Neue BFU-Studie
Stoff für Zoff
Worum geht’s in der neuen bfu-Studie?
Martin Hauswirth: Über 600
Schweizer Töff- und Rollerfahrer wurden im Abstand von 10 Jahren
über Fahrverhalten und Un-fallerfahrungen befragt. Die bfu
wertete die Daten statistisch aus und kommt zu dem Ergebnis, dass die
Nichteinhaltung geltender Strassenverkehrsgesetze bei
Mo-torradfahrern relativ häufig auftrete und auch eine der
Hauptunfallursachen sei.
Gibt es daran Zweifel?
Ja. Erstens: Weil viele Inputs nicht
exakte Werte, sondern subjektiv geprägte Selbst-einschätzungen
sind. Das lässt viel Interpretationsspielraum zu. Und dass Töff
meist aus emotionalen Motiven gefahren werden, muss ja nicht a priori
– wie die bfu dies tut – als gefährlich betrachtet werden.
Zweitens: Es werden zahlreiche ausländische Studien zitiert.
Auch solche, die mit unserer Töffszene nicht vergleichbar sind.
Was bringt die Bezugnahme auf eine Studie aus Taiwan, wonach
Yamaha-Fahrer schwerer verunfallen als Kymco-Fahrer? Drittens: Der
bfu-Report belegt nur den banalen Zusammenhang zwischen
Fahrkompetenz, Risikobereitschaft und Unfallhäufigkeit. Dass
Leute mit geringer Fahrkompetenz und hoher Risikobereitschaft auf
einem starken Töff ein höheres Unfallrisiko haben, leuchtet
ein. Doch ist dieser Fahrertyp nur eine ungeliebte Minderheit.
Lässt die Studie Hoffnung für
frei von politischen Zwängen gestaltete Sicherheitsempfehlungen?
Wenig. Im Report wird zwar bestätigt,
dass bei Kollisionen Motorrad/Auto das Verschulden mehrheitlich beim
Autolenker liegt. Umso unverständlicher, dass die bfu den
Schwarzen Peter uns zuschiebt, obwohl sie selbst die Ursachen
mehrheitlich beim Kollisionsgegner sieht.
Gibt es noch mehr solche Widersprüche?
Ja. Für die Autoren ist wie gesagt
das Übertreten von Geschwindigkeitslimiten das
Hauptunfallrisiko. Doch es fehlt eine Detailanalyse der Unfallursache
«Unangepasste Geschwindigkeit». Bei vielen Kurvenunfällen
(Abkommen von der Fahrbahn) zum Beispiel liegt die gefahrene
Geschwindigkeit häufig weit unter der am Un-fallort tatsächlich
möglichen. Ursächlich sind ganz andere Faktoren, wie
Verhaltensfehler, mangelhafte Blickführung, Linienwahl,
Schräglagenangst oder falsches Bremsen. Das berücksichtigt
die bfu nicht. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich
unterschätze die Gefahren unangemessener Geschwindigkeit nicht
und verurteile Raserei auf der Strasse. Aber das dadurch
hervorgerufene höhere Unfallrisiko ist situationsabhängig.
Es variiert stark je nachdem, wo und unter welchen Umständen die
Übertretung erfolgt. Die Autoren differenzieren auch da nicht.
Beispiel: Man fährt 20 km/h zu schnell. Mit 70 innerorts wird
der Anhalteweg gut doppelt so lang wie mit 50 km/h. Das ist
brandgefährlich. Allein und auf freier gerader Landstrasse
stellt 100 km/h hingegen kein erhöhtes Risiko dar.
Die Autoren propagieren den erschwerten
Zugang zu schnellen Töff. Hätte so eine Massnahme
Auswirkungen auf die Unfallzahlen?
Kaum. Die bfu-Studie missdeutet das
Verhältnis Leistung/Geschwindigkeit. Neu- und Wiedereinsteiger
müssten mit 50er-Rollern Vorlieb nehmen. Die meisten Töffunfälle
erfolgen zwischen 50 und 80 km/h. Leistungsbegrenzte grosse Töffs
übertreffen diese Geschwindigkeit. Entscheidend ist der Mensch,
nicht welchen Töff er fährt. Der Schlüssel liegt in
verbesserter Aus- und Weiterbildung. Periodische Kurse müssten
zwingend sein.
Aber die bfu-Autoren schreiben
Motorrad-Fahrsicherheitskursen nur wenig Nutzen zu.
Zu Unrecht, denn in freiwilligen Kursen
fehlen die Fahrer, welche es am nötigsten hätten. Das gibt
ein falsches Bild.
Und wie sind die bfu-Vorschläge zu
bewerten?
Vision Zero lässt grüssen:
Die Autoren denken laut darüber nach, wie man mehr Leute zum
Aufgeben des Töfffahrens bewegen könnte. Zero Kilometer,
zero Unfall! Im Vorwort schreibt die Direktorin der bfu jedoch:
«Motorradfahren ist ein Freizeitvergnügen mit hohem
Spassfaktor, das die bfu nicht verderben will.» Bei der bfu
weiss offensichtlich die Rechte nicht mehr, was die Linke tut. Völlig
konfus ist übrigens die Aussage, eine höhere Schulbildung
erhöhe das Unfallrisiko.
Gibt es etwas, das man der bfu jetzt
raten müsste?
Nur so viel: Für das
«Sicherheitsdossier Motorrad», das die bfu 2009
publizieren will, wünschen wir uns endlich Autoren, die auch mal
auf dem Motorradsattel sitzen statt nur auf dem Bürostuhl.
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