Halbzeit

Weltreise Zerotracer

Von Michael Kutschke
03.01.2011 11:28:46

Der Startschuss ist am 16. August in Genf am Sitz der UNO gefallen. Nach 46 Etappen steht fest: Dem Zerotracer könnte gelingen, was noch kein E-Töff geschafft hat: die Weltumrundung.

Elektro-Motorrad kontra Hayabusa – Sie haben es gelesen in der TÖFF-Ausgabe 09/2010: «Wir wollen nichts anderes als gewinnen», das war schon beim TÖFF-Duell die Devise der beiden Tüftler. 250 km/h schnell, mit beeindruckender Beschleunigung und Aerodynamik – die Winterthurer Designwerker Tobias Wülser und Frank Loacker haben ohne Zweifel ein Hochleistungs-Elektromotorrad auf die Räder gestellt, das es in sich hat. Nun, den E-Töff-Pionieren war der Sieg gegen die 197-PS-Suzuki trotz beeindruckender Fahrleistungen des E-Streamliners nicht vergönnt. Doch seit Mitte August scheinen die beiden Schweizer unbeirrbar einem anderen, viel grösseren Triumph entgegenzufahren – einem der sogar Motorradgeschichte schreiben könnte: Der Zerotracer schickt sich an, was vorher noch kein Elektrotöff wagte: eine Weltumrundung.

Am 16. August startete das Designwerk-Team in Genf beim Zero Emission Race. In 80 Tagen sollen vier Teams den Globus mit ihren selbst entwickelten Elektrofahrzeugen umrunden. Das Ziel ist der Weg: Die Route führte den Zerotracer von Genf über Deutschland, die Ukraine und Kasachstan bis nach Shanghai in China, wo die Fahrzeuge nun auf ein Containerschiff mit Ziel Vancouver, Kanada, verladen wurden. Von da geht es weiter durch die USA und Mexiko nach Cancún zur Weltklimakonferenz. Frank Loacker ist während der Rennpause in die Schweiz zurückgekehrt. Eine gute Gelegenheit also für ein TÖFF-Interview.

 

TÖFF: Wo habt ihr unterwegs eigentlich den Zerotracer aufladen können?
Frank: «Es gibt mehr Steckdosen auf der Welt als Tankstellen. In Russland zum Beispiel waren die Dörfer, die wir passierten, meist von der Presse über das Zero Race in Kenntnis gesetzt worden. Da wurde dann neben den Empfangskomitees vom Bürgermeister über den Pfarrer und den Lehrer auch de r Dorfelektriker aufgeboten, der uns alles zum Laden der Batterien parat machte. In China dagegen war die Sache etwas diffiziler. Da mussten wir meist selbst irgendwo nach einer Lademöglichkeit suchen und oft unter Spannung die Ladekabel anschliessen.

Gab es da keine passenden Stecker?
Doch. Aber die Qualität dieser chinesischen Netzstecker ist so mies, dass sie häufig abgebrannt sind. Also mussten wir meist unseren Zerotracer mit unter Spannung stehenden Leitungen manuell verdrahten. Und auch die Installationen dieser Stromnetze, waren oft mehr als abenteuerlich. Da muss man schon genau wissen, wo man hinlangt und was man tut.

Und? Haben die Leute geholfen?
Ja, meistens waren die Menschen begeistert, nur manchmal mussten wir auch mit ein wenig Bakschisch (finanzielle Anreize) die Erlaubnis, Strom abzapfen zu dürfen, erkaufen.

Nie was passiert beim Stromabzapfen?
Doch, einmal haben wir die Stromversorgung eines halben Dorfes lahmgelegt. (Grinst)

Hattet ihr irgendwelche Pannen?
Nein. Nicht eine. Nur in der Ukraine habe ich den Zerotracer mal umgeworfen. Das war mitten in der Nacht und es hat geregnet, als ich nach einer Vollbremsung das Stützfahrwerk nicht rechtzeitig ausfahren konnte.

Ihr habt auch gefährliche Gegenden durchquert.
Gefährlich…? Nein. In Kasachstan sind wir an Ex-Atomtestgebieten vorbeigefahren, das war schon ein mulmiges Gefühl.

Wie lange waren die Tagesetappen?
Zwischen 300 und 500 Kilometern.

Und wie weit kommt der Zerotracer mit einer Batterieladung?
Mit der aktuellen Akkutechnologie – die wir übrigens auch in die Serie verwenden werden – sind wir immer über 300 bis maximal 350 Kilometer gekommen.

Der Zerotracer soll also in Serie gehen?
Ja. Nach unserer Rückkehr wollen wir Ende 2011 in Kooperation mit Peraves eine Serie von etwa 100 Stück auflegen. Diese Weltumrundung dient also auch als ein Vorserientest unter härtesten Bedingungen. Denn wir hatten Frost, Schnee, Regen und Hitze bis 35 Grad. Wir fuhren High-Speed auf Autobahnen, quälten uns über Schotterpisten und miese Strassen mit Schlaglöchern so tief, dass, wenn ein Esel dringestanden hätte, nur die Ohren sichtbar gewesen wären… (Grinst). Spass beiseite, es warten in Amerika, Afrika und Europa noch weitere Herausforderungen auf uns – aber eine bessere Bewährungsprobe gibt es nicht.

Das Rennen soll ja laut Statuten CO2-frei sein. Aber chinesischer oder russischer Strom dürfte ja wohl kaum aus regenerativen Quellen erzeugt worden sein.
Stimmt. Deshalb haben alle Teilnehmer des Rennens zu Hause so etwas wie ein Stromkonto eingerichtet. Man muss sich das etwa so vorstellen, wie wenn man im Ausland mit der EC-Karte Geld holt: Da bekommt man dann auch keine Schweizer Franken, sondern den entsprechenden Gegenwert in Fremdwährung ausbezahlt. Und der wird einem dann Zuhause vom Konto abgebucht. Und genauso funktioniert das mit unserem «Treibstoff». Jedes Team des Zero Race muss den für die Weltumrundung benötigten Strom aus regenerativen Energien zu Hause ins Netz speisen. Für unseren Zerotracer produziert Hauptsponsor Oerlikon Solar Solarstrom entsprechend der verbrauchten Menge für die Weltumrundung. Und von diesem Konto heben wir dann unterwegs ab.

Wie hoch war die Durchschnittsgeschwindigkeit über die Gesamtdistanz?
Laut GPS etwas über 60 km/h auf etwa 17 000 km.

So niedrig?
Was heisst da niedrig. Mit einem konventionellen Motorrad wäre man auch nicht viel schneller gewesen. Das liegt nicht am Zerotracer, sondern an den teilweise sehr schlechten Strassenverhältnissen. Unter optimalen Bedingungen – zum Beispiel in Deutschland – haben wir es richtig krachen lassen – Geschwindigkeiten von über 180 km/h wurden da abends schon manchmal im Speicher des GPS angezeigt. Und wegen der hervorragenden Aerodynamik des Zerotracers sind wir trotz der hohen Geschwindigkeiten und 180 PS im Kreuz immer noch weitergekommen als unsere Konkurrenten.

Wie lange dauerte das Laden der Akkus?
An der normalen Hotelsteckdose bis zu fünf Stunden. Unterwegs haben wir aber immer nach Industriedrehstrom gesucht. Mit 400 Volt dauert das Volltanken nur 1,5 bis zwei Stunden.

So lange warten ist doch lästig, oder?
Nein. Mit einem E-Töff verbindet man das Angenehme mit dem Nützlichen… währenddessen haben wir meist zu Mittag gegessen.

Ach ja? Es gibt ja Gerüchte, dass es so was wie einen geheimen Foto-Wettbewerb zwischen dem australischen Trev-Team und euch geben soll.
(Lacht) Ja. Wir haben schnell gemerkt, dass das Trev-Team ein Faible für das schöne Geschlecht hat. Also haben wir geflachst und unterstellt, dass die Aussies halt von Down Under gesteuert seien. Und so hat sich dann die Wette ergeben, dass wir am Ende des Rennens mehr Fotos von schönen Frauen in unserem Zerotracer geschossen haben werden als die Australier in ihrem dreirädrigen Trev.

Der Zerotracer liegt zur Halbzeit an erster Stelle im Punkteklassement des Zero Race und bei den Fotos. Warum?
Wir hatten als einzige keine Pannen, die grösste Reichweite, die höchste Durchschnittsge-schwindigkeit, und der E-Töff sieht halt sexy aus.

Was habt ihr mit dem Erfolg des E-Tracer von Peraves zu tun? (Kasten unten)
Designwerk und Peraves kooperieren. Wir haben bei der Entwicklung des E-Tracers geholfen, Peraves uns beim Zerotracer. Beide Konzepte sind aber grundverschieden: Der Zerotracer verwendet Komponenten von Brusa Schweiz (Motor) und Triumph (Fahrwerk), der E-Tracer von AC Propulsion USA und von BMW.

Wie geht das Zero Race weiter?
Am 12. 11. starten wir in Vancouver, Kanada, zur Klimakonferenz in Cancún, Mexiko. Danach gehts über Nordafrika zurück nach Genf. Unter zero-race.com lässt sich das Rennen verfolgen.

 

Noch ein Sieger: E-Tracer

Der Peraves E-Tracer wurde parallel zum Zerotracer von Designwerk als Hochleistungs-Elektro-Streamliner konzipiert. Der E-Tracer räumte im September den mit 2,5 Millionen US-Dollar dotierten Progressive Insurance Automotive X-Prize für Energieeffizienz ab. Am Wettbewerb beteiligten sich 111 Teams aus der ganzen Welt. Die Messungen aus drei ungewöhnlich harten Fahrzyklen – 16 Meilen Stadt-, 30 Meilen Überland- und 90 Meilen Autobahnverkehr – inklusive häufiger Stop-and-go-Manöver liessen die Schweizer jubeln. Bei den bewerteten Beschleunigungswerten (0–60 mph) führte der E-Tracer mit Bestwerten. Auch beim Verbrauch: Der entsprach einem Benzinäquivalent von lediglich 1,24 l/100 km.

Der E-Tracer von Peraves. Der E-Tracer von Peraves.