Hintergrund
Design oder nicht sein
Ask a cardesigner to draw a bike. And then have fun!» Dies waren die Worte eines Designers bei BMW Motorrad. Was er damit meinte? Der Autodesigner setzt sich hin, zeichnet mit flottem Strich zwei Räder auf das leere Blatt und beginnt spätestens dann zu zögern. Wo kommt der Motor hin? Wo ist der Sitz? Wohin zeichne ich das Lenkrad? Das Ding hat ja gar kein Lenkrad! Was auf dem Blatt entsteht, ist üblicherweise ein futuristisches Teil, ähnlich dem Bike von Batman mit viel zu langem Radstand, merkwürdiger Ergonomie, beplankt mit haufenweise dynamisch wirkenden Verkleidungen, die auf Grund von nicht vorhandenem Wissen über die Substanz der Maschine überall hingemalt werden. Denn im Gegensatz zu einem Auto gilt es beim Motorrad nicht nur die Verpackung, sondern auch deren Inhalt zu zeichnen. Motorraddesign könnte man als eine Königsdisziplin betrachten, die drei Tätigkeitsfelder in sich vereint:
Der Industrial Designer: Er versteht die Technik und will sie für den Betrachter begreifbar machen. Denn ein gut gestaltetes Produkt erklärt sich von selbst: Es kommuniziert dem Betrachter durch sein Aussehen, wozu es dient, wie es funktioniert und bedient werden will. Zusätzlich soll es attraktiv und neuartig aussehen. Das gilt für sämtliche Produkte, vom Obstschäler bis zum Röntgenapparat. Als eindrückliches Beispiel für gelungenes Industrial Design am Motorrad kann die Leichtmetallschwinge einer MV Agusta F4 gelten: Eine kunstvoll geformte Skulptur, die statische Erfordernisse mit dynamischen Formen zu einem harmonischen Ensemble fügt. Trotz ihrer Ästhetik keine beliebige, sondern die sinnvollste Form.
Der Transportation Designer: Jedes Motorrad besitzt automotive Elemente. Eine charakteristische Kontur und Proportion, eine Front, deren Ausdruck das Gesicht bildet, und eine spiegelnde Lackoberfläche. Der Autodesigner macht sich weniger Gedanken über die Technik, denn seine Aufgabe ist deren Verpackung. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die auf nonverbaler Kommunikation beruht: Er schafft eine Skulptur, die dem Betrachter über Assoziationen (… sieht aus wie …) mitteilt, welches Fahrzeug vor ihm steht: Wie kostbar es ist, ob es schnell, gross oder luxuriös sein will, welches Image der Besitzer mit ihm erworben hat und vor allem, zu welcher Marke und Modellreihe es gehört. Der Umgang mit der spiegelnden Lackoberfläche bedingt viel Übung, künstlerisches Gespür und ein geschultes Auge.
Der Modedesigner: Was ein Motorrad mit Klamotten zu tun hat? Da das Motorrad den Fahrer nicht in, sondern auf sich trägt, ist seine Optik in zwei Situationen zu bewerten: Auf dem Ständer und zusammen mit dem Fahrer. So gesehen kann man das Bike als Sportaccessoire betrachten, das sich mit Snowboard, Mountainbike und Rollerblade in eine Reihe stellt. Neben dem Wissen über die ergonomischen Voraussetzungen des Fahrers macht sich der Designer Gedanken darüber, wie die Einheit aus Fahrer und Maschine auf der Strasse wirken soll. Der Fahrer einer BMW GS wird den Effekt kennen, wenn er sich auf seiner Maschine sitzend im Schaufenster betrachtet und mit einer gewissen Genugtuung die wundersam männlich wirkende Konstellation seiner selbst und der mächtigen Maschine betrachtet.
Design – wozu?
Manch einem Laien mögen beim
Begriff Design elitäre Wohnungseinrichtungen und Audio-Anlagen
mit nordisch klingenden Namen in den Sinn kommen. Es herrscht immer
noch das Klischee, ein Designer sei eine Art exaltierter Künstler
und würde sich nur um den modischen und ästhetischen Aspekt
des Produktes kümmern, sozusagen das Produkt ansehnlich
verpacken, welches der Ingenieur vorgängig entwickelt hat. Diese
Ansicht ist jedoch falsch. Jeder Gegenstand wurde bewusst gestaltet
mit dem Ziel, möglichst zu gefallen, vor allem aber bedienbar zu
sein. Dies gilt auch für Produkte, bei denen man dies als Laie
nicht vermuten würde, wie beispielsweise eine nüchtern
wirkende Spiegelreflexkamera, eine Schreibmaschine oder eine
Industriepresse. Vergegenwärtigt man sich den Zusammenhang von
Form und Funktion, stellt man fest, dass oftmals das beste Design
dort anzutreffen ist, wo man es als selbstverständlich wirkende
Lösung wahrnimmt. Was einfach und logisch wirkt, ist jedoch oft
das Resultat einer langen Kette von Überlegungen. Denn würde
ein Produkt lediglich aus technischen und konstruktiven Überlegungen
heraus erschaffen, wären wir von ähnlich
benutzerfeindlichen Dingen umgeben wie beispielsweise eine
programmierbare Multifunktionsfernbedienung aus Fernost.
Die Gestaltung des Produktes, die heute ein eigenes Berufsfeld darstellt, war früher häufig dem Kompetenzbereich des Ingenieurs überlassen. Doch die Beschleunigung der Produktlebenszyklen, die steigende Komplexität der Dinge und vor allem der Bedarf nach Abgrenzung durch eine immer schwerer zu erreichende Unverwechselbarkeit stellen zunehmend höhere Anforderungen an das Design und steigern dessen Wichtigkeit für den Erfolg eines Produktes. Insbesondere für unser liebstes Kind, das Motorrad. Daher wollen wir im Folgenden ein paar herausragende Motorräder aus dieser Sicht analysieren.
Riedel Imme R100
Dass ein innovatives Design kein Garant
für Erfolg am Markt ist, dafür gibt es etliche Beispiele.
Eines davon ist die Riedel Imme: Ein kleines, leichtes Motorrad,
gesegnet mit dem Pioniergeist der Nachkriegszeit. Leider wurde das
langfristige Überleben der Imme durch finanzielle
Schwierigkeiten der Firma verhindert. Wer sich die zeitgenössischen
Konkurrenzmodelle vergegenwärtigt, erkennt das ausgeprägte
ästhetische Feingefühl des Konstrukteurs und das innovative
Konzept des Entwurfs: Solidität, Leistungsfähigkeit und
Sparsamkeit durch Multifunktionalität: Die Hinterradschwinge
spart Material nicht nur durch ihre neuartige, einarmige Auslegung:
Sie dient zusätzlich sogar als Auspuff des wunderschön
gestalteten Motors. Und sie ist aus demselben Rohr gefertigt, aus dem
auch ein grosser Teil des Rahmenwerks besteht. Bei solch
spartanischen Voraussetzungen könnte man befürchten, ein
verkümmertes Lotterwerk müsse das Resultat sein. Doch das
Gegenteil ist der Fall: Das geduckt und dadurch bemerkenswert
dynamisch wirkende Motorrad aus Immenstadt im Allgäu ist heute
nach seinem 60-Jahre-Jubiläum immer noch faszinierend.
Honda CB 750 Four
Nicht immer muss ein hervorragendes
Design neuartig sein. Wer von einem Kind gefragt werden sollte, wie
ein Motorrad aussieht, wird ihm wahrscheinlich eine Honda CB 750
zeigen: Das Stereotyp des Motorrades. Obschon die Four aus
technischer Sicht ein höchst innovatives Bike war, leisteten
sich ihre Designer keine Eskapaden durch eine möglichst
einzigartige Formgebung. Sie konzentrierten sich auf klassische
Linien und erzielten eine unglaubliche Ruhe durch die Balance der
Proportionen. Würde man die Silhouetten aller je gebauten
Motorräder übereinander legen, wäre das so entstehende
Bild wahrscheinlich ähnlich dem der CB 750. Böse Zungen
mögen behaupten, diese sei langweilig und man schätze
Individualität. Doch eine Ikone zu schaffen, bei der jedes
Detail stimmt, ist wohl die am schwersten zu lösende Aufgabe
überhaupt.
Suzuki Katana
Würde man die Meilensteine des
Motorraddesigns aufzählen, dürfte die Suzuki Katana nicht
fehlen: Entstanden in einer Ära, in der Chromzierrat und
Kopfschalen mit Käseglockenform mit runden Scheinwerfen die
Optik der Bikes prägten, brachte sie mit ihrer brachialen
Keilform Dynamik ins Spiel. Obschon die Ergonomie des Fahrers zu der
logischen Form des Zweirades mit hoher Frontpartie (Hände) und
tieferem Heck (Gesäss) führt, entwickelte das bayrische
Studio Target Design erstmals ein Motorrad mit Heck-hoch-
Nase-runter-Optik. Dieses Ziel wurde mit Hilfe eines innovativen
Monocoque-Designs erreicht, in welchem die klassische Aufteilung Schutzblech/Sitzbank/Tank/Verkleidung über Bord geworfen und
durch ein langgezogenes dynamisches Gesamtvolumen ersetzt wurde. Die
Stringenz der Umsetzung lässt sich beispielsweise an der
farblichen Absetzung des Scheinwerfers erkennen, wodurch die
messerscharfe Front betont wird. Jedes Detail des Verkleidungsaufbaus
ist getreu dem flächigen, kantigen Futurismus der Achtzigerjahre
gestylt und bildet einen Kontrast zur komplexen Maschinenoptik des
kühlrippenbewehrten Suzuki-Bigblocks.
Ducati 916
Wird um das schönste je gebaute
Motorrad gestritten, ist ihr ein Podestplatz auf dem
Siegerinnen-Treppchen sicher: Die Ducati 916. Entwickelt vom
gelernten Heizungs- und Klimatechniker und letztendlich berühmtesten
Motorraddesigner als Autodidakt Massimo Tamburini, leitete ihr
Erscheinen mit dem Donnerschlag ihres Zweizylinders die Moderne des
Motorraddesigns ein und liess alle Konkurrentinnen alt aussehen.
Tamburini brach mit Konventionen und drängte die
Ducati-Ingenieure zu damals abenteuerlichen technischen Lösungen,
die dafür umso spektakulärer waren.
Er begnügte sich nicht damit, lediglichTank und Verkleidung zu gestalten: Ihren futuristischen Auftritt verdankt die reizende Diva aus Bologna zu einem grossen Teil ihren luchsäugigen Projektorscheinwerfern, dem ersten seriengefertigten Underseat-Schalldämpfer und ihrer prominenten, einseitigen Hinterradaufhängung.
Tamburinis tief reichendes Verständnis für die Technik unter dem Plastik in Kombination mit seinem künstlerischen Feingefühl ermöglichte ihm die Entwicklung einer hautengen Verkleidung. Eine stimmige Form, die eigenständig ist, sich daher wenig an damaligen Modetrends orientieren musste und zeitlos bleibt.
Yamaha YZF-R1
Gegen die Jahrtausendwende enttäuschten
Yamahas Neuvorstellungen die Fans von Supersportlern japanischer
Herkunft: Thunderace und Thundercat wirkten bereits auf dem Papier
schwergewichtiger als die Konkurrenz, und manch einer bereute, sein
Geld für das Töffmagazin ausgegeben zu haben. Die Zeit war
reif für eine Revolution, welche 1997 in Form einer Doublette
einschlug: R1 und R6 standen ein, wofür ihr Namenskürzel
steht: Kein Gelaber, kein Drumherum, nur R – für Racing. Der
Quantensprung in der Entwicklung des Vierzylindersportlers war
dermassen gross, dass seine Auswirkung auf das Design selbst für
Laien unübersehbar war. Details wie das durch den Rahmen
geführte Schaltgestänge machen deutlich, dass keine Umwege
und Kompromisse bei der Entwicklung dieser Maschine eingegangen
wurden, sondern nur das Maximum genügte. Die Fronten der R-Serie
führten den bösen Blick in die Motorradwelt ein, der in
irgendeiner davon abgewandelten Form mittlerweile jedem Sportbike
verpasst wird. Doch die R bleiben das Original. Die organisch
wirkende Einbuchtung in der Lenkkopfregion des Deltabox-II-Rahmens
der R1 erinnert mit etwas Phantasie an das Schlüsselbein einer
schlanken Frau, was als Metapher für den Erfolg der Diät
der YZF-Reihe gesehen werden kann.
Buell XB12S
Die Analyse der Evolution des
Motorrades offenbart, dass an einem gewissen Punkt eine
Diversifizierung der Konzepte stattfand. Dies, um letztere für
den jeweiligen Einsatzzweck zu optimieren: Geländemaschinen
erhielten immer mehr Federweg und leichte Einzylinder,
Tourenmaschinen laufruhigere und momentstärkere Motoren und
Sportmotorräder dafür umso drehfreudigere und
leistungsstärkere Antriebe. Die Spezialisierung führte zu
immer feiner verästelten Kategorien der für den jeweiligen
Einsatzzweck optimierten Modelle. Kein vernünftig denkender
Mensch würde auf die Idee kommen, die Dinge durcheinander zu
schütteln. Keiner ausser Eric Buell mit seiner Vorliebe für
das Schütteln amerikanischer Big Twins. Einen solch trägen,
über Stösselstangen bedienten Langhuber für sportliche
Zwecke zu missbrauchen, widerspricht jeglicher Logik, worin sich die
Essenz des Konzeptes verbirgt: Nicht immer ist die vernünftige
Lösung die attraktivste. Rennteams mögen sich dafür
interessieren, wie der letzte Hundertstel einzusparen ist. Doch der
Buell-Owner will Emotionen, nicht Rundenzeiten, dennoch aber ein
modernes und konkurrenzfähiges Bike. Denn im Kontrast zum
archaischen Triebsatz prägen die Buell seit jeher eine Vielzahl
avantgardistischer technischer Lösungen: Mit dem Ziel der
Massenzentralisierung besitzt die XB12 einen Rahmen, der gleichzeitig
als Spritfass dient, einen Zahnriemenantrieb, und ihr Auspuff hängt
am handlinggünstigsten Ort unter dem Motor. Vorne ist eine
Felgenbremsscheibe verbaut, von der manch anderer OEM immer nur
gesprochen hat. Doch vor allem ist die Buell das Crossover-Bike
schlechthin, in welchem kategorieübergreifend Komponenten
erfolgreich zu einem neuen Konzept vermischt wurden.
BMW R 1100 GS
Auf dem
Siegertreppchen der schönsten Motorräder wird sie kaum zu
finden sein. Die BMW R 1100 GS. Kaum ein
Motorrad polarisierte mit ihrem Design heftiger. Ästheten mit
Freude an dynamischen Sportlern oder eleganten Klassikern rümpfen
seit ihrem Erscheinen 1994 die Nase beim Anblick des
gewöhnungsbedürftigen Schnabeltiers, welches mit schamlos
entblösster Telelever-Gabel und bizarren Lösungen, wie der
an der Schwinge befestigte Kotflügel, die Gemeinde schockierte.
Als wäre das nicht genug, erschien die R 1150 mit der ersten
asymmetrischen Scheinwerferkonstellation. Doch gutes Design muss
nicht zwingend schön sein! Wer die GS begreift, versteht BMW: Im
Gegensatz zur Suche nach dem Ebenmass, welches vorgängig mit der
Honda CB 750 angesprochen wurde, will BMW individuell sein und aus
dem Einheitsbrei herausstechen. Die GS versteht sich nicht als
verwechselbare Schönheit, sondern als nüchternes Tool mit
Mut zur Extravaganz. Jedes Detail an ihr bis hin zum schlauen
Koffersystem soll funktional sein und zeigt dies in unübertroffen
seriöser Werkzeugästhetik. Der GS-Besitzer ist stolz
darauf, das Motorrad für eine Weltumrundung zu fahren, auch wenn
er grobe Schotterpassagen eher selten befahren wird.
Yamaha V-Max
Was Ford Mustang und Dodge Charger für
die Autowelt bedeuten, diesen Platz nimmt in der Töffgeschichte
die V-Max ein: Die Mutter, der Inbegriff des Musclebikes. Während
andere Motorräder einen vernünftigen Zweck verfolgen, wie
schnell auf Asphalt oder Schotter oder bequem auf Langstecke zu sein,
dient die V-Max einzig und allein dem Zweck, andere
Verkehrsteilnehmer an der Ampel stehen zu lassen. Mittlerweile ein
Thema, bei dem geächtet wird, wer Phantasien in diese Richtung
hegt. Doch wir erinnern uns, dass besonders in den USA Dragracing
nach wie vor der populärste Motorsport überhaupt ist. Mit
dieser öffentichkeitstauglichen Legitimation packte Yamaha 1984
einen V4 im Schiffsdieselformat in ein nicht besonders
verwindungssteifes Fahrwerk, stattete es mit mickrigem Vorderreifen
und umso fetteren Hinterschlappen aus. Das Ganze mit dem Ziel,
möglichst schnell schnell zu sein.
Wunderschön lässt sich am
Design der Yamaha V-Max vor allem der Weg der Luft verfolgen:
Abgegriffen aus dem Fahrtwind-Orkan wird sie (zumindest optisch)
durch die beiden Hutzen, danach durch vertikale Ansaugschlunde
gepresst, in den wuchtigen Zylindern zerstampft und durch die
dramatische Auspuffanlage aus der Zentrifuge in die Umwelt
ent-
lassen.
Suchen Sie ein Schema zur Erklärung der Funktionsweise des Verbrennungsmotors? Stellen Sie eine V-Max hin, und Worte erübrigen sich.
Riedel Imme R 100: Dynamische Proportionen und ein für die damalige Zeit äusserst innovatives Konzept
Die Honda CB 750 Four begründete 1969 die Ära japanischer Bigbikes mit Reihenvierer und läutete die technische Neuzeit im Motorradbau ein






