BMW G 310 R.
BMW G 310 R. © Markus Jahn

Jung und dynamisch

BMW G 310 R

Von Dimitri Hüppi
01.11.2016 11:11:38

Mit der neuen G 310 R fährt BMW erstmals seit Langem wieder im Segment unter 500 ccm mit. Frech designt und überzeugend verarbeitet.

Die BMW G 310 R setzt den Trend zu immer stilvoller durchdesignten, hochwertiger verarbeiteten und zugleich preiswerteren Motorrädern mit kleinem Hubraum fort. Ab gerade einmal 5350 Franken bekommt man mit ihr ein Bike, das zwar explizit mit Fokus auf Wachstumsmärkte wie Indien oder Brasilien konzipiert wurde, aber dennoch den hohen mitteleuropäischen Ansprüchen gerecht werden dürfte. Wir durften im Rahmen der internationalen Pressevorstellung kürzlich in München schon einmal eine ausgiebige Runde mit ihr drehen.

Superhandlich durch die Stadt

Unsere Testfahrt startet in der Erlebniswelt BMW Group Classic, ganz in der Nähe der BMW-Zentrale mitten in München. Ziel für unsere Mittagspause ist der Ammersee, der sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen ein beliebtes Ausflugsziel ist. Zunächst geht es etliche Kilometer über doppelspurig ausgebaute Hauptstrassen durch die Grossstadt. Wohl das Gebiet, in dem die G 310 R am meisten zum Einsatz kommen wird. Und hier schlägt sie sich sehr gut.

Die leichtgängige und gut dosierbare Kupplung erlaubt müheloses Anfahren an den Ampeln. Einmal in Bewegung, sprintet die Kleine munter nach vorn. Der komplett neu entwickelte, wassergekühlte Vierventil-Einzylinder mit 313 Kubik gibt sich bei tiefen Drehzahlen druckvoll und obenraus sehr drehfreudig. Niemals wirken die 34 Pferde angestrengt.

Steht die G 310 R neben anderen Bikes, ist augenfällig, dass ihr Zylinder nicht nach vorn, sondern nach hinten geneigt, der Zylinderkopf um 180 Grad gedreht ist. Der Einlasstrakt befindet sich vorn und der Auspuffkrümmer, anders als üblich, hinten. Diese Anordnung trägt zusammen mit den hintereinander liegenden Getriebewellen zu einem tieferen und nach vorn geschobenen Schwerpunkt bei. Und sie ermöglicht den Einbau einer längeren, Schwinge (bringt mehr Stabilität), ohne dabei den Radstand zu vergrössern, was eine Einbusse bei der Handlichkeit zur Folge hätte. Tatsächlich gibt sich die G 310 R bei den vielen Spurwechseln und Abbiegemanövern extrem handlich.

Auf zum Kurvenwetzen

Das Fahrwerk – die mächtig Eindruck schindende goldenfarbene USD-Gabel vorn und die sportlich-elegante Zweiarmschwinge mit schön präsentiertem Monofederbein – macht in der City einen einwandfreien Job und bietet selbst auf schlaglöchrigen Abschnitten viel Komfort. Allroundqualitäten, die man auch auf schnellen und gewundenen Landstrassen schätzt. Nur bei sehr sportlich genommenen, engen Kurven ist das Federbein etwas zu weich, so dass Unebenheiten Unruhe ins Fahrwerk bringen können. Auch der eine oder andere kleine Rutscher der Michelin Pilot Street ist, richtig engagiert am Gas, nicht ausgeschlossen.

Der Einzylinder glänzt nämlich auch dort, wo Routiniers unter dem Helm zu grinsen beginnen, mit seinem spassbringenden Charakter, zu dem auch ein gewisser Sound gehört: Schön brummig. Der Lüfter hingegen dreht sehr leise, was besonders in der City ein Gewinn ist. Die Gasannahme haben die BMW-Ingenieure beispielhaft hinbekommen, und auch Lastwechsel machen sich nie auffällig bemerkbar. Vibrationen vernimmt man freilich, doch macht die Ausgleichswelle insgesamt einen guten Job, so dass man es ohne Weiteres längere Zeit im Sattel dieser BMW aushält.

Dieser ist übrigens sehr bequem und auch die übrige Ergonomie gibt keinen Anlass, Touren verfrüht abzubrechen. Man sitzt locker-lässig und der Kniewinkel ist angenehm. Auch die Sitzhöhe ist moderat, was zusammen mit dem geringen Gewicht das Rangieren leicht macht. Dennoch hat man das Gefühl, auf einem erwachsenen Motorrad zu sitzen.

Das Getriebe arbeitet grundsätzlich zufriedenstellend, auch wenn sich die Gangwechsel nicht immer ganz so geschmeidig anfühlen. Doch bei einem Bike der unteren Mittelklasse gehört diese Kritik zum Jammern auf hohem Niveau. Ohne Tadel bleibt dafür die Abstufung der einzelnen Gänge.

Bremsen wie die Grossen

Sehr gefallen – und wirklich positiv überrascht – haben uns auch die Bremsen von der indischen Brembo-Tochter By Bre. Die vordere radial montierte Vierkolbenzange glänzt durch einen klaren Druckpunkt sowie ausgezeichnete Dosierbarkeit dank Stahlflexbremsleitungen – egal ob bei niedrigen oder hohen Geschwindigkeiten. Zudem sind keine grossen Handkräfte nötig. Selbst die Hinterradbremse ist gut dosierbar und erlaubt angemessene Unterstützung der Bremsleistung. Ein ABS ist selbstverständlich auch an Bord.

Wo Premium draufsteht...

Überzeugen kann die jüngste Maschine der unteren Mittelklasse auch optisch: Das Design lehnt sich da und dort gelungen an die grosse Schwester S 1000 R an (Seitenverkleidung, Blinker, Schutzblech) und die Verarbeitung wirkt rundum solide und wertig. Wüsste man es nicht, nähme man kaum an, dass die 310 im indischen Bangalore beim Kooperationspartner TVS Motor Company (von eigens geschultem Personal) hergestellt wird.

TVS ist Indiens drittgrösster Motorradhersteller mit einem Volumen von rund 2,5 Millionen Motorrädern pro Jahr. Die G 310 R läuft dort in einem exklusiven Produktionsbereich vom Band und die mechanische Fertigung der Motorenbauteile erfolgt auf Werkzeugmaschinen aus Deutschland. Jeder Motor absolviert nach der Montage einen Prüfstandslauf und jeder Töff durchläuft am Ende eine umfassende Kontrolle samt Rollenprüfstand nach Berliner Vorbild. Ausserdem sind permanent zwei deutsche Mitarbeiter vor Ort.

 

BMW G 310 R

Hubraum: 313 ccm
Leistung: 34 PS bei 9500/min
Gewicht: 158,5 kg fahrfertig
Preis: ab 5350 Franken
Verkehrsabgabe: 60 bis 113.40 Fr./Jahr
Tankvolumen: 11 Liter
Schrittbogenmass: 1785 mm
Radstand: 1374 mm
Nachlauf: 102,3 mm
Sitzhöhe: 785 mm
Lenkkopfwinkel: 64,9 Grad


Motor und Fahrwerk

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Einzylinder- Viertakter, DOHC, 4 Ventile, Bohrung × Hub 80 × 62,1 mm, 313 ccm, Verdichtung 10,6. Elektr. Einspritzung/Zündung, Drosselklappe ∅ 42 mm, Mehrscheiben-Ölbadkupplung, 6 Gänge, Kette. 34 PS bei 9500/min, 28 Nm bei 7500/min.

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen mit angeschraubtem Heckrahmen, 41-mm-USD-Gabel, Alu-Zweiarmschwinge mit direkt angelenktem Monofederbein (Basis einstellbar). Vorne Scheibenbremse ∅ 300 mm, radial montierter Vierkolbenfestsattel, hinten Einzelscheibe ∅ 240 mm, Zweikolbenschwimmsattel. Fünfspeichen- Leichtmetalldruckgussräder 3.0-17 und 4.0-17. Bereifung 110/70-17 und 150/60-17.


Plus-Minus

+ Druckvoller, drehfreudiger Einzylinder
+ Verbrauch (3,5 l / 100 km laut Bordcomp.)
+ Bremsen, Gewicht, Handling – Bremshebel für kleine Hände weit weg
– Reifen bei engagierter Fahrweise
– Federbein bei engagierter Fahrweise


Import

BMW (Schweiz) AG, Industriestrasse 20, 8157 Dielsdorf. www.bmw-motorrad.ch


Fazit

Die erste Bayerin indischer Produktion macht einen soliden Eindruck, der dem Premium-Anspruch der Marke gerecht wird. Den Vergleich mit der Konkurrenz dürfte sie dank ansprechender Optik, wertiger Haptik und guten Fahrleistungen nicht scheuen müssen. Natürlich nicht zuletzt auch wegen ihres wettbewerbsfähigen Preises und dem sinnvollen Zubehörangebot, das vom 30-Liter-Topcase bis hin zu den Heizgriffen (!) reicht.

 

"Mit der G 310 R haben wir ein rundes Gesamtpaket"

Vier Fragen zur G 310 R, dem neuen BMW-Einsteiger- Motorrad für 2016, an Juergen Stoffregen, Projektleiter für Technik (siehe Bild rechts).


Wie Gesamt-Projektleiter Andreas Müller in TÖFF 07/16 sagte, arbeiten die Inder ganz anders als die Deutschen. Läuft jetzt alles wie gewünscht, und waren zum Start der Serienproduktion noch Anpassungen nötig?
 

Bevor neue Modelle in die Serienproduktion gehen, braucht es anfangs immer eine genaue Überprüfung der Arbeiten und der Abläufe und in der Regel auch noch einen gewissen Feinschliff. Das ist in Indien und Deutschland genau gleich. Uns war durchaus bewusst, dass es auch mal nicht so perfekt laufen könnte. Doch viel nachbessern mussten wir tatsächlich nicht.


Als die G 310 R mitten in der Entwicklung stand, lancierte KTM ihre 44 PS starke 390 Duke. War das für BMW ein Schock?

Für mich war es überhaupt kein Schock. Es gibt immer etwas Neues, doch was genau, kann man ja nicht vorhersehen. Für uns war immer klar, dass unser Motor-Setup für unsere Kunden das richtige und dass Papierleistung nicht alles ist. Nach unserer Überzeugung will der Kunde in diesem Segment ein rundes Gesamtpaket. Und das haben wir, glaube ich, gut getroffen.


Bestünde denn die Möglichkeit, diesen Einzylinder hubraums- bzw. leistungsmässig noch auszubauen?

Grundsätzlich gibt es bei jedem Motor Möglichkeiten. Im Moment ist es definitiv nicht geplant. Wenn sich der Markt so entwickelt, dass sich eine sich wirtschaftlich rechnende Nachfrage ergeben sollte, dann werden wir darüber nachdenken, was wir tun können.


In Europa sind aber 48 PS gerade die magische Grenze (Stichwort Kategorie A beschränkt)...

Wir haben die Grenzen des Motors noch nicht ausgelotet. Aber man muss abwägen, ob der Aufwand sich lohnt, denn wir möchten natürlich mit diesem Motorrad Geld verdienen. Und als Hersteller muss man akzeptieren können, dass es andere gibt, die etwas anders machen. Das Gesamtpaket muss zum Zielpublikum in allen Märkten passen. Und davon sind wir bei der G 310 R überzeugt.

 

Das sind die Mitbewerber der BMW G 310 R (Bilder siehe rechts)


Kawasaki Z300: 2 Zylinder in Reihe, 296 ccm, 39 PS @ 11'000/min, 27 Nm @ 10'000/min, 5950 Franken.

KTM 390 Duke: 1 Zylinder, 373 ccm, 44 PS @ 9500/min, 35 Nm @ 7250/min, 5890 Franken.

Suzuki Inazuma 250: 2 Zylinder in Reihe, 248 ccm, 24 PS @ 8500/min, 22 Nm @ 6500/min, 4735 Franken.

Yamaha MT-03: 2 Zylinder in Reihe, 321 ccm, 42 PS @ 10'750/min, 29 Nm @ 9000/min, 5790 Franken.

 

Konsequent durchgesylt. Konsequent durchgesylt. © Markus Jahn
Die Bremsen von By Bre sind gut. Die Bremsen von By Bre sind gut. © Markus Jahn
Das LCD-Instrument ist gut ablesbar. Es informiert u. a. über Drehzahl, Verbrauch, Reichweite, Uhrzeit, Gang. Das LCD-Instrument ist gut ablesbar. Es informiert u. a. über Drehzahl, Verbrauch, Reichweite, Uhrzeit, Gang. © Markus Jahn
Motor mit um 180 Grad gedrehtem Zylinderkopf. Motor mit um 180 Grad gedrehtem Zylinderkopf. © Markus Jahn
Da sitzt man gut. Da sitzt man gut. © Markus Jahn
Rücklicht und Nummernhalter sind schnittig. Rücklicht und Nummernhalter sind schnittig. © Markus Jahn
Auspuff mit geregeltem Kat. Auspuff mit geregeltem Kat. © Markus Jahn
Die Schalter und Taster sehen ansprechend aus und lassen sich gut bedienen. Die Schalter und Taster sehen ansprechend aus und lassen sich gut bedienen. © Markus Jahn
Juergen Stoffregen, Projektleiter für Technik. Juergen Stoffregen, Projektleiter für Technik. © BMW
Mitbewerber Kawasaki Z300. Mitbewerber Kawasaki Z300. © TÖFF
Mitbewerber KTM 390 Duke. Mitbewerber KTM 390 Duke. © TÖFF
Mitbewerber Suzuki Inazuma 250. Mitbewerber Suzuki Inazuma 250. © TÖFF
Mitbewerber Yamaha MT-03. Mitbewerber Yamaha MT-03. © TÖFF