Go cold
USA und Alaska
Florida: 29 Grad, Sonne und Strand – die eine Seite des amerikanischen Winters. Auf der anderen Seite zeigt er sich mit Eis und minus 40 Grad...
...und genau dort wollen wir hin. Also machen sich Sjaak Lucassen, mein niederländischer Reisepartner, und ich mit unseren Motorrädern auf den Weg zur Prudhoe Bay an der Nordküste Alaskas. Von Key West in Florida, dem südlichsten Punkt der kontinentalen USA, führt unser Weg zunächst durch die Everglades. Sumpf und Schlingpflanzen, Alligatoren und Wasserschildkröten ziehen unsere Blick an und lenken uns ab vom eintönigen Geradeaus der Strasse. Dann aber verschluckt uns Highway 10 und bringt uns durch die Wüste und die Steppe des amerikanischen Südens, von Florida bis Arizona, 3200 Kilometer geradeaus.
Erleichtert erklimmen wir als krönenden Abschluss das Colorado-Plateau, in das der gleichnamige Fluss den Grand Canyon gefräst hat. Der Blick über die Schlucht ist grandios. Aber nach wenigen Minuten schaufelt der Wind das Loch mit Wolken zu und wir stehen vor einer weissen Wand. Weg hier.
In Kalifornien erwartet uns Dave Barr. Der Amerikaner hat im Angolakrieg beide Beine verloren, das eine oberhalb, das andere unterhalb des Knies. Mit dieser Behinderung hat sich der Amerikaner aber nicht in den Rollstuhl gesetzt, sondern auf seine Harley-Davidson, und ist damit rund um die Welt gefahren.
Dave war auch schon im Winter unterwegs, mit einem Seitenwagen an der Harley quer durch Sibirien. Und mir gefällt das verschmitzte Grinsen, mit dem er uns erzählt, dass er dabei niemals kalte Füsse hatte. Man spürt den starken Willen dieses Mannes beinahe körperlich. «Es ist auch nicht immer einfach mit ihm», verrät mir seine Frau Susan mit einem Augenzwinkern.
Am nächsten Tag fahren wir zu Ted Simon, dem Autor des legendären Bestsellers «Jupiters Fahrt». Der berühmte Weltenbummler ist ein ganz anderer Charakter. In einem abgelegenen Tal im Norden Kaliforniens sitzen wir bei einer Flasche Rotwein zusammen, und Ted schüttelt milde sein weises Haupt, als er von unserem winterlichen Reiseziel hört. Dann legt er noch ein Holzscheit in den Ofen. Das Thermometer zeigt sieben Grad unter null, als wir in unsere Daunenschlafsäcke kriechen.
Vorbereitungen für den Kälteritt
In Seattle heisst uns Tom von Touratech USA in seiner
Werkstatt willkommen. Die Gabel meiner BMW F 800 GS ist bereits mit speziellem
Winteröl von Putoline gefüllt. Nun bekommt der Motor ebenfalls eine
Arktis-Mischung, und der BMW-Händler in Seattle spendiert noch ein Kühlwasser,
das bis –60 Grad flüssig bleibt. Er montiert auch unsere Winterreifen, die genug Profil haben, um lange Spikes in den Gummiblöcken verschrauben zu können.
Ausserdem besucht uns Helge Pedersen bei Touratech. Der Norweger war zehn Jahre lang mit seiner Olga, einer BMW R 80 GS auf Weltreise. Inzwischen wohnt er mit seiner Frau Karen in Seattle. Aber den leidenschaftlichen Fotografen zieht es immer noch regelmässig in die Welt hinaus. Inzwischen organisiert er auch Weltreisen für andere, und mir bastelt der Hobbytaucher einen Schnorchel für den Helm, damit das Visier sich nicht so schnell beschlägt. Sjaak verzichtet, wir haben schliesslich beheizbare Visiere dabei.
Kanada begrüsst uns gleich am ersten Abend mit Glatteis. Der grosse Moment ist da, ich drehe den ersten Spike in meinen Reifen. Ein klitzekleiner Metallknopf ragt 1,3 Millimeter aus dem Gummi heraus. Das soll helfen? Sjaak war bereits mit Spikes am Nordkap, und gibt strenge Anweisungen: Frühestens nach zehn Zentimetern soll ich den zweiten Spike in die Lauffläche des Reifens schrauben.
Als Vorder- und Hinterrad bestückt sind, trete ich mit klammen Fingern und bangem Herzen zur Probefahrt an. Es kostet mich etwas Überwindung, auf eine blanke Eisfläche zu fahren, um dort zu bremsen. Aber das Bike kommt willig zum Stehen, ganz ohne Schlingern. Gas geben? Klappt auch. Na, dann los. Das Minus auf der Temperaturanzeige ist von nun an unser ständiger Begleiter. Neben der Strasse wachsen die Schneeberge und auf der Asphaltbahn glänzt immer wieder «schwarzes Eis»: Schmelzwasser, das am Tag über die Strasse läuft und in der Nacht gefriert.
Bear Lake ist am Abend nicht viel mehr als eine Tankstelle, ein Motel und ein paar Häuser. Über Nacht verwandelt sich der Ort jedoch in ein tief verschneites Winterdorf. Es wird Zeit, die Reifen weiteraufzuspiken. Der Nachbar borgt uns seine Bohrmaschine und wir machen uns an die Arbeit.
Zuletzt schraube ich noch das Federbein nach unten. Hyperpro hat mir eine Spezialanfertigung spendiert, mit der ich das Motorrad ganze elf Zentimeter tieferlegen kann. Tatsächlich reichen mir momentan drei Zentimeter, um mit beiden Beinen fest am Boden zu stehen. Aber man kann ja nie wissen.
Nach getaner Arbeit drehen wir eine Proberunde. Auf dem festgefahrenen Schnee der Dorfstrassen geht es bald munter dahin, und auf einer langen Gerade teste ich das ABS meiner BMW: Es funktioniert. Grosses Lob an die Herren Ingenieure.
Immer weniger Asphalt
Am nächsten Tag überqueren wir auf einer verschneiten
Strasse den knapp 1000 Meter hohen Pine Pass. Erinnerungen an meine
Russlandreise werden wach: Im verschneiten Uralgebirge fuhr ich damals, sooft
es ging, im Strassengraben, um Grip zu finden. Dieses Mal krallen sich die
Spikes in den Schnee, und ich freue mich wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum,
während wir durch die funkelnde Winterlandschaft fahren. In Dawson Creek beginnt
der über 2000 Kilometer lange Alaska-Highway, und der Asphalt hat uns wieder.
Um die Spikes zu schonen, fahren wir auf dem schneebedeckten Seitenstreifen.
Meine In-stinkte rebellieren. Aber das Problem löst sich bald von selbst, weil
Eis und Schnee die Strasse wieder unter sich begraben.
In Fort Nelson fällt die Temperatur nachts unter minus 40 Grad. Dummerweise haben wir die Rein-Blei-Batterien über Nacht an den Motorrädern gelassen. Ein Anfängerfehler, der sich sofort rächt. Beide Motorräder weigern sich entschieden, anzuspringen. Also stellen wir die Batterie auf die Heizung und schieben die Motorräder in die Sonne. Welche der beiden Massnahmen besser hilft, kann ich nicht sagen, aber nach einer Stunde laufen die Motoren.
Über 1200 Kilometer später sehen wir das nächste Mal
Asphalt. Kurz vor Whitehorse weichen wir – dieses Mal ganz selbstverständlich –
auf den Schnee am Seitenstreifen aus. Plötzlich schreit Sjaak los: «Doris, was
machst du?» Aber ich bin zu beschäftigt, um zu antworten. Bis ich am gegenüberliegenden
Strassenrand zum Stehen komme, hat mich Sjaak bereits auf der richtigen
Fahrspur überholt und beantwortet seine Frage selbst: «Du hast
einen Platten.»
Ein Auto hält, und Bill, der Fahrer, bringt mich zum Reifenhändler. Mein Vorderrad bekommt einen neuen Schlauch, und Bill lädt uns ein, in seiner Holzhütte zu übernachten. Fünf Tage später erreichen wir Fairbanks. Dort sind wir Gäste von Annie und Kevin, die beide ebenfalls Motorrad fahren. Sie haben im Internet von unserer Reise erfahren und uns spontan eingeladen. Bei ihnen sortieren wir unser Gepäck, lassen alles zurück, was wir nicht unbedingt brauchen, und nehmen stattdessen zusätzlichen Sprit mit. Der Dalton Highway ist 700 Kilometer lang, und im Winter gibt es an der Strecke nur eine Tankstelle. Kurz vor dem Start des Dalton übernachten wir noch einmal in einer kleinen Holzhütte.
Unendliche weisse Weiten
Bis wir Deadhorse am Ende des Highways erreichen, werden wir
garantiert keinen Asphalt mehr sehen. Deshalb haben wir im Baumarkt Blechschrauben
gekauft, die wir nun in jeden freien Stollen hineindrehen.
Am nächsten Morgen bepacken wir die Motorräder und fahren im ersten Morgenlicht los. Die 700 Meter lange Brücke über den Yukon ist die erste Sehenswürdigkeit der Strecke. Anschliessend überqueren wir den Polarkreis und erreichen schliesslich Coldfoot, eine Tankstelle mit Motel und Restaurant. Dort erfahren wir, dass der Atigun Pass auf der vor uns liegenden Brokes Range aufgrund eines Lawinenabgangs gesperrt ist. Wir wollten sowieso im nahe gelegenen Wiseman übernachten, und wir hoffen nun auf freie Fahrt am nächsten Tag. Aber die Strasse wird erst am Nachmittag freigegeben, und für den darauffolgenden Tag hat sich an der Nordseite der Berge ein Sturm angekündigt. Wir sitzen fest und lauschen dem Wetterbericht. Am dritten Tag soll der Wind an der Küste am Nachmittag abflauen, heisst es. Das reicht uns, vorher kommen wird dort sowieso nicht an.
Auf dem 1415 Meter hohen Atigun Pass ist es schattig und
kalt. Aber dahinter begrüsst uns die Sonne, und auf der Tundra funkelt der
Schnee. Strahlend weiss breitet sich die
Ebene vor mir aus. «Das ist weiter als weit», schiesst es mir durch den Kopf.
Wind kommt auf – der Sturm. Zwei Männer vom Sicherheitsdienst der Ölpipeline
halten uns an. 40 Kilometer vor Deadhorse soll eine Schneeverwehung den
Lastwagenverkehr lahmgelegt haben. «Aber vorher gibt es noch ein Arbeitercamp»,
sagen die Männer: «Nur 16 Kilometer von hier. Dort könnt ihr bestimmt
übernachten.» Aufgewirbelter Schnee behindert unsere Sicht. Minus 31 Grad
stehen auf der digitalen Anzeige meiner BMW. Aber der Wind macht daraus
gefühlte minus 50 Grad.
Rettung im Arbeitercamp
Ein Lastwagenfahrer wartet am Strassenrand auf uns, fragt,
wie schnell wir sind, und fährt uns dann voraus. Sjaak fährt hinter mir und
fällt zurück. Ich passe mich an, halte sowohl zu ihm als auch zum Lastwagen
Sichtkontakt. Inzwischen haben wir bereits 20 Kilometer zurückgelegt. Zweifel
kommen auf. Aber es ist mir egal, wo der Lastwagen hinfährt, ich will versuchen
dranzubleiben. Und Sjaak versucht ganz offensichtlich dasselbe.
Nach 32 Kilometern erreichen wir endlich Franklin’s Bluff, das Camp von Cruz Construction. Von dort aus werden die verschiedenen Ölfördertürme technisch versorgt. Die Männer leisten Schwerstarbeit. Aber die momentane Witterung nennen sie «Face 3». Und das heisst, Menschen und Maschinen bleiben drinnen. Es ist so kalt, dass es zu gefährlich ist, draussen zu arbeiten. Wir melden uns am Empfang. «Habt ihr Erfrierungen?», lautet die erste Frage. «Nein», schüttle ich den Kopf, «es geht uns gut.» Dann folgen wir einem Pick-up in eine geheizte Halle, wo die Motorräder stehen bleiben können. Sjaak und ich bekommen eine Warnweste und einen Bauhelm, dann werden wir in den Wohncontainer geführt. Dort stolpern wir erschöpft in die Küche. Es gibt nur noch Reste, aber die sind so üppig, dass eine ganze Reisegruppe davon satt würde. Ein Arbeiter nach dem anderen kommt vorbei. Sie begrüssen uns, lachen über unsere Dummheit und bewundern unseren Mut. Wahrscheinlich wissen sie viel besser, worauf wir uns eingelassen haben, als wir selbst.
Kälte kann fies sein. Der Tod kommt schnell, wenn irgendetwas schiefgeht. Wir haben das Zelt, die Schlafsäcke, noch einen Overall und zusätzliche Kleidung. Aber ich fürchte, ohne das Camp wären wir wohl nicht ganz ohne Erfrierungen davongekommen.
Am nächsten Tag lacht die Sonne wieder vom Himmel. Am späten Vormittag ist die Strasse frei geräumt, und wir fahren die letzte Etappe nach Deadhorse. Auch dort hilft uns Cruz Construction: Gary spricht mit den Sicherheitsleuten in Fairbanks und erhält die Erlaubnis, uns mit dem Pick-up durch die Sicherheitszone der Ölgesellschaften zur Prudhoe Bay zu bringen. Die Bikes dürfen nicht mit, als wir über das Eis des Meeres laufen. Trotzdem ist es ein herrliches Gefühl: Vom warmen Strand in Florida bis zum gefrorenen Polarmeer in Alaska – wir haben es geschafft!
| Reise-Infos USA und Alaska Allgemeines: Die USA bieten vom geradlinigen Highway bis zum kurvenreichen Schotterpass alles, was das Herz begehrt. Übernachten kann man in Luxushotels oder einfachen Motels, auf DeLuxe-Campingplätzen, einfach ausgestatteten Zeltplätzen in Naturparks oder hinter dem dritten Busch links (dann aber bitte nicht erwischen lassen!). Dazu kommen eine problemlose Verpflegung für Mensch und Maschine dank zahlreicher Tankstellen und Supermärkte, die oft rund um die Uhr geöffnet sind. Reisezeit: Alaska kann auch im Sommer kalt sein, richtig knackig wird es aber nur im Winter. Anreise: Wer das eigene Bike mitnehmen will, kann es entweder per Schiff oder per Flugzeug transportieren lassen. An der Grenze gehen die Erfahrungen auseinander. Die einen müssen ein Rückflugticket nachweisen, und der ADAC sagt, man benötigt eine Haftpflichtversicherung. Wir hatten beides und haben es nicht gebraucht. Grundsätzlich scheint ein Carnet de Passage nicht notwendig zu sein. Alternativ gibt es zahlreiche Motorradvermietungen. Die Einreise- und Visabestimmungen der USA haben sich in der letzten Zeit mehrfach geändert. Aktuelle Infos gibt es im Reisebüro oder unter http://bern.usembassy.gov/. Karten und Infos: Der amerikanische Automobilklub AAA hat gute Landkarten von sämtlichen US-Bundesstaaten. Eine gute Infobörse für Fernreisen ist www.horizonsunlimited.com, und für Kontakte in Amerika bieten sich zahlreiche Internetforen wie www.advrider.com an. Ausrüstung: Eine Liste mit den wichtigsten Zutaten zur Reise gibt es auf der Website der Autorin dieses Reiseberichts: www.doris-wiedemann.de. |
Dave Barr hat im Angolakrieg beide Beine verloren und fuhr trotz Prothesen mit seiner Harley um die Welt.
Pipeline: Der Dalton Highway wurde gebaut, um die Ölfelder an der Prudhoe Bay zu versorgen.












