Lybien

Wüstenritt

Von Monika Neiheisser
03.11.2008 10:37:05
Tief in der libyschen Wüste in der sternenklaren Nacht frieren und sich am Tag schwitzend durch die Dünen kämpfen, um am 29. März 2006 die Sonnenfinsternis zu sehen.

Wir haben 700 Liter Trinkwasser, 1800 Liter Treibstoff und Essen für mehrere Tage im Versorgungs-Lkw gebunkert und drehen in Ghadamè s der Zivilisation den Rücken zu. Die Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis am Krater Wau en Namus, tief in der libyschen Wüste, ist unser Ziel.

Für Richard erfüllt sich ein Traum: einmal mit dem Töff durch die Wüste. Der Tanz durch erste Weichsandfelder zwischen der Steinpiste in der Hamada al Hamrah beginnt. Richard gibt zu wenig Gas, bleibt stecken und fällt samt Maschine um. Kräftezehrend ist die Ausgrabeaktion. Bald wird der Untergrund fester. Unsere Augen kleben wie gefesselt an der Piste. 100 Prozent Konzentration sind gefordert, kein Stein, kein Schlagloch darf uns entgehen. Nur aus dem äussersten Blickwinkel nehmen wir die gelb leuchtenden Kürbisse am Pistenrand wahr.

Flötentöne im Camp
Auf einem Plateau schlagen wir unser Camp auf. Während wir unsere Zelte wie Stecknadeln auf dem Reissbrett in der endlosen Weite verteilen, bereitet Tourleiter Peter Hinterreiter mit seinen Helfern frische Käsknöpfle zu, eine österreichische Mehlspeise, und Salat. Fast ohne Dämmerung bricht die Nacht herein, und in unseren aufgeschnittenen Plastikflaschen leuchten die Kerzen mit den Sternen um die Wette.

Mit fröhlichen Tönen, die Franz auf seiner Querflöte spielt, beginnt der Tag. Volker wärmt seine Hände an der heissen Tasse Kaffee und schimpft: «Dass ich beim Skifahren kalte Füsse habe, bin ich ja gewöhnt, aber dass ich in der Wüste friere, hätte ich nicht gedacht», und zieht sich bei 6 °C seine Mütze auf den Kopf.
Unser Begleiter, Tuareg Mohamed, sitzt mit seinem Teekännchen an einem kleinen Feuer, wärmt sich und beobachtet das europäische Campgeschehen aus seiner speziellen Perspektive.

Fahrschule im Sand
Unüberhörbar dröhnt das Hupsignal des Lasters durch das Camp, Peters Zeichen zur Abfahrt. Heute lernen wir Pistelesen auf der Fahrt durch endloses Nichts. Harter Untergrund heisst Gas geben, weicher Untergrund bedeutet: Hoffentlich bleibe ich nicht stecken.

An einem abgedeckten Ziehbrunnen legen wir einen Stopp ein. Mohamed schöpft daraus mit einem alten Lkw-Schlauch Wasser und gibt uns damit ein Gefühl für die Mühseligkeit des Nomadenlebens. Ein willkommener Moment für eine Pause. Jeder sucht sich ein Plätzchen im fusswegbreiten Schatten des Tatra-Lkws. Die Tagesenergie ist zu 70 Prozent aufgebraucht. Jedes Gespräch verstummt nach wenigen Sätzen. Wurst, Käse, Brot und Tomate geben Kraft für die zweite Tageshälfte. Kraft, die wir brauchen, um das unermessliche Dünenfeld, das nun vor uns liegt, zu durchqueren. Im Nu sind die Dünen bunt gespickt. Im Pulk durchqueren wir das Dünenmeer. Die Angst, zwischen den Dünen die Gruppe zu verlieren, sitzt uns im Nacken, trotz GPS-Navigation.

Es rieselt der Sand
Am Nachmittag hat die Sonne jegliche Feuchtigkeit aus dem Sand gezogen und ihm das letzte Quäntchen Festigkeit genommen. Er rieselt haltlos unter den Reifen weg. Alex kämpft mit seiner schweren BMW F650, sie geht am Berg immer wieder aus, da der Tank fast leer ist. Bald fehlt ihm die Kraft, die Maschine alleine aufzustellen. Hans und Sepp fahren zurück, um zu helfen – Düne rauf, Düne runter. Unsere Körper schreien nach einer Pause, doch wir müssen weiter – raus aus dem Dünenlabyrinth.

Mit dem letzten Tropfen Sprit im Tank erreicht Alex ausgepowert das Camp. Nach dem Abendessen und dem Reinigen des Luftfilters streckt er sich in seinen Schlafsack.

Eine neu geschobene Piste, die Ölbohrstellen zugänglich macht, ist weich und kräftezehrend. Jetzt heisst es Gas geben und keine ausgefahrene Spur erwischen. Zwischendurch befeuchten wir den trockenen Mund mit einem warmen Schluck Vitaminbrause-Limo aus dem Camel-Bag, ein Gebräu, das nur in der Wüste schmeckt.

Lohnender Ausblick: Taklumet
Am späten Nachmittag leuchtet Libyens höchste Düne majestätisch im goldenen Abendlicht. Nur wenige finden die Kraft, auf die 200 Meter hohe Düne Taklumet zu steigen. Doch der 360-Grad-Blick ins weite Nichts lohnt sich. Endlose Dünenfelder, Steine und ein paar Pisten, bis sich am Horizont die Erde krümmt. Endlich finden wir das Szenario, das uns zu dieser weiten Reise veranlasst hat.
Bei Dunkelheit spielt Volker Volksweisen auf seiner Ziehharmonika, wir tanzen dazu unter dem Sternenhimmel. Die Welt ist in Ordnung, aber es folgen noch anstrengende Tage.

Spiel (fast) ohne Grenzen
Sand spritzt von unseren Hinterrädern in hohem Bogen in die Luft, und ein unausgesprochener Wettbewerb beginnt am Morgen: Wer jagt die Düne am weitesten hinauf und kommt ohne Umkippen wieder hinunter? Marcel Hinterreiter, der 10-jährige Sohn des Reiseveranstalters, zieht seine eigene Spur mit seiner GasGas weit hoch auf die Düne. Er lernt seit seinem dritten Lebensjahr die Tricks der Profis von seinem Vater. Drei Motorräder hat er schon ausgewachsen.

Hitze und Monotonie
Richard freut sich: «Jetzt geht es wieder auf die Piste.» Er ist das erste Mal mit seiner KTM 640 LC40 in der Wüste unterwegs, und es ist viel, viel schöner als er dachte.

Die Piste ist tückisch und weich. Wir ziehen dicke Staubfahnen hinter uns her. Und fahren die meiste Zeit in der Staubfahne unserer Gefährten. Beim nächsten Tankstopp in Al Awaynat sehen wir alle gleich aus: saharagelb.
Eine Fata Morgana flimmert am Horizont, rechts das Tafel-Gebirge und Ölbohrstellen, links nichts. 260 Kilometer Asphalt bis Awbari, die nicht enden wollen, durchtrennen die Landschaft wie mit dem Lineal. Hitze, Monotonie und Sitzfleisch sind die Schlagwörter des Tages. Bei Dunkelheit erreichen wir unser Camp über eine Sandpiste. An diesem Abend tanzt keiner mehr. Der Ritt durch die knallharte Wüste hat uns geschafft, obschon eigentlich alles ohne grössere Probleme abgelaufen ist. Alltag in einer nicht sehr lebensfreundlichen Umgebung.
Am Morgen fühlen wir uns wie in den Film «Lawrence von Arabien» versetzt. Wir sind eingebettet in sanft geschwungene Dünen, die in sattem Orange im Morgenlicht leuchten.

Wir dringen noch tiefer in das Sandmeer ein, in das der Wind wie ein Künstler harmonische Wellen geblasen hat. Unerwartet tauchen riesige Dattelpalmen in einem Dünental auf. Minuten später lassen wir uns wie Seerosen im lauen Wasser mitten in der Dünenlandschaft treiben. Wir haben den See Um al Maa, einen der berühmten Mandara-Seen, erreicht. Er wird von einer unterirdischen heissen Quelle gespiesen. Der hohe Salzgehalt treibt die Zehenspitzen immer wieder an die Wasseroberfläche. Ein genialer Platz für einen Ruhetag nach diesem anstrengenden Dünenritt, um die strapazierte Muskulatur zu entspannen und unter Palmenwedeln zu klönen.

Vulkankrater in der Wüste
«Auf zur Namus-Rallye», so die Worte von Peter. Wir sind auf dem Weg zu einem der Naturwunder der Wüste, dem Vulkankrater Wau en Namus, an dem wir das Naturerlebnis Totale Sonnenfinsternis beobachten wollen. Die Zeit drängt.
Kies und unendliche Weite, soweit das Auge reicht. Plötzlich bleibt der Tatra stehen: Bruch der Drehstangen-Federung. Die Zeit läuft. Peter improvisiert. Wir müssen weiter. Die Einsamkeit wird durch vorbeifahrende Fahrzeuge, die teilweise Hilfe anbieten, unterbrochen. Nach vier Stunden geht der Ritt durch die Wüste langsam weiter durch Wadis – Flussbetten, die sich zu Tälern ausgewaschen haben –, über Schotter und auf weissem Sand durch grenzenlose Weite. Das alles unter den unerbittlichen Strahlen der Sonne, denen wir vollkommen ausgeliefert sind. Doch das sollte sich noch ändern – für kurze Zeit wenigstens.

Unrealistisch taucht am Horizont ein schwarzer Streifen auf. Je mehr wir uns ihm nähern, desto schwärzer wird die Landschaft um uns herum. Lavasteinchen knirschen unter unseren Reifen. Wir fahren im viele Kilometer breiten Ascheauswurf des Vulkans, bis er erhaben und unermesslich riesig im schönsten Abendlicht, umsäumt von zwei tiefblauen Seen, vor uns liegt. Geschafft – wir haben den Krater erreicht. Wir sind zur rechten Zeit an dem Ort angekommen, wo die Natur ein besonderes Schauspiel bieten wird. Wir suchen uns den schönsten Platz am Kraterrand für unser Camp. Einen Platz in der ersten Reihe im grossen Welttheater.

Der Feuerball lockt uns am Morgen aus unseren Schlafsäcken. Nur noch wenige Stunden bis zur Sonnenfinsternis. Binnen zweier Stunden verformt sich der Ball zu einer Sichel. Langsam wird das Licht trüb, die Schatten verschwinden, die Kraterseen ziehen alle paar Minuten ein neues Kleid an, von blau über silbergrau zu schwarz. Der Wind schläft ein, die Gespräche verstummen, das Vogelzwitschern versiegt, es wird kühl. Bald wird der tellerrund scheinende Mond von einem roten Band gesäumt. Vier Minuten dauert die totale Verdunkelung der Sonne durch den Mondschatten, und die Sonne steht wie ein Diamantring am Himmel. Vier Minuten lang geniessen wir eine mystische Stimmung. Im Zeitraffertempo eines Sonnenaufgangs erhält die Erde das Sonnenlicht und die Wärme zurück. Freudentränen, Umarmungen und Jubelrufe mischen sich mit stiller Freude – die weite Reise hat sich für diese vier Minuten gelohnt. Bei Sekt und Bierzeltstimmung feiern wir das Erlebnis.

Am nächsten Morgen beginnt die Reise raus aus der Wüste, zurück in die Zivilisation. Wir geniessen die letzten Fahrten durch Sand und über Pisten, bis der Asphalt in der Hitze flimmert. Vorbei an Baustellen des Man-Made-River-Projekts, bei dem mit Hilfe von Grundwasser Felder in der Wüste bewässert werden. Im Norden wird die Vegetation mediterran, Pinienduft liegt in der Luft, das Meer ist nicht weit. Ein Besuch der römischen Ausgrabungsstätte Sabrata am Mittelmeer lässt uns für eine Weile in antike Zeiten eintauchen.

Das Weltkulturerbe gilt als eine der schönsten Ruinen- und Ausgrabungsstätten der Welt. Ein Blütenmeer breitet sich heute zwischen römischen Säulen aus, würziger Kräuterduft zieht in die Nase, die Brandung des Meeres schlägt gleichmässig ans Ufer.

Ein letztes Mal lassen wir die Seele baumeln und geniessen die Besichtigung der Oase der Ruhe, die mit dem grössten Theater Afrikas und als wichtiger Stützpunkt im Seehandel mit Italien schon lebhaftere Zeiten hinter sich hat.

Reiseinfos Libyen

Grundsätzliches: Die vorübergehende Festnahme von Hannibal Gaddafi Mitte Juli 2008 in Genf hat zu politischen Spannungen geführt. Deshalb wird bis zur Klärung der Lage von nicht dringenden Reisen nach Libyen abgeraten. Auf jeden Fall sollte man sich zuvor unter tri.vertretung@eda.admin.ch über die aktuelle Situation orientieren.

Weiter ist zu bedenken, dass es sich um einen Staat mit anderen Gepflogenheiten (Islamische Volksrepublik) handelt. Wir empfehlen deshalb, einen kompetenten Reiseorganisator in Anspruch zu nehmen, wie zum Beispiel:

Team Hinterreiter GmbH, www.hinterreiter.com
Bike & Travel, www.bike-travel.net
mexplore, www.mexplore.de
Overcross, www.overcross.ch
Pampastours, www.pampastours.de
Wüstenfahrer, www.wuestenfahrer.com
Zitzewitz Moto Events, www.z-enduro.de

Beste Reisezeit: Oktober bis Mai.Einreise: Mit Visum und sechs Monate gültigem Reisepass, ohne Sichtvermerk von Israel, mit arabischer Übersetzung des Passes.

Anreise: Per Flugzeug nach Tripolis (Swiss) oder auf die Insel Djerba (Tunis Air, ab 270 Euro). Per Fähre von Genua nach Tunis und dann auf dem Landweg (als Beispiele).

Geld: Libyscher Dinar (1 SFr = etwa 1 Dinar). Kreditkarten werden nur sehr limitiert angenommen. Reisechecks werden nicht akzeptiert. Bargeld mitnehmen, Dinar dürfen jedoch nicht eingeführt werden. Banken sind gewöhnlich donnerstags wie freitags (allgemeiner Ruhetag in Libyen) geschlossen.

Sprache: Arabisch, teilweise wird etwas Englisch oder Italienisch gesprochen (in Touristenzentren).

Verkehr: Für die Fahrt in die Wüstengebiete benötigt man die Erlaubnis der Behörden in Form eines Wüsten-Passes. Das Benzin ist billig und die Unfallrate hoch.

Gesundheit: Impfungen sind nicht vorgeschrieben, Diphterie, Polio, Tetanus und Hepatitis A werden empfohlen.

Allgemein: Vor der Reise die Krankenkasse anfragen.

Lib. Botschaft: Tavelweg 2, 3006 Bern, Tel. 031 351 30 76

Oase Mandara Oase Mandara © Monika Neiheisser
Die Sonne wird schon vor der Verdunkelung im Auge behalten Die Sonne wird schon vor der Verdunkelung im Auge behalten © Monika Neiheisser
Gastfreundschaft und Tee gehören zusammen Gastfreundschaft und Tee gehören zusammen © Monika Neiheisser
In den Dünen, die imposanteste heisst Taklumet In den Dünen, die imposanteste heisst Taklumet © Monika Neiheisser
Auch ein Käfer (nicht von VW) kämpft sich durch die Dünen Auch ein Käfer (nicht von VW) kämpft sich durch die Dünen © Monika Neiheisser
Jeder noch so kleine Schatten wird gerne genutzt Jeder noch so kleine Schatten wird gerne genutzt © Monika Neiheisser
Ghadamès, Ende der Zivilisation? Ghadamès, Ende der Zivilisation? © Monika Neiheisser
Mohammed betrachtet alles vom traditionellen Lager aus Mohammed betrachtet alles vom traditionellen Lager aus © Monika Neiheisser
Speicherbauten in der historischen Felsenstadt Nalut Speicherbauten in der historischen Felsenstadt Nalut © Monika Neiheisser
Wirklich jeder Schatten wird genutzt Wirklich jeder Schatten wird genutzt © Monika Neiheisser
So wird das Essen im Camp zubereitet So wird das Essen im Camp zubereitet © Monika Neiheisser
Sehr giftige Koloquinten Sehr giftige Koloquinten © Monika Neiheisser
Altstadt von Ghadamès Altstadt von Ghadamès © Monika Neiheisser
Backgammon mit Kamelknödeln Backgammon mit Kamelknödeln © Monika Neiheisser
Auch runter immer am Gas bleiben! Auch runter immer am Gas bleiben! © Monika Neiheisser
Camp im schwarzen Lavasand am Vulkankrater Wau en Namus Camp im schwarzen Lavasand am Vulkankrater Wau en Namus © Monika Neiheisser
Benzin ist billiger als Red Bull Benzin ist billiger als Red Bull © Monika Neiheisser
Ab durch die einsame Wüste Ab durch die einsame Wüste © Monika Neiheisser
Mohamed improvisiert am Brunnen Mohamed improvisiert am Brunnen © Monika Neiheisser
Wasser gibt es am Mandara-See Wasser gibt es am Mandara-See © Monika Neiheisser
Spiel und Spass mit dem Gas Spiel und Spass mit dem Gas © Monika Neiheisser
Übersichtskarte Übersichtskarte © Archiv