TÖFF Jugendfahrlager
Yes, we can!
Jugendlager. Das erinnert mich an die wilden 70er. An Bubenstreiche, Pickel, Partys und Träume: Von Malagutis, Betas und Fantics. Was hatten die Italiener doch für geile 50er! Im Schummerlicht der Nachttischlampe – ich seh ihn noch heute vor mir: Den abgegriffenen Fantic-Prospekt aus Italien. Gut – die knallrote Sachs Ultra war damals auch ein Grund für schlaflose Nächte. Aber was sich jetzt gerade vor meinen Augen abspielt, das hätte ich als 15-Jähriger nie zu träumen gewagt:
Links ums Hütchen…
… rechts ums Hütchen, dann mit Schmackes in Schräglage und anschliessend mit ordentlich Gas auf die lange Gerade… Umsichtig und konzentriert zirkelt Marc Läubli die 170 PS starke Honda CBR 1000 Fireblade um die Kurve. Samt Sozius, wohlgemerkt. Sein Beifahrer, Instruktor Philipp Mannhard, hat während fünf Tagen TÖFF-Jugendlager ganze Arbeit geleistet: CBR-Pilot Marc ist nämlich gerade mal 15. Ein ganz normaler Junge von nebenan. Wer am TÖFF-Jugendlager teilnimmt, bekommt halt nebenbei auch etwas für die Welt da draussen: Die Möglichkeit, eine gesunde Portion Selbstvertrauen zu tanken. Denn der TÖFF-Kurs ist nicht nur als Fahrtechniktraining konzipiert. Dazu später mehr.
Eine Jugend im Seniorenstift
Grabesruhe im Seniorenstift Europa: «Lärmen, Krakeelen und Krawall machen ist hier verboten»: Kein Wunder schockieren viele junge Leute die bigotten Saubermänner mit öffentlichen Besäufnissen. Schade, dass die älteren Semester deshalb vorschnell geneigt sind, Vernunft, Einsicht, Energie und manchmal sogar die Fähigkeiten der jungen Erwachsenen zu unterschätzen. Oder würden Sie einem Teenager erlauben, an einem Motorrad-Vergleich teilzunehmen oder gar auf einer 1000er zu fahren? Nein? Wir schon. Denn die Jungs und Mädels von heute sind keinen Deut schlechter, als wir es waren, und manchmal sogar besser, als wir es je sein könnten.
Beispiel gefällig? Der Motocross-Pilot Mike Stalder, 2002 Junioren-SchweizerM eister der 125er-Klasse, fährt Töff, seit er sechs Jahre alt ist – und wie!
Die Motorrad-begeisterte Jugend hat trotzdem schlechte Karten. Wenn es mit der Anti-Töff-Stimmungsmache so weiter geht, wird wohl bald die letzte Motocrosspiste geschlossen und die letzte Motorradveranstaltung abgesagt werden. Denn in einer Welt, in der die Sicherheiten bröckeln wie die Eisberge in der Antarktis, wo unkontrollierbare Spekulanten die Welt in Schwierigkeiten bringen, da müssen Inseln der Ordnung und Sauberkeit her. Die wirklichen Probleme? Längst ausser Kontrolle. Im Fokus? Minderheiten. Motorradfahrer, Raucher und Übergewichtige. Nahezu täglich werden Gesetzesverschärfungen angekündigt.
Die lustfeindlichen Apparatschiks haben freie Bahn, denn auch die angeblich aufmüpfigen Motorradfahrer sind längst Teil der Generation Golf geworden: Politisch passiv, angepasst, unauffällig… «Born-to-be-wild» ist gescheitert. So wie die Alt-68er, die jetzt am Ruder sitzen und Repression statt Freiheit und Bürgerrechte zur Staatsräson erkoren haben: Zero Tolerance und Vision Zero – ein Konstrukt dieser paranoiden Angst vor den Risiken eines erfüllten, selbstbestimmten Lebens? Dass Schweizer Jugendliche heute kaum noch Möglichkeiten haben, sich beispielsweise im Motorsport zu engagieren, ist eine Folge dieser Politik.
Engagement tut Not
Jugendarbeit ist also nötig. Wir haben sogar einen sicheren Ort dafür gefunden. Abgesperrt vom Rest der Verkehrswelt. Wie ein Pfadilager organisiert, dreht sich auch beim zweiten TÖFF-Jugendlager für die Youngsters ab 15 fünf Tage lang alles um Motorräder – und darum, dass die damit verbundenen Risiken, wie in allen anderen Lebenssituationen, viel mit eigenen Einstellungen und eigenem Verhalten zu tun haben. Aber egal, ob Perfektionstraining auf der Nordschleife oder Jugendlager: Um das Gefühl fürs Machbare zu schulen, braucht's keine Angstkultur, sondern Respekt, die Stärkung des Sicherheitsbewusstseins, der Risikowahrnehmung und der Eigenverantwortung. Und eine Krönung nach bestandener Reifeprüfung auf den 50ern: Die Runde auf der 1000er war wie letztes Jahr ein starker Motivations-Motor auch für die eher trockenen Lern-inhalte des Kurses.
Jugend forscht
Alle elf Teilnehmer haben die Herausforderungen mit Bravour gemeistert. Dann der grosse Moment: Freudenausbrüche, glänzende Augen. Nicht nur wegen der Runde auf der CBR. Denn der TÖFF-Transporter taucht am Übungsplatz auf. Seine Fracht: Neun Traummaschinen der Kategorie A1, erlaubt ab 16. Unter die knatternde Schnapsglas-Klasse von Aprilia bis Yamaha haben wir Zukunftsträchtiges gemischt: Einen Elektroscooter und die aufregende E-Enduro des Schweizer Herstellers Quantya (Kästen am Schluss des Artikels).
Jetzt heisst es, das Gelernte sicher umzusetzen: Jocelyn, Ueli, Adrian, Jairo, Julian, Beat, Jann, Marc, Dominik und die beiden Tobias werden kurzerhand zu TÖFF-Mitarbeitern ernannt. Die Frage: Haben die E-Töff eine Chance beim Nachwuchs? Die Jugend forscht selbst für TÖFF, und das ist gut so. Jann Hug: «Die Quantya hat eine wahnsinnige Beschleunigung». Für Tobias Wüst ist der E-Töff sogar ein heimlicher Favorit: «Ich könnte mir vorstellen, so einen E-Töff zu fahren. Aber erst, wenn die Ladezeiten des Akkus kürzer und die Reichweite länger werden.» Dass E-Töff keinen Sound machen, stört die meisten Jugendlager-Teilnehmer zwar schon ein wenig. Die Mehrheit ist aber überrascht, wie viel Spass so ein E-Töff machen kann. Nachdem alle Motorräder durchgetauscht sind, kommt es zur Abstimmung mit den Füssen: «Welchen TÖFF würdet ihr gerne nach Hause nehmen»? Die E-Töff ziehen trotz der Lobeshymnen den Kürzeren. Die Begründung: Fehlender Motorsound und dass man nicht durchs Getriebe zappen kann. Wenig überraschend also, dass die aufregend gestylten Zweitakter am beliebtesten sind. Die rote HM-Supermoto, die Rieju, die Yamaha TZR, die Derbi Nude, oder der sportliche Aprilia Factory Scooter. «Die sehen einfach geil aus, sind mega handlich und machen was her.»
Stürmische Zeiten
2007 hat TÖFF das erste Jugendlager ins Leben gerufen. TÖFF wird auch nächste Saison eine Lanze für die Youngster brechen: Das bewährte Pfadilager bleibt. Das Rezept Event statt Lehrveranstaltung auch. Jedoch viele Schweizer 50er-Importeure werden 2008 Nachschub-Schwierigkeiten bekommen. Fritz Egli erklärt warum: «Praxisfremde Abgasvorschriften sind schuld. 2003 verhinderte die ASTRA auf 15 PS limitierte 125er wie in der EU, führte im Alleingang die Kategorie der ungedrosselten 50er ein. Die Forderung der ASTRA, die Emissionen dieser 50er jetzt nach den gleichen Kriterien wie die von grösseren Motorrädern zu bewerten, kommt faktisch einem Importverbot für 90 Prozent aller bisher in der Schweiz vertretenen Marken gleich. Euro 3 ist mit offenen Zweitakt-50ern kaum zu erfüllen. Die meisten 50er-Importeure haben sich durch die Saison noch mit 2007-Modellen retten können. Die sind jedoch bald ausverkauft. Wie es weitergehen wird, steht für viele der Branche in den Sternen.»
Auch an anderer Stelle geht's ans Eingemachte: Die staatliche Zerstörung privaten Eigentums ist für die 15-Jährigen längst Realität: Ein Teilnehmer durfte bereits Motorteile seines getunten Töfflis zum Schreddern an die Staatsmacht abgeben. Nachbarn und Polizei hatten auch uns nicht immer lieb. Aber früher gab's halt eine Ohrfeige vom Dorfpolizisten, eine Ermahnung, die im Wiederholungsfalle Konsequenzen nach sich zog. Was aber darf sich diese Jugend noch leisten, ohne gleich einen lebenslangen Akteneintrag mit sich herumschleppen zu müssen? Es liegt an uns. Die gesamte Motorradszene steht vor demselben Problem, gerät durch die neue bfu-Studie unter Generalverdacht: Die jüngste bfu-Studie stempelt auch Sie zum notorischen Raser. Der präventiven Verdächtigung ist ab sofort Tür und Tor geöffnet – ein unhaltbarer Zustand.
Yes, we can!
In solchen Zeiten müsste sich eine Interessengemeinschaft wie die IG-Motorrad vor Mitgliedsanträgen eigentlich kaum retten können. Aber leider bekommen viele ihren Hintern noch immer nicht hoch. Die Lage ist ernst: Vision Zero geht weiter. Scheibchenweise. Wenn das Töffvolk nicht zusammensteht, brauchen wir uns um Motorrad-Jugend-Events bald keine Gedanken mehr zu machen.
«Yes, we can!» eignet sich also nicht nur als motivierender Spruch fürs Jugendlager, sondern als Aufruf ans ganze Schweizer Töffvolk: Der US-Wahlkampf beweist: Nur gemeinsames Handeln vermag die Auswüchse einer falschen Politik abzuwenden.
| Das TÖFF-Jugendlager Wer von den Kids könnte widerstehen, mal so richtig Gas zu geben? Noch bevor man das Alter für den Führerausweis erreicht hat? Das TÖFF-Jugendlager mit der Fahrschule Mannhard macht’s möglich. Legal auf abgesperrtem Terrain und unter fachkundiger Anleitung. Ein Pfadi-Lager mit fünf Übernachtungen. Vollpension und Rambazamba. Nothelferkurs, Theorie- und Schrauberstunden inklusive: Ran ans Werkzeug; Sitzbank und Tank runter, Birnen wechseln, Räder aus- und einbauen, Kette spannen und schmieren. So wird Töfftechnik wirklich be-greifbar. Fakten und Termine: Teilnehmer: max. 30 Preis: Fr. 900.– Alter: 15 –16 Ort: 8487 Rämismühle Termin: 20.– 25. 7. 2009 Motorräder: Neue 50er gesponsert von Motana S.A. Anmeldung und Info: FM Motorradweiterbildung, Tramstr. 18, Postfach 6118, 8050 Zürich. Tel. 043 288 97 53. www.motorradweiterbildung.ch. |
Quantya Strada gegen den Rest der Zweitaktwelt: Wie schlagen sich die Elektromotorräder bei der Jugend?
...muss erst Hebel, Schalter und einfache Manöver wie Anfahren, Schalten, Bremsen und Kurvenfahren lernen.








