Harley-Davidson
Electra Glide Classic
Die Rückreise von Harleys European Bike Week in Kärnten zieht sich über stolze 650 Kilometer. Welches Bike passt da besser als die neue Electra Glide Classic?
Die Harley-Davidson Electra Glide Classic ist der Inbegriff des amerikanischen Langstreckendampfers. Und sie wird seit 2006 wieder in der Schweiz angeboten. Ein flüchtiger Blick genügt, um das Konzept zu verstehen: ein grosses Sofa auf Rädern. Mobilisiert wird es durch einen schaltarm fahrbaren, also momentstarken Motor, windgeschützt von einer stilechten und an der Gabel montierten Bat-Wing-Halbschale.
Die neuste E-Glide zeichnet sich aus durch einen verwindungssteiferen Rahmen, den hubraumerweiterten und schwingungsentkoppelt verbauten Twin-Cam-Block mit 103 Cubic Inch (1690 ccm), das luftunterstütze Dämpfungssystem und die Audioanlage von Harman/Kardon. Der 22,7 Liter bunkernde Tank sorgt für eine überschaubare Anzahl Zwangsstopps. Das sind beste Voraussetzungen für eine genussvolle Reise. Nach dem Beladen des erstaunlich voluminösen Koffer-arrangements schwingen wir uns auf und streifen schon mal mit dem Stiefel die Soziusarmlehnen. Beim Aufrichten des Trumms machen sich die rund 400 kg Leergewicht plus Benzin, Gepäck und Fahrer deutlich bemerkbar. Das Schlosssystem ist Harley-typisch unorthodox: Der kleine Schlüssel schliesst einen verchromten Knubbel auf. Diesen dreht man auf «Ignition». Der lose Schlüssel kommt anschliessend irgendwohin, wo er hoffentlich nicht verloren geht. Jetzt geht es los: Kupplung ziehen, Starter drücken und sich über das wundern, was nun geschieht. Das Schiff macht nämlich einen Satz nach vorne, denn die Kupplung trennt, wenn sie kalt ist, auch voll durchgezogen nicht ganz. So drängt sich der Verdacht auf, der Name «Electra Glide» könnte daher rühren, dass sie die ersten Meter elektrisch fährt. Beim eher unsicheren Wenden auf dem Parkplatz fühlt man sich in die Zeit als Fahrschüler zurückversetzt. Das enorme Gewicht, der breite Lenker und die üppigen Dosierwege der Hebel vermitteln Trucker-Feeling. Das wiederum lässt eine gewisse Fernfahrer-Romantik aufkommen, die angesichts der anstehenden Fernfahrt irgendwie gut passt.
Wenn sie erst einmal fährt…
Ist die E-Glide am Gleiten, erstaunt das überraschend majestätische
Verhalten der Maschine. Sie scheint sich durch ihre Grösse eine eigene
Dimension in Raum und Zeit zu verschaffen. So, wie die Fliege die auf sie
zuschnellende Hand in Zeitlupe erlebt, scheint diese Riesen-Harley die Physik
zu entschleunigen. Sie sinkt gemächlich in Schräglage und wippt mit damenhafter
Grazie über Flicken und Gullydeckel. Ein besonderes Vergnügen ist es, die
Drehzahl bis in die Nähe der Tausendermarke absinken zu lassen, dann eine Weile
lautlos einherzurollen, um danach knatternd an staunenden Passanten
vorbeizuziehen. Yeah, that’s very American! Unterwegs auf der Autobahn
flankiert die Ankogelgruppe die Szenerie. Die Sonne heizt bereits und sorgt für
ein mildes Fahrtlüftchen, das an meinen Jeans entlangstreicht − ein Beinschutz
ist nicht vorhanden. Die Temperatur liegt um 70 Grad Fahrenheit, will das
stilvolle Rundinstrument wissen. Da der Tag noch jung ist, lassen wir die
Rechnerei und stellen stattdessen den Tempomat auf gemütliche 120. Der erste
Tunnel lässt begreifen, was der Pressetext mit «aktivem» Auspuffsystem meinte:
Ausserhalb der für die Lärmmessung relevanten Betriebszustände schert sich das
1,7-Liter-Aggregat wenig um Vorschriften und bollert vehement. Das hört sich
für die Insassen der Familienkutschen etwa so an, als würde ein riesiges Pferd
durch das Dunkel des Tunnels von hinten auf sie zugaloppieren. Neben dem
lokomotivartigen Scheinwerfer-Arrangement ist das wohl mit ein Grund, weshalb
die linke Spur jeweils erstaunlich willig geräumt wird. Etwas irritierend – besonders
nach einer kurzen Nacht – sind die vom verchromten Tankdeckel von innen auf die
Windschutzscheibe projizierten Tunnelleuchten. Sie erzeugen ein oszillierendes
Kaleidoskop, in das man besser nicht zu lange hineinguckt. Der erste Tankstopp
steht an. Unter dem besagten Deckel befindet sich ein Plastikpfropfen, der
während des Tankens irgendwo herumliegt. Der Aufenthalt dauert länger als
geplant. Nicht, weil der Tank so gross ist, sondern weil jeder herkommen muss,
um irgendwelche Fragen zu stellen. «Wow, das ist eine Electra Glide?» –
«Genau.» – «Was kostet die?» – «Keine Ahnung.» – «Was, ist das nicht Ihre
Maschine?» – «Nö (Blick auf die Uhr).» – «Warum fahren Sie denn damit?» …
Viele, viele Kilometer
Endlich geht die Fahrt weiter. Salzburg ist noch immer in
weiter Ferne. Darum steht der Tempomat jetzt auf 140. Die Maschine wirkt nicht
mehr so ganz relaxt. Das lässige Blubbern ist einem «Bohren» gewichen, der Wind
zerrt an den Hosenbeinen, und Turbulenzen zupfen manchmal am Helm. Das alles
bewegt sich in erträglichem Rahmen und wird durch das befriedigende Gefühl
entschädigt, dem Ziel nun schneller näher zu kommen. Langgezogene
Autobahnkurven entwickeln sich zu einem ungewohnten Spektakel, wenn man sie
hinter dem breiten Lenker einer Fulldresser-Harley durchpflügt. So erwacht
Fahrfreude und mit ihr ein gewisser Forschungsdrang. Also Gasgriff zum
Anschlag, die Nadel klettert. Zwei Gründe stoppen das Experiment aber bald.
Erstens: das bei diesen Tempi aufkommende Lenkerpendeln in langen Kurven. Wir
wollen nicht herausfinden, wie dies endet … Und zweitens: die zahlreichen
Installationen entlang der Ösi-Autobahn, bei denen Automobilisten mit lokalem
Kennzeichen jeweils vom Gas gehen.
Nach ungefähr drei Stunden stellt sich erstmals der Koller ein. Die Hälfte der Distanz liegt noch vor uns, und alle Gedanken, die einem auf Tour so durch den Kopf gehen können, sind bereits durchgedacht. Auf einem Naked-Bike oder Sportler beginnt jetzt das Windgeräusch zu stören, der Hintern schmerzt, und es zwickt in den Knien. Das ist der Unterschied zur Mamma Electra: Noch immer fühlt man sich, als sei man gerade losgefahren. Infolge der permanenten Unterforderung stellt sich der Zustand geistiger Umnachtung ein. Dieser offenbart sich beispielsweise im Summen von schlechten Liedern. Dagegen empfiehlt sich das Radio, das die innere Verblödung durch eine äussere ersetzt. Findet man eine Station ohne Dauergequatsche oder Céline-Dion-Gesäusel, geniesst man das erstaunlich klare Klangbild der Musikanlage. So lange, bis wir die deutsche Grenze passieren.
Danke, Deutschland!
Wenn man einer ist, der nicht einsieht, warum er langsamer
fahren soll, als es erlaubt ist, dann ist es hier vorbei mit dem Getucker.
Richtung Rosenheim markiert die E-Glide deshalb den Express-Liner. Ab 150 Tacho
ist von der Musik nichts mehr zu hören, und die Windschutzscheibe füllt sich
mit zerplatzen Insekten. Der Motor brummt angestrengt, schiebt aber willig bis
zu Geschwindigkeiten, die wir wegen unseres ausgeprägten
Verantwortungsbewusstseins hier nicht wiedergeben. Diese liegen aber durchaus
drin, solange man sie vor (!) den Kurven reduziert. Die nicht besonders
ausgeprägte Highspeed-Stabilität ist wohl auf die sanfte Dämpfung und die nicht
für diese Tempi konzipierte Aerodynamik zurückzuführen … Schauen Sie sich einmal die Front
an: Dinge, die möglichst glatt durch die Luft schneiden, sehen anders aus.
Der nächste Tankstopp kündigt sich an, und wir steuern eine einsame Ecke an, da wir für heute genug neue Freunde gefunden haben. Erstaunlich: Noch immer fühlt sich das Sitzfleisch frisch an, und der Wunsch nach einer Massage ist nicht akut. Richtung Innsbruck und damit wieder in Österreich reduzieren wir die Pace. Kurz vor dem Vorarlberg-Tunnel lockt der Gedanke an die Silvretta-Hochalpenstrasse. Also wählen wir die Route über Ischgl und zahlen lieber Maut für eine der schönsten Passstrassen überhaupt, statt für eine Tunneldurchfahrt abgezockt zu werden. Herrlich: Was kann man sich Genüsslicheres vorstellen, als sich an einem Spätsommerabend durch die hochalpine Landschaft zu schwingen, kommod in Ledergestühl gelullt und der kristallklaren Musik lauschend. Die Passhöhe entspricht dann ironischerweise auch dem Höhepunkt der Gefühle, denn talwärts wartet der natürliche Feind der Electra: die Haarnadelkurve, und zwar in reicher Zahl und in jeder erdenklichen Ausführung.
No King of the Hairpin
Bergab bremsend macht sich die Korpulenz der Fuhre
dramatisch bemerkbar. Bremswege schwellen und Reifen pfeifen. Die Linie hat
sorgfältig gewählt zu sein, denn Korrekturen sind nicht eben das Ding dieser
Harley. Das Helmvisier beschlägt und zeigt: Das ist keine Entspannung, sondern
ein Knochenjob. Nun wird klar, warum Harley-Fahrer so selten grüssen, wenn man
an ihnen vorbeifliegt: Sie haben nämlich alle Hände voll zu tun. Doch gerade
jetzt brilliert das neue 103er-Herz der 2011er-E-Glide: Es besitzt ein für
Harley-Verhältnisse neuartig breites nutzbares Drehzahl-spektrum, schiebt ab
1000 Umdrehungen ohne Sperenzchen bis zum Begrenzer bei 5000, sodass man auch
im kurvigen Gelände selten schalten muss. Denn herunterschalten müssen, das ist
für den Harley-Fahrer erniedrigend. Es bedeutet, dass der Motor zu wenig Kraft
besitzt. Und das ist bei den 134 Nm glücklicherweise selten der Fall. Langsam
dämmert die Erkenntnis, dass ein Harley-Veteran diese E-Glide wohl als
«spielerisch zu fahren» und mich als Theresli einschätzen würde. Nach dem
Rheintal verdüstert sich der Himmel, und beim Walensee platschen die ersten
fetten Tropfen auf die Lexan-Scheibe. Also doch noch! Und so mimen wir auf der
restlichen Fahrt den Spinner in gelber Regenkombi auf der Riesen-Harley und
entdecken dabei die Schwächen des Konzepts, das in Kalifornien besser
funktioniert als im launischen Schweizer Sommer. So empfiehlt es sich zu
berücksichtigen, dass die nassen Bremsen immer ein paar Meter zum Trocknen
benötigen, bevor sie ihrer Pflicht nachkommen. und der Blick durch zwei nasse
Scheiben – Visier und Windschutzscheibe – hilft nicht eben der spurtreuen
Fahrweise. Da die Scheibe nicht verstellbar, dafür aber innen und aussen nass
und beschlagen ist, fahren wir im Stehen weiter.
Wellness auf Rädern
Trotz des suboptimalen Endes
dieser Reise überwiegt ein positives Gefühl. Noch nie hat sich der Schreibende
nach einem ganzen Tag auf Achse so frisch gefühlt. Die anfängliche Skepsis
angesichts des weichen Polsters ist verflogen. Es gibt zwar nicht viele Dinge,
die besser weich statt hart sind, doch dieser Sattel zählt definitiv dazu. Aber
noch wichtiger für die Langstreckentauglichkeit ist die wohl ergonomischste
Sitzposition, die sich überhaupt bei einem Töff finden lässt. Denn sind die
Beine gestreckt, so freut sich der Mensch. Die E-Glide ist damit die Königin
der Langstrecke. Solange es nicht regnet.
| Technische Daten Hubraum: 1690 ccm Leistung: 84 PS bei 5010/min Gewicht: 400 kg trocken Preis: ab 32 700 Franken Verkehrsabgabe: 60 bis 396 Fr./Jahr Motor: Luftgekühlter 45-Grad-V2-Viertakter, OHV, Stossstangen, 2 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 98,4 × 111,1 mm, Verdichtung 9,6. Elektr. Einspritzung/Zündung, Ride-By-Wire, Saugrohr-Æ 46 mm. Nasskupplung, 6 Gänge, Endantrieb über Zahnriemen. 84 PS bei 5010/min, 134 Nm bei 3500/min Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahl, 41-mm-Telegabel, Stahlrohrschwinge, Zentralfederbein, luftunterstützt. Federwege 117/76 mm, vorne Doppelscheibenbremse D 300 mm, Vierkolbenzangen, hinten Scheiben-bremse D 300 mm, Vierkolbenzange, ABS; Leichtmetall-Gussräder, Bereifung 130/80-17 und 180/65-16 Abmessungen Auf den Punkt gebracht + Sahne-Motor,
den man auch hört – Im
Regen: Mattscheibe |







