterte Harley-Davidson WLA oder Indian Army Scout zu kaufen. In der San Francisco Bay Area genauso wie in Los Angeles und Umgebung. Für die Kriegsveteranen eine willkommene Möglichkeit, sich bei ihrer Rückkehr ein Stück Freiheit und Mobilität zu kaufen. Der Krieg war vorbei, Arbeit gab es für wenige von ihnen, und so schlossen sie sich zu Brüderschaften zusammen, teils mit denselben Kollegen, mit denen sie das Schicksal in der Warterei und dem Pulverdampf des nach langen Jahren beendeten Krieges zu Kameraden auf Leben und Tod verschweisst hat. Nach dem Vorbild der Rennmaschinen der damaligen Zeit wurden die Militärmaschinen, aber auch grösseres Gefährt aus der Vorkriegszeit von überflüssigen Kotflügeln und Ähnlichem befreit und zurechtgestutzt, der Bobber war geboren.
Fontana war damals eine einfache Arbeitersiedlung. Mittlerweile ist es in das Agglomerat von Los Angeles hineingewachsen, doch noch immer ist dies nicht die vornehme Gegend, in der sich die Reichen tummeln. Latinos, Schwarze und tätowierte Rapper bestimmen das Strassenbild. Hier haben sich 1946 einige trinkfeste Kumpels um «Wino» Willie Forkner zusammengefunden, die sich die «Boose Fighters», die betrunkenen Kämpfer, tauften. An jedem Wochenende eine Party, danach den Kater bekämpfen und wieder heimfahren, das war damals ihre Devise. Dass sie die Legende des 1%-ers schufen, erheitert den bis heute bestehenden Klub umso mehr, als dass sie sich selbst nie als Outlaw-Biker sahen, sondern als «ein Club von Trinkern mit einem Motorrad-Problem».
Über 500 Kilometer mussten sie von Fontana nach Hollister fahren, um an diesem berüchtigten Unabhängigkeits-Wochenende zur Party zu kommen. Über die California 1 an der Pazifikküste. Von dieser Strasse kann ich nie genug bekommen. Während die Sonne im Landesinneren immer heiss herunterbrennt, weht vom Ozean eine kühle Brise. Und dann dieses gigantische Panorama. Die Strasse läuft an schroffen Felsen entlang, Hunderte von Kurven machen die Fahrt zum Erlebnis. Bereits in den 30er -Jahren wurde diese Strasse errichtet und über die Schluchten der ins Meer mündenden Bäche Brücken geschlagen.
Hätten die Boose Fighters dafür Zeit und Sinn für Naturschauspiele gehabt, hätten sie in der Monterey Bay Wale beobachten können, die ihre gewaltigen Körper aus dem Meer werfen, oder Seehunde, die sich auf den Felsen sonnen oder Kopfsprünge ins Meer vollführen.
Dagegen ist es weiter im Landesinnern richtig fad. Im Sommer ist das Gras an den Hängen der Hügel, die sich immer wieder mit flachen Ebenen abwechseln, bereits vertrocknet und braun. Nur die noch grünen Kronen der Bäume ziehen grüne Tupfer und Linien in die braune Einöde. Nur selten zieht sich die California 68 durch Zedern- oder Kiefernhaine, in denen der Duft und die Kühle der Blätter eine kurze Abwechslung in den trockenen Ritt bringt. Die Party war es, wegen der es die Klubs durch dieses weite Land trieb, die Aussicht auf ein paar gelangweilte Provinzbräute.
Ich fahre von Hollister nordwärts. Nach Altamont, dem Ort, wo 22 Jahre später die Kuttenträger in die Schlagzeilen kamen. Nach dem Erfolg erneut von Woodstock wollten die Konzertemacher der Flowerpower-Bewegung mit einem Gratiskonzert am 6. Dezember 1969 in der San Francisco Area die Krone aufsetzen. Doch es endete in einem Blutbad, als einer der Hells Angels, die die Rolling Stones als Ordnungsdienst angeheuert hatten, den farbigen Meredith Hunter niederstach. Das Outlaw-Image und das Rebellische, das die Hells Angels als Mythos umwehte, faszinierte Mick Jagger damals, und nach anfänglich guten Erfahrungen waren sie seine erste Wahl auch für diesen Mega-Event. Hinterher distanzierte er sich von ihnen. Die Angels beteuern bis heute, dass sie nur ihrer Aufgabe nachgegangen seien und Jagger ihnen sein Leben zu verdanken habe, da Hunter eine Pistole hatte und damit Jagger erschiessen wollte.
Der Altamont Raceway, auf dem dieses Konzert stattfand, ist ein Halbmeilen-Oval, das in den 60er-Jahren für NASCAR gebaut wurde. «Nur haben die Planer es auf die falsche Seite des Altamont-Passes gebaut. Es weht dort ständig ein heftiger Wind, und die Strecke ist viel zu weit von San Francisco entfernt. Weder die Fans noch die Teams hatten je richtig Lust hinzufahren, so war Altamont eigentlich immer ein wirtschaftlicher Flop und wechselte in den letzten vierzig Jahren unzählige Male den Besitzer. Es ist eigentlich ein Wunder, dass es heute noch existiert», klärte mich Motorsport-Journalist Evan Williams über mein Reiseziel auf. «Dieses Konzert war für die damaligen Betreiber die Chance schlechthin, ihre Strecke anderweitig zu promoten. Und da in der Bay Area keiner hunderttausend bekiffte Hippies auf sein Anwesen lassen wollte, stand dem Veranstalter auch nicht viel anderes zur Wahl. In Altamont haben sie niemanden gestört.»
In der Tat. Ohne genaue Adresse hätte ich die Strecke nie gefunden. Nur ein kleines Schild weist am verrosteten Zaun drauf hin, dass hier ein Raceway ist. Der Wind weht orkanartig über die Anhöhe, nur Hunderte von Erdhörnchen rennen im vertrockneten Gras auf und ab. Im Talkessel flimmert die Sonne über dem Asphalt des verlassenen Ovals.
Dafür hat die Gegend ringsherum etwas von echter Wildwest-Romantik. Die Schienen der Western Pacific winden sich durch die Altamont-Berge teilweise noch über Brücken aus der Pionierzeit. Dazu weiden überall Kühe, und in kleinen Farmen werden Pferde gezüchtet. Doch auch die moderne Zeit ist hier eingezogen, dem Altamont-Pass wird entzogen, wovon er am meisten zu bieten hat: Windenergie. Die Wind-Generatoren sind zwar nicht ganz so gross wie die, die wir aus Europa kennen, dafür stehen Tausende von ihnen auf den Hängen. Ganz in der Nähe des Altamont-Raceway steht das Verteilerwerk, von dem aus der Strom in die Bay Area geleitet wird.
Ich nehme den Weg nach Westen. Nach Oakland, wo Sonny Barger 1957 das berühmte Chapter der Hells Angels gründete, das dem Klub seine endgültige Ausrichtung gab. Auch Oakland ist eine Arbeitergegend. Philippinos, Latinos und Farbige bestimmen das Strassenbild. Keine pompösen Bauten, meist nur einfache Einfamilienhäuser aus Holz finden sich hier. Mittendrin steht das Klubhaus der Angels wie eine Festung aus solidem Stein. Von Videokameras bewacht, mit einer massiven Holztüre wie ein gut gehender Nachtklub. Doch es ist keiner, es ist nur ein Ort, wo sich Gleichgesinnte treffen, die ihre Partys nicht mehr draussen im Staub, sondern in einem soliden Interieur feiern wollen.
Ich fahre weiter nach San Francisco. Die Stadt in den Hügeln um die grosse Bucht herum hat mehr Brücken als mancher europäische Staat, eine gewaltiger als die andere. Die vielen noblen Bauten aus der Zeit nach dem grossen Erdbeben vor 103 Jahren stellen aber nur den Teil San Franciscos dar, den wir von den Postkarten kennen. Einen viel grösseren machen die gigantischen Docks aus, wo die Fracht der Ozeanriesen aus der ganzen Welt verladen wird. Hier, in diesem Umfeld ist das andere grosse Chapter der Hells Angels, das Frisco Chapter entstanden. Es ist heute ebenso anwesend wie damals, doch die wilden Rebellen sind älter, oft weiser und wohlhabend geworden. Big Wayne, der Präsi der San Francisco Angels, betreibt California Choppers, einen gut gehenden Custom-Betrieb. Der Zweimeter-Hühne und seine Mitarbeiter bauen hier Träume für Kunden aus der ganzen Welt. Dass Wayne das macht, was ihm selbst gefällt, sieht man am besten an seinem eigenen Motorrad, das stolz hinter einer Absperrung steht: Ein Towerframe-Chopper, den er sich 65 000 Dollar kosten liess. Manche Kunden geben nicht weniger für ihr Bike aus. Chopper sind längst salonfähig geworden, die Kundschaft kommt aus allen gesellschaftlichen Kreisen bis hin zu Zahnärzten und Anwälten, die sich ihren kleinen Traum von der stillen Rebellion gönnen wollen.
Sucht man den Ursprung dieses Kults, trifft man auf ganz andere Facetten von Amerika als den auf Postkarten und in Hollywood-Filmen verbreiteten. Auf die Realität von Arbeitertum und Landwirtschaft, die es in der Zeit der Krise wieder besonders schwer hat. Doch gerade jetzt lässt diese faszinierende Reise wieder erfahren, woraus der Traum der grossen Freiheit bei den Bikern erwachsen ist, die vielerorts Nachahmer fanden. Von denen wiederum wissen die wenigsten, wo dieser Traum wirklich herrührt.
Kalifornien: Reiseinformationen
Allgemeines: Kalifornien ist der meistbevölkerte Staat der USA. In der Greater Los Angeles Area leben 17,5 Millionen Menschen, in der San Francisco Bay Area 7,5 Millionen. Das Klima ist mild bis warm, im Sommer ausserhalb der Küste heiss und trocken. Das Strassennetz ist sehr gut ausgebaut, die früher sehr strikten Geschwindigkeitsbegrenzungen sind heute stark gelockert.
Anreise: Los Angeles und San Francisco werden von sehr vielen europäischen Flughäfen angeflogen, es gibt unzählige Billigangebote. Bei der Swiss gibt es Direktflüge Zürich–Los Angeles schon für unter 900 Franken. www.swiss.com
Motorräde: Die grösste amerikanische Motorradvermietung Eagle Rider bietet viele Harley-Davidson-Modelle sowie Typen von BMW, Honda, Kawasaki, Moto Guzzi, Victory, Yamaha und sogar Vespa-Roller und Quads, und hat Filialen in allen grösseren Städten. In Los Angeles und San Francisco werden die Kunden auf Wunsch vom Flughafen abgeholt. Preise für eine Harley Sportster liegen um 96 Dollar/Tag oder 525 Dollar/Woche, eine Electra Glide kommt auf ca. 124 Dollar/Tag oder 695 Dollar/Woche. Die Firma bietet auch geführte Touren. www.eaglerider.com
Essen: Neben unzähligen Fastfood-Ketten, die für europäische Verhältnisse allesamt riesige Portionen zu relativ günstigen Preisen bieten, gibt es herzhafte amerikanische und lateinische Küche aller Art zu akzeptablen Preisen.
Übernachtung: Motels gibt es an allen Strassen ab 30 Dollar/Nacht, selbst in den Grossstädten sind Hotelzimmer ab 40 Dollar/Nacht zu bekommen.
Währung, Preise: US-Dollar, alle gängigen Kreditkarten. Preisniveau niedriger als in der Schweiz.
Organisierte Touren ab CH: www.dreamrider.ch










