Edler Tropfen
Werksbesuch bei Motorex
Motorenöl: Was steckt drin, was muss es können und wie wird es hergestellt? Ein Werksbesuch beim Schweizer Schmiermittel-Hersteller Motorex in Langenthal.
Das Motorenöl ist der stille und unentbehrliche Held im Innern eines jeden Motorradantriebs. So wenig die meisten von uns über die viskose Flüssigkeit wissen, die sich aus Hunderten von minutiös aufeinander abgestimmten chemischen Substanzen zusammensetzt, so wichtig ist sie für die Performance und die Lebensdauer des Verbrennungsmotors. Die Schmierung ist dabei nur eine der mannigfaltigen Aufgaben, der das Öl bei verschiedensten Temperatur- und Belastungszuständen zuverlässig nachzugehen hat. Motorenöl muss zudem die Motorwärme abführen, die Feinabdichtung im Bereich der Kolbenringe und Zylinder gewährleisten, Motorkomponenten von Verbrennungsrückständen reinigen, die Verklumpung von Verschmutzungspartikeln unterbinden, feste Fremdstoffe zum Ölfilter transportieren, Korrosion vorbeugen, die Schaumbildung im Getriebe verhindern und die schädliche Wirkung flüssiger Fremdstoffe auf die Metalllegierungen reduzieren (siehe Aufgaben der Additive im Kasten auf S. 68). Doch wie schafft es dieses für das Glück eines jeden Töfffahrers unentbehrliche Elixier, die Anforderungen in einem immer dicker werdenden Pflichtenheft im Multitasking-Modus zu erfüllen? Die Antwort auf diese und eine ganze Menge anderer Fragen haben wir in Langenthal bei Bern gefunden, wo wir uns bei Motorex, dem grössten Schweizer Hersteller von Schmiermitteln, dessen Firmengeschichte bis ins Jahr 1917 zurückreicht, einen vertieften Einblick in die faszinierende Welt des Motorenöls gegönnt haben.
Auf der ganzen Welt aktiv
Die zu 100 Prozent in Familienbesitz befindliche Firma
Motorex ist mit ihren Schmier- und Pflegeprodukten nicht nur im Motorrad- und
Automobilbereich tätig, sondern auch in den Geschäftsfeldern Bau und Transport,
Landwirtschaft sowie Industrie. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt 250
Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 130 Millionen
Franken (2009), wobei drei Viertel des Absatzes auf dem Heimmarkt generiert
werden. Zu den wichtigsten Exportländern zählen Deutschland, Frankreich,
Italien, Österreich, Grossbritannien, Spanien und die USA. Interessant: Der
Löwenanteil der Produkte für Motorräder wird ins Ausland exportiert.
Erwähnenswert ist sicherlich auch die enge Zusammenarbeit, die Motorex und KTM verbindet. Seit mehreren Jahren entwickelt man in Langenthal gemäss den Wünschen aus Mattighofen Premium-Motorenöle, die sowohl für die Erstbefüllung wie für den Rennsport eingesetzt werden. Motorex-Marketingleiter Manuel Gerber: «Die Erkenntnisse aus dem Rennsport sind sehr wertvoll. So gelingt es uns immer wieder, alleine über die Formulierung des Öls bis zu vier PS aus ein und demselben Motor zu holen. Unsere Erkenntnisse lassen wir dort, wo es sinnvoll ist, in die Serie einfliessen.»
Von den Rohstoffen zum fertigen Öl
Moderne Motorrad-Motorenöle bestehen zu rund 80 Prozent aus
einem oder mehreren Basisölen, die je nach Einsatzzweck vollsynthetischer,
teilsynthetischer oder mineralischer Natur sind. Da Basisöle aufgrund ihrer
Eigenschaften gerade bei Motorrädern in der Regel nicht in der Lage sind, den
sehr hohen Schmierstoffanforderungen gerecht zu werden, werden ihnen Additive
zugesetzt. Letztere erzeugen Eigenschaften, die der Grundschmierstoff nicht
besitzt, und schwächen seine negativen respektive stärken seine positiven
Seiten. Sowohl die Basisöle wie die Additive bezieht Motorex auf dem freien
Weltmarkt. In Langenthal findet im Wesentlichen die Mischung oder das
«Blending» der einzelnen Komponenten hin zum fertigen Produkt statt.
Doch gerade das Blending hat es in sich. Ein kleines Beispiel zum besseren Verständnis: Selbst wenn ihm die besten Zutaten zur Verfügung stehen, wird ein mieser Koch ein ungeniessbares Menü zubereiten. Die Firma Motorex kann in diesem Zusammenhang durchaus als «Gourmetkoch» durchgehen, dessen Markenzeichen die ausschliessliche Verarbeitung hochwertigster und regelmässig kontrollierter Ingredienzen nach ausgeklügeltem Rezept darstellt. Und genau diese Rezeptur mach es aus – sie positioniert Motorex in der Liga der Premiumhersteller.
Zu den Zutaten: Die Basisöle gelangen dank separatem Schienenanschluss fast ausschliesslich via Bahn nach Langenthal und werden nach einer Eingangskontrolle, die von den Mitarbeitern des firmeneigenen Chemielabors durchgeführt wird, im 7,5 Millionen Liter fassenden und gegen Erdbeben gesicherten Basisöl-Lager gebunkert. Der grosse Vorteil: Mit diesen Mengen ist Motorex in der Lage, Preisschwankungen auf dem Ölmarkt zu kompensieren. Die Additive werden in Fässern oder via Tanklaster angeliefert. Dabei gibt es sehr zähflüssige Additive, die geheizt nach Langenthal gelangen, weil sie sich sonst nicht in die Lagertanks pumpen liessen.
Das Entladen der Zisternenwagen und LKW erfolgt computergesteuert in der sogenannten Kommandozentrale, wo sämtliche Rohrleitungen, die jeweils farblich gekennzeichnet sind, von und zu den Lagertanks zusammenlaufen. Über 150 Kilometer Leitungen wurden am Standort Langenthal verlegt. Das ist sehr viel, doch auf diese Weise hat jedes Basisöl seine eigene Leitung, was den Aufwand zur Spühlung der Rohre drastisch minimiert.
Von oben nach unten
Wir werden die Basisöle und Additive auf ihrem Weg zum
fertigen Produkt Schritt für Schritt begleiten und befinden uns inzwischen im
obersten Stockwerk des Produktionsgebäudes. Richtig, man arbeitet von oben nach
unten und nutzt so die Schwerkraft. Hier, in der Schaltzentrale für den
Mischprozess, werden an Computerterminals die Rezepte eingelesen und die
Mischtanks befüllt beziehungsweise gesteuert. Gleich daneben kann an den
Bildschirmen des Prozesssteuerungssystems anhand spezifischer Farbcodes (Grün:
Mischprozess in Gang, Gelb: eine Probe des Produkts wird gerade im Labor
untersucht, Rot: Öl wird abgefüllt) der Status jedes einzelnen Mischers
abgelesen werden. Zudem werden auf dieser Ebene über Schleusen im Boden, die
direkt in die Mischtanks führen, Additive eingeführt. Andere werden über das
Rohrsystem eingelassen. Dann gibt es noch Mixturen diverser Additive, die in
grossen Wannen vorgemischt werden müssen, ehe sie in die Mischtanks gelangen.
Blending: Im Herzen der Produktion
Ein Stockwerk weiter unten stehen die Mischtanks. Deren
obere Hälfte, um genau zu sein. Denn der untere Teil ragt einen Stock tiefer in
die Konfektionsabteilung, wo die fertige Formulierung in Fässer abgefüllt wird.
Ein Mischtank fasst je nach Grösse zwischen 1000 und 20 000 Liter Öl. Was auffällt: Jede
Zufuhr-Pipeline verfügt über einen Durchlaufmesser, der genau dann den Hahn
schliesst, wenn die gemäss Rezeptur vorgesehene Menge Basisöl respektive
Additiv das Rohr in Richtung Mischtank durchflossen hat.
Beim Blending gelangt zunächst das Basisöl in die Mischtanks und wird erhitzt, sodass sich die Additive (insbesondere die VI-Verbesserer) darin optimal lösen können. Die Additive werden dann gemäss Rezeptur in einer ganz bestimmten Reihenfolge eines nach dem anderen hinzugegeben. Das Einhalten der korrekten Abfolge ist insofern zentral, als die Zusätze andernfalls in eine unerwünschte chemische Reaktion treten würden. Neben der Reihenfolge ist auch die Dauer des Einmischens eines jeden Additivs eine wichtige Komponente in der Rezeptur. Ebenso die jeweilige Einmischtemperatur, die je nach Zusatz irgendwo im Bereich zwischen 30 und 80 Grad liegt. Stimmt nur einer der soeben genannten Faktoren nicht, wird kein durchgehend homogenisiertes Produkt entstehen, das auf Dauer so bleibt, wie es den Mischtank verlässt. Deshalb wird (übrigens bei jeder Mischtankproduktion) erneut eine Probe genommen und analysiert, ehe das fertige Öl abgekühlt, gefiltert und nach einer abermaligen Qualitätskontrolle in die Grossabfüllerei gegeben wird. Motorex verwendet übrigens ausschliesslich fabrikneue Fässer und füllt pro Minute deren vier. Dies entspricht einem Volumen von 48 000 Litern pro Stunde.
Beeindruckend und für uns Töfffahrer besonders interessant ist die Kleinabfüllerei, wo unter anderem die Einliterflaschen abgefüllt, etikettiert und verschlossen werden. Motorex hat sich die praktische Rüsselflasche patentieren und dafür eine spezielle Abfüllstrasse bauen lassen. Alleine auf ihr werden pro Jahr 1,2 Millionen Flaschen abgefüllt. Eine nagelneue Maschine steht auch in der Aerosol-Abfüllanlage, wo sämtliche Sprays (etwa Kettensprays oder Bremsreiniger) konfektioniert werden. Die meisten Aerosol-Füllstoffe werden in den weiter oben beschriebenen Mischtanks hergestellt. Clever: Sämtliche Motorex-Produkte, die weltweit vertrieben werden, sind in 25 Landessprachen beschriftet, was erhebliche logistische Vorteile mit sich bringt.
Bleibt die Spedition: Der Vertrieb an Schweizer Kunden erfolgt direkt ab Langenthal via LKW. Die für den Export bestimmten Güter werden im rund einen Kilometer entfernten «Lager Nord» zwischengelagert.
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Gewisse Additive müssen vorgemischt werden, ehe sie den Mischtanks zugeführt werden dürfen.
Die Etiketten tragen 25 Landessprachen. So muss nur ein Label gedruckt und gelagert werden.








