Die Ratio

Conti RoadAttack 2

Von David Basler
19.06.2010 09:54:41
  

Continental hat im Sport-Touring Segment einen neuen Gummi am Start. Wir sind den RoadtAttack 2 auf dem Contidrom, ein Testgelände nahe Hannover, gefahren.

Mit «Vernunft» lässt sich der lateinische Begriff Ratio am ehesten ins Deutsche übersetzen. In der Philosophie findet der Ausdruck Verwendung für «Klugheit» oder «Einsicht». Wieso dieser Fahrbericht mit einer Abhandlung über Vernunft beginnt? Nun, weil es irrational ist, sich für den Strasseneinsatz einen Rennreifen aufziehen zu lassen, der nach 1000 km das Zeitliche segnet, auch wenn ein Sporttouring-Reifen genügend Grip für die sportliche Kurvenhatz bieten würde. Wir wollen im Zusammenhang mit Töfffahren die Diskussion um Vernunft nicht überstrapazieren, aber was uns Conti auf dem werkseigenen Testgelände Contidrom aufgetischt hat, macht doch einen sehr vernünftigen Eindruck.

ContiRoadAttack 2 heisst der neue Gummi, der den Vorgänger RoadAttack ablöst. Was ist neu? Laut Mischungsentwickler Dr. Hajo Weinreich (siehe Interview) alles. Er spricht von einer «totalen Neuentwicklung». Besonders stolz ist man bei Conti auf den patentierten «Traction Skin»: Beim Einfahren eines Reifens ist wegen der glatten Lauffläche Vorsicht geboten. Der RoadAttack 2 verfügt nun schon ab Werk über eine raue Oberfläche. Wie diese zustande kommt, ist geheim. «Sandstrahlen der Negativform reicht nicht», meint Dr. Weinrich mit einem Augenzwinkern. Was die Mischung betrifft, setzt man auf die bewährte «Continuous Compound»-Strategie. Die Lauffläche ist also kontinuierlich mit nur einer Mischung belegt. Dass der Gummi an den Flanken weicher ist als in der Mitte, ist auf ein spezielles Vulkanisationsverfahren zurückzuführen, bei dem beim «Backen» des Reifens für die Mitte eine andere Temperatur gewählt wird als an den Flanken. Der Vorteil dieser Technologie soll im kontinuierlichen Übergang von hart zu weich liegen, was ein schöneres Verschleissbild bewirkt. Im Interesse eines gelungenen Verhältnisses aus Nass- und Trockengrip hat Conti den «Black Chili Compound» entwickelt. Dabei wurde versucht, den Silika-Anteil möglichst gering zu halten, damit der Reifen auch bei hohen Temperaturen nicht zu schmieren beginnt. Klingt alles toll, aber was fühlt man nun wirklich von den Neuerungen? Als Erstes steht der Trockengrip-Test auf dem Handling-Kurs auf dem Plan.

Und er hält doch...
«Jetzt hast du es übertrieben! Zu spät auf der Bremse!», schiesst es mir durch den Kopf, während ich die stark eingebremste Triumph Daytona in die Kurve reinzwinge. Und es klappt! Man würde kaum glauben, dass dieser Reifen im Segment «Sport-Touring» anzusiedeln ist. Was mit diesem Gummi drinliegt, übertrifft meine Erwartungen deutlich. Eine Stunde lang jagen wir die Testmotorräder über die kleine Rennstrecke. Die beliebtesten Töff sind ununterbrochen draussen – die Reifen geben nicht nach. Allerdings ist es an besagtem Morgen erfrischend kühl; wie sich der RoadAttack 2 im Sommer bei höheren Temperaturen schlägt, wird sich zeigen, denn Conti hat unserem Dauertester Honda VFR 1200 F, mit dem wir angereist sind, kurzerhand einen Satz des neuen Gummis aufgezogen. Ebenfalls gespannt sind wir auf die Laufleistung.

Das dem Reifen gewollt «eingebaute» Übersteuern sorgt auch im Grenzbereich für ein sicheres Fahrgefühl. Denn der Vorderreifen bietet mehr Grip als der hintere. Dieses Konzept verfolgen praktisch alle Reifenhersteller. Beim RoadAttack 2 tritt es allerdings sehr deutlich zutage: Der mit einem grosszügigen Grenzbereich gesegnete Hinterreifen kündigt – einmal rutschend und bei weiterhin vorhandenen Gripreserven am Vorderrad – sanft das Limit an. Auch die Dynamik scheint gelungen: Der Vorderreifen hat eine eher spitze Kontur für gutes Handling. Das Hinterrad ist verantwortlich für die Schräglagenstabilität. Der RoadAttack 2 gibt sich weder kippelig noch schwerfällig.

Für den Strasseneinsatz eine gute Wahl
Im mathematischen Kontext steht Ratio für «Verhältnis». Und wieder bringt dieses Wörtchen den Sachverhalt auf den Punkt: Das Verhältnis zwischen Trocken-, Kalt- und Nassgrip sowie Laufleistung überzeugt. Wer sich also einen Reifen mit ausgewogen guter Performance wünscht und nicht alle zwei Wochen beim Reifenhändler anklopfen will, für den ist der RoadAttack 2 ein gute Wahl.

 

 

Interview mit Mischungsentwickler Dr. Hajo Weinreich

Im Rahmen der Präsentation des Conti-RoadAttack 2 hatten wir die Möglichkeit, dem Mischungsentwickler aus dem F&E-Departement von Continental, Dr. Hajo Weinreich, die eine oder andere Frage zu stellen.

Herr Dr. Weinreich, wie lange bleibt heute ein Reifen im Markt und wovon hängt es ab?
Der RoadAttack1 war nun fünf Jahre am Markt. Obwohl die Verkaufszahlen immer noch gut waren, mussten wir nachziehen, weil die Konkurrenz neue Produkte brachte. Der Wettbewerb verkürzt die Lebenszyklen. Beim RoadAttack 2 gehen wir deshalb von einer kürzeren Lebenszeit am Markt aus. Den Rhythmus von Lebenszyklen gilt es einzuhalten, der RoadAttack 3 steht schon heute auf dem Zeitplan.

Die Marketingabteilung ermittelt Kundenbedürfnisse. Wie kommt es anschliessend zu einem neuen Reifen?
Normalerweise hat man ein altes Produkt im Markt. Dann sinken die Verkaufszahlen, es werden Verbesserungen von den Endkunden gewünscht, oder ein Konkurrent bringt eine Neuerung. Dann gibt es grundsätzlich zwei mögliche Wege, einen neuen Reifen zu entwickeln. Der erste und meistens einfachere Weg: Man greift auf ein bestehendes Produkt zurück und verbessert dieses dort, wo es der Markt verlangt. Der zweite und steinigere Weg ist der Neuanfang auf dem weissen Blatt Papier. Und genau so ist der RoadAttack 2 entstanden.

Welche technische Relevanz hat das Profil, und wie viel ist Marketing?
Beides hat da einen Einfluss. Beim ContiRoad-Attack 2 hat z. B. das Marketing verlangt, dass der Gesamtauftritt des Reifens gleich bleibt, obwohl es technisch bessere Lösungen gegeben hätte. Diese Abweichungen vom «optimalen Profil» sind jedoch so gering, dass sie nur Profis spüren. Dennoch gilt es immer Kompromisse einzugehen. Wie z. B. der profillose Streifen in der Mitte des RoadAttack 2: Das war eine technische Spezifikation, die aufgrund der geforderten Laufleistung eingeführt wurde. Nun war es die Aufgabe, das Profil entsprechend anzupassen, ohne den Look zu verändern.

Wie wird ein Reifen entsorgt?
Der Trend geht auch im Reifenmarkt in Richtung Recycling. Immer mehr soll wieder verwendet werden. Heute werden alte Reifen verbrannt. Dabei gewinnt man aus der Abwärme einen grossen Teil der in die Reifen gesteckten Energie zurück. Die geschmolzenen Stahlanteile eines Reifens können vollumfänglich rezykliert werden. Für die Wiederverwendung des Restgummis können verschiedene alte Mischungen zu einem Gummimehl verarbeitet werden. Dieses kann bei Autoreifen im Rahmen des Herstellungsprozesses in einer gewissen Konzentration beigemischt werden, ohne dass die Performance des Reifens negativ beeinflusst wird. Bei Motorradreifen kommt dieses Verfahren allerdings nicht zum Einsatz, weil hier die Anforderungen zu hoch sind. 

Rau: Patentierter «Traction Skin». Rau: Patentierter «Traction Skin». © Continental
Contidrom: Testgelände nahe Hannover. Contidrom: Testgelände nahe Hannover. © Continental
Nassgrip: Okay, aber auf dem extrem glitschigen Nasskurs schwer eruierbar. Nassgrip: Okay, aber auf dem extrem glitschigen Nasskurs schwer eruierbar. © Continental