Ostafrika

Obama's Place

Von Michael Kutschke
25.03.2009 09:44:59
Vorbei an den gigantischen Victoria-Fällen, weiter zu den Quellen des Nils. Dann am Äquator links – zum berühmtesten Dorf Afrikas.

Es gibt viele Gründe, eine Motorradreise durch Afrika zu machen: Pistenabenteuer, Trommeln in der Nacht, endlose Savannen, der Luxus einer Nobellodge an den Ufern des Nils, Löwengebrüll am Kilimandscharo, knisternde Lagerfeuer unterm Sternenhimmel der Sahara. Aber 10 000 km Hitze, Regen, Staub und mörderischer Verkehr im Sattel eines Töff, nur um ein afrikanisches Dorf zu besuchen, das aussieht wie tausend andere? Zugegeben, auf den ersten Blick ist Kogelo kein besonderer Ort: Doch hier, 70 km nordwestlich der kenianischen Stadt Kisumu, hütete Obamas Vater einst Ziegen. Die Piste wurde vor kurzem frisch geschoben – das Dorf aber ist auf keiner Strassenkarte eingezeichnet. Das wird sich bald ändern.

Afrikas Hauptverkehrsrouten sind meist weniger gut gepflegt als der Weg zu Obama’s Place: Zwischen Windhoek und Nairobi, dem Start- und Endpunkt unserer dritten Afrikareise, erlebten wir wahre Strassen-Albträume, schafften manchmal nur einen 20 km/h-Schnitt.

Afrika, die dritte
Umgestürzte Bäume, Geröll- und Schlammpassagen sind noch weit weg: gemächlich schwenkt der LTU-Airbus zur Seite. Vor zwei Jahren sind wir in Namibias Hauptstadt Windhoek erstmals mit unseren Motorrädern gelandet. Fly and Ride: Flug inklusive fünf Wochen Töffabenteuer. Wir haben die Enduros gleich hier gelassen, um einen Urlaub später eine neue Tour zu wagen: Angola.

Zehn Monate später ist es wieder so weit. Auch die dritte Einreise am Flughafen Windhoek geht ruckzuck über die Bühne. Doch ab jetzt ist Schluss mit Hektik: Vor dem Töffvergnügen steht Harrys Entschleunigungsprogramm für gestresste Europäer: Statt eines hektischen Bustransfers zu unseren Töff ins 300 km entfernte Otjivarongo wartet ein afrikanisches Truckerabenteuer: Mit einem defekten Lkw im Schlepp über 500 km durch die grandiosen Savannen Namibias.

Auf Nebenpisten sind wir mit Harrys Magirus drei Tage unterwegs. Die immense Staub-und-Diesel-Fahne scheint sich in der Weite der Landschaft zu verlieren. Mehr als 40 km/h sind nicht drin. Kein Grund für Langeweile: Vögel, Affen, Gazellen, Elefanten und Warzenschweine sind unser Videoclip zum Song des luftgekühlten Acht-Liter-Diesels. Übernachtet wird unter freiem Himmel. Im Tausend-Sterne-Hotel direkt neben der Piste, Trucker–Romantik mit lecker Steak inklusive.

Endlich wieder im Sattel
Ein afrikanisches Sprichwort besagt: Als Gott die Menschen erschuf, gab er den Europäern die Uhr, den Afrikanern schenkte er die Zeit.» Wie wahr. Fünf Tage später als geplant stehen wir an der Grenze nach Sambia. Die erste Töff-Panne stoppt uns bereits in Namibia. Batterie platt. Egal. Rundu, das Tor zum Caprivi Strip, entzückt uns schon wegen der glühenden Abendsonne über dem Okavango. Von den zahlreichen Krokodilen, exotischen Vögeln und dem netten Lodge-Besitzer, der uns eine Batterie besorgt, mal abgesehen.

Als wir in Kazungula endlich Sambia betreten, befinden wir uns noch tiefer in diesem Afrika, das so anders tickt als der Rest der Welt: Statt Wechselstuben und Banken stehen hier die Geldwechsler am Strassenrand. Und unsere Reisedokumente werden in einem verbogenen Container gestempelt. Dieses Afrika muss man erkriechen: Auf der Erde schlafen, sich den Wind um die Nase wehen lassen, riechen, schmecken und schmutzige Fingernägel haben. Unsere Motorradtour gibt dazu genügend Gelegenheiten: Victoria Falls, Lake Malawi, Kilimandscharo, Lake Victoria, die Quellen des Nils, Sambia, Malawi und Tansania – Livingstone, Lusaka, Dar es-Salaam, Nairobi, Kampala samt Oba-mas Dorf warten auf der klassischen Ostafrika-Hauptroute … und ein Ventilschaden.

Man rechnet auf einer 10 000-km-Motorradtour ja mit allem – manchmal sogar mit einem Unfall. Während es in Namibia und Malawi auf den Strassen noch zivilisiert zugeht, scheint es in Tansania keine Regeln mehr zu geben. Ab Sambia fordern knietiefe Schlaglöcher ständige Aufmerksamkeit. Dazu wird gerast, was das Zeug hält. Entsprechend häufig sieht man schwere Unfälle. Oft bleibt nur die Flucht ins Gelände, wenn uns mal wieder zwei überholende Busse aufs Korn nehmen. Will man selbst überholen, kämpft man gegen undurchdringliche Dieselwolken und Essensreste, welche aus den fahrenden Bussen geworfen werden.

Deshalb verlassen wir so oft wie möglich die Hauptstrassen, bevorzugen die zahlreichen Pisten durch nahezu unberührtes Buschland, vorbei an malerischen Dörfern, deren freundliche Bewohner uns immer wieder durch ihre Fröhlichkeit in ihren Bann ziehen: Batoka Runde, Leopard Hill, Nyika Plateau, World View Mbeya, Bagamoyo Tour, rund um den Kilimandscharo oder die Mount-Elgon-Umfahrung sind nur einige Offroad-Alternativen entlang der Ostafrika-Route. Der nördliche Abschnitt des Malawi-Sees mit seinen Bergpisten, die in engen Serpentinen vom Grund des grossen Grabenbruches aufsteigen, ist so ein Enduro-Paradies: In nördlicher Richtung passieren wir die hoch auf dem Khondowe Plateau gelegene Missionsstation Livingstonia. Hier stürzen die Manchewe-Fälle 70 Meter in die Tiefe. Die Aussicht über den Malawi-See? Ein Traum.

Rauch, der donnert
An technische Probleme denken wir am Sambesi noch nicht. Die Aussicht von der Waterfront Lodge in Livingstone ist einmalig: «Selbst die Engel müssen entzücken, wenn sie über die Victoria-Fälle hinwegfliegen», schrieb der Entdecker Livingstone hier in sein Tagebuch. Der berühmte Afrika-Forscher war der erste Europäer, der den Sambesi, übrigens der viertlängste Strom Afrikas, spektakulär und grollend in die Tiefe stürzen sah.

Wenn der Fluss Hochwasser führt, bilden die grössten Wasserfälle Afrikas den breitesten Wasservorhang der Welt: 120 Meter tief und fast 2000 Meter breit. Die Gischt steigt Hunderte von Metern hoch. Die Einheimischen nennen die Victoria Falls Mosi-oa-Tunya, was so viel wie «Rauch, der donnert» bedeutet.

Sachen gibt’s …
4000 km nördlich hängen wir bei Tanga am Indischen Ozean fest. Der Sandstrand ist kilometerlang, das Meer blau, der Fisch ausgezeichnet, die Sonne strahlt ohne Unterlass, aber die MZ will nicht mehr. Wir müssen nach Hause fliegen, Ersatzteile besorgen. Der GFK-Tank hat sich durch die miese Spritqualität aufgelöst und die Ventile verklebt. Sachen gibt’s …

Wochen später setzen wir mit neuem Tank und überholtem Zylinderkopf die Reise fort. Wir freuen uns auf Uganda – auf das westliche Ufer des Nils unweit des Äquators. 20 km nördlich Jinja und des Victoria-Sees wollen wir erst einmal den ganzen Ärger vergessen. Ein guter Ort: Der Weisse Nil strahlt eine einzigartige Ruhe aus. Kaum dem grössten See Afrikas entsprungen, ändert der längste Fluss der Erde genau hier, bei unserem Campsite, seinen Charakter: Das träge dahin fliessende Wasser wogt durch seine erste Stromschnelle auf seinem 6700 Kilometer langen Weg ins ferne Mittelmeer.

Sonntagszuschlag
Auch der Queen Elizabeth Park im Osten Ugandas ist geprägt durch das nasse Element. An den Ufern des Lake Edward und Lake George gelegen, fasziniert Ugandas berühmtester Nationalpark durch seine artenreiche Vogelwelt. Warzenschweine, Elefanten und Nilpferde flanieren gefährlich nahe am Zelt vorbei. Nilpferde und Elefanten zwingen uns sogar zu manch hektischem Wendemanöver auf den Pisten: Uganda erlaubt als einziges Land Afrikas das Befahren der Nationalparks mit dem Motorrad. Dem Risiko, als Essen auf Rädern zu enden, sollte man sich jedoch jederzeit bewusst sein.

400 km weiter. Wir campen direkt am Victoria-See unter riesigen Bäumen. Das Südsee-Flair der Sese Islands lockt mit weissen Sandstränden. Hier halten uns nur die Affen in Atem. Unser Frühstück ist mal wieder zum Teil in den Bäumen verschwunden. Die allzu menschlichen Gesellen mit ein paar Bananen zur Raison zu bringen, scheint der einzige Ausweg.

Tage später, nachdem wir die Fähre nach Entebbe verlassen haben, kämpfen wir beim Grenzübertritt nach Kenia mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten: Korruption ist in auch im zivilisierten Afrika zum «Lebensstil» geworden: Von uns wird ein fantastisch hoher Sonntagszuschlag gefordert, oder wahlweise gibt’s Einreiseverbot für die Töff. Wer gut schmiert, der gut fährt – dem Zöllner ein Scheinchen anzubieten, scheint der einzige Ausweg. Doch als wir unsere Zieldestination Obama’s Place, Kogelo, bekannt geben, plötzlich Schulterklopfen: Mit den Worten «We are brothers» werden wir, ohne einen Obolus entrichtet zu haben, begeistert von den Zöllnern gefeiert.

Kogelo ist nicht Washington …
… dennoch gibt uns die Reise nach Kogelo die Gewissheit, selbst Teil eines bedeutenden Umbruchs der Gegenwart geworden zu sein. Mit der Wahl eines Farbigen zum 44. US-Präsidenten sind sich Schwarz und Weiss auch in Afrika gleichsam über Nacht ein Stück näher gerückt. Obamas Grossmutter aber lebt fortan eingezäunt und bewacht in einem nicht mehr ganz gewöhnlichen afrikanischen Dorf.

 

Reiseinfos Ostafrika

Allgemeines: Ostafrika ist relativ günstig und einfach zu bereisen. Wer an Safaris teilnehmen und in schönen Hotels übernachten will, muss ordentlich zahlen.

Visa: Für Namibia genügt ein gültiger Reisepass. Für Sambia und Malawi benötigt man ein Visum, das man sich vor der Abreise bei den Botschaften besorgen sollte. Visa für Tansania, Uganda und Kenia werden direkt an der Grenze erteilt. Dies berechtigt innerhalb dieser Länder zum mehrmaligen Grenzübertritt. Man kann also problemlos nach Tansania, Kenia oder Uganda reisen und muss bei der Rückkehr nicht erneut Visagebühren bezahlen. Bei der Einreise ins Nachbarland werden allerdings die dortigen Visagebühren fällig.

Klima: Die Regenzeiten in Ost- und Südafrika sind kaum noch wochengenau vorauszusagen. Zudem sind die Hauptregenzeiten in den bereisten Regionen ohnehin sehr unterschiedlich. Sich darauf einstellen, dass die eine oder andere Piste unbefahrbar ist.

Strecke: Man kann auf der asphaltieren Hauptstrecke von Nairobi bis nach Kapstadt fahren. Die Tankstellendichte ist gut. Um Weihnachten muss in Uganda mit Versorgungsengpässen gerechnet werden. Die Verkehrsdisziplin ist chaotisch. Bis auf die Mount-Elgon-Runde war kein besonderes Fahrkönnen erforderlich.

Motorrad: Abseits der Hauptrouten sollte die Reichweite zwischen 350 und 600 km betragen. Unsere Töff sind deshalb mit 30-Liter-Tanks bestückt und rollen auf Continental TKC 80 vorn und Michelin Desert hinten. Nach Regenfällen sind besonders die Lateritpisten in Kenia, Uganda und Tansania extrem rutschig; ohne Stollenpneus geht dann nichts mehr.

Organisierte Motorradreise: Die Ostafrika-Tour wird von Explo-Tours Expeditionsreisen angeboten, Tel. +49-8065 9150.
Web: www.explo-tours.de

Unterkunft: Hotels mit europäischem Standard sind nicht gerade günstig. Akzeptabel ausgestattete Campingplätze sind daher eine gute Alternative.

Empfehlenswert:
Windhoek: Trans Kalahari Inn Lodge & Campsite. Direkt an der B 6 zum intern. Flughafen.
Mikumi, Tansania: Tan-Swiss Hotel. Der Schweizer Einfluss ist unverkennbar. GPS: S Xy° 17,325, E 36° 45,634).
Pangani, Tansania: Peponi Camp, Südseeflair. Sauber. Das beste Campsite bei Tanga, leider durch fallende Kokosnüsse nicht ungefährlich. GPS: S 01° XX,325 E yy° 45,634
Nairobi: Jungle Junction. GPS S 01° 17,325 E 36° 45,634. Besitzer Chris ist ein begnadeter Motorradschrauber.
Jinja, Uganda: The Haven. Luxus-Lodge mit Camp. Am westlichen Ufer des Weissen Nils. GPS: N 00°32,561‘ E 33°05,375‘)

Sicherheit: Die Metropolen Ostafrikas sollten nachts gemieden werden. Keine Wertsachen sichtbar mit sich tragen.

Literatur / Karten: Gute Infos liefern die Länderführer von Reise Know-How. Nahezu unbrauchbar sind die Strassenkarten vom gleichen Verlag, wobei Ostafrika-Karten grundsätzlich ungenau sind. Empfehlenswerte Übersichtskarte: Michelin 746 im Massstab 1:4 000 000.

Mehr Infos für Afrika-Reisende finden Sie in unserem Artikel, Afria für Selbstfahrer

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