Ukraine

Todeszone

Von Robert Annetzberger
01.12.2008 12:19:52
Tschernobyl hin und zurück für einen guten Zweck: Szenen einer Club-Ausfahrt.

Nach einer kurzen Morgenandacht geht’s los. Mit Polizeieskorte donnern Dutzende Bikes am Samstagmorgen durchs menschenleere Wien. Vor den Toren der österreichischen Hauptstadt teilt sich der Konvoi in kleine Gruppen auf.
Die slowakische Hauptstadt Bratislava lassen wir links liegen, steuern weiter Richtung Osten in die Berge. Während des Mittagessens in Brezno, bei dem wir Gäste des slowakischen Motorradverbandes sind, hat Petrus immerhin ein Einsehen: Zwei Stunden lang lacht die Sonne.

Doch als wir uns später auf schönen, kurvigen Strassen die Höhen der Tatra hinaufarbeiten, empfangen uns auf eintausend Meter über Meereshöhe wieder Wol-ken mit nasskaltem Nieselwetter.

Der erste Kontakt: Ukraine
Es dämmert bereits, als wir uns an der ukrainischen Grenze versammeln. Uzgorod, unser Tagesziel, ist nicht mehr weit, doch zuvor müssen wir einige Grenzformalitäten über uns ergehen lassen. Die Beamten sind nicht unfreundlich, trotzdem ist die Prozedur langwierig und umständlich. Nach vier Stunden hat auch der letzte seinen Einreisestempel im Pass.

Auf der anderen Seite wartet schon das «Empfangskomitee»: zwei Ukrainer auf ihren Custom Bikes. Bewundernswert, mit welcher Geduld die beiden stundenlang ausgeharrt haben. Aber das Warten hat sich gelohnt: Als wir die wenigen Kilometer nach Uzgorod hineinrollen, fahren sie an der Spitze des Konvois. Mit Polizeieskorte durch die eigene Stadt, sie müssen sich wie Könige fühlen. Im heftigen Regen fahren wir vor dem Rathaus vor, empfangen mit Heavy-Metal-Klängen von Ramstein und zahlreichen Menschen. Die Jungs haben wirklich alle Register gezogen. Uns zu Ehren gibt es sogar ein Feuerwerk, von dem wir wegen der tiefhängenden Wolken leider wenig sehen.

Man will uns an die Wäsche
Dafür bekommen wir nach dem traditionellen Empfang vor dem Rathaus mit Salz und Brot im Clubhaus der Biker eine richtige Show geboten. Während wir uns in unseren triefnassen Klamotten endlich ein Bier genehmigen, räkeln sich zwei ukrainische Schönheiten an der Stange, bevor sie einigen Eurobikern an die Wäsche gehen …, ein im wahrsten Sinne des Wortes feuchtfröhlicher Abend. Weniger fröhlich, aber dafür feucht bleibt es auch am nächsten Morgen. Es regnet immer noch. Ausserdem gibt’s heute noch Strassen der übelsten Sorte. Schlaglöcher, langsame Lastwagen, unberechenbare Autofahrer, Gischt, die einem jede Sicht nimmt. Jedes Überholen wird zum Abenteuer.

In L’viv, dem früheren Lemberg, ver-langt das Kopfsteinpflaster selbst den Federwegen meiner Africa Twin einiges ab. Für die Ducati in unserer Gruppe ist es der ultimative Härtetest. Immerhin scheint mal die Sonne, so dass wir die Kaffeepause in der malerischen Altstadt wirklich geniessen können.

Als wir am Abend im Konvoi nach Chmelnicki hineinrollen, sind wieder zahlreiche Foto-Handys und Digitalkameras auf uns gerichtet. Viele Menschen kommen, um die Maschinen vor dem Hotel zu bestaunen. Schnell ergibt sich mit den Ukrainern ein Gespräch. Die Fragen sind natürlich immer die gleichen: Wie schnell, wie viel Hubraum, wie teuer? Die Menschen sind neugierig und freundlich. Nur das Hotel Podilla ist keine Offenbarung: schlechtes Essen, unfreundliches Personal. Wir sind froh, als wir am nächsten Morgen die Stadt hinter uns lassen können.

Als wir die Maschinen besteigen, die über Nacht im örtlichen Fussballstadion abgestellt waren, können wir es uns nicht verkneifen, eine Runde auf der 400-Meter-Bahn zu drehen. Ein bisschen Spass muss schon sein, selbst in Chmelnicki … Die anschliessende Fahrt im Regen wird ohnehin eintönig genug. Es scheint, als würde die Regenkombi auf dieser Tour zur zweiten Haut werden.

Willkommen, liebe Eurobiker!
Ein paar Stunden später erwartet uns bei der Don-Bosco-Mission in Korostychiv ein herzlicher Empfang. «Willkommen, liebe Eurobiker!» haben sie in grossen Lettern auf ein Schild gemalt. Sofort sind wir von Menschen umringt, als wir klatschnass von den Maschinen steigen. Doch das miese Wetter ist schnell vergessen. Beim Gottesdienst mit Musik, bei der Theateraufführung und beim anschliessenden Mittagessen können wir nur gerührt feststellen, wie viel Mühe man sich hier für uns gegeben hat.

Schade, dass nicht mehr Zeit ist, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die uns hier so neugierig und offen begegnen. Mit den Geldspenden der Eurobiker wird die Don-Bosco-Mission ein Jugendzentrum in Korostychiv errichten.

Wir können den Kids, die es hier nicht leicht haben, vor der Abfahrt immerhin ein paar unvergessliche Augenblicke bescheren, indem wir mit ihnen ein paar Runden um den Block drehen. Am Nachmittag erreichen wir die ukrainische Hauptstadt Kiew. Nach dem üblichen Motorradkorso ins Zentrum stehen wir in unseren verschwitzten Motorradklamotten im Rathaus zum Empfang beim Bürgermeister mit anschliessendem Buffet.

Kaum liegt der offizielle Teil des Programms hinter uns, erkunden wir Kiew ein wenig auf eigene Faust. Es lohnt sich. Vorbei an schön renovierten Altbauten führt unser Weg zum «Déjà-vu», einer Bar, die uns ein ukrainischer Biker empfohlen hatte. «Fünf Bier» radebrechen wir mit unseren paar Worten Russisch. «Warsteiner oder Erdinger?» kommt die Gegenfrage der Bedienung auf Englisch. Nach einem Moment der Sprachlosigkeit bestellen wir einheimischen Gerstensaft, der günstiger und ebenfalls sehr gut ist.

Fahrt durch die tote Landschaft von Tschernobyl
Von Kiew aus geht’s am Morgen direkt nach Norden Richtung Tschernobyl, dem Höhepunkt der Reise. Unser Ziel ist zunächst die Arbeiterstadt Slawutitsch. Sie wurde Ende der Achtzigerjahre als Ersatz für Pripjat errichtet, das nach dem Reaktorunfall evakuiert werden musste. Hier leben heute die meisten Menschen, die noch auf dem Gelände des Atomkraftwerks arbeiten.

Wir müssen die Bikes am Bahnhof von Slawutitsch stehen lassen. Von hier geht es nur per Zug weiter. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt mit der Werkseisenbahn. Während die tote Landschaft an uns vorbeizieht, hält uns Wolfgang Faust von der deutschen Botschaft einen kurzen Vortrag über Verlauf und Folgen des verheerenden Reaktorunfalls im Jahre 1986 (siehe Kasten am Schluss des Artikels).

Die unsichtbare Gefahr – fünf Stunden in der Todeszone
Bei der Ankunft regnet es. Doch dieses Mal ist die Nässe ein Segen, denn so läuft man nicht Gefahr, aufgewirbelten radioaktiven Staub einzuatmen. Der mitgebrachte Mundschutz bleibt in der Tasche.

Dann stehen wir plötzlich vor dem weltberühmten Sarkophag. Ein eigenartiges Gefühl für uns alle. Jeder erinnert sich an die Fernsehbilder von damals, an die Berichte über den heldenhaften Einsatz der Rettungskräfte und die Strahlenopfer. Tschernobyl ist unheimlich, denn die Gefahr ist unsichtbar, aber sie ist immer noch da. Die Schutzhülle, die damals in Rekordzeit errichtet wurde, ist brüchig. In der Konstruktion klaffen Löcher, durch die Regenwasser eindringt und der Wind radioaktiven Staub herausbläst. Doch nach wie vor gibt es kein Gesamtkonzept zur Sicherung der Ruine.
Mit dem Bus fahren wir weiter in die Geisterstadt Pripjat. «Bleibt auf der Strasse oder den betonierten Wegen», mahnt Wolfgang Faust, unser kompetenter Begleiter von der deutschen Botschaft in Minsk. «Auf den Wiesen und vor allem in den Häusern gibt es Stellen, an denen immer noch eine extrem hohe Strahlung herrscht.»

Auf dem Rückweg zum Reaktor passieren wir eine Stelle, an der einst ein Kindergarten stand. Er war so hoch verstrahlt, dass die Gebäude abgerissen und vergraben wurden. Nur das Klettergestell auf dem Kinderspielplatz ist noch zu sehen. Eine gespenstische Szenerie.

Nach fünf Stunden in der Todeszone geht es mit der «Elektritschka» wieder zurück nach Slawutitsch. Nachdenklich machen wir uns auf den Weg zur weissrussischen Grenze.
Als wir dort eintreffen, macht eine schlechte Nachricht die Runde: Theo hat einen Unfall gehabt! Der Krankenwagen, der uns begleitet, ist schon auf dem Weg zu ihm. Keiner weiss, was passiert ist.

Foto? – Njet, Radioaktivität …
Wir beginnen inzwischen, unsere Formulare für den Grenzübertritt auszufüllen. Zöllner und Grenzpolizisten, meist junge Burschen, rücken mit ihren Fotohandys an. Wir sind eine Attraktion hier, da möchte jeder ein Bild von unserem Fuhrpark machen. Ist ja auch genug Zeit dafür, während wir diverse Formulare ausfüllen und auf unsere Pässe warten.
Als wieder ein Uniformierter mit seinem Handy anrückt, frage ich: «Foto?» – «Njet, Radioaktivität», lautet die Antwort, als
er mit seinem kleinen Messgerät hektisch die Maschinen umkreist. Wir kommen uns vor wie in einem Endzeit-Film. Eine kleine Erinnerung daran, wo wir gerade her kommen.
Wieder dauert es eine Ewigkeit, bis alle schliesslich die Grenze passiert haben und wir nach Gomel weiterfahren können.

Völkerverständigung à la Weissrussland
Am späten Abend trifft dann auch Theo mit den Sanitätern im Hotel Tourist in Gomel ein. Geschockt und käseweiss sitzt er in der Lobby. Er hat Prellungen und ein paar blaue Flecken abbekommen, ist ansonsten aber wohlauf. «Es war ein Fahrfehler», sagt er. In einer langgezogenen Kurve flog er samt Motorrad von der Strasse. Harley und Fahrer überschlugen sich mehrfach. Die demolierte Maschine kommt auf den Hänger des Servicewagens, Theo fährt ab jetzt im Begleitfahrzeug mit.

Von Gomel macht sich der Eurobiker-Tross am nächsten Morgen auf den Weg nach Wetka. Das Krankenhaus der Kleinstadt hatte zuvor Betten, medizinisches Material sowie Kinderspielzeug erhalten. Stolz führt uns die Direktorin durchs Haus, um uns zu zeigen, dass die Spenden allesamt angekommen sind.

Auf der Weiterfahrt stellen wir fest, dass die Strassen in Weissrussland erstaunlich gut sind. Auch die Fahrzeuge sind bei weitem nicht so marode wie in der Ukraine. Allerdings ist auch viel Polizei unterwegs, sichtbar und bestimmt auch in zivil. Im Reich des Alexander Lukaschenko hat man die Dinge gerne unter Kontrolle. Immer wieder versuchen Uniformierte, aus nicht nachvollziehbaren Gründen («da ist eine Grossbaustelle …»), Konvois zu bilden. Eine Gruppe wird sogar mit gezogener Waffe angehalten! Völkerverständigung à la Weissrussland … Dass da Dutzende ausländischer Biker unterwegs sind, die Fotos machen und mit Leuten reden, muss für die Sicherheitskräfte ein Albtraum sein.

Wir geniessen währenddessen einen fast regenfreien Tag auf gut ausgebauten Landstrassen. Später erfahren wir, dass bei der Botschaft etwa zwanzig Anrufe wegen uns eingegangen sind. Wir scheinen die Ordnungshüter ziemlich auf Trab gehalten zu haben.

Bei der Einfahrt nach Minsk meldet sich das schlechte Wetter mit Regen und Hagel zurück. Leider ist es zu spät geworden, um die weissrussische Hauptstadt zu erkunden. Wir sehen kaum mehr als das schmucklose sozialistische Hotel Orbita, in dessen Bar man kaum einen Blick in die Runde werfen kann, ohne von einer der Damen des horizontalen Gewerbes herangewunken zu werden. Es wird ein kurzer Abend, denn fünf Euro pro Bier laden auch nicht gerade zum Bleiben ein.

Am sechsten Tag der Tour rollen wir wieder Richtung Westen. Flach und gerade führt die Strasse nach Brest zur weissrussisch-polnischen Grenze. Ein Glück, dass wir hier als Eurobiker und nicht auf eigene Faust fahren. Auf der Diplomatenspur dürfen wir an der scheinbar endlosen Autoschlange vorbeiziehen. Anschliessend gibt es noch einmal die übliche umständliche Prozedur: Formulare ausfüllen, Laufzettel abzeichnen lassen. Alles in allem geht es aber relativ zügig.

Trotzdem atmen wir ein wenig auf, als wir Weissrussland hinter uns gelassen haben. Auch wenn das Land im Vergleich zur Ukraine vergleichsweise sauber und ordentlich wirkt, so ist es auch etwas beklemmend, in der letzten Diktatur Europas unterwegs zu sein. Umso mehr geniessen wir die ersten Kilometer auf polnischer Seite und fühlen uns schon richtig «im Westen».

Italienische Momente auf der Warschauer Piazza
Der Eindruck verstärkt sich, als wir Warschau erreichen. Die polnische Hauptstadt präsentiert sich modern und lebendig. Sie muss keinen Vergleich mit westlichen europäischen Metropolen scheuen. Ausserdem werden wir endlich mal mit Sonnenschein verwöhnt, als wir die wunderschön rekonstruierte Altstadt besuchen. Herumschlendern, im Café sitzen und die Passanten beobachten – wir geniessen diesen italienischen Moment auf der Warschauer Piazza. Von einer Häuserwand blickt «Papa Razzi», der deutsche Papst auf uns herab. Leider ist uns Petrus gar nicht wohlgesonnen. Nachdem wir uns in einem endlosen Stau aus der Stadt herausgequält haben, setzt – wieder einmal – Regen ein. Die 350 Kilometer nach Breslau legen wir im Regenkombi zurück.

Auf der Landstrasse kämpfen wir gegen Sturm und Spurrinnen. Wir beschliessen nach sieben Tagen und insgesamt 3150 Kilometern die Eurobiker-Tour 2006 im Ratskeller von Breslau.

Die Stadt ist eine der ältesten und schönsten Städte in Polen. Am Fusse des Sudetengebirges, an der Oder gelegen, liegt sie einzigartig auf 12 Inseln, zwischen zahlreichen Nebenflüssen und Kanälen. 112 Brücken verbinden die verschiedenen Quartiere. Deshalb wird die Stadt auch als Venedig Polens bezeichnet.

Weder Irrsinn noch Extremtourismus …
Zum Abschluss der Tour zeigt sich Breslau bei Sonnenschein noch einmal von seiner besten Seite. Trotzdem ist keiner traurig wegen des Wetter-Pechs: Die dunklen Wolken über Tschernobyl haben dazu beigetragen, dass keiner diese Szenerie jemals vergessen wird. Aber den Sinn des Geschehenen erfassen? Das gelingt niemand. Man denke nur an all die Schicksale. 210 000 Bewohner wurden umgesiedelt, 944 Orte und Dörfer evakuiert und 13,2 Millionen Kubikmeter Erdreich abgetragen. Um hinter die trockenen Fakten zu schauen, darum sind wir nach Tschernobyl gefahren. Schuld ist auch das Motto der Eurobiker – das da heisst: «Reisen mit Freunden – mit Freude am Helfen».

Der Reaktorunfall von Tschernobyl

Das Experiment: Am 25. 4. 1986 sollte im 4. Reaktorblock geprüft werden, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch genügend Strom liefern, um die Notkühlung des Reaktors zu gewährleisten. Doch der Beginn des Experiments wurde verschoben, so dass die unvorbereitete Nachtschicht am 26. 4. die Durchführung eines Experiments übernahm, dessen Versuchsanordnung die Notkühleinrichtungen des Reaktors wirkungslos gemacht hatte.

Der Unfall: Durch einen Fehler des unerfahrenen Reaktoroperators Leonid Toptunow fällt kurz vor Beginn des Experiments die Reaktorleistung stark ab. Um sie wieder anzuheben, entfernen die Operatoren Bremsstäbe, mit denen die atomare Kettenreaktion kontrolliert werden kann. Gleichzeitig schalten die Operatoren zu viele Kühlpumpen zu, so dass der mit wenig Leistung arbeitende Reaktor das umfliessende Wasser nicht mehr verdampfen kann. Da der Reaktor nur bei verdampfendem Kühlwasser gekühlt werden kann, beginnt seine Leistung anzusteigen.

1.23:04 Uhr: Der Schichtleiter will den Test abbrechen, doch der stellvertretende Chefingenieur spricht die historischen Worte: «Noch ein, zwei Minuten, und alles ist vorbei!» Jetzt wäre der automatische Havarieschutz angelaufen, aber der ist abgeschaltet. Als der Schichtleiter den sprunghaften Leistungsanstieg im Reaktor bemerkt, löst er um 1.23:40 Uhr den Havarieschutz manuell aus. Sofort werden über 200 Bremsstäbe eingefahren. Das soll die Kettenreaktion stoppen. Doch die Einfahrgeschwindigkeit der Bremsstäbe ist zu langsam. Ausserdem befinden sich an den unteren Spitzen der Bremsstäbe Graphitköpfe, welche die Kettenreaktion sogar noch beschleunigen. Da die Graphitspitzen zuerst eintreten, erhöht sich die Leistung für einen Moment sprungartig. Ein Konstruktionsfehler – etwa so, als ob bei einer Vollbremsung das Motorrad erstmal voll beschleunigt wird – ist der «Todesstoss» für den ausser Kontrolle geratenen Reaktor. In der aktiven Zone beginnt jetzt eine chemische Reaktion. Es bilden sich Wasserstoff und Sauerstoff – Knallgas!

1.23:58 Uhr: Eine mächtige Explosion zerreisst den Reaktor. Das Graphit im Reaktorkern beginnt zu brennen. Radioaktive Teile werden rund 1100 Meter hoch in die Luft geschleudert, rund um den Reaktor entstehen zahlreiche Brände.

Die Folgen: Eine nukleare Wolke breitet sich über die Sowjetunion und Mitteleuropa bis nach Skandinavien aus. Die Reaktorruine setzt Tag für Tag strahlenden Rauch frei. Jeder Windstoss wirbelt radioaktiven Staub in die Atmosphäre, der anschliessend um die ganze Welt verteilt wird. Insgesamt wird bei der Katastrophe eine Menge an
Radioaktivität freigesetzt, die etwa 500 Hiroshima-Bomben entspricht.

Die Liquidatoren: Fast eine Million Menschen sind an Aufräumarbeiten um den explodierten Reaktor beteiligt. Man versucht, Roboter einzusetzen. Ohne Erfolg – die Elektronik hält der Strahlenbelastung nicht stand. «Liquidatoren» heissen die todgeweihten Helden: Hubschrauberpiloten, Soldaten, Reservisten, Bergmänner, Feuerwehrleute, Zivilisten. Sie müssen die Folgen des Unfalls «liquidieren»: Von Hand die Trümmer des Reaktors einsammeln, das verseuchte Land reinigen, die Reaktorruine mit einer Schutzhülle versehen.
Eine dramatische Entwicklung: Das wahre Ausmass des Super-GAUS von Tschernobyl wurde der Öffentlichkeit verschwiegen: Denn was nur wenige wissen – es begann ein Wettlauf mit der Zeit. Es drohte eine zweite, wesentlich schlimmere Explosion in Tschernobyl. Sie hätte die fünftausend-fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe gehabt und auch die drei unbeschädigten Reaktorblöcke zerstört. Hätte sie stattgefunden, wären grosse Teile Europas und damit wahrscheinlich auch die Schweiz zum grossen Teil unbewohnbar geworden. Es ist nur dem Opfer der Liquidatoren zu danken, dass diese Katastrophe ausblieb.

Ein verhöhntes Andenken: Vermutlich Zehntausende bezahlen diesen Kampf mit ihrem Tod. Eine aussagekräftige Statistik dazu gibt es nicht. Und doch prangert kaum jemand an, wie die offiziellen Stellen bis heute mit den Liquidatoren umgehen. Sie kommen in keinem Register vor. Die Statistiken ignorieren sie. Auch der Westen tat sich in dieser Hinsicht unrühmlich hervor: Zu den Gegnern einer transparenten Politik gehörte der französische Gesundheitsminister Pierre Pellerin, der öffentlich bestritt, dass überhaupt eine radioaktive Wolke über sein Land gezogen sei. Lügen verhöhnen bis heute das Andenken an wahre Helden der Menschheit. Helden, die nicht töteten, sondern ihr Leben für unseres gaben.

Filmtipp: «Tschernobyl!»
Alles über die grösste Atomkatastrophe der Welt», von Thomas Johnson, DVD, Verlag: WVG Medien; Polyband,
ISBN: 4006448753931.

Ukraine, Weissrussland, Tschernobyl

Allgemeines:

Ukraine: Der westliche Landesteil ist von Landwirtschaft geprägt. Im russisch geprägten Osten dominiert Bergbau.

Weissrussland (10 Mio. Einw.): Im Zweiten Weltkrieg starb ein Viertel der Bevölkerung. Danach litten die Menschen unter der sowjetischen Herrschaft. Bis heute im eisernen Griff des Diktators Alexander Lukaschenko. Seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl ist ein Fünftel des Landes radioaktiv verseucht.

Einreise: Schweizer bereisen die Ukraine visafrei. Die Sperrzone um Tschernobyl darf nur mit Sondererlaubnis betreten werden. Für Weissrussland besteht Visumspflicht. Grüne Versicherungskarte ist obligatorisch. Auch eine Auslandskrankenversicherung wird dringend empfohlen.

Essen/Gesundheit: Die medizinische Versorgung ist ausserhalb der Städte problematisch. Die Reiseapotheke sollte gut ausgestattet sein. Leitungswasser sollte nicht getrunken werden.

Übernachten: Hotels finden sich in den Städten und grösseren Orten. Beim Standard sollte man keine hohen Erwartungen haben, die Preise können dafür hoch sein. Von Camping ist abzuraten.

Sehenswert: Neben der Hauptstadt Kiew Odessa und Jalta am Schwarzen Meer. Auch L’viv, das 750 Jahre alte Lemberg, ist einen Besuch wert.

Organisierte Touren nach Tschernobyl:
SoloEast Travel aus Kiew (www.tourchernobyl.com) bietet Tagesausflüge nach Tschernobyl.
Unkosten: Von 145 (Gruppe ab 15 Personen) bis 595 USD (Einzelperson). Höhepunkt der Tour ist der Besuch von Pripjat. 1985 lebten hier 50 000 Menschen. Heute ist der Ort eine Geisterstadt. Mit etwas anderem als Tourismus ist hier für die nächsten 24 000 Jahre kein Geld zu verdienen.

Tschernobyl im Web: www.pripyat.com; www.greenpeace.de

Literatur: «Die Ukraine entdecken», v. Evelyn Scheer und Gert Schmidt, Trescher Verlag.
«Ukraine», v. Ernst Lüdemann, Verlag C. H. Beck.
«KulturSchock Ukraine», v. Evelyn Scheer und Irina Serdyuk, Reise Know-How Verlag.
«Weissrussland entdecken», v. Evelyn Scheer, Trescher Verlag.

Karten: «Ukraine», Reise Know-How, oder «Ukraine-Belarus» von Marco Polo.

Eurobiker: «Mobilität überwindet Grenzen und verbindet Kulturen». Unter diesem Motto brechen die Eurobiker jedes Jahr zu einer Charity-Tour auf. Ziel ist es, auf Probleme aufmerksam zu machen und zu helfen. Während der Tour werden Geldspenden und Hilfsgüter übergeben, die vorher gesammelt wurden.

Infos: www.eurobiker.de.

Tschernobyl: Grösste Atomkatastrophe der Welt Tschernobyl: Grösste Atomkatastrophe der Welt © Robert Annetzberger
Um die Welt zu retten: Das Moto des Denkmals für die Liquidatioren, die in Tschernobyl im Einsatz waren, ist keineswegs übertrieben Um die Welt zu retten: Das Moto des Denkmals für die Liquidatioren, die in Tschernobyl im Einsatz waren, ist keineswegs übertrieben © Robert Annetzberger
Unbewohnbar für die nächsten 24 000 Jahre Unbewohnbar für die nächsten 24 000 Jahre © Robert Annetzberger
Jet am Strassenrand: sozialistische Heldendenkmäler, wie dieses, stehen überall in Weissrussland Jet am Strassenrand: sozialistische Heldendenkmäler, wie dieses, stehen überall in Weissrussland © Robert Annetzberger
Der Vergnügungspark in Pripjat ging nie in Betrieb. Wenige Tage vor der Eröffnung geschah das  Unglück Der Vergnügungspark in Pripjat ging nie in Betrieb. Wenige Tage vor der Eröffnung geschah das Unglück © Robert Annetzberger
Im Konvoi durch Gomel / Weissrussland Im Konvoi durch Gomel / Weissrussland © Robert Annetzberger
Altstadt von Lviv (Lemberg) Altstadt von Lviv (Lemberg) © Robert Annetzberger
Das Zentrum von Breslau Das Zentrum von Breslau © Robert Annetzberger
Kiew: von Neugierigen umringt Kiew: von Neugierigen umringt © Robert Annetzberger
Uzgorod: Hunderte sind gekommen um die Eurobiker zu empfangen Uzgorod: Hunderte sind gekommen um die Eurobiker zu empfangen © Robert Annetzberger
Im 2. Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut: Warschauer Altstadt Im 2. Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut: Warschauer Altstadt © Robert Annetzberger
Wenns mal länger dauert: Kaffeepause an der Grenze zwischen der Ukraine und Weissrussland Wenns mal länger dauert: Kaffeepause an der Grenze zwischen der Ukraine und Weissrussland © Robert Annetzberger
Skulptur in der Altstadt von Lviv (Lemberg) Skulptur in der Altstadt von Lviv (Lemberg) © Robert Annetzberger
Treffen an der Tankstelle: harte Jungs aus Weissrussland mit ihren Custombikes Treffen an der Tankstelle: harte Jungs aus Weissrussland mit ihren Custombikes © Robert Annetzberger
Übersichtskarte zur Tour Übersichtskarte zur Tour © Archiv