Polen

Serdecznie Witamy

Von Andri Hirt
02.06.2010 16:34:17
  

...heisst «Herzlich willkommen» auf Polnisch. Wer sich auf Reise durch das Land begibt, lernt eine herzliche Gastfreundschaft kennen.

Polen ist von hier aus in einem Tag zu erreichen. Obschon man die Geschichte dieses Landes kennt, verband ich damit vor Reiseantritt vor allem schlechte Witze über geklaute Autos. Zeit, das zu ändern und den Horizont zu erweitern: Auf nach Polen! Nach zwei Tagen auf deutschen Autobahnen erreiche ich an einem schönen Frühlingstag die polnische Grenze. Auf weitläufigen, breiten Hauptstrassen fahre ich meinem ersten Ziel entgegen, der Ostsee. Die Landschaft prägen landwirtschaftliche Flächen und Wälder. Die Strassen sind gut ausgebaut und bieten interessante Innovationen wie Digitalanzeigen, die über Luft- und Asphalttemperatur informieren. Viele Häuser am Strassenrand wirken
heruntergekommen, umso mehr fallen die meist gepflegten Vorgärten auf. Mehrmals werde ich überholt und merke, dass die beschilderte Limite in der Praxis als unterer Richtwert zu verstehen ist.

Mein Blick richtet sich zunehmend seltener auf den Tacho, und ich lasse mich mit einem ungewohnten Gefühl von Freiheit im Verkehrsfluss treiben. Wer sich hier nicht anpasst, wird bei der nächstbesten Gelegenheit überholt. Auch von einem Lkw und in bewohntem Gebiet, wenn es sein muss.

Dem Ruf der Ostsee folgend
Je mehr ich mich meinem Ziel nähere, desto interessanter und kurviger werden die Strassen. Von Bäumen gesäumt schlängeln sie sich über Felder und durch kleine Dörfer, die alle eine Backstein-Kirche im Zentrum stehen haben. Zwischen verfallenen Höfen sorgen technoide Windkraftanlagen für einen sonderbaren, aber für Polen typischen Kontrast. Von der langen Fahrt ermüdet, suche ich an der Küste einen der vielen preiswerten Campingplätze auf. Die Region ist auf Tourismus ausgerichtet und die Verständigung meist auf Deutsch möglich. In grösseren Ortschaften findet man viele Restaurants und Bars. Die langen Sandstrände laden zum Verweilen ein, auch wenn in dieser frühen Jahreszeit die See noch rau und an Baden nicht zu denken ist.

Malerisches Danzig
Die geschichtsträchtige Hafenstadt Danzig (Gdansk) gilt als eine der schönsten Städte Polens. Meine Vorfreude erstickt allerdings im Smog und im dichten Verkehr der Vororte. Die Plattenbauten verstärken trotz bunter Fassaden den tristen Eindruck.

Als ich mich endlich zum Zentrum durchgekämpft habe, belohnt mich die Altstadt, die so pittoresk wirkt, als entstamme sie einem Bilderbuch. Eng aneinandergereihte, wohlerhaltene Stadthäuser beherbergen Restaurants und kleine Läden. Zahlreich sind kleine Boutiquen, die alles Denkbare und Undenkbare, aus Bernstein gefertigt, anbieten. Auch ein Museum widmet sich dem Schmuckstein, der Danzig einst zu einer reichen Handelsstadt machte. Im alten Hafen werden zahlreiche lokale Fischspezialitäten angeboten, und Musiker sorgen für Stimmung. Einen kurzen Fussmarsch entfernt liegt der neue Hafen mit imposanten Schiffswerften. Leider ist dieser grossräumig abgesperrt. So kann ich nur aus der Ferne die riesigen Krananlagen bestaunen.

Abends besteige ich einen nahe gelegenen Hügel, auf dem ein mächtiges Kreuz über der Stadt thront. Die Anhöhe scheint wegen der Aussicht und Ruhe beliebt zu sein: Betagte sitzen auf Holzbänken und diskutieren, Junge lümmeln in der Wiese und trinken Wodka. Die Polen wirken auf mich nett und offen, doch die Kommunikation ist umständlich, da sie oftmals keiner Fremdsprache mächtig sind. Dies tut der Stimmung aber keinen Abbruch: Ein gemeinsamer Schluck des klaren Nationalgetränks überwindet die Barrieren.

Polens Urlaubsparadies
Meine Reise führt weiter nach Osten in die Masuren, ein beliebtes Urlaubsziel. Unzählige Seen und Kanäle laden zu Wasseraktivitäten ein. Hier kann man segeln, fischen, rudern, Jet-Ski fahren oder einfach nur gemütlich baden. Das Gebiet ist spärlich besiedelt, und ich schätze die wenig befahrenen Strassen, die sich als Alleen über Felder und durch die frischen, nach Moos duftenden Wälder ziehen. Man tut gut daran, die Landschaft auf sich wirken zu lassen und das Tempo im beschaulichen Rahmen zu halten. Der Strassenzustand ist zwar vorwiegend gut, aber mit fiesen Bodenwellen und einzelnen Schlaglöchern muss gerechnet werden. Und wer hier von der Strasse abkommt, landet ziemlich sicher in einem Baum.

Ich halte bei einem Tante-Emma-Laden, wie man sie in ganz Polen findet: gewöhnlich in einer einfachen Holzbaracke untergebracht und bis zum letzten Winkel vollgestopft. Hier findet man alles, was man zum Leben braucht. Der Kunde hat kaum Platz zum Stehen. Glücklicherweise werden die gewünschten Waren von der aufgeweckten Oma zur Theke gebracht. Meine Liste ist kurz und die wichtigsten Artikel im Blickfeld, sodass ich mich gut mit Handzeichen verständigen kann.

Auf der Weiterfahrt folge ich einem Camping-Wegweiser auf einen abenteuerlichen Waldweg, der für einen Wohnwagen unbezwingbar wäre. Über Wurzeln und durch Schlamm erreiche ich nach dieser unerwarteten Rallye-Etappe den Platz. Keine Umzäunung, keine Schranken und keine wehenden Fahnen erwarten mich, sondern ein alleinstehendes Häuschen in einer Wiese, von einem klaren See und von dichtem Wald begrenzt. Ein idealer Ort, um auszuspannen. Am nächsten Morgen werde ich von Regentropfen, die auf mein Zelt prasseln, geweckt. Ich beschliesse, in Richtung Süden weiterzuziehen. Um Zeit zu gewinnen, benutze ich die Nationalstrassen. Diese besitzen eine breite Fahrspur und in jede Richtung jeweils eine schmale Spur aussen, ähnlich einem Pannenstreifen. Doch statt von defekten Fahrzeugen wird diese vorwiegend von langsameren Fahrzeugen benutzt, um den Überholenden in der Strassenmitte Platz zu schaffen. Das Tempo ist verhältnismässig hoch, und es wird munter überholt. Für Motorradfahrer ist es ratsam, sich möglichst rechts zu halten, um dem pressanten Gegenverkehr nicht in die Quere zu geraten.

Die Gegend Mittelpolens ist flach, die Strasse verläuft bis zum Horizont schnurgerade durch weite Sumpf- und Landwirtschaftsflächen. Zusammen mit dem grauen Himmel weckt diese Szenerie nicht unbedingt Urlaubsgefühle. Die vielen Vögel fallen auf, vor allem die zahlreichen Störche, die auf Masten und Häusern nisten. Touristisch ist die Gegend wenig interessant, deswegen gibt es kaum Zeltplätze. Da es noch regnet, ziehe ich sowieso ein Hotel vor und halte in einem kleinen Städtchen.

Die Tanke mit Take-away scheint hier die grösste Attraktion zu sein. Ich kann mich dafür nicht richtig erwärmen und ziehe mich in mein Hotelzimmer zurück. Dabei komme ich mit einer weiteren polnischen Besonderheit in
Berührung: dem Fernsehen. Bei englischsprachigen Filmen und Serien werden alle Stimmen von einem einzigen Sprecher synchronisiert. Gleichzeitig ist im Hintergrund gedämpft der Originalton zu hören. Dank diesem konfusen Konzept und dem entsprechenden roten Knopf der Fernbedienung bin ich am nächsten Tag ausgeschlafen und kann mich früh auf die Weiterreise machen.

Endlich wieder Berge
Im Südosten Polens erheben sich die ersten Ausläufer der Karpaten, und die Strassen werden wieder kurviger. Nahe an der EU-Grenze zur Ukraine liegt die entlegenste Gegend des Landes. Im hügeligen Terrain sind Dörfer über schmale Strassen verbunden. Dazwischen verstreut liegen einzelne Häuser mit grossen Gärten und einzelnen Kühen. Auffällig sind auch hier die gepflegten Holzkirchen. Die fast verkehrsfreien Strassen wurden als dünne Asphaltdecke in die Natur gelegt, ohne dass vorgängig Unebenheiten ausgeglichen worden wären. Das bringt trotz des schlechten Belages viel Fahrspass, sofern man das geeignete Motorrad dazu mitbringt.

Weiter gegen Westen nimmt die Verkehrsdichte wieder zu, und ich treffe vermehrt auf andere Töfffahrer. Mein nächstes Ziel ist Zakopane, der prominente Winterferienort am Fusse des höchsten Bergs von Polen, der Tatra. Viele Velofahrer sind unterwegs, an Sesselliften hängen muntere Wanderer, und in der Luft kreisen Gleitschirme. Im Zentrum bieten zahlreiche Stände polnische Spezialitäten und Souvenirs an. Auf einer angrenzenden Schotterpiste versuche ich, möglichst weit einen Berg hochzufahren, um das Panorama zu geniessen, bevor ich auf einer Wiese mein Zelt aufbaue.

In der Früh mache ich mich auf die Weiterfahrt und wundere mich ob der vielen in Trachten gekleideten Menschen. Bei genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass alle in Richtung Kirche strömen. Ich erinnere mich, dass Fronleichnam ist. Kurz darauf wird die Strasse gesperrt, und ich darf mit den Autofahrern am Strassenrand warten. Nach einer Weile nähert sich eine Prozession und zieht langsam an uns vorbei. Ein eindrückliches Schauspiel. Später treffe ich an einer Tanke auf zwei eingefleischte Harley-Fahrer und bestaune deren Maschinen. Die kurzen Rohre lassen einen deftigen Sound erwarten. Wir haben den gleichen Weg vor uns, und ich folge ihnen. Einmal lauert die Polizei am Strassenrand, und ich greife reflexartig in die Bremse, doch die Harley-Jungs lassen es extra richtig krachen. Ich amüsiere mich über den Kontrast zwischen meiner Reaktion und dem ungewohnten zivilen Ungehorsam. In Polen darf man offenbar manches etwas lockerer sehen.

Der Abschied naht
Die Grenzregion zu Tschechien und der Slowakei ist ein Paradies für Töfffahrer. Viele schwach befahrene Kurvenstrecken, schöne Aussichtspunkte und schöne Städte (z. B. Breslau) machen diese Region zu einem Erlebnis. An der deutschen Grenze angekommen, lasse ich das Erlebte Revue passieren. Ich kann nun ein paar Vorurteile ablegen und bin erstaunt über den vorwiegend modernen Standard des Landes, wodurch manchmal auch bizarre Kontraste entstehen. Die Gastfreundschaft ist herzlich, und so ist es zu zahlreichen netten Begegnungen gekommen. Erfreulich ist auch, dass es sich abseits der touristischen Zentren authentisch und preiswert leben lässt. Die Ostseeregion und die Gebirge im Süden gehören jedem Motorradfahrer ans Herz gelegt. Die Strassen sind für Kurvenliebhaber ein Vergnügen. Die Nebenstrecken sind mit sportlichen Maschinen noch gut zu meistern, auch wenn dort etwas Federweg von Vorteil ist. Mit einer Enduro lassen sich dafür auch etliche Schotterpisten und Waldwege erkunden, die zu zahlreichen spannenden Entdeckungen abseits der Hauptstrassen werden.

 

Reiseinfos Polen

Unser freier Mitarbeiter Andri Hirt ist leidenschaftlicher Fotograf und Töfffahrer. Mit Freunden und auf eigene Faust unternimmt er ausgedehnte Reisen wie z. B. eine Skandinavientour mit seiner seeligen Yamaha R6 († bei 96 000 km). Die Reise durch Polen unternahm der Autor vom 1. bis 14. Juni 2009 mit seiner Honda Africa Twin. Dabei legte er in gesamthaft 11 Fahrtagen 5459 km zurück.

Wer auf den Geschmack gekommen ist – hier ein paar Infos zum Land:
Die erforderlichen Dokumente für die Einreise mit dem Motorrad sind: gültiger Pass oder ID, Fahrzeugausweis und Führerschein. Eine grüne Versicherungskarte ist nicht nötig, aber nützlich. Polen zählt seit 2004 zur EU. Die nationale Währung ist der Zloty (1 Zt = 0.37 SFr.), mit EC gibts Cash am Automaten. Die Landesfläche misst 312 678 km² (ca. 8-mal die Schweiz), die Einwohnerzahl beträgt 38,2 Mio. Strassen: Autobahnen gibt's nur wenige, und die sind mautpflichtig. Das Tankstellennetz entspricht europäischem Standard, 98 Oktan ist rar. Es gilt ein Lichtobligatorium für alle und eine 0,2-Promille-Grenze. Tempobussen sind vor Ort zu bezahlen, liegen allesamt aber «im Bereich des Vernünftigen».

Übernachtungsmöglichkeiten findet man auf

www.polhotels.com, www.campingpolska.com oder www.camping.info/polen.

Die Notrufnummern: Polizei 997 und Rettungsdienst 999.

Malerische Szene unweit von Ustronie Morskie an der polnischen Ostseeküste. Malerische Szene unweit von Ustronie Morskie an der polnischen Ostseeküste. © Andri Hirt
Die Werften sind für Privatpersonen nicht erreichbar und mit Stacheldraht grossräumig abgeriegelt. Die Werften sind für Privatpersonen nicht erreichbar und mit Stacheldraht grossräumig abgeriegelt. © Andri Hirt
Tourismuszentrum: Alter Hafen der ehemaligen hanseatischen Handelsstadt Danzig. Tourismuszentrum: Alter Hafen der ehemaligen hanseatischen Handelsstadt Danzig. © Andri Hirt
Die hügelige Region bei Milówka an der Grenze zur Slowakei weckt den Enduro-Fahrer in dir. Die hügelige Region bei Milówka an der Grenze zur Slowakei weckt den Enduro-Fahrer in dir. © Andri Hirt
Marktszene in Zakopane. Marktszene in Zakopane. © Andri Hirt
Tradition gelebt: Fronleichnamsprozession. Tradition gelebt: Fronleichnamsprozession. © Andri Hirt
Traum des Strassenfahrers: Verkehrsarmes Kurven-Eldorado bei Dolny Kubin (Slowakei). Traum des Strassenfahrers: Verkehrsarmes Kurven-Eldorado bei Dolny Kubin (Slowakei). © Andri Hirt