Ukraine
Todeszone
Nach einer kurzen Morgenandacht geht’s los. Mit Polizeieskorte donnern Dutzende Bikes am Samstagmorgen durchs menschenleere Wien. Vor den Toren der österreichischen Hauptstadt teilt sich der Konvoi in kleine Gruppen auf.
Die slowakische Hauptstadt Bratislava lassen wir links liegen, steuern weiter Richtung Osten in die Berge. Während des Mittagessens in Brezno, bei dem wir Gäste des slowakischen Motorradverbandes sind, hat Petrus immerhin ein Einsehen: Zwei Stunden lang lacht die Sonne.
Doch als wir uns später auf schönen, kurvigen Strassen die Höhen der Tatra hinaufarbeiten, empfangen uns auf eintausend Meter über Meereshöhe wieder Wol-ken mit nasskaltem Nieselwetter.
Der erste Kontakt: Ukraine
Es dämmert bereits, als wir uns an der ukrainischen Grenze versammeln. Uzgorod, unser Tagesziel, ist nicht mehr weit, doch zuvor müssen wir einige Grenzformalitäten über uns ergehen lassen. Die Beamten sind nicht unfreundlich, trotzdem ist die Prozedur langwierig und umständlich. Nach vier Stunden hat auch der letzte seinen Einreisestempel im Pass.
Auf der anderen Seite wartet schon das «Empfangskomitee»: zwei Ukrainer auf ihren Custom Bikes. Bewundernswert, mit welcher Geduld die beiden stundenlang ausgeharrt haben. Aber das Warten hat sich gelohnt: Als wir die wenigen Kilometer nach Uzgorod hineinrollen, fahren sie an der Spitze des Konvois. Mit Polizeieskorte durch die eigene Stadt, sie müssen sich wie Könige fühlen. Im heftigen Regen fahren wir vor dem Rathaus vor, empfangen mit Heavy-Metal-Klängen von Ramstein und zahlreichen Menschen. Die Jungs haben wirklich alle Register gezogen. Uns zu Ehren gibt es sogar ein Feuerwerk, von dem wir wegen der tiefhängenden Wolken leider wenig sehen.
Man will uns an die Wäsche
Dafür bekommen wir nach dem traditionellen Empfang vor dem Rathaus mit Salz und Brot im Clubhaus der Biker eine richtige Show geboten. Während wir uns in unseren triefnassen Klamotten endlich ein Bier genehmigen, räkeln sich zwei ukrainische Schönheiten an der Stange, bevor sie einigen Eurobikern an die Wäsche gehen …, ein im wahrsten Sinne des Wortes feuchtfröhlicher Abend. Weniger fröhlich, aber dafür feucht bleibt es auch am nächsten Morgen. Es regnet immer noch. Ausserdem gibt’s heute noch Strassen der übelsten Sorte. Schlaglöcher, langsame Lastwagen, unberechenbare Autofahrer, Gischt, die einem jede Sicht nimmt. Jedes Überholen wird zum Abenteuer.
In L’viv, dem früheren Lemberg, ver-langt das Kopfsteinpflaster selbst den Federwegen meiner Africa Twin einiges ab. Für die Ducati in unserer Gruppe ist es der ultimative Härtetest. Immerhin scheint mal die Sonne, so dass wir die Kaffeepause in der malerischen Altstadt wirklich geniessen können.
Als wir am Abend im Konvoi nach Chmelnicki hineinrollen, sind wieder zahlreiche Foto-Handys und Digitalkameras auf uns gerichtet. Viele Menschen kommen, um die Maschinen vor dem Hotel zu bestaunen. Schnell ergibt sich mit den Ukrainern ein Gespräch. Die Fragen sind natürlich immer die gleichen: Wie schnell, wie viel Hubraum, wie teuer? Die Menschen sind neugierig und freundlich. Nur das Hotel Podilla ist keine Offenbarung: schlechtes Essen, unfreundliches Personal. Wir sind froh, als wir am nächsten Morgen die Stadt hinter uns lassen können.
Als wir die Maschinen besteigen, die über Nacht im örtlichen Fussballstadion abgestellt waren, können wir es uns nicht verkneifen, eine Runde auf der 400-Meter-Bahn zu drehen. Ein bisschen Spass muss schon sein, selbst in Chmelnicki … Die anschliessende Fahrt im Regen wird ohnehin eintönig genug. Es scheint, als würde die Regenkombi auf dieser Tour zur zweiten Haut werden.
Willkommen, liebe Eurobiker!
Ein paar Stunden später erwartet uns bei der Don-Bosco-Mission in Korostychiv ein herzlicher Empfang. «Willkommen, liebe Eurobiker!» haben sie in grossen Lettern auf ein Schild gemalt. Sofort sind wir von Menschen umringt, als wir klatschnass von den Maschinen steigen. Doch das miese Wetter ist schnell vergessen. Beim Gottesdienst mit Musik, bei der Theateraufführung und beim anschliessenden Mittagessen können wir nur gerührt feststellen, wie viel Mühe man sich hier für uns gegeben hat.
Schade, dass nicht mehr Zeit ist, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die uns hier so neugierig und offen begegnen. Mit den Geldspenden der Eurobiker wird die Don-Bosco-Mission ein Jugendzentrum in Korostychiv errichten.
Wir können den Kids, die es hier nicht leicht haben, vor der Abfahrt immerhin ein paar unvergessliche Augenblicke bescheren, indem wir mit ihnen ein paar Runden um den Block drehen. Am Nachmittag erreichen wir die ukrainische Hauptstadt Kiew. Nach dem üblichen Motorradkorso ins Zentrum stehen wir in unseren verschwitzten Motorradklamotten im Rathaus zum Empfang beim Bürgermeister mit anschliessendem Buffet.
Kaum liegt der offizielle Teil des Programms hinter uns, erkunden wir Kiew ein wenig auf eigene Faust. Es lohnt sich. Vorbei an schön renovierten Altbauten führt unser Weg zum «Déjà-vu», einer Bar, die uns ein ukrainischer Biker empfohlen hatte. «Fünf Bier» radebrechen wir mit unseren paar Worten Russisch. «Warsteiner oder Erdinger?» kommt die Gegenfrage der Bedienung auf Englisch. Nach einem Moment der Sprachlosigkeit bestellen wir einheimischen Gerstensaft, der günstiger und ebenfalls sehr gut ist.
Fahrt durch die tote Landschaft von Tschernobyl
Von Kiew aus geht’s am Morgen direkt nach Norden Richtung Tschernobyl, dem Höhepunkt der Reise. Unser Ziel ist zunächst die Arbeiterstadt Slawutitsch. Sie wurde Ende der Achtzigerjahre als Ersatz für Pripjat errichtet, das nach dem Reaktorunfall evakuiert werden musste. Hier leben heute die meisten Menschen, die noch auf dem Gelände des Atomkraftwerks arbeiten.
Wir müssen die Bikes am Bahnhof von Slawutitsch stehen lassen. Von hier geht es nur per Zug weiter. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt mit der Werkseisenbahn. Während die tote Landschaft an uns vorbeizieht, hält uns Wolfgang Faust von der deutschen Botschaft einen kurzen Vortrag über Verlauf und Folgen des verheerenden Reaktorunfalls im Jahre 1986 (siehe Kasten am Schluss des Artikels).
Die unsichtbare Gefahr – fünf Stunden in der Todeszone
Bei der Ankunft regnet es. Doch dieses Mal ist die Nässe ein Segen, denn so läuft man nicht Gefahr, aufgewirbelten radioaktiven Staub einzuatmen. Der mitgebrachte Mundschutz bleibt in der Tasche.
Dann stehen wir plötzlich vor dem weltberühmten Sarkophag. Ein eigenartiges Gefühl für uns alle. Jeder erinnert sich an die Fernsehbilder von damals, an die Berichte über den heldenhaften Einsatz der Rettungskräfte und die Strahlenopfer. Tschernobyl ist unheimlich, denn die Gefahr ist unsichtbar, aber sie ist immer noch da. Die Schutzhülle, die damals in Rekordzeit errichtet wurde, ist brüchig. In der Konstruktion klaffen Löcher, durch die Regenwasser eindringt und der Wind radioaktiven Staub herausbläst. Doch nach wie vor gibt es kein Gesamtkonzept zur Sicherung der Ruine.
Mit dem Bus fahren wir weiter in die Geisterstadt Pripjat. «Bleibt auf der Strasse oder den betonierten Wegen», mahnt Wolfgang Faust, unser kompetenter Begleiter von der deutschen Botschaft in Minsk. «Auf den Wiesen und vor allem in den Häusern gibt es Stellen, an denen immer noch eine extrem hohe Strahlung herrscht.»
Auf dem Rückweg zum Reaktor passieren wir eine Stelle, an der einst ein Kindergarten stand. Er war so hoch verstrahlt, dass die Gebäude abgerissen und vergraben wurden. Nur das Klettergestell auf dem Kinderspielplatz ist noch zu sehen. Eine gespenstische Szenerie.
Nach fünf Stunden in der Todeszone geht es mit der «Elektritschka» wieder zurück nach Slawutitsch. Nachdenklich machen wir uns auf den Weg zur weissrussischen Grenze.
Als wir dort eintreffen, macht eine schlechte Nachricht die Runde: Theo hat einen Unfall gehabt! Der Krankenwagen, der uns begleitet, ist schon auf dem Weg zu ihm. Keiner weiss, was passiert ist.
Foto? – Njet, Radioaktivität …
Wir beginnen inzwischen, unsere Formulare für den Grenzübertritt auszufüllen. Zöllner und Grenzpolizisten, meist junge Burschen, rücken mit ihren Fotohandys an. Wir sind eine Attraktion hier, da möchte jeder ein Bild von unserem Fuhrpark machen. Ist ja auch genug Zeit dafür, während wir diverse Formulare ausfüllen und auf unsere Pässe warten.
Als wieder ein Uniformierter mit seinem Handy anrückt, frage ich: «Foto?» – «Njet, Radioaktivität», lautet die Antwort, als
er mit seinem kleinen Messgerät hektisch die Maschinen umkreist. Wir kommen uns vor wie in einem Endzeit-Film. Eine kleine Erinnerung daran, wo wir gerade her kommen.
Wieder dauert es eine Ewigkeit, bis alle schliesslich die Grenze passiert haben und wir nach Gomel weiterfahren können.
Völkerverständigung à la Weissrussland
Am späten Abend trifft dann auch Theo mit den Sanitätern im Hotel Tourist in Gomel ein. Geschockt und käseweiss sitzt er in der Lobby. Er hat Prellungen und ein paar blaue Flecken abbekommen, ist ansonsten aber wohlauf. «Es war ein Fahrfehler», sagt er. In einer langgezogenen Kurve flog er samt Motorrad von der Strasse. Harley und Fahrer überschlugen sich mehrfach. Die demolierte Maschine kommt auf den Hänger des Servicewagens, Theo fährt ab jetzt im Begleitfahrzeug mit.
Von Gomel macht sich der Eurobiker-Tross am nächsten Morgen auf den Weg nach Wetka. Das Krankenhaus der Kleinstadt hatte zuvor Betten, medizinisches Material sowie Kinderspielzeug erhalten. Stolz führt uns die Direktorin durchs Haus, um uns zu zeigen, dass die Spenden allesamt angekommen sind.
Auf der Weiterfahrt stellen wir fest, dass die Strassen in Weissrussland erstaunlich gut sind. Auch die Fahrzeuge sind bei weitem nicht so marode wie in der Ukraine. Allerdings ist auch viel Polizei unterwegs, sichtbar und bestimmt auch in zivil. Im Reich des Alexander Lukaschenko hat man die Dinge gerne unter Kontrolle. Immer wieder versuchen Uniformierte, aus nicht nachvollziehbaren Gründen («da ist eine Grossbaustelle …»), Konvois zu bilden. Eine Gruppe wird sogar mit gezogener Waffe angehalten! Völkerverständigung à la Weissrussland … Dass da Dutzende ausländischer Biker unterwegs sind, die Fotos machen und mit Leuten reden, muss für die Sicherheitskräfte ein Albtraum sein.
Wir geniessen währenddessen einen fast regenfreien Tag auf gut ausgebauten Landstrassen. Später erfahren wir, dass bei der Botschaft etwa zwanzig Anrufe wegen uns eingegangen sind. Wir scheinen die Ordnungshüter ziemlich auf Trab gehalten zu haben.
Bei der Einfahrt nach Minsk meldet sich das schlechte Wetter mit Regen und Hagel zurück. Leider ist es zu spät geworden, um die weissrussische Hauptstadt zu erkunden. Wir sehen kaum mehr als das schmucklose sozialistische Hotel Orbita, in dessen Bar man kaum einen Blick in die Runde werfen kann, ohne von einer der Damen des horizontalen Gewerbes herangewunken zu werden. Es wird ein kurzer Abend, denn fünf Euro pro Bier laden auch nicht gerade zum Bleiben ein.
Am sechsten Tag der Tour rollen wir wieder Richtung Westen. Flach und gerade führt die Strasse nach Brest zur weissrussisch-polnischen Grenze. Ein Glück, dass wir hier als Eurobiker und nicht auf eigene Faust fahren. Auf der Diplomatenspur dürfen wir an der scheinbar endlosen Autoschlange vorbeiziehen. Anschliessend gibt es noch einmal die übliche umständliche Prozedur: Formulare ausfüllen, Laufzettel abzeichnen lassen. Alles in allem geht es aber relativ zügig.
Trotzdem atmen wir ein wenig auf, als wir Weissrussland hinter uns gelassen haben. Auch wenn das Land im Vergleich zur Ukraine vergleichsweise sauber und ordentlich wirkt, so ist es auch etwas beklemmend, in der letzten Diktatur Europas unterwegs zu sein. Umso mehr geniessen wir die ersten Kilometer auf polnischer Seite und fühlen uns schon richtig «im Westen».
Italienische Momente auf der Warschauer Piazza
Der Eindruck verstärkt sich, als wir Warschau erreichen. Die polnische Hauptstadt präsentiert sich modern und lebendig. Sie muss keinen Vergleich mit westlichen europäischen Metropolen scheuen. Ausserdem werden wir endlich mal mit Sonnenschein verwöhnt, als wir die wunderschön rekonstruierte Altstadt besuchen. Herumschlendern, im Café sitzen und die Passanten beobachten – wir geniessen diesen italienischen Moment auf der Warschauer Piazza. Von einer Häuserwand blickt «Papa Razzi», der deutsche Papst auf uns herab. Leider ist uns Petrus gar nicht wohlgesonnen. Nachdem wir uns in einem endlosen Stau aus der Stadt herausgequält haben, setzt – wieder einmal – Regen ein. Die 350 Kilometer nach Breslau legen wir im Regenkombi zurück.
Auf der Landstrasse kämpfen wir gegen Sturm und Spurrinnen. Wir beschliessen nach sieben Tagen und insgesamt 3150 Kilometern die Eurobiker-Tour 2006 im Ratskeller von Breslau.
Die Stadt ist eine der ältesten und schönsten Städte in Polen. Am Fusse des Sudetengebirges, an der Oder gelegen, liegt sie einzigartig auf 12 Inseln, zwischen zahlreichen Nebenflüssen und Kanälen. 112 Brücken verbinden die verschiedenen Quartiere. Deshalb wird die Stadt auch als Venedig Polens bezeichnet.
Weder Irrsinn noch Extremtourismus …
Zum Abschluss der Tour zeigt sich Breslau bei Sonnenschein noch einmal von seiner besten Seite. Trotzdem ist keiner traurig wegen des Wetter-Pechs: Die dunklen Wolken über Tschernobyl haben dazu beigetragen, dass keiner diese Szenerie jemals vergessen wird. Aber den Sinn des Geschehenen erfassen? Das gelingt niemand. Man denke nur an all die Schicksale. 210 000 Bewohner wurden umgesiedelt, 944 Orte und Dörfer evakuiert und 13,2 Millionen Kubikmeter Erdreich abgetragen. Um hinter die trockenen Fakten zu schauen, darum sind wir nach Tschernobyl gefahren. Schuld ist auch das Motto der Eurobiker – das da heisst: «Reisen mit Freunden – mit Freude am Helfen».
|
Der Reaktorunfall von Tschernobyl |
|
Ukraine, Weissrussland, Tschernobyl Literatur: «Die Ukraine entdecken», v. Evelyn Scheer und Gert Schmidt, Trescher Verlag. |
Um die Welt zu retten: Das Moto des Denkmals für die Liquidatioren, die in Tschernobyl im Einsatz waren, ist keineswegs übertrieben
Jet am Strassenrand: sozialistische Heldendenkmäler, wie dieses, stehen überall in Weissrussland
Der Vergnügungspark in Pripjat ging nie in Betrieb. Wenige Tage vor der Eröffnung geschah das Unglück
Wenns mal länger dauert: Kaffeepause an der Grenze zwischen der Ukraine und Weissrussland










