Drifter
Aprilia RSV4 Factory APRC
Aprilia hat seine RSV4 Factory mit raffinierten elektronischen Fahrhilfen ausgestattet. So wurde nicht nur ihre einzige Schwäche, das plötzliche Auskeilen, beseitigt, mit den digitalen Helferlein können sogar Hobbypiloten aus den Kurven driften.
Curva Sito Pons auf dem Circuito de Jerez in Südspanien: eine sich zunächst zuziehende, dann wieder öffnende, mittelschnelle Rechts über eine Kuppe. Am Kurvenausgang wird der Töff gerade dann leicht, wenn das Gas angelegt wird. Hier sollte die Gashand bei potenten Tausendern Vorsicht walten lassen. Doch der spanische Kollege vor mir zieht einen wunderbar langen schwarzen Strich, wobei seine Aprilia RSV4 Factory APRC hinten leicht versetzt und dann wieder sauber in die Spur kommt. Und der Mann heisst weder Jorge Lorenzo noch Dani Pedrosa oder Sete Gibernau. Das mit dem schwarzen Strich geht auch mir nach einiger Überwindung locker von der Hand. Nicht dass ich plötzlich den schmalen Grat zwischen kontrolliertem Drift und fatalem Abflug gefunden hätte, es sind die elektronischen Helfer der neuen Traktionskontrolle, die den Piloten gefahrlos durch diesen haarfeinen Grenzbereich führen.
Rückblende: Circuit Dijon Prenois, eingangs Zielgerade. Beim Konzept-Vergleichstest von Reihen- und V-Motoren im Sommer 2009 keilt die Aprilia RSV4 Factory in dieser knapp 200 km/h schnellen Passage schlagartig aus. Glücklicherweise ist nichts passiert, doch das bis dahin mit brillantem Handling überzeugende Bike hat seine tückische Seite aufgezeigt.
Almeria, Kuppe zwischen Kurve 1 und Kurve 2: Beim Vergleichstest der Tausender mit der neuen BMW S 1000 RR zum Jahresende 2009 keilt die RSV4 R auf gleiche hinterlistige Art aus und warnt fortan vor übereifrigen Aktivitäten. Fazit: So überzeugend das Handling der RSV4, das dank kompakter Sitzposition und durchdachten Designs die Handlichkeit einer 600er mit der Kraft einer Tausender vereint, so empfindlich reagiert die Aprilia, wenn sie hinten die Haftung verliert.
Scharte ausgewetzt
Doch damit ist jetzt Schluss. Zumindest, wenn der Pilot bereit ist, bei der Factory die zusätzlichen 700 Franken für das Kürzel APRC auszugeben. Das steht für Aprilia Performance Ride Control, wobei diese eine patentierte Traktions-, Wheelie- und eine Launchkontrolle kombiniert. Das Ganze wird durch ein Ride-by-wire-Management geregelt und ist in einem breiten Bereich einstellbar. So nimmt das System in der zahmsten Einstellung Anfängern die Angst vor der Leistung, in der schärfsten lässt es auch Profis ganz neue Grenzbereiche erkunden.
Während die bis heute bekannten Traktionskontrollen in mehreren Schritten auf bestimmte vorgegebene Schlupfwerte eingestellt worden sind, arbeitet das Aprilia-System mit zwei schräglagenabhängigen Schwellenwerten. Ist der untere erreicht, schaltet sich die Traktionskontrolle ein. Gibt der Pilot dann noch mehr Gas, geht die Traktionskontrolle auf ihren oberen Schwellenwert zu – dies ist das Geheimnis des kontrollierten Drifts. Das Ganze lässt sich in acht Stufen vom linken Lenker-ende aus auch während der Fahrt einstellen. Auf Stufe 1 rennt das Bike beim Gasaufreissen ziemlich heftig gegen die Kontrolle, der Vortrieb ist arg eingeschränkt. Ab Stufe 3 wird diese Einschränkung nicht mehr als störend empfunden, ab Stufe 5 wird es lustig. Ganz ehrlich habe ich Stufe 8 nur interessehalber probiert. Angeblich kann auch da nichts passieren, aber die Aktionen, die das Hinterrad dann aufführt, zehren doch arg am Nervenkostüm eines Normalsterblichen. Mit der Wheeliekontrolle verhält es sich ähnlich, sie kann ganz abgeschaltet werden oder in drei Stufen das Steigen des Vorderrades unterdrücken, wobei Stufe 3 kleine Aufbäumer zulässt. Genauso hat die Launch-Control drei Einstellungen, in Stufe 3 lässt auch sie Wheelies zu, da muss der Pilot sehr aufmerksam agieren, legt aber auch richtig rennmässige Starts hin.
Das ganze System funktioniert über Pulsierringe an den Rädern, über Gyroskope sowie Beschleunigungssensoren und lässt sich auf unterschiedliche Reifen anpassen. Mit dieser Hardware und Software liesse sich auch ein Race-ABS betätigen. Bei der RSV4 Factory wird dies zwar noch nicht angeboten, die Aprilia-Techniker geben aber zu, daran zu arbeiten.
Gutes beibehalten
Ansonsten ist die RSV4 Factory eine gute alte Bekannte geblieben. Ihre kompakte, wenn auch sehr sportliche Sitzposition, ihr messerscharfes Handling, ihre sanfte, aber nachdrückliche Kraft können noch immer genauso begeistern wie vor zwei Jahren bei ihrem Erscheinen. Selbst der neue 200er-Hinterreifen zeigt keine unangenehmen Nebenerscheinungen, sondern besticht durch unglaublich effiziente Traktion. Natürlich bietet Aprilia mittlerweile auch ein grosses Paket feinster Renn-utensilien von unterschiedlichen Übersetzungen bis zu feinen Carbonteilen an; so lässt sich die RSV4 Factory weiter zu einem superedlen Track-Töff aufrüsten. Aber eines ist ihren Machern bereits serienmässig gelungen: Sie haben die einzig wirkliche Schwäche dieses faszinierenden Italo-Superbikes beseitigt und ein messerscharfes Trackbike geschaffen, das neue Dimensionen eröffnet.
| Zwei Fragen an den Entwicklungsleiter Roberto Calò Wurde die APRC jetzt präsentiert, weil Aprilia in der Superbike-WM sonst nicht mehr mit Traktionskontrolle fahren könnte? Die Terminüberschneidung ist rein zufällig. Diese Elektronik war schon länger als nächste Entwicklungsstufe der RSV4-Reihe vorgesehen. Unser Marelli-System hatte hierfür schon immer das Potenzial. Das System ist an der RSV4 am weitesten entwickelt, und die Dorsoduro benutzt die gleiche Hardware. Selbst das System des Renn-Superbikes hat eine ähnliche Basis. Wir haben den Zeitpunkt, unser fortschrittliches System jetzt vorzustellen, auch deshalb so gewählt, weil es die Konkurrenzsituation mit BMW und Ducati gefordert hat. Wird es in absehbarer Zeit auch ein Race-ABS von Aprilia geben? |
| Technische Daten Hubraum: 999,6 ccm Leistung: 180 PS bei 12 250/min Gewicht: 179 kg trocken Preis: 29 700 Franken Verkehrsabgabe: 60 bis 340 Fr./Jahr Motor: Flüssigkeitsgekühlter 65-Grad-V4-Viertakter, DOHC, (Kette und Zahnräder) 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 78 × 52,3 mm, Verdichtung 13,0. Elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr-Æ 48 mm. Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 180 PS bei 12250/min, 115 Nm bei 10000/min. Fahrwerk: Brückenrahmen aus Alu-Profilen, 43-mm-USD-Gabel (Öhlins), voll einstellbar, Aluschwinge mit Hebel-system. Öhlins-Zentralfederbein, voll einstellbar. Vorne Doppelscheiben-bremse Æ 320 mm, radial montierte Vierkolbenzangen, hinten Einzelscheibe Æ 220 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel. Leichtmetall-Schmiederäder. Bereifung 120/70-17 und 200/55-17. Abmessungen Auf den Punkt gebracht + Sehr gut funktionierende elektronische Fahrhilfen machen Schnellfahren leicht |





