Zillertaler Alpen
Rock im Schnee
Hält das pralle Leben nicht immer wieder herrliche Überraschungen für uns parat? Ich finde schon. So wie bei mir letztes Jahr im Februar. Freund Oliver, Bikerkollege und Tiefschwarze-Pisten-Skifahrer aus Bayerns Landeshauptstadt München, lag mit Schienbeinbruch und vollgekritzeltem Gips nörgelnd daheim herum. Nörgelnd, weil in seiner Garage eine funkelnagelneue Rockster dringend darauf wartete, eingefahren zu werden. Dringend, weil bereits wenige Wochen später eine Biker-Herrenrunde unter seiner Führung mit bajuwarischen Streetfightern in den Frühling an die Côte d’Azur brettern wollte – zum Sehen-und-gesehen-Werden. Dieser Plan war in Gefahr –zumindest für Oliver … und zwar mächtig.
So geschah es, dass mich eines Abends am Telefon die Frage traf, ob ich als motorraderfahrener und vor allem mittelalterlich-seriöser Freund Lust hätte, einige hundert Erstlingskilometer auf Rocksters Rücken abzureiten, um sie vor dem Südfrankreich-Trip auf die erste und wichtige Inspektion vorzubereiten. Natürlich hatte ich Lust, schwor zudem mit schmerzhaft überkreuzten Zehenspitzen, die Technik ohne jegliches Risiko und selbstverständlich ausschliesslich streng nach Vorschrift einzufahren. Bereits drei Tage später parkte ich mein Auto erwartungsvoll vor Olivers Haus, schnappte mir das nigelnagelneue Bike und sagte rasch adieu für zwei geplante Tage.
Doch nun wohin? Es war wie erwähnt noch nicht einmal März. In den Alpen lag der Schnee tankhoch, vor den Toren der Stadt dagegen war es matschig und trist. Na ja, erst einmal raus aus der Stadt. Richtung Süden im Tegernseer Land schien die Sonne, und der Wetterbericht versprach sogar eine zaghafte Portion italienischen Föhn. Die ersten Kilometer auf der Autobahn reizten unwiderstehlich, vorsichtig gab ich Gas, meine Arme wurden lang und länger, meine Mundwinkel zog es bis hinter die Ohrläppchen – vor Begeisterung. «Denk an die Einfahrhinweise», mahnte mein Gewissen. Insgeheim ein wenig murrend drosselte ich also meinen Vorwärtsdrang.
Freiwillig gemütlich
Der Schliersee träumte umrahmt von kahlen Bäumen und Altschneeresten noch den Abspann eines langen Winterschlafes, während sich eine strahlende Sonne bemühte, den zähen Nebel und die Mark und Bein durchdringende Kälte zu vertreiben. Die Ampeln entlang des Sees empfingen mich mit grüner Welle. Muss nicht sein, schimpfte ich und hätte so gern eine Rotlichtphase lang meine Finger in den Strom aufsteigende Motorwärme gehalten. Rocksters Heizgriffe grillten zwar meine Handinnenseiten, die ungeschützten Knöchel gefroren dagegen im eisigen Fahrtwind. Und es sollte noch schlimmer kommen. Den schattig-dunklen Ursprungpass vor Kiefersfelden überzog eine gefährliche Raureifschicht, mein Blutdruck testete ungesunde Rekordmarken. Jetzt hier in winterlichen Gefilden fernab meines Versprechens Olivers Bike flachlegen – die Freundschaft gibt es nicht, die das überstanden hätte. In Kufstein beruhigte ich meine Nerven erst einmal bei Kaffee und Kuchen, dann stand ich vor der Qual der Wahl. Mutig hinein in die winterliche Pracht der Kitzbüheler Alpen und weiter über den Gerlospass ins föhnige Zillertal, oder durch das verkehrsreiche und fahrerisch selbst im Winter anspruchslose Inntal gen Westen.
In der Gewissheit, dass eine Umkehr immer möglich sei, dirigierte ich die Rockster hinein in den Skizirkus Kitzbühels. Eine satte Inversion lag in den Tälern und sorgte trotz Textiljacke mit Winterfutter für eine zentimeterdicke Gänsehaut. Erst Pass Thurn führte mich mit 1273 Höhenmetern für ein paar Minuten aus winterlicher Kälte hinaus.
Schwungvoll rollte ich danach hinunter ins Salzachtal, schattige Kurvenlagen genauestens analysierend. Mittersill hüllte sich bereits in eine dicke abendliche Nebelwolke, deren Feuchtigkeit als kleine Eiszapfen an den Spiegeln der Rockster gefror. Höchste Zeit für eine wohlig warme Unterkunft. In Neukirchen zu Füssen des Grossvenedigers im Pinzgau wurde ich trotz schneeweisser Hochsaison fündig. Nur die Rockster musste draussen unter der Laterne parken und legte sich bis zum anderen Morgen aus Rache eine dicke Schicht Raureif zu.
Friedlich und harmlos sah die gefrorene Welt des Pinzgaus auch am anderen Morgen aus. Ein kräftiger Stern strahlte mit dem Schnee um die Wette, die sonnigen Strassen hatten zwar feuchten, aber berechenbaren Grip, und nach ausgiebigem Frühstück brach ich auf.
Eiskalt eingeschnappt empfing mich das Sitzpolster der BMW. Das gefrorene Schaltgestänge benötigte kräftige Fussarbeit, um laut und deutlich die Gänge zu sortieren. Stets abseits der Bundesstrasse 185 suchte ich mir anschliessend meinen Weg die sonnenverwöhnten Südhängen des Tales hinauf zum Gerlospass, dieser auch im Winter stets freigeschaufelten Verbindung zum Zillertal. Schneereste türmten sich an schattigen Stellen erwartungsgemäss bis zum Nabel an den Strassenrändern, und wie ein Marsmännchen auf Designermoped betrachtete mich so mancher Skitourist. Minutenlanges Kopfschütteln verfolgte mich mehr als einmal, was an diesem Tag nicht nur am Hingucker-Outfit meines Töff lag. Dann aber reizte mich bereits wieder das Unbekannte. Alte oder neue Gerlosstrasse, noch winterliches Niemandsland oder eine sorglose Fahrt über die geräumte Passstrasse, lautete die Qual der Wahl.
Mit kräftig steigendem Blutdruck nahm ich kurzentschlossen die Schlaglöcher der alten unter die Reifen. Es ging sofort hinein in dunklen Tann, der eisige Atem des Winters liess nicht nur meine klammen Finger gefrieren. Aber die Strasse gehörte mir allein, der Skizirkus spielte derweil auf dem mautpflichtigen Pass. Mit voller Konzentration fokussierte ich die üble Piste. Nur wenige lichte Momente gestatteten Ausblicke auf die grandiose Kulisse der Hohen Tauern mit dem berühmten Grossvenediger. Ermutigt durch die stetig wachsende Vertrautheit zwischen Rockster und mir räuberte ich anschliessend schwungvoll entlang der sonnenverwöhnten Hänge der Kitzbüheler Alpen. Oben am Gerlospass lief derweil der Skisport zu einem seiner saisonalen Höhepunkte auf, Lifte schaufelten die Abfahrer unermüdlich auf fast 2500 Meter Höhe.
Schluss mit lustig
Erst in Hainzenberg im sonnenverwöhnten Zillertal wurde es merklich ruhiger. Denn hier befand sich Freund Winter bereits spürbar auf dem Rückzug. «Versuch die Zillertaler Höhenstrasse», schoss es mir durch den sturmhaubenverpackten Kopf. Fasziniert von der Idee schwang ich über Schwendberg und Hippach durch eine Landschaft, die eben ansetzte, den strengen Alpenwinter endgültig zu vertreiben. Das bereits deutliche Grün der Hänge und Wiesen schmeichelte meinen Augen, die schmale Rampe zur Höhenstrasse war trocken und hatte sogar richtig Grip. Ein Fahrgenuss der fast schon frühlingshaften Art. Doch oben am Melchboden war urplötzlich Schluss mit lustig. Die knöcheltiefe Schneedecke, Strohballen als Bremshilfe für Schlittenfahrer und eine abgeschlossene Schranke schickten jeden Biker gnadenlos zurück. Ja, selbst Enduristen hatten keine Chance, die Sperre zu umgehen. An diesem Tag gehörte die Panoramastrasse augenscheinlich noch dem Winter allein. Doch das würde sich wohl alsbald ändern.
Insgesamt vier Auffahrten führen hinauf zur Zillertaler Höhenstrasse, die als eine der schönsten Panoramastrassen Österreichs auf immerhin über 2000 Meter verläuft. Hoch über dem Tal der Ziller windet sich die knapp 50 Kilometer lange Strasse um die Ostflanke der Tuxer Alpen und bietet grandiose Ausblicke auf die prachtvolle Bergwelt. Allerdings wird sie aufgrund ihrer teilweise exponierten Lage im Winter nicht geräumt, sondern kurzerhand einfach gesperrt. Nur Tourengeher und Rodler finden in dieser Zeit verkehrsfreien Spass in herrlicher Aussichtslage. Tief über die Karte gebeugt versuchte ich dem Rest des Tages ein lohnendes Ziel zu geben.
«Bei Ried isch frei, da kannst die Strasse hoch!» Erschrocken drehte ich mich um. Völlig unbemerkt hatte sich der alte Mann von hinten angeschlichen und begann, die Rockster interessiert zu mustern. Ungläubig fasste ich nach. Das Nordende der Zillertaler Höhenstrasse wirklich frei – jetzt, Ende Februar? Er bejahte, und auf einmal hatte ich ein neues verlockendes Ziel. Mit wohldosiertem Forscherdrang gab ich Gas.
Weit abseits der das Tal durchziehenden Bundesstrasse suchte ich mir meinen Weg über Erlach und Aschau nach Norden. In den Dörfern regte sich überall Leben, Gärten und Blumenfenster wurden auf den Frühling vorbereitet. Schmucke Bergbauernhöfe sonnten sich entlang der kaum zweispurigen Aufstiegsstrasse bei Ried, die von Eis und Schnee befreit eine zuverlässige Basis für behutsames Schräglagen-Feeling bot. Auch der Rockster schien der Ausflug mächtig Spass zu machen. Dann lag er vor uns, der nördliche Einstieg zur Höhenstrasse. Und eindeutig zweideutig war die sich mir bietende Situation. Das Schild befahl «gesperrt», die Piste selbst war bereits vollkommen schneefrei, und die Schranke stand einladend weit offen. Grübelnd begutachtete ich die Lage, rang um eine Entscheidung. Offiziell war die Höhenstrasse sicherlich nicht geöffnet, aber man könnte ja die Piste ein Stück weit testen. Doch was wäre, wenn hinter mir irgendein ahnungsloser Forstarbeiter die Schranke wieder schloss? Es bestand absolut keine Chance, an ihr vorbeizuzirkeln. Ich wäre gefangen wie ein Karnickel im Stall. Viel zu viele Wenns für meine Begriffe, ich kniff und drehte um, räuberte stattdessen kreuz und quer über die herrlich schneefreien Strassen im Tal, sammelte auftragsgemäss Kilometer um Kilometer.
Der Achensee lag noch im schönsten Sonnenschein, als ich die Rockster spätnachmittags am Ufer abstellte. Aber oben auf der Christlum wärmten sich die Brettlfans bereits mit Jagertee, statt sich dem Kurvenschwung über sulzigen Knochenbrecherschnee hinzugeben.
Schreck, lass nach!
Eine Sonnenbank lud zu einer Aufwärmpause ein. Hier, fernab des Trubels, war winterliches Biken purer Genuss, Balsam für die Seele und probates Mittel gegen chronisch juckende Gashände. Ganz zufällig landete mein umherschweifender Blick auf dem dunklen Motorblock des Boxers – besser gesagt auf dem, was davon noch zu sehen war. Ich erstarrte vor Schreck. Die vornehm mattschwarze Optik in harmonischer Kombination mit dezenten Blautönen war ohne jegliche Vorwarnung unter einer zentimeterdicken Schmutzschicht restlos verschwunden. Spritzschutz Fehlanzeige, hiess die gnadenlose Analyse – ein ganz und gar nicht ugendfreier Fluch tief aus meinem Innern entwich in die herrliche Welt des Achensees. Mit Tempotüchlein und geschmolzenem Schnee versuchte ich verzweifelt, das Gröbste zu beseitigen. Doch vergebliche Liebesmüh, dieser Töff verlangte bereits nach 400 Kilometern eine Showroom-taugliche und dazu noch klammheimliche Handwäsche.
Spurenbeseitigung
Die Sonne kratzte bereits am Gipfelkreuz des Rechelkopfes, als ich mir nach einem letzten Abstecher auf das winterliche Steinberger Plateau am sonnenverwöhnten Tegernsee eine letzte Aufwärmpause gönnte. Im Schutz winterlich früher Dunkelheit trieb ich die Rockster längst vergeblich um Pfützen und Schneeschmelze zirkelnd nach Bad Tölz und suchte mir ein warmes Zimmer für die Nacht. Ein kurzes vertröstendes Telefonat mit Freund Olli, und ich hatte einen Tag Zeit gewonnen für einen Plan zur Säuberung der mehr als nur versauten Streetfighter. Geschlagene vier Stunden dauerte anderntags die Spurenbeseitigung der winterlichen Spontantour in der Tiefgarage meines Wirtes, erst dann machte ich mich gemütlich auf den Heimweg und meldete mich kurz vor Sonneuntergang zurück bei meinem Bikerfreund, der sich vor Sorge um seinen Streetfighter bereits in seinen Gips verbissen hatte. Lieber Oliver, falls du dies hier zufällig lesen solltest: Ich finde, unsere jahrzehntelange Bikerfreundschaft verkraftet locker auch die ganze Wahrheit … oder nicht?
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Zillertaler und Kitzbühler Alpen Allgemeines: Das Tourengebiet von Mangfallgebirge, Tuxer und Kitzbüheler Alpen liegt an der Nordseite des Alpenhauptkammes zwischen Tegernsee, Innsbruck, Zell am See und Kufstein und ist touristisch voll erschlossen. Das Gebiet ist ein wahres Paradies für Kurzurlaube und Wochenend-Trips mit dem Bike. In Höhenlagen zwischen ein- und zweitausend Metern bieten sich hervorragende Ausblicke auf manche Berühmtheit der Alpen, wie die Grossglockner- und Venedigergruppen sowie das zerklüftete Kaisergebirge. Wichtige Telefonnummern: Achensee Tourismusverband, Tel. +43 52 46 53 00 |















