200 Jahre Oktoberfest
Wallfahrt
Sie hassen Menschenmengen? Sie verabscheuen Leute, welche die Kontrolle über sich verlieren? Sie mögen absolut kein Bier? Ihnen graut vor Achterbahnen, Kettenkarussells, dem Geruchsgemenge aus Pommes frites, Glühwein und Steckerlfisch? Der Körperkontakt zu schwitzenden und schwatzenden Mitfahrern in drangvollen U-Bahnen macht Sie fertig? Gratuliere! Sie sind genau derjenige, der auf dem Oktoberfest noch gefehlt hat. Denn – Spass beiseite – auch wenn jedes Ihrer Schutzargumente natürlich seine Berechtigung hat, sind sie doch allesamt, ausnahmsweise und eben nur in diesem einen Jahr 2010, gegenstandslos: Das Oktoberfest zu München feiert nämlich sein 200-Jahr-Jubiläum. Für einmal gereicht so ein runder Geburtstag auch Leuten zum Vorteil, die Rummel, Ärger mit Alkoholisierten und feucht fröhliche «Gemütlichkeit» normalerweise eher abstossend finden: Denn das zweihundertste Oktoberfest lockt mit der Rückbesinnung auf das Echte, das Wahre, das Seinerzeitige.
Karl Valentin und Steilwand-Kitty...
«Historisches Oktoberfest» lautet das Stichwort. Aber nicht
nur dieses aktive Zurück in unseren so hektisch vorwärtsgewandten Zeiten hat
uns zu dieser Herbsttour inspiriert … Die meisten Töfffahrer fühlen sich schon angesprochen, wenn sich auf Jahrmärkten
und Volksfesten die Riesenräder drehen. Doch auch motorisierte Zweiräder haben
ihren festen Platz auf manchem Rummel in Europa. Auf dem Oktoberfest
beispielsweise faszinieren seit 1932 motorradfahrende Gladiatoren nicht nur
Töff-affine Besucher mit ihren Stunts. «Pitt‘s Todeswand» heisst eine
jener Wies‘n-Attraktionen – ein
hölzerner Kessel, dessen senkrechte Wände von innen befahren werden. Ach, was
heisst befahren! Sie werden akrobatisch nach allen Regeln der Kunst und oftmals
scheinbar wider die Physik zum Spielplatz komplett verrückter Motorradfans. Zu
den Fahrzeugen, die in den Vorführungen genutzt werden, gehören drei Indian vom
Typ 101 von 1928.
Vier Jahre nach dem Erwerb dieser Motorräder begann Peter «Pitt» Löffelhardt sein Geschäft mit der Todeswand auf dem Oktoberfest. Und da wurde die berühmte «Steilwand-Kitty» über Jahre hinweg zur Attraktion. Käthe Müller, so ihr bürgerlicher Name, war in den 30er und 40er Jahren der Star in «Original Pitt‘s Todeswand». Über die Grenzen hinaus berühmt wurde Kitty dann durch den legendären Münchner Volksschauspieler und Komödianten Karl Valentin (1882–1948), zu dessen Ehren 1959 das «Valentin-Musäum» im Münchner Isartor gegründet worden ist. Auch Karl Valentin war glühender Bewunderer nicht nur von Kitty, sondern von der ganzen Pitt’s-Truppe und ihres «Spektakls», wie Valentin es nannte; weshalb er und seine Partnerin Liesl Karlstadt oft und gern gesehene Gäste im Salonwagen der Familie Löffelhardt waren. Unter www.toeff-magazin.ch finden Sie den Link zur Reportage von Karl Valentin aus dem Jahr 1946 über das «Spektakl» in Pitt’s Todeswand.
… und eine Bier-Wallfahrt mit TÖFF
Wie schon erwähnt, es ist nicht nur dieser internationale
Treffpunkt für Millionen von Bierfans oder die berühmt-berüchtigte
Motorradshow, was eine frühherbstliche Töffreise nach München zum echten
Vergnügen macht: Es führen viele schnellere Wege nach München – bei unserer
Wies‘n-Wallfahrt steht zwar ebenfalls das Ziel im Vordergrund. Aber für den
genussvollen Tourenfahrer ist ja auch der Weg ein Ziel – unserer führt kreuz
und quer durch die äusserst abwechslungsreiche Region Oberbayerns, welche man
besonders aus der Sicht des Motorradfahrers ohne Übertreibung als echtes
Sahnestück bezeichnen kann. In keinem anderen Gebiet Bayerns finden sich derart
schöne Strässchen, wie beispielsweise um das Fünf-Seen-Land südwestlich von
München.
Aber die erbauliche Wies‘n-Wallfahrt beginnt ja bereits in den österreichischen Vor-alpen. Den Kurvenschwung durch den Bregenzer Wald konnten wir uns einfach nicht verkneifen – und der lässt sich wunderbar mit Oberbayern verbinden, wie bereits die Tourentipps des Voralpenseen- und des Österreich-Specials (TÖFF 04/10 und 05/10) eindrucksvoll bewiesen haben. Die GPS-Routen stehen für Ihre Tourenplanung übrigens weiterhin zum Download bereit.
Zurück zur herbstlichen Bier-Wallfahrt: Ab Dornbirn sollte man also schon etwas Zeit mitbringen, denn die über 300 Kilometer lange Wies‘n-Anreise, vorbei an Sonthofen, Füssen und Starnberg, vermeidet bewusst längere Etappen auf überfüllten Bundesstrassen. Und sie steht ganz im Zeichen des Gerstensaftes: 294 Points of Interest, darunter zahlreiche Brauereigaststätten, das berühmte Kloster Andechs und die Erdinger Weissbierbrauerei, laden zu Degustationen sowie Besichtigungen ein. Und neben den leiblichen Genüssen kommt auch das Geistige nicht zu kurz: Alleine das UNESCO-Weltkulturerbe Wieskirche bei Steingaden oder das Deutsche Museum in München machen die Anreise aufs Oktoberfest zur lohnenden Motorradtour.
Das Fünf-Seen-Land südwestlich von München bietet neben dem erbaulichen Kurvenschwung übrigens sogar die Möglichkeit, die Wirkungsstätte eines Nobelpreisträgers, der Geschichte schrieb, in Augenschein zu nehmen.
Seewiesen bei Starnberg ist ein kleines Areal in Oberbayern, zwischen Starnberger See und Ammersee gelegen. Von 1958 bis 1999 war es Standort des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie. Hier leistete der Gelehrte Konrad Lorenz (1903–1989) den entscheidenden Teil seiner Arbeit, für die er 1973 den Nobelpreis erhielt. Apropos Geschichte, zurück zum eigentlichen Ziel der Tour – der Wies'n –, genauer, zu ihrer Historie.
Die Geburt des berühmten Volksfestes
Am 12. Oktober 1810 wird zu Ehren der Vermählung des
bayerischen Kronprinzen Ludwig (des späteren Königs Ludwig I.) mit Prinzessin
Therese von Sachsen-Hildburghausen ein fünftägiges Fest in der gesamten
Münchner Stadt inszeniert. Am 17. Oktober endet dieses schon damals so
titulierte «Volksfest» mit einem Pferderennen auf einer Wiese vor der Stadt;
jene Wiese wird fortan zu Ehren der Braut Theresienwiese genannt. Und weil das
publikumswirksame Pferderennen jährlich wiederholt werden soll, segelt – quasi
in seinem Windschatten – das Oktoberfest daher. Der Rest ist fast zwangsläufig:
Die anfangs wenigen kleinen Buden, in denen sich die Rennbahn-Besucher mit Bier
versorgten, expandieren in Zahl und Grösse, 1818 werden das erste Karussell und
zwei Schaukeln aufgestellt. Die 1880 einsetzende Blüte des deutschen
Schaustellerwesens und der Karussellindustrie legt vollends den Grundstein für
das Oktoberfest, wie die ganze Welt es heute kennt: als Mischung von
Fahrgeschäften, Schaubuden und Belustigungen mit den 14 Bierhallen der Münchner
Brauereien.
Bierkultur wie zu Königs Zeiten
Natürlich – und mitunter durchaus zu Recht – hat das
Münchner Oktoberfest insbesondere im Laufe der letzten 30, 40 Jahre viel Kritik
einstecken müssen. «Masslose Preise», «totale Technisierung»,
«Traditionsverlust», «Ende der Gemütlichkeit», «Musiklärm-Terror», so lauteten
einige der Schlagworte. Ganz zweifellos ist da eine Menge dran, obwohl sie
andererseits nicht stimmen. Denn das Oktoberfest ist ein Prozess, ein unaufhörlicher
Prozess des Wandels, immer auch Abbild der jeweiligen gesellschaftlichen
Situation. Erstmals gibt es aber nun zur 200. Jubiläums-Wies’n die Möglichkeit,
dass Oktoberfest-Besucher mit einer einzigen Visite die aktuelle wie auch die
historische Wies’n-Version live erleben können.
Auf dem «historischen Oktoberfest», das auf dem südlichen Teil der Festwiese aufgebaut wird, drehen sich ab 17. September historische Karussells, es gibt Schau- und Vergnügungsbuden «aus der guten alten Zeit». Und es finden, wie schon 1810, Pferderennen statt. Wie gemütlich es vor Jahrzehnten, vielen Jahrzehnten gar, in allen Festzelten war, dürfte sich beim Besuch des historischen Festzeltes (nur 3500 Plätze) leicht feststellen lassen; dort spielt bis 20 Uhr eine Blaskapelle überlieferte Weisen, die allabendliche Popsession Marke «Ällis-husefackisällis» entfällt wie auch das Tanzen auf Tischen und Bänken ersatzlos. Eine Wiedererweckung der legendären Münchner Gemütlichkeit, wenn man so will. Wer mit dem dort angebotenen Grillfleisch nicht zufrieden ist, darf sogar mitgebrachte Würste und anderes Grillgut zur Zubereitung abgeben – ganz volksnah und familienfreundlich. Zudem lockt das historische Festzelt mit einer Besonderheit: Nur dort wird das Jubiläumsbier ausgeschenkt, das von den Münchner Brauereien gemeinsam entwickelt worden ist. Sein Geschmack soll sich an dem früherer Festbiere orientieren. Und statt aus Containern und neutralen Glashumpen dürfen die Gäste das Jubiläumsbier aus echten Steinkrügen trinken, die aus echten Holzfässern gefüllt werden.
Wir lassens trotzdem rauchen
Aber mehr noch als die Erweiterung um die Traditionsschau
sorgt auf dem diesjährigen Oktoberfest neben Todeswand, Wiesn-Playmates, Promis
und masslosen Masspreisen das totale Rauchverbot für Schlagzeilen. Dass die
Schweizer Gäste – für ihre Disziplin und Anpassungsfähigkeit in aller Welt
gerühmt – diesbezüglich über die Stränge schlagen, erscheint wenig
wahrscheinlich. Aber was tun, wenn ein angetrunkener Sitznachbar aus Werweisswo
zu einer Zigi nötigt? Annehmen und anzünden, diskutieren, ablehnen oder gar
verzeigen? Man darf gespannt sein, wie sich die in den Augen vieler
bedachtsamer Nichtraucher fundamentalistische Regelung in der Praxis darstellt.
Beruhigend, dass man es als Töfffahrer auch ohne Tabak rauchen lassen kann –
auf der grandiosen, kurvigen Tour zurück in die Schweiz. Gut, wenn man für
einmal den Weg zum Bier zum Ziel macht.









