Yamaha R1
Blitz & Donner
Der erste von insgesamt fünf für heute vorgesehenen Turns: Der Himmel spiegelt sich schon in den Morgenstunden flimmernd über der mit deutlich über 80 Grad glühenden Start-Ziel-Geraden. Tatort Kurvenausgang: Die Michelin Pilot Power sind schon nach vier Runden am Limit – schmieren bereits bei ansatzweise sportlichem Gas anlegen resignierend weg. Dass 182 PS an der Kette zerren, verleiht der Sache einen recht unheimlichen Beigeschmack. Dennoch ertappe ich mich, wie ich es qualmen lasse – immer häufiger, immer länger und mit einem immer breiter werdenden Grinsen im schweissüberströmten Gesicht.
Damit eines klar ist: Mit der R1 von 2007 hätte ich mich niemals so unbekümmert an die Haftgrenze der Gummis herangetastet. Zu gross war und ist mein Respekt gegenüber der klassisch-spitzen Leistungsentfaltung des 189 PS starken Screamer-Reihenvierzylinders, der einen ab rund 8000/min mit infernalischem Heulen gnadenlos in eine andere Dimension zu pfeffern pflegte.
Motor: Komplett neue Wege
Dass sich Beschleunigungsvorgänge im Grenzbereich beim '09er-Modell bedeutend besser kontrollieren lassen, ist auf ein neues, in leicht abgewandelter Form dem M1-MotoGP-Renner von Vale Rossi entliehenes Motorkonzept mit ungleichmässigem Zündversatz und neuer Zündfolge zurückzuführen (Funktionsprinzip siehe Kasten).
Zudem verfügt die Neue im unteren und speziell im mittleren Drehzahlbereich über deutlich mehr Knall. Schon ab 4000/min beginnt die Japanerin bei sämigem, gleichwohl bärigem und dumpfem Röhren – bei dieser neuen Klangkulisse kommt definitiv MotoGP-Feeling auf – mächtig abzudrücken.
Rein subjektiv wirkt die Kraftentfaltung zwar nicht mehr ganz so spektakulär wie beim Screamer, doch dafür kann die Power jetzt durchs Band deutlich effizienter genutzt werden.
Wir fassen zusammen: Der neue R1-Antrieb bezaubert mit einer Klangkulisse, welche die Augenlider flattern lässt und eher an einen V4 als an einen klassischen Reihenvierer erinnert. Er besticht mit einem deutlich breiteren nutzbaren Drehzahlband, einer ausgesprochenen Drehfreude, einer durchs Band umgänglicheren Art, und seine Power ist speziell am Kurvenausgang effizienter und innerlich deutlich gelassener in Vortrieb umzusetzen. Die verbesserte Traktion ist übrigens auch ein Verdienst des neuen Hinterreifens mit 55er-Querschnitt (anstelle des 50ers). Denn die spitzere Reifenkontur bietet in Schräglage eine grössere Kontaktfläche.
Mehr Kontrolle? «D-Mode»!
Vom allgemeinen Trend in Richtung einer besseren Kontrollierbarkeit der Power zeugen schliesslich die drei neu eingeführten und am rechten Lenker auch während der Fahrt wählbaren Modi. Anders als bei der GSX-R 1000, bei der ein bestimmtes Kennfeld der Gemischaufbereitung vorgewählt wird, arbeitet das «D-Mode» genannte System an der R1 ausschliesslich über das YCC-T Drive-by-wire, über das via Drosselklappen-Ansprechverhalten die Ansprache des Motors, nicht aber dessen Leistung beeinflusst werden kann. Die R1 drückt also in allen drei Modi ihre vollen 182 PS ab. Während im B-Modus die Drosselklappen gegenüber dem Impuls der Gashand leicht verzögert geöffnet werden – es resultiert eine sanftere Ansprache –, gewähren sie im A-Modus mit einer progressiven Öffnungsbewegung schneller mehr Durchlass (spitzere Ansprache, kräftigere Leistungsentfaltung im tiefen und mittleren Drehzahlbereich). Der Standard-Modus entspricht der goldenen Mitte.
Präzisionsinstrument
Ein Motor kann sich erst dann richtig entfalten, wenn auch drum herum alles passt. So hat Yamaha die Peripherie der R1 minutiös auf den neuen Reihenvierer abgestimmt. Der Deltabox-Alurahmen wurde im Lenkkopf-Bereich und bei den Motoraufnahmen (Guss-Elemente) steifer. Zudem brachten die Ingenieure mehr Gewicht aufs Vorderrad. Auf dem Vorderrad stützen sich nun 52,4% der 206 kg ab, welche die R1 in fahrfertigem und vollgetanktem Zustand auf die Waage stemmt. Gleichzeitig wurden im Interesse eines leichteren Handlings der Radstand um 5 mm gekappt (neu 1415 mm) und das Konzept der Massenzentralisierung noch konsequenter umgesetzt. So besteht das verschraubte Rahmenheck neu aus leichtem Magnesium. Die Auspuffdämpfer sind zwar noch immer unter dem Heck angeflanscht, doch wurden sie kürzer und – zumal aus Titan – leichter. Der 18-Liter-Tank schliesslich wurde kürzer, und er zieht sich fast bis zum Schwingendrehpunkt tiefer ins Fahrzeug hinein.
Die Retuschen zeigen ihre Wirkung: Die R1 lässt sich spielend und präzis ins Eck dirigieren und bleibt den gesamten Kurvenradius über stets satt auf Kurs. Am Kurvenausgang kann noch so motiviert am Quirl gedreht werden – die Japanerin zickt weder mit Über- noch mit Untersteuern.
Zwischenfazit: Yamaha ist es gelungen, unter Beizug der in sich ausgereiften Ingredienzien Motor, Rahmen und Federelemente ein exquisites und in sich so gut wie perfekt harmonierendes Menü zusammenzustellen. Kompliment!
Neues und nur Zufriedenstellendes wissen wir schliesslich von den Bremsen zu berichten. Im Zentrum des Interesses stand – wiederum zugunsten eines leichteren Handlings – die Reduktion der rotierenden Massen. So knallen die radial verschraubten Sechskolbenzangen ihre Beläge neu in ein leichteres Bremsscheibenpaar mit nach wie vor 310 mm Scheibendurchmesser. Gleichzeitig wurde der Bremshebel mit 25 g leichterem Radial-Geberzylinder im Hinblick auf eine noch bessere Dosierbarkeit komplett neu gezeichnet. Mit Erfolg: Gerade punkto Dosierbarkeit gehören die auf Wunsch brachial verzögernden Yamaha-Beisser zum Besten, was derzeit in der Serie zu haben ist. Der Druckpunkt? Sauber definiert, aber nicht zu giftig.
Wer Mut beweist, …
… wird siegen. Wir haben ein Sportmotorrad erlebt, das mehr als nur ein gewichtiges Kapitel in seiner eigenen, inzwischen über zehnjährigen Familiengeschichte schreiben wird. Diese R1 – ohne Zweifel die beste R1, die je gebaut wurde – hat in unseren Augen sogar das Zeug … zur neuen Referenz bei den Reihenvierzylinder-Superbikes.
Den ausführlichen Bericht zur Yamaha R-1 lest Ihr im TÖFF 03 / 2009.
| Technische Daten Yamaha YZF-R1 Motor: Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter mit unregelmässiger Zündfolge (270º–180º–90º–180º), DOHC (Kette), 4 Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 78 u 52,2 mm, 998 ccm, Verdichtung 12,7. Elektr. Benzineinspritzung/Zündung, Drosselklappen-Ansprechverhalten dreistufig wählbar, Saugrohr-x 45 mm. Mehrscheiben-Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 182 PS bei 12 500/min, 115,5 Nm bei 10 000/min. Fahrwerk: Alu-Brückenrahmen, 43-mm-USD-Gabel mit getrennter Zug- und Druckstufendämpfung, voll einstellbar, Alu-Zweiarmschwinge mit per Umlenkhebelsystem angesteuertem Zentralfederbein, voll einstellbar. Federwege 120/120 mm. Vorn Doppelscheibenbremse, x 310 mm, Sechskolbenzangen, hinten Scheibenbremse, x 220 mm, Einkolbenzange. Leichtmetallräder 3,5-17 und 6,0-17 Zoll. Bereifung 120/70-17 und 190/55-17. Die neue YZF-R1 bekam zwecks effizienterer Wärmeabführung grösser dimensionierte Luftschlitze an den Seitenschalen. Abmessungen: Radstand 1415 mm, Lenkkopfwinkel 66°, Nachlauf 102 mm, Sitzhöhe 835 mm, Gewicht fahrfertig und vollgetankt 206 kg, Tank 18 l, davon 3,4 l Reserve. Preis: Fr. 24 120.–, lieferbar ab Ende Februar in Blau, Weiss und Schwarz. Import: Hostettler AG, Haldenmattstrasse 3, 6210 Sursee. Tel. 041 926 61 11, www.yamaha-motor.ch |
| Funktion, Vorteile und Nachteile des Big-Bang-Motors Betrachten wir zuerst, was sich zwischen der Zündkerze und dem Hinterreifen alles abspielt: Nach der Zündung beschleunigt der Verbrennungsdruck den Kolben. Dieser ist durch das Pleuel mit der Kurbelwelle verbunden, so liegt dort eine tangentiale Kraft an, die ein Drehmoment erzeugt. Die Zusammenwirkung von Druck- und Hebelverhältnissen bewirkt, dass dieses Drehmoment bei rund 60 Grad nach dem Zündzeitpunkt am höchsten ist. Durch die Kraftübertragung gelangt das Drehmoment an den Hinterreifen und bildet dort eine Zugkraft. Diese ist, wie das Drehmoment, nicht gleichförmig, sondern pulsierend und bewirkt an ihrem Maximum – ab dem dafür nötigen Ausmass – einen kurzzeitigen Schlupf am Hinterreifen. Gut beobachten kann man dies, wenn ein Einzylinder mit geringen Schwungmassen aus niedriger Geschwindigkeit voll beschleunigt und dabei in regelmässigen Abständen ausbricht. Gütig im Grenzbereich Bei einem Mehrzylinder mit regelmässiger Zündfolge – im Rennsport wegen des helleren Sounds Screamer genannt – liegen diese Punkte gleichmässig auf der Reifenoberfläche verteilt. Sind die Abstände durch das Motorenkonzept oder durch die Big-Bang-Kurbelwelle ungleichmässig, überlagern sich die Drehmomentspitzen zwar zu einer noch höheren maximalen Zugkraft, der Reifen kann diese in der vergleichsweise langen Ruhephasen aber wieder kompensieren. Er wirkt zusammen mit dem elastischen Anteil des Antriebsstranges wie ein Energiespeicher – die effektiv übertragbare Zugkraft ist so höher. Hinzu kommt, dass der Pilot durch diese Ruhephase eine breitere Marge hat, in der er den Reifen unter Schlupf halten, sprich driften lassen kann. Weniger Schwungmoment Während die 500er-Big-Bang-GP-Zweitakter von viel extremeren Asymmetrien in ihrer Zündfolge charakterisiert waren, hat Yamaha bei der R1-Kurbelwelle einen Versatz von 90 Grad gewählt, was einen Zündabstand von 270-180-90-180 Grad ergibt. Die gleiche Konfiguration hat auch Weltmeister Valentino Rossis M1, und das mit gutem Grund. Neben dem Big-Bang-Effekt hat diese Konfiguration noch einen weiteren Vorteil. Die Rotation einer 180-Grad-Kurbelwelle verläuft mit grossen Schwungmomentänderungen, die ein «Drehimpulsrauschen» verursachen. Bei der 90-Grad-Kröpfung sind die Hubzapfen gleichmässig um die Wellenachse angeordnet, und die Schwungmomentspitzen heben sich gegenseitig auf. Unter dem Strich ist so die Drehimpulsschwankung des Gesamtsystems geringer. Die Nachteile Aber wieso geht man bei all diesen Vorteilen der Big-Bang-Vierzylinder erst jetzt mit diesem Prinzip in die Serie? Weil er auch Nachteile hat: Zunächst benötigt ein solcher Antrieb eine Ausgleichswelle, die zusätzliches Gewicht mit sich bringt und einen erhöhten Platzbedarf fordert. Bei der R1 wurde sie vor der Kurbelwelle platziert. Die Kurbelwellenfertigung ist aufgrund der asymmetrischen Belastung auch deutlich aufwändiger und die Drehschwingungsproblematik komplexer. Auch die Schwungmassenbestimmung ist aufwändiger. Schliesslich muss auch das Motorgehäuse steifer und grösser dimensioniert werden. Technisch kann man den R1-Vierzylinder auch als zwei mit 90°-Versatz gekoppelte Zweizylinder-Gegenläufer sehen. Die Zündfolge ist auch die gleiche wie bei einem 90°-V4 mit 360 Grad Kurbelwellenkröpfung. Ein klassisches Beispiel mit dieser Auslegung ist die Honda RC30. Deshalb klingt letztere auch ganz ähnlich wie die neue YZF-R1. Der erste Big-Bang-Serientöff ist die R1 streng genommen allerdings nicht, denn schon bei der seligen TRX und der TDM 900 hat Yamaha den Trick mit der Kurbelwellenkröpfung angewandt, um den Sound und die Leistungscharakteristik wie bei einem V2 zu gestalten. |










