Neues Kaliber

Ducati Multistrada 950

Von Dimitri Hüppi
09.01.2017 15:45:51

Die neue, kleine Multistrada 950 ergänzt ihre grossen Schwestern sehr gut. Die Optik passt sowieso, und auch der Rest hat beim Erstkontakt auf Fuerteventura gefallen.

So kennen und schätzen wir den aus der Hypermotard 939 und der Hyperstrada 939 bekannten Testastretta-Motor: Er ist ab tiefsten Drehzahlen schön druckvoll und zugleich enorm drehfreudig oben raus – ideal, um im kurvigen Geläuf bzw. bei längeren Zwischengeraden auch ohne ständiges Hin- und Herschalten rasant voranzukommen. 

Und genau so gibt sich der auf die vergangene Saison hin an die Euro-4-Norm angepasste V2 mit 937 ccm Hubraum auch in der nagelneuen Multistrada 950. Dank perfekt gewählter Testumgebung, welche die spanische Insel Fuerteventura im Atlantischen Ozean bietet, gewinnen wir einen umfassenden ersten Eindruck vom Triebwerk, das für die 950 nochmals angepasst wurde. 

Tatsächlich harmoniert der Antrieb hervorragend mit dem Bike. Die maximal 113 PS und das vorhandene Drehmoment (zwischen 3500 und 9500/min liegen durchgehend über 80 Prozent des Drehmomentmaximums von 96,2 Nm an) lassen die fahrfertig nur 227 Kilo wiegende Multi von einem Bogen zum nächsten nur so fliegen. Die Kraftentfaltung ist dabei ziemlich linear und sehr berechenbar, die Gasannahme stets angenehm fein. 

Die Anti-Hopping-Kupplung ist dank Servo-Unterstützung sehr leicht zu bedienen. Auch die Dosierbarkeit zum Anfahren und bei langsamen Manövern ist einwandfrei. Die Gangwechsel erfolgen weitestgehend geschmeidig; nur bei allzu hastigem Schalten gelingt es auch auf der 950, mehr als nur einen «Neutral» zu finden. Vibrationen sind zu vernehmen, doch nimmt man sie als pulsierende Lebenszeichen eines charaktervollen Benzinmotors und keinesfalls als Störfaktor wahr. 

So kennen wir diesen Testastretta nicht

Angasen macht also wie auf den Hypermotard-Schwestern richtig Spass. Und das Beste: Auch, wenn man mal touristisch unterwegs ist – zum Beispiel in Ortschaften – macht der Testastretta keine Zicken mehr. Wer sich an unsere Testberichte über die Hypermotard 939 SP und Hyperstrada 939 erinnert, weiss, dass der Motor bei uns in der Kritik stand, weil er im Teillastbereich unangenehm ruckelte. Ein Phänomen, das auf Deutsch bekanntermas­sen Konstantfahrruckeln oder abgekürzt «KFR» genannt wird. Eine Bezeichnung, die im Italienischen so gar nicht existiert. Dennoch haben die Ingenieure es nun geschafft, dieser lästigen Eigenart den Garaus zu machen. Zumindest unsere Testbikes liessen sich problemlos ruckelfrei mit 50 durch Ortschaften fahren. Bravo! Das ist unabdingbar für ein Tourenbike dieser Klasse. 

Das Geheimnis der Verwandlung

Nun fragt sich, wie diese Verwandlung möglich war? Laut Projekt-Ingenieur Davide Previtara sind dafür hauptsächlich Ansaugtrakt und Auspuffsystem verantwortlich. Einlassseitig kommen ein neues Luftfiltergehäuse sowie grössere Drosselklappen (53 statt 52 mm) zum Einsatz. Und: das Motorsteuergerät, das die Ride-by-Wire-Befehle umsetzt, stammt in der 950 von Bosch – in der Hypermotard von Magneti Marelli. Diese Änderungen sowie ein speziell auf die neue Multistrada abgestimmtes 2-1-2-Auspuff-System seien für die neue Charakteristik verantwortlich.  

Beim alltäglichen Heizen sind auch ein taugliches Fahrwerk und standfeste Bremsen nötig. Letztere kann die neue Multi im Grunde bieten – die Verzögerungswerte und der dafür nötige Kraftaufwand passen. Schliesslich kommen an den vorderen Doppelscheiben hochwertige Brembo-Monoblock-Bremssättel (M4.32) zum Einsatz. Allerdings gibt sich der Druckpunkt etwas schwammig. Die hintere Bremse ist zwar gross dimensioniert, doch erfordert sie viel Kraft und lässt bei der Dosierung zu wünschen übrig. 

Im Kurvengewühl lässt sich die 950 sehr flink bewegen. Das manuell volleinstellbare Fahrwerk mit Kayaba-USD-Gabel vorn und Sachs-Federbein hinten sorgt auch bei schnellen Richtungswechseln für eine ausreichend straffe Strassenlage, wenn auch bei Nach­justierung in Richtung Sport immer noch die eher softe Auslegung zu spüren ist.  

Bekannter, betörender Blick

Die Ducati Multistrada 950, die man ab 14 490 Franken bekommt, sieht der längst etablierten Multistrada 1200 (ab 18 390 Franken) dank gleich gezeichneter Frontverkleidung auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich: Genauso angriffig-dynamisch und den Eindruck vermittelnd, für die grosse Abenteuerreise gewappnet zu sein. Insbesondere in Details unterscheidet sich die Kleine von der Grossen – auch, indem sie Elemente von der im letzten Jahr präsentierten Multistrada 1200 Enduro (ab 21 990 Franken) aufgreift. 

So ist beispielsweise die komplette Nasenspitze wie bei letzterer unlackiert, die Scheinwerfer sind mit Halogenbirnen statt mit LEDs (1200 / Enduro) bestückt und die Rückspiegel – ebenso mit LED-Blinkern ausgestattet – weisen keinen unteren Rand in Silber-Metallic auf (wie bei der 1200), sondern sind wie bei der Enduro auch komplett in unlackiertem Kunststoff gehalten. Und dann ist da natürlich noch der kleine Schriftzug am seitlichen Windleitblech, der eindeutig klarstellt, dass es sich hier um die 950er handelt. 

Wer zum Heck blickt, erkennt, dass auch hier einiges von der 1200 Enduro abgeleitet  bzw. übernommen wurde. Insbesondere die überaus praktische und dennoch schön geformte Zweiarmschwinge sowie der extrem schlanke Schalldämpfer. Letzterer kann sich bereits in der Serie sehen – und hören – lassen, doch gibt es ein noch schärferes (homologiertes) Pendant vom italienischen Premiumhersteller Termignoni (s. Bild links oben). 

Nicht nur fürs Gelände bereit

Die Wahl der Hinterradführung begründet Davide Previtara damit, dass sie es erlaubt, die  Speichenräder der 1200 Enduro aufzunehmen. Somit kann die Multi im Handumdrehen für den Offroadeinsatz bereitgestellt werden. Wer es mit dem Fahren im Gelände ernst meint, der kann auch auf der 950 den Enduro-Modus anwählen, indem die Maximalleistung von 113 auf 75 PS reduziert wird. Die Gasannahme ist progressiv, die Traktionskontrolle agiert auf Stufe zwei (von acht), die kaum eingreift und den für losen Grund nötigen Schlupf am Hinterrad in ausreichendem Masse zulässt. Das ABS ist nur am Vorderrad aktiv. 

Um eine echte Multistrada zu sein, verfügt auch die 950 neben dem Enduro-Modus über die drei weiteren Ducati Riding Modes «Touring», «Sport» und «Urban», die allesamt erstmals 2010 in der ersten Multistrada der neuen Generation vorgestellt wurden. Auch im Urban-Modus wird die Power auf 75 PS gedrosselt, in Sport und Touring galoppieren, bei mehr bzw. weniger direkter Gasannahme, alle 113 Pferde. 

Die 950 ist eine ernstzunehmende Alternative für all jene, welche die Grundvorzüge einer Multistrada schätzen, die sich aber eine leichter zugängliche Version wünschen: Die 950 ist immerhin 3900 Franken günstiger, doch sie ist auch fünf Kilo leichter und technisch weniger gepumpt (z. B. hat sie kein Kurven-ABS, keine hinterleuchteten Schalter, kein TFT-Farbdisplay). Trotzdem aber ist sie agil (auch wenn sie keine 160 PS abdrücken kann) und sie bietet, da sie gleich auf beiden 1200er-Versionen basiert, eine interessante Vielseitigkeit.

Ducati Multistrada 950

Hubraum:937 ccm
Leistung: 113 PS bei 9000/min
Gewicht: 227 kg fahrfertig
Preis: ab 14 490 Franken
Verkehrsabgabe: 60 bis 283.50 Fr./Jahr

Motor und Fahrwerk

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 90°-V2-Vier- takter, DOHC (Zahnriemen), 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 94 × 67,9 mm, 937 ccm, Verdichtung 12,6. Elektr. Einspritzung/Zündung, Drosselklappen ∅ 53 mm, Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 113 PS bei 9000/min, 96,2 Nm bei 7750/min.

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, 48-mm-USD-Gabel voll einstellbar, Alu-Zweiarmschwinge mit links am Rahmen abgestütztem Monofederbein, voll einstellbar. Vorne halbschwimmende Doppelscheibenbremse ∅ 320 mm, radial montierte Vierkolben-Monoblockzangen, hinten Scheibe ∅ 265 mm, Zweikolben-Schwimmsattel. Alugussräder 3.00-19 und 4.50-17. Bereifung 120/70-19 und 170/60-17.

Auf den Punkt gebracht

Sie hat weniger Hubraum und weniger Elektronik, doch das Essenzielle ist da – und genug Power auch. Ja, auch die 950 ist eine echte Ducati Multistrada.

+ Gleiche edle Optik wie die 1200er Multi
+ Motor ohne Konstantfahrruckeln
+ Immer genügend Drehmoment
+ Ein-Griff-Scheibenverstellung

– Bremsdruckpunkt etwas schwammig
– Kupplungshebel nicht einstellbar
– Kein wirklicher Gepäckträger

Import

Ducati (Schweiz) AG, 8835 Feusisberg, www.ducati.ch

 

Fazit

Die Multistrada 950 steht zwar leistungsmässig deutlich hinter ihrer gros­sen Schwester. Und auch sonst gibt es ein paar Abstriche zu machen. Doch  wer ohne Kurven-ABS und ohne Kurven-Licht auskommen kann, findet in ihr eine vielseitige Alternative zu einem attraktiven Preis.

 

Unverspieltes Flüssigkristall-Display. Unverspieltes Flüssigkristall-Display. © Milagro
Die Schaltereinheiten teilt sich die 950 mit der neuen Monster 1200. Die Schaltereinheiten teilt sich die 950 mit der neuen Monster 1200. © Milagro
Brembos und Y-Speichen. Brembos und Y-Speichen. © Milagro
Schönes wie praktisches Zubehör gibt es einzeln oder in ganzen Paketen. Schönes wie praktisches Zubehör gibt es einzeln oder in ganzen Paketen. © Milagro
Neu abgestimmt: Der Testastretta-V2 gibt sich in der Multistrada sehr umgänglich. Neu abgestimmt: Der Testastretta-V2 gibt sich in der Multistrada sehr umgänglich. © Milagro
Musik: Aus dem von der Enduro übernommenen Endtöpfchen schallt es satt, aber nicht aufdringlich. Musik: Aus dem von der Enduro übernommenen Endtöpfchen schallt es satt, aber nicht aufdringlich. © Milagro
Bewährt: Manuelle Federbasiseinstellung am Heck. Bewährt: Manuelle Federbasiseinstellung am Heck. © Milagro
Welch elegante Linie: Die Multistrada 950 gibt sich schlank. Welch elegante Linie: Die Multistrada 950 gibt sich schlank. © Milagro