Spanien

TransIberia

Von Jo Deleker
08.09.2011 11:13:26

Spanien bietet viel mehr als Sandstrände, Massentourismus und Ballermann.

Faszinierende Routen durch urtümliche Landschaften: Von der Costa de la Luz bis in die Picos de Europa, vom Mittelmeer zum Atlantik. 

Die Attacke kommt plötzlich und heftig: Fernweh, dieses unheilbare Virus, das jederzeit unvermittelt zuschlagen kann. Dass es mich aber gerade hier erwischt, fast 3000 Kilometer von zu Hause entfernt, damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin in Tarifa, dem südlichsten Punkt Spaniens, und nur 14 Kilometer weiter, jenseits der Strasse von Gibraltar, sehe ich klar und deutlich Afrika, erkenne sogar einzelne Häuser dort drüben in Marokko. Afrika, so nah und doch so fern. Erinnerungen kochen hoch. Vor 25 Jahren wollten wir in einem nicht mehr ganz taufrischen VW-Bus die Sahara durchqueren und blieben schliesslich acht Monate auf dem Schwarzen Kontinent.

Andalusien wie aus dem Bilderbuch

Das war einmal… Heute bin ich nicht auf Südkurs, sondern will mit der Ténéré in die andere Richtung, möchte Spanien durchqueren von der Costa de la Luz bis in die Picos de Europa. Tarifa ist nicht nur geografisch weit entfernt vom kühlen Galizien, die Nähe zu Afrika begleitet mich in der Altstadt auf Schritt und Tritt. Seien es die schneeweissen maurischen Gebäude, die fliegenden afrikanischen Händler oder die abenteuerlich überladenen Autos, die im Hafen auf die Fähre nach Marokko warten.

Genug der Melancholie, noch ein letzter Blick über die Meerenge, dann starte ich die Yamaha und breche auf ins Landesinnere, folge der A 405 durch ein weites, grünes und fruchtbares Tal. Langsam, aber sicher legt sich die Strasse mit den Bergen an, schlängelt sich erst vorsichtig, dann immer vehementer hinauf zum ersten 1000-Meter-Pass. Die steilen Hänge sind dicht bewaldet, an einigen kleben malerisch weisse Dörfer, die berühmten Pueblos Blancos – Andalusien aus dem Bilderbuch.

Top Ten von Europas Regenlöchern

Die Strasse passt sich der Topografie an, nimmt fast jeden Berg und jedes Tal mit. Ein Motorrad-Traum. Nahezu jedes Asphaltband ist in der Michelinkarte mit einem grünen Streifen geadelt, Garant für spassiges Kurven-Räubern. Im Norden ragen bereits die Gipfel der Sierra de Grazalema auf, der Pinar misst 1648 Meter. Zu seinen Füssen duckt sich Grazalema, der regenreichste Ort Spaniens. In einer einzigen Dezemberwoche vor einem Jahr regnete es hier 709 Millimeter. Das war selbst für Grazalema ein neuer Rekord, aber auch die normale Jahresmenge von 2500 Millimeter hievt den Ort in die Top Ten von Europas Regenlöchern.

Kein Wunder also, dass die Berge rund um Grazalema subtropisch grün und die Stauseen rappelvoll sind. Umso glücklicher kann ich mich schätzen, bei meiner Runde durch die Sierra staubtrocken zu bleiben.

Leckere Tapas

Über den Puerto de las Palomas, dem schönsten Pass weit und breit, schwinge ich nach Zahara, einem Bilderbuchdorf am gleichnamigen Stausee. Weisse Häuser kleben am Felsen, auf dem eine maurische Ruine thront. Die Ténéré ist für einige Gassen im Ort schon fast zu fett. Mit schleifender Kupplung balanciere ich die Fuhre über haarsträubend steile Pflasterwege hinauf bis zur Plaza. Das Café kommt wie gerufen, ein paar leckere Tapas und frisch gepresster Orangensaft füllen meinen Energiespeicher wieder auf.

Auch die Sierra de Grazalema fungiert für die von Westen und Süden anrauschenden Tiefdruckgebiete offenbar als Wolken-Melkmaschine. Denn östlich der Berge wird die Landschaft erstaunlich schnell trocken. Wald und Berge bleiben zurück, machen Platz für sanfte Hügel mit dem geometrischen Muster endloser Olivenhaine. Millionen von Bäumen wachsen hier. Die Phönizier brachten einst den Ölbaum aus dem Orient mit. Heute ist Spanien mit über 30 Prozent Marktanteil der weltgrösste Produzent von Olivenöl. Die Monokulturen begleiten mich stundenlang, bis sie hinter Granada von den höchsten Bergen der Iberischen Halbinsel, der Sierra Nevada, abgelöst werden.

Kein Glück in Granada

Eine enge und verwinkelte Strasse verbindet die kleinen Bergdörfer am Südrand der Sierra, die Alpujarras altas. In Capileira, einem uralten Ort mit steilen und schmalen Gassen, beginnt Europas höchste Passstrasse hinauf zum Mulhacén, 3481 Meter hoch. 1989 wurde allerdings die Sierra Nevada zum Naturpark erklärt und die Strasse gesperrt. Immerhin kann ich von Capileira noch 13 legale Kilometer am Berg hochklettern, die letzten acht sind ungeteert. Es lohnt sich, denn näher komme ich den Bergriesen Pico Veleta und Mulhacén mit dem Motorrad nirgends.

Der totale Kontrast zur Stille der Sierra ist Granada; die quirlige, hektische und oftmals nervige Grossstadt lockt mit dem alten maurischen Herrscherpalast Alhambra. Drei Millionen Besucher wollen jährlich die Atmosphäre von Tausendundeiner Nacht spüren. Aber Tickets sind meist nur lange im Voraus zu ergattern. Ich habe Pech. Sehr ärgerlich. So bleibt mir nur der Blick vom Mirador San Nicolás hinüber zur monumentalen Alhambra.

Cordoba – maurische Stadt

Wenn ich hier kein Glück habe, dann eben in der Mezquita von Cordoba, dem weniger überlaufenen zweiten Maurenbauwerk Andalusiens mit UNESCO-Weltkulturerbe-Zertifikat: Vor 1000 Jahren war die islamische Metropole Cordoba mit fast einer Million Einwohnern die grösste, liberalste und fortschrittlichste Stadt Europas. Drei Religionen lebten friedlich mit­einander, die Bibliothek umfasste 400 000 ­Bücher, hier wohnten mehr Philosophen, Astronomen und Ärzte als sonst wo, es gab 600 öffentliche Bäder und 50 Krankenhäuser. Zentrum der Stadt war und ist die Moschee La Mezquita, die noch heute von Gläubigen genutzt wird. Das mystische Halbdunkel der riesigen Halle begeistert mich sofort. 856 Marmorsäulen, alle durch Bögen miteinander verbunden, tragen in perfekter Harmonie das Dach der 1200 Jahre alten Mezquita. Fast andächtig schleiche ich durch den Säulenwald.

Dann, mitten in der Moschee plötzlich ein Fremdkörper, eine schwülstig barocke Kathedrale, eine brutale christliche Machtdemonstration. Denn während der Reconquista wurden die Mauren vertrieben. Die damaligen Christen waren gegenüber den gebildeten Arabern Barbaren, die zumeist weder lesen noch schreiben konnten, die rücksichtslos plünderten, mordeten und alles Andersartige verjagten – gedeckt und autorisiert vom Papst. Der spanische König Ferdinand V., der den Bau der Kathedrale im 16. Jahrhundert erlaubt hatte, erkannte seinen Fehler: «Ihr habt etwas gebaut, was man überall hätte bauen können. Und ihr habt etwas zerstört, was einmalig war.»

Mir ist nur noch nach Fahren

Als in der Kathedrale dann auch noch eine Messe beginnt und per Lautsprecher rücksichtslos die komplette Moschee beschallt wird, flüchte ich auf die Ténéré und verlasse Cordoba. Religionskrieg ist nicht meine Sache. Mir ist nach Fahren, ruhige, meinetwegen auch langweilige Strassen, wenig Verkehr, Hauptsache Fahren. Kastilien ist dafür perfekt geeignet. Sanft wellt sich das einsame Hochland, 1000 Meter hohe Hügelketten begleiten mich. Jetzt im Mai ist alles grün, Mohnblumenfelder setzen rote Akzente unter dem tiefblauen Himmel. Es geht geradeaus mit 90 Sachen auf den Horizont zu, hinter dem es ja bekanntlich weitergeht.

Stunden später erreiche ich Consuegra in der Mancha. Auf einem Bergrücken recken zwölf weisse Windmühlen ihre schwarzen Flügel himmelwärts, erinnern unweigerlich an die Geschichten von Don Quijote und seinem Knecht Sancho Pansa. Alte Windmühlen sind das Wahrzeichen der Mancha, kaum ein Hügel, auf dem nicht eine Mühle thront.

Die Weite Zentralspaniens

So schön die Mancha auch ist, langsam braucht die XT mal wieder Kurven. Ein Blick auf die Michelinkarte verspricht reichlich davon in der Serrania de Cuenca. Nichts wie vorbei an Cuenca und ab in die Berge.

Nach der Kurvenorgie heisst mich ein kleines Schild in der Provinz Aragon willkommen. Weisse Dörfer gibt es jetzt nicht mehr, alle Häuser sind aus erdig braunen Bruchsteinen erbaut. Die Berge bleiben zurück, machen Platz für die schon lieb gewonnene Weite Zentralspaniens. Ich treibe die Yamaha über fast verkehrsfreie Strassen voran. Erstaunlich, wie dünn besiedelt die Region ist. Irgendwann erreiche ich den Ebro und folge dem Fluss bis zu seiner Quelle am Fuss der Sierra de Peña Labra. Ein paar Berge und Täler später bin ich auf der Passhöhe des Puerto de Piedrasluengas und entdecke weit im Nordwesten Berge, die ich in den Dolomiten, niemals aber in Spanien erwartet hätte. Wie eine gigantische Mauer ragen die Picos de Europa auf.

Direkt unterhalb der Picos duckt sich Potes, der Hauptort der Region – ein idealer Ausgangspunkt für Tagestouren. Ende Mai habe ich den Campingplatz La Viorna fast für mich. Auch die fantastischen Strassen in den Picos sind nahezu verkehrsfrei. Perfekte Bedingungen also für – je nach Gusto – entspanntes oder verschärftes Motorradwandern.

Mir ist zunächst nach Letzterem, wobei mir die Auffahrt zum Puerto de San Glorio in die Karten spielt. 1300 Höhenmeter bis zur Passhöhe, seziert in feinste Kurven, ausgelegt mit griffigem Asphalt und begleitet von wunderschönen Aussichten. Auf der Passhöhe biege ich ab zum Mirador del Oso, dem Aussichtspunkt des Bären. Ein lebensgrosser weisser Steinbär schaut von seinem Sockel in die Berge. Ein 360-Grad-Panorama der Extraklasse, freie Sicht auf die spektakulären Picos, deren höchster immerhin 2648 Meter misst.

Steil und geil plus Kaffee am Meer

Mal sehen, wie die Berge von der anderen Seite aussehen. Über den Puerto de Pandetrave fahre ich zunächst nach Norden, peile dann Sotres an. Hier zweigt der Weg über die Berge nach Espinama ab. Auf schmaler Spur holpert die XT im weiten Tal bergwärts. Ab und an eine Steilstufe, die den ersten Gang erfordert. Die Piste ist anspruchsvoll. Dicke Steine, ausgewaschene Rinnen, schmierige Felsplatten – steil und geil. In einem langen Bogen folgt der Weg einem grünen Grat, hält direkt auf eine verschneite Nordwand zu. Der Höhenmesser zeigt 1700 Meter, als ich den höchsten Punkt erreiche. Pause. Mir ist mächtig warm geworden, der XT auch. Die Abendsonne setzt die Berge ins beste Licht, mahnt aber auch, nicht zu lange zu warten. Vorbei an ein paar Schneefeldern seile ich mich ab ins enge Tal und bin bei Sonnenuntergang zurück im Camp.

Am nächsten Morgen sondiere ich die Karte nach weiteren Pisten. Aber es ist die blaue Fläche auf der Karte, die mich plötzlich elektrisiert: der Atlantik… Kaffee am Meer. Ein prickelnder Gedanke. Zwei Stunden später parkt die Ténéré unter einer Palme und ich im Strandcafé. Dunkelblaues Meer, tiefblauer Himmel, 25 Grad im Schatten. Der perfekte Abschluss meiner Transiberia-Tour.

Allgemeines

Die Iberische Halbinsel ist gross, die Anreise weit. Wer auf eigener Achse anreist und bis Andalusien möchte, sollte genug Zeit im Gepäck haben. Unter drei Wochen ist die Stressgefahr nicht unerheblich. Die Alternative ist der Flug nach Süden und ein Mietmotorrad, das es in den grossen Städten und Touristenzentren wie Granada, Malaga, Sevilla oder Cordoba gibt. Für eine wochenlange Spanien-Kreuzfahrt kommt hingegen nur das eigene Bike in Frage.

Reisezeit

In den Picos de Europa und den vielen 2000-Meter-Bergen im Landesinneren kommt der Frühling bisweilen erst Mitte Mai. Im Winter kann hier viel Schnee liegen. Andalusien hingegen ist ein Ganzjahresziel. Ab Juni ist im Landesinneren, vor allem in der heissesten Region am Rio Guadalquivir, mit Temperaturen bis 40 Grad zu rechnen. Erst ab Mitte September wird es wieder erträglicher. Allerdings ist das Land dann von der Sonne ausgedörrt, das frische Frühlingsgrün des Mai längst Geschichte. Die besten Reisemonate für Zentralspanien sind Mai, Juni sowie Mitte September bis Mitte Oktober. Juli und August eignen sich nur für garantiert hitzeresistente Biker.

Unterkunft

Vor allem abseits der wenigen touristischen Zentren ist es in der Nebensaison nicht leicht, eine Unterkunft zu finden. Die wenigen Pensionen und vor allem die Campingplätze öffnen manchmal erst Mitte Mai und schliessen im Oktober. Besser ist die Lage in den grösseren Orten und entlang der Küste. Im einsamen Landesinneren finden sich oftmals schöne Plätze zum freien Zelten. Lediglich in der Hauptsaison im August kann es entlang der Küste, in Andalusien und in den Picos de Europa etwas voller werden, niemals ist es aber so überlaufen wie entlang der spanischen Mittelmeerküste.

Literatur

Die besten Reiseführer für Spanien kommen aus dem Michael Müller-Verlag (24,90 Euro) und von Lonely Planet (26,95 Euro). Daneben gibt es eine Vielzahl von regionalen Reiseführern. Empfehlenswert sind aus dem Verlag Reise-Know Andalusien, Nordspa-nien und Katalonien sowie vom Michael Müller-Verlag Andalusien und Nordspanien. 

Als Übersichtskarte eignet sich das Michelin-Blatt 734 im Massstab 1:1 000 000. Wesentlich detaillierter sind die Michelin-Regionalblätter für alle Gebiete in Spanien (573, 574, 575, 576, 578), Massstab jeweils 1:400 000.

Strassenverkehr

Spanien wird immer braver: Erst das Rauchverbot – und jetzt soll für die meisten innerstädtischen Strassen sogar ein Tempolimit von 30 km/h eingeführt werden. Seit dem 7. März gilt auf Autobahnen für PW und Motorräder vorübergehend ein Tempolimit von 110 km/h. Bisher durften 120 km/h gefahren werden. Die spanische Regierung will hierdurch die hohen Spritkosten senken.

Für Tempoverstösse werden in Spanien hohe Bussen erhoben. So wird auf der Autobahn bei einer Überschreitung bis 30 km/h eine Busse von 100 Euro fällig. Jenseits dieser Marke können es zwischen 300 und 600 Euro sein. Allerdings wird bei Bezahlung innerhalb von 20 Tagen ab Zustellung des Bussgeldbescheids ein Rabatt von 50 Prozent gewährt.

Alto de Velefique: Einer der spektakulärsten Pässe Andalusiens, Spaniens herrliche Motorradreviere Alto de Velefique: Einer der spektakulärsten Pässe Andalusiens, Spaniens herrliche Motorradreviere © Jo Deleker
Berühmter spanischer Begleiter: Der eiserne Osborne-Stier Berühmter spanischer Begleiter: Der eiserne Osborne-Stier © Jo Deleker
Alte Windmühlen sind das Wahrzeichen der Mancha Alte Windmühlen sind das Wahrzeichen der Mancha © Jo Deleker
Eines der schönsten Dörfer Andalusiens ist Zahara de la Sierra Eines der schönsten Dörfer Andalusiens ist Zahara de la Sierra © Jo Deleker
Im Landes-inneren finden sich immer wieder schöne Plätze zum freien Zelten Im Landes-inneren finden sich immer wieder schöne Plätze zum freien Zelten © Jo Deleker
Farbenfroher Frühling in Galizien Farbenfroher Frühling in Galizien © Jo Deleker
Eine spannende und holprige Piste kreuzt die Picos de Europa von Sotres nach Espinama Eine spannende und holprige Piste kreuzt die Picos de Europa von Sotres nach Espinama © Jo Deleker
La Mezquita, die fantastische 1200 Jahre alte Moschee im Herzen von Cordoba La Mezquita, die fantastische 1200 Jahre alte Moschee im Herzen von Cordoba © Jo Deleker
Andalusien aus dem Bilderbuch Andalusien aus dem Bilderbuch © Jo Deleker
Andalusien aus dem Bilderbuch Andalusien aus dem Bilderbuch © Jo Deleker
Andalusien aus dem Bilderbuch Andalusien aus dem Bilderbuch © Jo Deleker