Motorrad-Design
Geschmackssache
There is no accounting for taste.» Die Redewendung aus dem Englischen bringt es auf den Punkt: Wenn es um Geschmack geht, führt die Debatte irgendwann zwangsläufig in die Tiefen der menschlichen Psyche und entzieht sich dem einfach Argumentierbaren. Dir gefällt, was ich nicht mag, und umgekehrt. Und das ist gut so, denn sonst würden wir in einer monotoneren Welt leben, als es die bemitleidenswerten Bewohner sozialistischer Staaten erlebt haben.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Wie manch Reisender feststellen durfte, ist die Wahrnehmung von dieser in anderen Kulturkreisen jedoch unterschiedlich. Der Rückblick in die Geschichte zeigt, dass die Zeit einen steten Wandel der gesellschaftlichen Strukturen und der Weltsichten bewirkt und den epochalen Stil durch eigene Schönheitsideale prägt (Beispiel: Rubensfigur).
Doch wir wollen uns nicht in einem analytischen Exkurs über die «Diversität von geschmacklichen Präferenzen im Wandel von Raum und Zeit» verlieren, sondern kritisieren aus persönlicher Sicht diverse Beispiele des Motorraddesigns. Warum? Weil es Spass macht, sich darüber zu unterhalten, und man sich dabei wunderschön in den Haaren liegen kann. Wer dabei einen abfälligen Spruch über sein geliebtes Baby zu Ohren bekommt, soll bitte nicht flennend nach Hause rennen und das gute Stück kurzerhand im Bach versenken, sondern sich herausfordern lassen und schlagfertig einen guten Konter überlegen.
Doch bevor nach Herzenslust losgelästert wird, sollte man sich darüber bewusst werden, dass Kritisieren immer einfach ist, solange man selbst keinen besseren Gegenvorschlag liefern muss. Denn meistens sind höhere Gewalten prägend für das resultierende Design.
Einschränkende Faktoren
Ideenkiller Nummer eins ist der Rotstift. Manch eine tolle Idee wurde am Conceptbike bestaunt und glänzte später in der frostigen Realität der Massenproduktion durch Abwesenheit. Oftmals steht im Pflichtenheft: Frisches Design, geändert werden darf jedoch möglichst nichts. Oftmals müssen Gleichteile oder eine billiger herzustellende Komponente verwendet werden.
Verständlich, wenn sich die Kosten für ein Blechpresswerkzeug für einen Benzintank in der Region eines Mehrfamilienhauses bewegen. Gerade beim Motorrad, welches im Gegensatz zum Auto seine Konstruktion grösstenteils nicht verbergen kann, lassen sich Unterschiede im Preissegment unvermeidlich am betriebenen Aufwand in der Umsetzung technischer Lösungen ablesen.
Erschwerend kommen immer umfangreichere gesetzliche Vorgaben hinzu: Fussgängerschutz, Abgas- und Lärmvorschriften und Unmengen von Normen unterschiedlicher Märkte schlagen sich zwangsläufig im Package (Fachbegriff für das technische Layout) des Fahrzeuges nieder. Am kontinuierlichen Anschwellen der Abgasanlagen ist dieses Phänomen eindrücklich zu verfolgen.
Zu viele Köche
Hinzu kommen die markenspezifischen Ansprüche: Gewisse Hersteller setzen sich eigene Richtlinien zur Qualitätssicherung und Bedienerfreundlichkeit, die zusätzliche Einschränkungen für die gestalterische Freiheit mit sich bringen. Beispiel: Ein kleiner Custombike-Hersteller kann den Benzinhahn zwischen Tankboden und Zylinderkopf verstecken. Eine elegante Lösung. Doch wer nicht aufpasst, verbrennt sich die Finger, weshalb eine solche Lösung für die meisten Grossserienhersteller undenkbar bleibt.
Nicht zu vergessen sind betriebsinterne Marketing- und Verkaufsstrategen, die tendenziell skeptisch auf riskante Kurswechsel im Design reagieren oder sich gewisse Anleihen von oder Abgrenzungen zu erfolgreichen Konkurrenzmodellen wünschen. Je nach Grösse und Hierarchie des jeweiligen Herstellers sind persönliche Vorlieben der Führungsmitglieder oder sogar deren Machtspielchen erschreckend wichtig im Entscheidungsprozess. Vor allem wenn es um nicht quantifizierbare Argumente geht, wie dies in Designfragen fast ausschliesslich der Fall ist. Denn trotz allen Kundenbefragungen und Marktanalysen bleibt eine Designentscheidung letztendlich eine Frage des Bauchgefühls.
Wahre Schönheit kommt von innen
Doch vor allem limitiert das vorgegebene technische Package die Möglichkeiten des Gestalters. Sein Mitspracherecht und Durchsetzungsvermögen in technischen Entscheidungen (aufwändige oder billige Detaillösung?) ist vielfach entscheidender für das Resultat als seine fachlichen Fähigkeiten. Ein eindrückliches Beispiel sind Kabinenroller: Egal mit wie viel künstlerischer Inbrunst die Linien und Kanten in die Karosserie geknetet werden: Das Teil wird nie gut aussehen, was schlicht und ergreifend an seinen ulkigen Proportionen liegt. Eine Rennmaschine wird dank ihren dynamischen Proportionen im Gegensatz dazu immer besser aussehen.
Viele Faktoren beeinflussen das Resultat
Vergegenwärtigt man sich all diese Rahmenbedingungen und führt sich die Tatsache vor Augen, dass die Motorräder jedes Jahr immer moderner und individueller aussehen, zeigt dies eindrucksvoll den wachsenden Effort, den die Produzenten betreiben, um ihre Kunden bei der Stange zu halten. Erst unter Berücksichtigung des Hintergrundwissens über den jeweiligen Hersteller darf man sich eine gewisse Objektivität bei der Beurteilung einer Designleistung anmassen.
Beispielsweise kann davon ausgegangen werden, dass die aktuellen Mittelklasse-Bikes der Big Four (Kawasaki ER-6n, Suzuki Gladius, Yamaha Fazer und Honda Hornet) eine Glanzleistung darstellen, führt man sich die restriktiven finanziellen Rahmenbedingungen des Einsteigersegments vor Augen. Doch ob einem das Styling letztlich gefällt oder nicht, ist bei dessen professioneller Beurteilung völlig irrelevant.
Was ein Fehler ist, den viele Laien beim Kommentieren eines Designs begehen, denn es besteht ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen «schlecht gemacht» und «gefällt mir nicht». Eine fantasielose Plastikabdeckung an einer 20 000-Franken-Maschine ist eine Schande, eine elegantere Lösung wäre in diesem Fall durchaus angebracht.
Wenn es darum geht, ob beispielsweise ein Scheinwerfer rund oder eckig oder sonstwie zu sein hat, gibt es weder richtig noch falsch. Sondern es ist und bleibt Geschmackssache. Denn auf seine ganz eigene Art ist jedes Motorrad schön. Nur meines ist selbstverständlich schöner.
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