Das letzte Abenteuer

Ligurische Grenzkammstrasse

Von Claudio Godenzi
27.07.2010 10:41:16
  

Nur für echte Kerle und starke Frauen – 85 Kilometer Schotter grob und Gestein satt: Die Ligurische Grenzkammstrasse.

Südlich des Westalpenbogens, wo der Gebirgshauptkamm von der Nord-Süd-Richtung in die West-Ost-Richtung schwenkt, wartet eines der letzten grossen Töff-Abenteuer des Alpenraums − eine der letzten legal befahrbaren hochalpinen Pisten mit jeder Menge fahrerischer Herausforderungen, bestechenden Naturschönheiten und viel Geschichtsträchtigem: Über die Höhenzüge Liguriens wurde bereits im 12. Jahrhundert wertvolles Salz von Frankreich nach Italien transportiert. Im letzten Jahrhundert erlangten die Schmugglerpfade wegen unerbittlicher Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Italien einen zweifelhaften Status; sie wurden zu Pisten ­ausgebaut, damit man schweres Kriegsgerät verschieben konnte.

Das beeindruckendste Überbleibsel dieser unerfreulichen Zeit ist die Grenzkamm-Höhenstrasse von Limone Piemonte über Pigna nach Ventimiglia an der italienischen Riviera. Auf der gesamten Strecke passiert man zahlreiche Militärfestungen und Bunker, die zwischen 1880 und 1940 erbaut wurden. Die italienischen Gebirgssoldaten (Alpini) hatten sich hier in Erwartung eines Krieges mit Frankreich verschanzt. Heute unverständlich, doch wer in die Geschichte von Piemonte und Savoyen eintaucht, wird schnell verstehen, warum. Kriegsrelikte, Bunker und das riesige Fort Central am Colle di Tenda können besichtigt werden.

Langsamkeit ist eine Tugend...
Natürlich könnte man durch den Tenda-Tunnel und das malerische Royatal zügiger ans Meer gelangen, aber unter uns Endurofahrern: Die direkteste Verbindung zwischen zwei Ortschaften ist eine Sünde, besonders wenn man sich in einem landschaftlich so schönen Gebiet befindet. Auch die Anreise zum nördlichen Ausgangspunkt des Schotter-Abenteuers, Limone Piemonte, lässt sich entweder auf die schnelle Tour über die Autobahn Milano−Torino−Cuneo bewältigen oder mittels Kurvenorgie über die schönsten Pässe der Westalpen.

Der Zielort Limone bietet übrigens eine grosse Auswahl an recht günstigen und hübschen Hotels. Empfehlenswert ist das einfache und preiswerte Albergo Panice direkt an der Auffahrt zum Tendapass und an bemerkenswerter Lage: Bis zur nächsten Haarnadelkurve sind es kaum 200 Meter, versprochen! Im Dörfchen selbst, das mehr auf den ­Winter- als auf den Sommertourismus ausgerichtet ist, lässt es sich fein essen sowie Proviant und Kartenmaterial bunkern. Übrigens: Wenn eine Yamaha TT 600 vor dem Kiosk beim Dorfplatz parkiert, wird der Besitzer gerne aktuelle Neuigkeiten und wertvolle Tipps zur nun beschriebenen Strecke zum Besten geben.

Schmale Passagen, tiefe Abgründe
Die Alpen-Traumpiste wurde vor allem in der Mussolini-Zeit, also zwischen den Weltkriegen, ausgebaut. Über 85 km lang, verläuft die Schotterpiste durch einsames Gebiet und berührt zwölf anfahrbare Hochpunkte. Wer also die Grenzkammstrasse mit Sicherheit geniessen möchte, sollte sich unbedingt einiger Fakten bewusst sein. Erstens: Man begibt sich auf eine lange und abgelegene Endurostrecke ohne Handyempfang. Zweitens: Es ist ratsam, genügend Proviant und Wasser einzukaufen, denn auf den gut 100 km Schotterweg ist kaum ein Brunnen und schon gar kein Restaurant auszumachen. Dass man wie wir von netten französischen Quadfahrerinnen mit Rotwein, Brot und Käse verpflegt wird, ist nicht garantiert. Drittens: Auch Werkzeug zum Radausbau und Flickzeug sollten nicht fehlen, denn wer im Falle eines Falles auf fremde Hilfe angewiesen ist, hat’s hier schwer.

Im Denzel-Alpenstrassenführer wird die Ligurische Grenzkammstrasse mit dem Schwierigkeitsgrad 4/5 bei einem Maximalwert von 5 bewertet. Zu Recht: Nicht wenige überaus ruppige und schmale Passagen mit tiefen Abgründen verlangen volle Konzentra­tion und eine gute Kontrolle über das Motorrad. Die Fehlertoleranz liegt hier bei null. Zwei im Jahr 2004 tödlich verunfallte Enduristen liefern den tragischen Beweis für diese Aussage! Sehr routinierte Fahrer können hier auch mit einer schweren Reiseenduro samt Sozia und Gepäck durchaus ihren Spass haben. Wer sich weniger zutraut, sollte jedoch mit leichtem Gepäck und einer leichten, stollenbereiften Enduro für mehr Sicherheit sorgen. Auf alle Fälle die Strecke nicht alleine befahren!

Wer zu früh kommt...
Vom Skiort Limone Piemonte geht es hinauf zum Tendapass. Man starte am besten möglichst früh am Morgen. Die Luft ist noch schön frisch, die Lichtverhältnisse sind ideal zum Fotografieren und die Strassen menschenleer. Trotzdem sind gemässigtes Tempo und Rücksichtnahme sowie Respekt vor der Natur oberstes Gebot. Hektische Crosser sind hier fehl am Platz. Vielmehr lädt eine atemberaubende Landschaft zum Endurowandern, Geniessen und Verweilen ein. Den Einstieg ins hochalpine Pistenabenteuer findet man links abbiegend auf 1 871 m Höhe und direkt an der Grenze zwischen Frankreich und Italien, auf der Tenda-Passhöhe.

Aber wer zu früh kommt, den bestraft die Schranke: Barrieren und Verbotszeichen weisen hier darauf hin, dass die Strasse nach starken Regenfällen oder bei Lawinenniedergängen unpassierbar ist. Wer keine böse Überraschung erleben möchte, kann sich bei der Polistrada von Limone (Telefonnummer +39 0171 925111) vorab erkunden.

Tenda: Kreuz und quer statt voran
Bevor man sich jedoch auf die atemberaubende Trasse über den Gebirgskamm begibt, sollte man keinesfalls die Südrampe des Passes verpassen. Während der Nordanstieg nur ein verschandelter Skihang ist, gehört die Südseite des Colle di Tenda mit ihren dicht übereinandergestapelten 62 Kehren zu den atemberaubendsten Passstrassen der gesamten Alpen. Hier geht es nicht mehr voran, sondern kreuz und quer. Am Fuss des Tendapasses übrigens liegt die sehenswerte ehemalige italienische Garnisonsstadt Tende. Sie gehört heute zu Frankreich.

Zurück zur Abzweigung auf der Tenda-Passhöhe – jetzt wird’s ernst: Wir stehen in die Fussrasten und lassen die Reifen in den Schotter greifen. Hat man die ersten Steilstücke und die langgezogene Kammpassage der Cima del Becco überwunden, erreicht man am Col de la Boaire eine wunderschöne Passage, die unter den Anhängern der Ligurischen Grenzkammstrasse Kultstatus hat. Auch der Abstieg zum Col des Seigneurs schlängelt sich durch ein wahres Felsenlabyrinth. Aber Vorsicht: Diese beeindruckende karstartige Landschaft weist auch die fahrtechnisch schwierigsten Passagen auf. Auf dem nun folgenden Streckenabschnitt gegen Süden kann man auch leicht die Orientierung verlieren. Egal, spätestens jetzt ist man sowieso einem starken Endorphin-schub ausgesetzt, sodass man vor Glück nur so strahlt – man will einfach nur weiter.

Etwas Übersicht verschafft der Monte Sacarello, der mit 2166 m Gipfelhöhe und einem grossen Erlöserdenkmal alles überragt. Ein Aufstieg lohnt sich – die Aussicht ist grossartig, und im Juni wird der gesamte Gipfel von unzähligen Alpenrosen in einen roten Teppich gehüllt. Hier ist bereits die halbe Strecke zum Meer geschafft, und doch fährt man immer auf ­rund zwei Kilometern Höhe. Man sollte also den Himmel stets im Auge behalten, denn plötzliche Wetterstürze können zu ernsthaften Schwierigkeiten führen. Darum muss man auch die schnellen Abstiege vom Kamm ins Tal, zum Beispiel nach Monesi auf der italienischen Seite und La Brigue auf der französischen Seite, kennen, um sich im Bedarfsfall schnell zurückziehen zu können.

Freie Sicht nach Korsika
Interessanter ist natürlich die Weiterfahrt zum Colla di Sanson und vorbei an der Cima di Marta. Die Passage ist oft gesperrt – dann sollte man die kurze Wanderung auf den Gipfel unter die Endurostiefel nehmen. Die Aussicht reicht bei klarem Wetter bis nach Korsika.

Duftende Nadelwälder, eingetaucht in das milde und warme Licht eines sich neigenden Pistentages, verzaubern hier die Sinne, Äste knacken unter den Reifen, an den Speichen zupfen Zweige. Unaufhaltsam geht es talwärts Richtung Meer. Den Schlafplatz am südlichen Ende der Grenzkammstrasse sollte man sorgfältig planen. Die touristische Infrastruktur ist hier im Hinterland des Mittelmeeres recht bescheiden geblieben. Eine Empfehlung wert ist die «Azienda Agrituristica Rifugio» am Langanpass. Sie bietet einfache, saubere Zimmer zum günstigen Preis, gute einheimische Küche und einen hübschen Campingplatz. Als ich hier vor Jahren wegen des kleinen Tanks meiner Yamaha XT500 strandete, half mir der Bauer aus mit etwas «Benzina Verde», dem subventionierten Landwirtschaftsbenzin. Ich solle mich ja nicht erwischen lassen, erklärte er mir mit breitem Lächeln.

Von Wegen und Abenteuern
Die nächste Abzweigung führt auf Asphalt, hinunter zu schmucken Dörfern wie Pigna, Dolceacqua oder Apricale. In Ventimiglia, an den Stränden der italienischen Riviera, ist also schon lange Ende Gelände. Mit der untergehenden Sonne im Rückspiegel erfolgt aber erst hier der mentale Wiedereintritt in die Realitäten des 21. Jahrhunderts: gesprengte Berge, zerklüftete Landschaft und mittendurch die vollständig radarüberwachte, begradigte, sichere neue ­Strassenwelt. Die hektische Betriebsamkeit auf der Autobahn A10/E80 Genua–Ventimiglia erscheint einem da plötzlich als krasse Unvereinbarkeit mit dem eigentlichen Sinn des Reisens – nämlich in die Welt einzutauchen, statt sie schnellstmöglich zu durcheilen.

So viel steht fest: Es wäre töricht, auf direktem Weg an die Küste zu rauschen, denn die Ligurische Grenzkammstrasse ist viel mehr als nur ein Enduro-Paradies. Sie ist eines der letzten «er-fahr-baren» Abenteuer aus Grossvaters Zeiten, wo Steinschlag oder plötzlicher Wintereinbruch noch jedem ­Reisenden Respekt und Demut vor der Natur abforderten. Nein, die «Ligurische» ist Kult: Das sind historische Kilometersteine, plattgefahrene Kronkorken, Blumen am Strassenrand. Auf den heutigen Strassen gibt es ­dagegen meistens nur ziemlich viel zu versäumen.

 

Ligurische Grenzkammstrasse

Allgemeines: Für Enduro-Novizen ist die einspurige Militärstrasse ungeeignet. Mit Wetterumschwüngen ist zu rechnen. Tankmöglichkeiten und Übernachtungsplätze gibt es nicht. Die Tour ist innerhalb eines Tages machbar, besser ist es, zwei Tage einzuplanen.

Anreise: Das Zielgebiet ist über Chiasso und Turin innert weniger Stunden erreichbar.

Übernachtungsempfehlungen: Limone Piemonte: Camping Luis Matlas, www.luismatlas.it; GPS: N: 44°12.520', E: 007°34.412'. Pigna: Grand Hotel Pigna, mit Thermalbad, Tel. +39 0184 240010. Colle di Lagan: Azienda Agrituristica Il Rifugio Colle di Lagan, schön gelegener Übernachtungsplatz (Camping/Zimmer/Restaurant, regionale Spezialitäten), Tel. +39 0184241661; www.agriturismoilrifugio.it; GPS: N: 43°58.075', E: 007°43.361'. Limone: Hotel Piccolo Parco, Tel. +39 338 7935689; www.piccoloparco.com

Sehenswürdigkeiten: Colle di Tenda: Den Pass mit seinen 64 Serpentinen soll schon Hannibal bezwungen haben. Die gewaltige Festung Fort Central (erbaut 1880) beherrscht die Szenerie. Tendatunnel: Erster Strassentunnel unter einem Alpenpass. Tenda-Eisenbahn. Ventimiglia: Pulsierende Stadt am Meer. Dolceacqua: Malerisches Städtchen. Oberhalb davon thront die Burg der Droia, Aussicht: Tête di Alp; GPS: N: 43°56.387', E: 007°36.480'. Batteria del Monte Lega: Bunkeranlage aus dem 2. Weltkrieg; GPS: N: 43°57.876', E: 007°38.111'. Pigna: Malerisches Städtchen mit Thermalbad; www.termedipigna.it 

Castel Vittorio: Der Ort klebt förmlich über dem Tal.

GPS: Download oben rechts im Artikel. Die Tour ist mit der Côte-d’Azur-Reise (03/10) kombinierbar.

Literatur/Strassenkarten: Denzel-Alpenstrassenführer, ISBN 3-85047-764-9, Fr. 54.–; Italienische Riviera, Dumont, Fr. 24.90; Liguria, 1:200000, Kümmerly/Frey, Fr. 13.–; Alpi Marittime e Liguri, 1:50’000, Istituto Geografico Centrale, Torino, Euro 8.70

Geführte Touren: www.tenere-e-tours.ch

Colle di Tenda, der Einstieg zur Ligurischen Grenzkammstrasse: Faszination Motorrad zwischen Landschaft und Endurowandern. Colle di Tenda, der Einstieg zur Ligurischen Grenzkammstrasse: Faszination Motorrad zwischen Landschaft und Endurowandern. © Michael Kutschke
Verträumte Pässe und Ortschaften. Verträumte Pässe und Ortschaften. © Michael Kutschke
Ligurien: Mare e monti - Meer und Berge und Motorradspass ohne Ende. Ligurien: Mare e monti - Meer und Berge und Motorradspass ohne Ende. © Michael Kutschke
Wo der Teer endet, beginnt das wahre Vergnügen. Wo der Teer endet, beginnt das wahre Vergnügen. © Michael Kutschke
Castel Vittorio, Ristorante Busciun: Typisch ligurische Spezialitäten. In diesem Restaurant kocht und serviert der Chef noch selbst. Castel Vittorio, Ristorante Busciun: Typisch ligurische Spezialitäten. In diesem Restaurant kocht und serviert der Chef noch selbst. © Michael Kutschke