Terra Incognita

Sachsen

Von Michael Kutschke
24.11.2010 10:23:44

Schon der Blick auf die Landkarte lässt das Herz höher schlagen: Sachsen - ein unbekanntes Töff-Paradies mit zahllosen Kehren, dichten Wäldern und herrlichen Bauwerken.

Halt, hier Zonengrenze.» Mödlareuth 1972. Schon als Kind hatte ich bei einem Familienausflug zur «Grenze» ohne jede weitere Erklärung meines Vaters das Gefühl, «das da drüben ist so nah, zum Greifen nah – und doch viel weiter weg als Afrika oder Amerika». Wenn «drüben», durchs geteilte Dorf ein Trabbi die Strasse entlang knatterte, war man wie elektrisiert: Menschen!

Das Ende der Welt...
Mödlareuth 37 Jahre später. Ich kippe die Triumph Tiger vor dem alten DDR-Wachturm in den Seitenständer. Plötzlich werden all diese verblassten Kindheitserinnerungen wieder lebendig: «Da! Damals teilte hier der unüberwindbare Stacheldrahtzaun samt Minenfeld und Selbstschussanlagen das Dorf.»

Der Grenzabschnitt Mödlareuth war Teil der ehemaligen 1378 km langen Grenze zwischen der DDR und der BRD: 870 km Zaun, dazu auf 440 km Selbstschussanlagen, 230 km Minenfelder, 602 km Kfz-Sperrgräben und 434 Beobachtungstürme markierten unübersehbar den sogenannten Eisernen Vorhang.

Wie das Ende der Welt, wie ein einziges grosses Gefängnis, so erschien mir als Achtjährigem der Besuch von «Little Berlin» und die Grenze zwischen den zwei unversöhnlichen Militärblöcken NATO und Warschauer Pakt – zwischen zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, zwischen Verwandten, Freunden und Liebenden. Insgesamt 872 Menschen, vorwiegend Flüchtlinge, aber auch Angehörige der DDR-Grenztruppen oder Fahnenflüchtige der Sowjetarmee liessen am sogenannten «antifaschistischen Schutzwall» bis 1989 ihr Leben. Und Flüchtlinge, die es in den Westen schafften, wurden als «Republikfeinde» diffamiert; ihre zurückgelassenen Familien waren übelsten Repressionen ausgesetzt.

…und der Anfang einer Motorradreise
Mödlareuth und der Zufall: Die Teilnahme an einer organisierten Pressereise der sächsischen Tourismusbehörde führt mich fast vier Jahrzehnte später wieder an genau denselben Ort zurück, dessen Namen ich schon längst vergessen, aber dessen Anblick sich mir damals an der Hand meines Vaters fest ins Gedächtnis brannte: Mödlareuth… die Zeiten haben sich geändert. Und was damals keiner für möglich gehalten hätte – der Ort ist mittlerweile einer der wenigen Stellen an der ehemaligen Grenze, an der sich die bedrückende Teilung der Welt überhaupt noch erahnen lässt.

In den wilden Osten Deutschlands
Das ehemalige Zonenrandgebiet ist längst in die Mitte Europas gerückt. Wo damals Strassen und Schienen im Nichts endeten, ist heute mein Tor zu einem unbekannten Motorradeldorado. Also mache nach dem Besuch der Sperranlagen die Triumph startklar, lasse die Vergangenheit hinter mir und kurve frei wie ein Vogel hinüber in die Terra incognita, die liebliche Hügellandschaft des Vogtlandes, durch die sich überraschenderweise ein dichtes Netz aus einsamen Strassen und Wegen zieht. Mein Ziel? Der wilde Osten Deutschlands: Dresden, das Elbsandsteingebirge und die luftigen Höhen des Erzgebirges entlang der tschechischen Grenze. Doch gemach, gemach: Die vielen romantischen Fluss- und Bachtäler nötigen zu zahllosen Fotostopps. Allein die Göltzschtalbrücke bei Netzschkau könnte als Weltwunder durchgehen. Das imposante Bauwerk ist mit vier Etagen, 98 Bögen, 78 Metern Höhe und 574 Metern Länge die grösste Ziegelsteinbrücke der Welt. Über 26 Millionen Steine mussten für diese Konstruktion gebrannt werden.

Das Vogtland bietet neben allerhand Sehenswürdigkeiten sogar humoristische Einlagen: In der Stadt Pausa mit ihrem Riesenglobus, der sich seit 1934 auf dem Rathausdach dreht, tritt im Keller desselben nämlich die Erdachse zutage. Eine «Erdachsendeckelscharnierschmiernippelkommission» werkelt deshalb noch heute in den Katakomben des 1892 erbauten Gebäudes. Die Aufgabe der Spassvögel ist es, «die Erdachse schön zu ölen». Dafür sind eigens zwei Schnäpse im Einsatz: Erdachsen-Schmiere und Erdachsen-Öl.

Alte Knacker und Räuchermännchen
Der Wochentrip durch Sachsen, geplant als lockere Saisonabschiedstour durch herbstlich bunte Alleen und dunkle Tannenwälder, mausert sich unerwartet zum Töff-Highlight des Jahres. Nicht nur weil die raue Landschaft des Erzgebirges in völligem Kontrast zu den romantischen Flusstälern, trutzigen Burgen und idyllischen Schlössern des Vogtlands steht. Der Fichtelberg markiert übrigens mit 1214 m das Dach dieses wilden Mittelgebirges und ist nebenbei noch ein bekannter Bikertreff. Nicht ohne Grund, denn die Strecken zwischen dem Vogtland im Südwesten und dem Elbsandsteingebirge im Nordosten scheinen nur aus griffigen Kurven und Kehren zu bestehen. Die meist wenig befahrenen Strässchen schlängeln sich durch Hochtäler, einsame Wälder oder abgelegene Dörfer, die häufig aussehen, als wären die Uhren stehen geblieben.

Vor Jahrhunderten sorgten hier die Zinn- und Silbervorkommen für reichlich Arbeit und Lohn. Damals gehörte das Erzgebirge zu den reichsten Gegenden Deutschlands. Das muss eine wilde Zeit gewesen sein, denn die Region war nahezu vollständig von undurchdringlichem Urwald bedeckt, Räuber, Bären und Wölfe kamen bis vor der Menschen Häuser. Das unzugängliche Gebiet bildet noch immer eine natürliche Grenze zwischen Sachsen und Böhmen – und das ist der Stoff, aus dem heute noch die Sagen und Märchen sind. Und Souvenirs: Zahlreiche Läden, vollgestopft mit Nussknackern, Trollen, Wichteln und den berühmten Räuchermännchen, säumen die Strasse durch den Kurort Seiffen. Die Figuren werden hier seit Jahrhunderten gefertigt und orientieren sich seit jeher an traditionellen Berufsgruppen – stellen Schäfer, Waldarbeiter, Schornsteinfeger oder Hausierer dar. Egal ob Holzfiguren, Uhren, Musikinstrumente, Meissner Porzellan oder die Verarbeitung von Spitze: Zahlreiche Museen dokumentieren das handwerkliche Geschick der Sachsen, unzählige interessante Schaubergwerke und historische Stadtkerne säumen den Weg nach Dresden.

Ins Tal der Ahnungslosen
Auf der deutschen Seite verläuft sich das Erzgebirge langsam ins Tiefland der Elbe. Hinter der Uhrenstadt Glashütte, wo sich die Strasse nach Dresden entlang der Müglitz in zahlreichen Windungen durch Felsen sowie steile, bewaldete Berghänge schlängelt, wartet Dresden. Zu DDR-Zeiten wurde die Gegend um die Elbestadt als «Tal der Ahnungslosen» verspottet, denn hier konnte kein West-TV empfangen werden. Doch die Hauptstadt des Freistaates Sachsen hatte noch andere Namen, wurde einst «Elbflorenz» genannt.

«Dresden war eine wunderbare Stadt. Ihr könnt es mir glauben», so formulierte Erich Kästner seine Liebeserklärung an die Residenzstadt der sächsischen Kurfürsten und Könige. Zwinger, Semperoper… die wieder erstellten Barock- und Renaissance-Bauwerke wurden 1945 durch drei verheerende Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt – ein Inferno, das viele Dresdner noch heute traumatisiert (Kasten "Feuersturm über Dresden" unten). Die Stadt war ein Trümmerhaufen von 18 000 000 m³ Schutt. Aber bereits 1945 wurde mit den Aufräumarbeiten begonnen, doch die Ruine der Frauenkirche im Zentrum wurde als Mahnmal belassen. Es sollte 60 Jahre dauern, ehe sie für 179,7 Millionen Euro wieder in voller Schönheit erstand. Im Blick auf das Kuppelkreuz kann nun jeder ein anrührendes Werk der Versöhnung sehen: Es entstand in England, gestaltet vom Sohn eines der Bomberpiloten.

Wo das Leben tobt: Die Neustadt
Wem die Retro-Altstadt rings um die Frauenkirche eher als Flucht in eine verklärte Vergangenheit vorkommt, den wird das wogende Leben am anderen Elbufer begeistern: Denn was noch zu DDR-Zeiten als heruntergekommenes «Zecken-Viertel» galt, verwandelte sich in einen Kiez mit alternativer Kultur und unangepassten Bewohnern. Die Äussere Neustadt ist mittlerweile zum Mekka für Backpacker aus aller Welt geworden, die in den unzähligen Cafés sitzen und beim Cappuccino dem turbulenten Treiben zuschauen. Wo einst Studenten, Künstler, Punks und Hausbesetzer das Establishment provozierten, mischen sich heute auch gut Betuchte unters Volk: Ob «Club der Republik», «Stilbruch», «Scheune» oder «Kunsthofpassage» – wenn das übrige Dresden schläft, kommt die Neustadt erst richtig in Fahrt. Allein dieses Eldorado für Nachtschwärmer, Kneipenfans und Gourmets ist den Dresdentrip wert. Doch das Viertel bietet auch einen bunten Mix aus Alternativläden, Hinterhofateliers, flippigen Secondhandboutiquen, Schallplattengeschäften und Fundgruben.

Die Schweiz des Ostens
Der Tiger röchelt in der frischen Morgenluft mit seinem Fahrer um die Wette. Was für eine Nacht – schweren Herzens verlasse ich Dresden. Gleich hinter Stolpen beginnt auf der ehemaligen Rennstrecke bei Hohnstein das Kurvenvergnügen. Das Ziel heute: die Sächsische Schweiz, genauer die weltberühmte Bastei, ein Aussichtspunkt, der sich nur durch ein paar Schritte zu Fuss erreichen lässt. Doch für diese Mühe wird man reichlich entschädigt. Mir verschlägt es beim Ausblick die Sprache. Ein Panorama der Extraklasse. Hier bizarre Felsformationen, dort tiefe Schluchten, am Horizont kantige Berge. Tief unten schimmert im Dunst blau – die Elbe. So viel steht nach dieser Tour fest: Deutschlands Osten ist eine touristische Schatzkammer voller Juwelen, die erstaunlicherweise fast unbeachtet vor sich hinglänzen. Für mich war der wilde Osten jedenfalls viel zu lange Terra incognita.

Unbekanntes Motorradparadies Sachsen: Touren-Informationen

Allgemeines: Sachsen grenzt an Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, die Republik Polen und die Tschechische Republik. Topografisch lässt sich Sachsen in Flachland, Hügelland und Mittelgebirge einteilen. Die mit 1215 Metern höchste Erhebung Sachsens ist der Fichtelberg im Erzgebirge.

Anreise: Wer aus der Schweiz anreist, peilt auf der A 9 die Ausfahrt Hof im Westen des Erzgebirges an (5–6 h). Wer mehr Zeit hat, fährt bis Regensburg Autobahn (4 h) und dann auf Kurvenstrecken über Cham und Karlsbad in Tschechien, also durch den Bayerischen- und Böhmerwald ins Zielgebiet.

Übernachten: Schon zu DDR-Zeiten war das Erzgebirge ein Wintersportzentrum: In allen grösseren Ortschaften finden sich Hotels und Pensionen. TÖFF-Tipps: Hotel Sachsenbaude, 09484 Oberwiesenthal, Tel. +49 37348 1390, www.guenstig-ins-erzgebirge.de; Hotel Forstmeister, 08304 Schönheide, Tel. +49 377755 630, www.forstmeister.de. Eine Auswahl an wirklich genialen Hostels in Dresden gibt’s unter www.dresden-hostels.com

Sehensürdigkeiten: www.moedlareuth.de;www.goeltzschtalbruecke.de; www.stadt-pausa.de; www.schloss-schlettau.de; www.annabergbuchholz.net; www.glashuette-sachs.de; www.metropole-dresden.de; www.saechsische-schweiz.de; www.motorradparadies-erzgebirge.de

Reiseinfos und Karten: www.sachsen-tourismus.de, Tel. +49 351 491700 (Gratis-Töffkarten mit sämtlichen Infos); Dresden: Stadtteillotse Neustadt, ISBN 978-3-00-025782-7 (Info: silke-scholz@t-online.de).

Geführte Motorradtouren oder Motorradmiete: Almoto Motorrad Reisen, 01099 Dresden, Tel. +49 351 8031017, www.almoto.de

 

Irrsinn des Krieges: Feuersturm über Dresden

Qualm stieg von der Erde auf wie aus einem Schmelzofen. Schwefel und Feuer fiel vom Himmel, zerstörte die Städte Sodom und Gomorrha, heisst es im ersten Buch Mose. Am 13. und 14. Februar 1945 verbrannte die Stadt Dresden in einem Feuersturm biblischen Ausmasses. 773 Flugzeuge des britischen Bomber Command warfen 652 500 Stabbrandbomben über der unverteidigten Stadt ab. Am 15. musste das bereits vollständig zerstörte und mit Flüchtlingen überfüllte Dresden einen weiteren Angriff der US-Air-Force mit 126 390 dieser Bomben überstehen.

Die Zerstörung Dresdens ist ein dunkles Kapitel der alliierten Kriegführung, denn der Oberbefehlshaber des britischen Bomberkommandos, Arthur Harris, beabsichtigte nicht, kriegswichtige Gebäude zu treffen, sondern wollte durch einen akribisch geplantes Flächenbombardement absichtlich einen Feuersturm auslösen, der die gesamte Stadt zerstören sollte.

Ein Feuersturm entsteht, wenn sich mehrere Brandherde vereinigen. Dann wird die glühend heisse Luft wie in einem Kamin durch den Auftrieb bis zu 7 km weit nach oben gesaugt. Am Boden entsteht zugleich ein enormer Unterdruck, der mit unglaublicher Gewalt die Luft aus der gesamten Umgebung in den Brandherd saugt. Es war ein Zufall, der die britischen Militärs auf diese Angriffsmethode brachte, die in ihrer Vernichtungskraft nur von der Atombombe übertroffen wird. Kleine Brandstäbe, die eigentlich Bombenziele ausleuchten sollten, können unter passenden Bedingungen eine viel grössere Zerstörungskraft entfalten als die damals schwersten Sprengbomben. Die über Dresden abgeworfenen Stabbrandbomben enthielten Thermit – eine Mixtur aus Aluminium- und Eisenoxid –, das Temperaturen von 2000 Grad entwickelt und damit weit verheerender war als die damals üblichen Phosphorbomben. Der Einsatz solcher Waffen wird von vielen als völkerrechtswidrig angesehen, da Brandbomben sich nicht zur Bekämpfung von Punktzielen, sondern nur gegen sehr grosse bebaute Flächen, also in erster Linie zur Massentötung von Zivilisten durch Verbrennen eignen.

Die erste Angriffswelle um 21.30 Uhr hatte den Stadtkern Dresdens zum Ziel, da dieser aus alten, besonders gut brennenden Fachwerkhäusern bestand. Der herbeigeführte Feuersturm wütete auf 15 km2 dicht bebauter Fläche zwei Tage und Nächte lang. Im Zentrum brannte der Asphalt. Der Tod kam auf vielerlei Weise: Menschen wurden erschlagen, erstickten, bei lebendigem Leib vom Luftsog ins Feuer gezogen, in Brunnen gekocht, in denen das Wasser vom Feuer zum Sieden gebracht worden war und in die sie in ihrer Verzweiflung gesprungen waren. Während der Tagesstunden des 14. Februar schossen Tiefflieger auf tausende Überlebende, die auf die Elbwiesen geflüchtet waren, um dem Inferno zu entkommen. Die grossen militärischen Einrichtungen im Norden der Stadt blieben derweil weitgehend verschont.

 

Das geteilte Dorf

Am 27. Mai 1952 begann die DDR damit, die 1378 km lange Grenze zur BRD und nach Berlin West hermetisch zu verschliessen. Entlang der Grenze entstand auf dem Gebiet der DDR nun offiziell ein Sperrgebiet – ein zehn Meter breiter, gepflügter Kontrollstreifen, auch Todesstreifen genannt, weil dieser Bereich vermint und mit Selbstschussanlagen ausgerüstet war. Dazu kamen Kfz-Sperrgräben und Beobachtungstürme. Waren Personen ohne Passierschein in einer 5-km-Sperrzone aufgegriffen worden, wurden sie der versuchten Republikflucht verdächtigt – eine Straftat. Die menschenverachtende Grenze verläuft mitten durch das Dorf Mödlareuth. Die Amerikaner nannten diesen Ort deshalb «Little Berlin», weil es ebenso wie Berlin zum Symbol der deutschen Teilung wurde. Hier gab es eine Mauer, aber keinen Checkpoint. Hier war Sperrgebiet auf der einen – und Besucherandrang auf der anderen Seite. Hier war es sogar verboten, von Ost nach West zu winken. Die Grenzanlagen verlaufen noch immer mitten durchs Dorf. Doch sie trennen die Mödlareuther nicht mehr voneinander, sondern sind Bestandteil des Deutsch-Deutschen Museums. 

Sächsische Schweiz - Ein Traum aus Sandstein. Sächsische Schweiz - Ein Traum aus Sandstein. © Robert Gebler
Dresdens äussere Neustadt bleibt für die meisten Pauschaltouristen unerforschtes Gelände. Dresdens äussere Neustadt bleibt für die meisten Pauschaltouristen unerforschtes Gelände. © Robert Gebler
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