Poltergeist

Confederate B120 Wraith

Von Imre Paulovits
02.03.2011 15:30:01

Confederate Wraith: Der Modellname steht im Schottischen für Geist. Die Inspiration ist die Urzeit des Töffbaus, und aus dem Motor poltert massenhaft Drehmoment.

Bereits bei der Startprozedur zeigt sich die Urgewalt der Confederate eindrücklich: Damit selbst der grösste Töff-Anlassermotor die beiden mächtigen Kolben in den hochverdichteten Zylindern über den Todpunkt stemmen kann, müssen erst die kleinen Dekompressoren an den Zylinderköpfen gedrückt werden. Sonst müht sich der Elektromotor nur ab und saugt die Batterie leer. Wenn das gigantische Triebwerk dann zum Leben erwacht, erbebt die Erde. Nicht jedoch der Sattel, denn die beiden Ausgleichswellen halten die Vibrationen des 120-Kubikinch-Motors in Grenzen. Um die freilaufende Trockenkupplung zu be-tätigen, bedarf es echter Männerhände. Der erste Gang rastet im knöchernen, aber doch sehr präzise zu schaltenden Getriebe sauber ein, und wenn das filigrane Motorrad vom gewaltigen Motor in Bewegung gesetzt wird, eröffnet sich eine faszinierende Welt: die Welt der Spielzeuge von Superreichen, die sich das Besondere gerne etwas mehr kosten lassen. Im Fall der Wraith über 100 000 Franken.

Exzentrische Bikes für den Adel
Dem ehemaligen Rechtsanwalt und Confederate-Gründer Matt Chambers ist es gelungen, sich eine exquisite Stammkundschaft von Hollywoodstars sowie Adeligen rund um den Globus zu sichern. Schon die ersten, ab 1994 unter dem Namen des ehemaligen Südstaaten-Bundes von Amerika gefertigten Bikes hatten etwas Martialisches an sich. Mit der Wraith zündeten Chambers und sein Designer J. T. Nesbitt dann die zweiten Stufe. Beim Design wollten sie etwas völlig Aussergewöhnliches und dennoch Uramerikanisches schaffen, und sie hielten sich streng an ihre eigenen Maximen: absolute Torsionssteifigkeit, Funktionsorientierung, Überdimensionierung, Ermüdungsbeständigkeit und Zeitlosigkeit. Die erste Vorstellung der Wraith sollte zu Halloween 2005 in New Orleans stattfinden, wo dieses Fest mit besonders viel Spuk verbunden ist. Doch es wurde noch viel schauriger, als es sich die Confederate-Macher träumen liessen, denn der Hurricane Katrina verwüstete zwei Monate vor dem geplanten Fest die Stadt und mit ihr auch die Werkshallen von Confederate. Statt diese wieder aufzubauen, sah sich Chambers nach einem neuen Ort für seine Fabrik um, durchkämmte die gesamten Vereinigten Staaten und entschied sich schliesslich für Birmingham im Bundesstaat Alabama. Nicht nur die dort angesiedelten Zulieferer der Autoindustrie, sondern vor allem das Barber Motor Museum mit der grössten Motorradkollektion der Welt gaben den Ausschlag. Denn von den dortigen Maschinen wollte sich Chambers für zukünftige Confederate-Bikes inspirieren lassen.

Vorbilder aus der Pionierzeit
Die Wraith entstand zwar noch vor der Zeit der räumlichen Nähe zu Barbers Museum, trotzdem reichen ihre inspirierenden Vorbilder in die Anfänge der amerikanischen Motorradgeschichte zurück. Das Minimalistische, das Filigrane und die Konzentration auf einen gewaltigen Motor war den Boardtrack-Rennmaschinen der 10er- und 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts eigen. Damals fuhren 1000er-V-Twins ohne Bremsen, Kupplung und Getriebe auf Holzovalen feuerspeiend vor Zehntausenden von Zuschauern. Nicht einmal ein Gasschieber war in den Vergasern untergebracht, um bei Volllast die optimale Gasströmung nicht zu beeinträchtigen. Das Leben der Piloten hing bei Geschwindigkeiten bis zu 180 km/h nur an einem Kurzschlussschalter. Harley-Davidson, Indian, Excelsior und Cyclone bekriegten sich in dieser legendären Ära.

Die Wraith hat natürlich alles, was ein modernes und sicheres Strassenbike braucht. Aber das zierliche Rahmenrohr aus Kohlefaser, das auch als Öltank dient, die Form des Sattels und die optische Gewichtung des Motors verbinden sie trotzdem unweigerlich mit diesen uramerikanischen Rennmaschinen.

Die Wraith verfügt aber auch über ein Stilelement aus einer späteren Zeit: ihre gewaltige vordere Radaufhängung. Diese ist nichts anderes als eine Trapezgabel, wie sie vor dem Zweiten Weltkrieg an fast allen Motorrädern in Europa zu sehen war. Nur besteht sie in der Wraith aus zwei wuchtigen, aerodynamisch optimierten Kohlefaser-Holmen, CNC-gefrästen Hebeleien und einem modernen, voll einstellbaren Penske-Federbein mit Titanfeder.

Edelster Maschinenbau
Und genau die Verbindung von historischen Lösungen mit modernsten und teuersten Materialien sowie Verarbeitungsmethoden machen den Reiz der Wraith aus. Was nicht aus Kohlefaser oder Titan ist, wurde aus hochfesten Aluminiumlegierungen aus dem Vollen gefräst: vom gigantischen, aus mehreren Teilen verschraubten Rahmenunterteil, der den Motor komplett umschliesst und auch noch den Tank in sich aufnimmt, bis hin zu den zierlichen Schaltern an den Lenkerenden.

Als Motorenpartner wählte Confederate den Dragracing-Spezialisten Jims aus Cama-rillo/Kalifornien. Das mächtige 120-Kubikinch-Aggregat und das Getriebe wurden mit den gefrästen Deckeln von Confederate kombiniert. Und wenn es schon mit der Präsentation beim Halloween in New Orleans nicht geklappt hatte, brachte Confederate 2008 eine Wraith zur Rekordwoche nach Bonneville und verbesserte den Weltrekord für unverkleidete Töff mit Stossstangenmotoren bis 2000 Kubikzentimeter Hubraum auf 267,833 km/h.

Die Faszination des Exklusiven
Die fast schon mystische Vorgeschichte und das Wissen, ein über hunderttausend Franken teures Bike zu bewegen, treten beim Fahren bald in den Hintergrund. Die Urgewalt des Motors, kombiniert mit der typischen Sitzposition von sportlichen Naked-Bikes, lässt bald den Hinterreifen schwarze Striche ziehen. Alles ist unglaublich steif, martialisch hart und herzlich rustikal. Das schmale Motorrad erinnert stark an jene Zeit, als Töff noch stark mit Velos verwandt waren. Man glaubt gar nicht, wie handlich 2000 Kubik sein können.

Das kompromisslos Andere hat aber auch seinen Preis: All die Ecken und Kanten von den Hebeln und Schaltern bis zur Sitzbank machen sich am Körper bemerkbar. Auch muss man ständig Vorsicht walten lassen, um sich nicht das Bein am hinteren Krümmer zu verbrennen. Die gnadenlos harte Abstimmung der Gabel lässt auch etwas Feedback vermissen. Doch darüber denkt man nicht lange nach, findet man sich doch verzaubert auf einem der weltweit exklusivsten Bikes wieder, von dem es alles in allem nur 250 Stück geben wird.

 

Technische Daten

Hubraum: 1971 ccm
Leistung: 125 PS bei 4500/min
Gewicht: 177 kg trocken
Preis: ca. 112 000 Franken
Verkehrsabgabe: 60  bis 567 Fr./Jahr

Auf den Punkt gebracht
Urgewalt: Auf das Wesentliche reduziert strotzt die Wraith nur so vor Kraft.

+ Gewaltiger Motor
+ Aussergewöhnliche Details
+ Sehr gediegene Verarbeitung
+ Hoher Prestige- und Hinguck-Faktor

– Ergonomie mit Ecken und Kanten
– Gewöhnungsbedürftiges Fahrwerk
– Exorbitanter Preis

Es werde Licht: Aber auch dies anders – mit unterschiedlich hoch angebrachten Projektionsscheinwerfern. Es werde Licht: Aber auch dies anders – mit unterschiedlich hoch angebrachten Projektionsscheinwerfern. © Peter Guld
Sehr edel gemacht, aber wenig ergonomisch: Der voll einstellbare Bremshebel drückt an den Fingergelenken. Sehr edel gemacht, aber wenig ergonomisch: Der voll einstellbare Bremshebel drückt an den Fingergelenken. © Peter Guld
Die moderne Variante der Vorkriegszeit-Trapezgabel, bestehend aus Kohlefaser und mit hochwertigem, voll einstellbarem Federbein. Die moderne Variante der Vorkriegszeit-Trapezgabel, bestehend aus Kohlefaser und mit hochwertigem, voll einstellbarem Federbein. © Peter Guld