KTM 990 SMT / 990 SMR
Dr. Jekyll & Mr. Hyde
Nicht selten manifestieren sich bei Normalfahrern Berührungsängste, wenn sie im KTM-Showroom stehen. Kein Wunder, betonen doch gerade die Orangen mit Nachdruck – und der Slogan «Ready to race» bringt es auf den Punkt –, dass alle ihre Fahrzeuge mit einer gehörigen Portion Rennsport-Genen ausgestattet sind.
Tatsächlich sind sämtliche Fabrikate des Herstellers aus Mattighofen mindestens auf der intensiven Seite der Skala einzuordnen, wo sich jene Fahrzeuge ballen, die eine bestimmte Disziplin überdurchschnittlich gut beherrschen. Die Kehrseite der Medaille ist dann sehr oft ein begrenztes Einsatzspektrum.
KTM-Fahrer als leidende Puristen? Diese
Zeiten sind vorbei!
So kam es (wohl ohne dass KTM dies
beabsichtigte), dass zunächst die 950 Supermoto und ab 2008 das
990er-Update mit Einspritzung nicht nur von Insidern als das
KTM-Modell mit dem auf Asphalt besten Kompromiss aus
Alltagstauglichkeit und Sportlichkeit gehandelt wurde. An ihr knüpft
KTM nun an und bringt ab März 2009 die 990 SMT, wobei T für
Travel steht.
KTM verspricht mannigfaltige Reisequalitäten. So wollen wir zunächst die Sitzposition der SMT unter die Lupe nehmen. Schon nach der ersten Sitzprobe wird klar, dass sich auf der breiten und weich gepolsterten gestuften Sitzbank tagelang ohne jegliche Ermüdungserscheinungen am Hinterteil die Welt erkunden lässt.
Wieso das Rad neu erfinden?
Beim Motor handelt
es sich bei der SMT wie bei der SMR um einen alten Bekannten: Um den
in der 990 SM sein Werk verrichtenden, 58 Kilo leichten 75-Grad-V2
mit exakt 999 ccm Hubraum. Wie bei der SM
drückt das Aggregat 115 PS (bei 9000/min) und ein bäriges
Drehmoment von 97 Nm (bei 7000/min) ab. 115 PS, die sich in jeder
Lebenslage sehr gut kontrollieren und dosieren lassen.
Spagat geglückt …
Zur Erinnerung: Die
SMT soll Supermoto-Fahrspass bieten und zugleich mit ausgeprägten
Touring-Qualitäten aufwarten. Ein gewagter Spagat, der bis heute
keinem Hersteller wirklich vollumfänglich gelungen ist. Denn im
Grunde handelt es sich um zwei gegensätzliche
Zwecke, welche die Österreicher jetzt allerdings erstmals
gekonnt unter einen Hut gebracht haben.
Gegenüber der SM wurden die Federwege vorn um 40 mm und hinten um 30 mm gekappt. Da dürften sich bei manchem Jurasträsschenheizer Sorgenfalten breit machen. Doch keine Sorge: WP-Gabel und -Federbein – jeweils voll einstellbar und in der Standard-Abstimmung verhältnismässig soft abgestimmt – arbeiten auf 160 respektive 180 mm Federweg derart geschmeidig und mit grossen Reserven, dass es sich selbst über böse Asphaltunebenheiten mit fortgeschrittenem Tempo Allegro mit Freuden wetzen lässt. Bei harten Beschleunigungsmanövern taucht das Heck doch spürbar ab, aber selbst dann lässt sich die Hinterhand zu keinerlei Kapriolen hinreissen – die SMT bleibt stets zuverlässig auf Kurs.
Die Bremsen sind vorne wie hinten ein wahres Gedicht: Klarer, aber nicht zu aggressiver Druckpunkt bei mächtigen Verzögerungswerten und einer Dosierbarkeit, die kaum zu überbieten ist. Schade und für ein Modell in diesem Segment eigentlich unbegreiflich, dass es für die SMT (aus Kostengründen) zumindest vorerst kein ABS geben wird.
Fazit: Mit der SMT (Fr. 18 980.–) hat KTM mutig neues Terrain betreten und einen Töff gebaut, der keine nennenswerten Schwächen aufweist und in nahezu jeder Hinsicht überzeugt.
Rasierklinge 990 SMR
Während die
Orangen bei der SMT klar neue Wege eingeschlagen haben, sich aber
dennoch treu geblieben sind, handelt es sich bei der SMR (Fr.
19 880.–) um einen Renner nach
bewährtem KTM-Strickmuster. Wie bereits erwähnt ist der
Motor baugleich mit jenem aus der SM und der SMT. Dasselbe gilt mit
Ausnahme weniger Kleinteile auch für den Rahmen.
Der Unterschied zur SM liegt in den Fahrwerkselementen, bei den Alu-Schmiederädern, den Brembo-Monobloc-Zangen vorn, der leicht angepassten Geometrie, dem kleineren 15-Liter-Tank mit komplett neuem Layout und der um 20 mm angehobenen Sitzhöhe.
Schwing das Ding!
Bei hohen Tempi gibt sich die SMR ausgesprochen handlich, liegt dann aber auch jenseits von 150 km/h beruhigend stabil im Eck. Das Feedback vom Vorder- wie vom Hinterrad ist dabei allererste Sahne – man spürt immerzu, welche Kräfte das Bike unter einem gerade verarbeitet. Ein echtes Präzisionsinstrument mit ausgesprochen leichtem Handling und messerscharfer Zielgenauigkeit.
Den ausführlichen Bericht zu den beiden KTM-Modellen lest Ihr im TÖFF 04 / 2009.