Die Ratio
Conti RoadAttack 2
Continental hat im Sport-Touring Segment einen neuen Gummi am Start. Wir sind den RoadtAttack 2 auf dem Contidrom, ein Testgelände nahe Hannover, gefahren.
Mit «Vernunft» lässt sich der lateinische Begriff Ratio am ehesten ins Deutsche übersetzen. In der Philosophie findet der Ausdruck Verwendung für «Klugheit» oder «Einsicht». Wieso dieser Fahrbericht mit einer Abhandlung über Vernunft beginnt? Nun, weil es irrational ist, sich für den Strasseneinsatz einen Rennreifen aufziehen zu lassen, der nach 1000 km das Zeitliche segnet, auch wenn ein Sporttouring-Reifen genügend Grip für die sportliche Kurvenhatz bieten würde. Wir wollen im Zusammenhang mit Töfffahren die Diskussion um Vernunft nicht überstrapazieren, aber was uns Conti auf dem werkseigenen Testgelände Contidrom aufgetischt hat, macht doch einen sehr vernünftigen Eindruck.
ContiRoadAttack 2 heisst der neue Gummi, der den Vorgänger RoadAttack ablöst. Was ist neu? Laut Mischungsentwickler Dr. Hajo Weinreich (siehe Interview) alles. Er spricht von einer «totalen Neuentwicklung». Besonders stolz ist man bei Conti auf den patentierten «Traction Skin»: Beim Einfahren eines Reifens ist wegen der glatten Lauffläche Vorsicht geboten. Der RoadAttack 2 verfügt nun schon ab Werk über eine raue Oberfläche. Wie diese zustande kommt, ist geheim. «Sandstrahlen der Negativform reicht nicht», meint Dr. Weinrich mit einem Augenzwinkern. Was die Mischung betrifft, setzt man auf die bewährte «Continuous Compound»-Strategie. Die Lauffläche ist also kontinuierlich mit nur einer Mischung belegt. Dass der Gummi an den Flanken weicher ist als in der Mitte, ist auf ein spezielles Vulkanisationsverfahren zurückzuführen, bei dem beim «Backen» des Reifens für die Mitte eine andere Temperatur gewählt wird als an den Flanken. Der Vorteil dieser Technologie soll im kontinuierlichen Übergang von hart zu weich liegen, was ein schöneres Verschleissbild bewirkt. Im Interesse eines gelungenen Verhältnisses aus Nass- und Trockengrip hat Conti den «Black Chili Compound» entwickelt. Dabei wurde versucht, den Silika-Anteil möglichst gering zu halten, damit der Reifen auch bei hohen Temperaturen nicht zu schmieren beginnt. Klingt alles toll, aber was fühlt man nun wirklich von den Neuerungen? Als Erstes steht der Trockengrip-Test auf dem Handling-Kurs auf dem Plan.
Und er hält doch...
«Jetzt hast du es übertrieben! Zu spät auf der Bremse!»,
schiesst es mir durch den Kopf, während ich die stark eingebremste Triumph
Daytona in die Kurve reinzwinge. Und es klappt! Man würde kaum glauben, dass
dieser Reifen im Segment «Sport-Touring» anzusiedeln ist. Was mit diesem Gummi
drinliegt, übertrifft meine Erwartungen deutlich. Eine Stunde lang jagen wir
die Testmotorräder über die kleine Rennstrecke. Die beliebtesten Töff sind
ununterbrochen draussen – die Reifen geben nicht nach. Allerdings ist es an
besagtem Morgen erfrischend kühl; wie sich der RoadAttack 2 im Sommer bei
höheren Temperaturen schlägt, wird sich zeigen, denn Conti hat unserem
Dauertester Honda VFR 1200 F, mit dem wir angereist sind, kurzerhand einen Satz
des neuen Gummis aufgezogen. Ebenfalls gespannt sind wir auf die Laufleistung.
Das dem Reifen gewollt «eingebaute» Übersteuern sorgt auch im Grenzbereich für ein sicheres Fahrgefühl. Denn der Vorderreifen bietet mehr Grip als der hintere. Dieses Konzept verfolgen praktisch alle Reifenhersteller. Beim RoadAttack 2 tritt es allerdings sehr deutlich zutage: Der mit einem grosszügigen Grenzbereich gesegnete Hinterreifen kündigt – einmal rutschend und bei weiterhin vorhandenen Gripreserven am Vorderrad – sanft das Limit an. Auch die Dynamik scheint gelungen: Der Vorderreifen hat eine eher spitze Kontur für gutes Handling. Das Hinterrad ist verantwortlich für die Schräglagenstabilität. Der RoadAttack 2 gibt sich weder kippelig noch schwerfällig.
Für den Strasseneinsatz eine gute Wahl
Im
mathematischen Kontext steht Ratio für «Verhältnis». Und wieder bringt dieses
Wörtchen den Sachverhalt auf den Punkt: Das Verhältnis zwischen Trocken-, Kalt-
und Nassgrip sowie Laufleistung überzeugt. Wer sich also einen Reifen mit
ausgewogen guter Performance wünscht und nicht alle zwei Wochen beim
Reifenhändler anklopfen will, für den ist der RoadAttack 2 ein gute Wahl.
| Interview mit Mischungsentwickler Dr. Hajo Weinreich
Im Rahmen der Präsentation des Conti-RoadAttack 2 hatten wir die Möglichkeit, dem Mischungsentwickler aus dem F&E-Departement von Continental, Dr. Hajo Weinreich, die eine oder andere Frage zu stellen. Herr Dr. Weinreich, wie lange bleibt heute ein Reifen im
Markt und wovon hängt es ab? Die Marketingabteilung ermittelt Kundenbedürfnisse. Wie
kommt es anschliessend zu einem neuen Reifen? Welche technische Relevanz hat das Profil, und wie viel ist
Marketing? Wie wird ein Reifen entsorgt? |



