Kawasaki VN 1700

Gleitmittel

Von Simon Haltiner
27.07.2009 16:18:08
Kawasaki VN 1700 Voyager: Manchmal braucht es den geeigneten Moment, damit man die Essenz einer Philosopie erkennt.

Das gilt auch für unser geliebtes Hobby. So besitzt jede Form des Motorradfahrens einen eigenen Spirit, der sich mit platten Worten nur unzulänglich umschreiben lässt. Cruiser: Route 66 runtertuckern und den Cowboy markieren. Ist nicht mein Ding. Für mich sind Kurven das Salz in der Suppe und der Töff Mittel zum Zweck. Möglichst flink hat er zu sein.

Das Rencontre
Entsprechend kritisch beäuge ich die monumentale Erscheinung namens Kawasaki VN 1700 Voyager. Ein ausgewachsener V-Twin-Fulldresser, ein Tourendampfer nach amerikanischem Vorbild mit Panoramascheibe, Wohnwand im Heck und Scheinwerfer-Christbaum im aufragenden Bug. Das über vier Zentner wiegende Dickschiff erinnert mich mehr an ein Wohnmobil denn an eine Fahrmaschine. Vom Chefsessel blickt man in eine weitläufige Chromlandschaft und unter der Windschutzscheibe informieren ein Multifunktionsdisplay flankiert von einer Uhren-Armada über alles Mögliche. Eine Etage tiefer befindet sich ein iPod-taugliches Radio im Vintagelook. Hochwertig wirken Details, wie das aufwändig gestaltete Zündschloss. Die Designer verstanden die Formensprache der Fünfziger auf ein modernes Motorrad anzuwenden, ohne sich in kitschigen Schnörkeln zu verlieren.

Getreu ihrem Naturell als Neoklassiker trägt die Voyager ihr langhubiges Zwillingsherz stolz zur Schau. Es kommt mit dumpfem, aber dezentem Klang in Wallung und schlägt im Stand entspannt vor sich hin. Nachdem ich den Trumm mit meinem vor Anstrengung zitternden Bein vom Ständer gewuchtet und mit einem voluminösen «klack» aus der Schaltkiste den Ersten reingetreten habe, wage ich die ersten Meter. Sobald Wind die Segel füllt, verschwindet die Trägheit, und die VN fährt sich wie jedes Bike, wie erwartet sehr stabil und mit stoischem Geradeauslauf. Orientierungswechsel fordern etwas Nachdruck und erfolgen dafür mit majestätischer Behäbigkeit. Man fühlt sich wie in einer Flying Fortress, die im Landeanflug die äussere Tragfläche anhebt und langsam Richtung Piste eindreht.

Das Zerwürfnis...

Die Morgensonne weckt die malerische Gegend um Montpellier. Die engen Gässchen der Dörfer sind noch spärlich bevölkert. Bröcklig verputzte Fassaden reflektieren das bassige Gepolter. Die Voyager zieht die Blicke auf sich. Der Fahrer eines angegammelten Renault Express verzichtet auf seinen Vortritt, um die langgestreckte Eleganz an sich vorbeiziehen zu lassen. Statt sich wie ein Rudel brandschatzender Barbaren vorzukommen, was manchmal der Fall ist, wenn man auf laut fauchenden Supersportlern durch die Käffer räubert, erntet man mit dem Cruiser Respekt statt Furcht. Denn man strahlt eine majestätische Ruhe aus und entsprechend fühlt und verhält man sich. Über Tempoberuhigungsschwellen, welche die VN mit sanftem Einfedern unbeeindruckt wegsteckt, führt die Route aus Murviel-Les-Béziers hinaus in die Rebhaine der Region Languedoc-Roussillon, und traumhafte Kurvenstrecken offenbaren sich. Das Vorhandensein der Windschutzscheibe ist gewöhnungsbedürftig. Sie dreht sich im Gesichtsfeld in Schräglage mit, was mich etwas seekrank macht. Zu Beginn lustig, aber danach nervig ist das frühe Aufsetzen der Floorboards. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, erschrickt spätestens bei der nächsten Bodenwelle, wenn der halbe Unterbau der VN mit lautem «klonk» aufsetzt. Der Motor muss wider seines Charakters mit viel Gas und Drehzahl bemüht werden, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Überholen erfordert Planung und Arbeit mit der Schaltung, die lautstark, aber tadellos kooperiert. Die VN teilt ihrem Piloten schnell mit, wenn er den von ihr bevorzugten Tempobereich überschreitet. Sie verliert ihre Zurückhaltung, röhrt heiser und sackt beim Beschleunigen ein. Sie schwankt über Bodenwellen, taumelt durch Kurven und setzt ständig mit irgendetwas auf, wodurch einem der Strich vereitelt wird. Und sie offenbart mit langem Bremsweg ihre Pfunde. Das von mir ersehnte Tempo kann sie nicht halten, und das ihr eigene ist mir zu lahm. Die üppige Lady und ich, wir finden uns nicht.

...und die Versöhnung

Nach der Mittagspause in Minerve dreht das Wetter. Wind kommt auf, und der Horizont verdüstert sich. Obschon Wetterschutz und ausgezeichnete ABS-Kombibremse problemlose Regenfahrten versprechen, entscheide ich mich für den Weg zurück in Richtung Montpellier und treffe auf Strassen napoleonischer Herkunft. Kilometerlange Geraden, die auf dem Navi als Linien dargestellt werden. Ideal für Highspeedfans ohne Angst vor dem Damoklesschwert des Gesetzes, doch ansonsten fahrtechnisches Ödland.

Hier fügt man sich, fährt mit Standgas im letzten Gang, den Kopf gelangweilt mit dem Arm auf dem Tank seiner Strassenmaschine abgestützt, lässt die Beine baumeln und brummelt unkonzentriert und gelangweilt durch die Lande, zusammen mit den anderen Tagträumern und Nasenbohrern. So meine Erfahrung. Doch mit der VN ist alles anders: Plötzlich fällt mir auf, wie entspannt ich sitze. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, im Sitz müssten raffinierte Ingenieure eine zusätzliche Feder eingebaut haben. Dermassen wohlig wippt mein Allerwerterster über Unebenheiten, die eine Strassenmaschine mit ungefilterter Härte als Tritt in den Schritt weiterreichen täte.

Überhaupt ist jeder Aspekt der Maschine kultiviert. Die zarte Gasannahme, die perfekte Sitzposition, der dezente und dennoch stattliche Sound. Zeit für Kultur: Nach langem Suchen finde ich einen französischen Sender ohne Dauergelaber. Ein Streichorchester erhält meine Gunst und begleitet nun den dumpfen Zweizylinderrhythmus. Herrlich! Baumwipfel der Alleen laufen als Scherenschnitte über die verchromte Tanklandschaft, der Motor werkelt entspannt vor sich hin. Angenehm kraulende Vibrationen sind nur unter Last zu spüren, und dies nur an den Knien. Nicht zu vergleichen mit dem fiesen Vierzylinderkribbeln an den Fingern. Mittlerweile bin ich so faul, dass ich mit meinem Zeh den Schalthebel nicht mehr lupfen mag, sondern mit der Ferse den Overdrive lässig über die Wippe reintrete. Klack! Mit frommen 90 cruise ich durch die Lande und stelle zum ersten Mal erstaunt fest: Schneller möchte ich gar nicht sein!

Es ist ja nicht so, dass ich nicht vorgängig gewusst hätte, dass dieses Motorrad für diesen Einsatzzweck konzipiert wurde. Doch um das wirklich zu begreifen, muss man es selbst erfahren haben. Und das geht nur, indem man selbst fährt.

Viel Chrom dekoriert die Voyager nach bester amerikanischer Manier. Viel Chrom dekoriert die Voyager nach bester amerikanischer Manier. © Wout Meppelink
Die elegante Erscheinung ist ein stets gern gesehener Gast, da sie vom Bonus des Oldtimer-Images profitiert. Die elegante Erscheinung ist ein stets gern gesehener Gast, da sie vom Bonus des Oldtimer-Images profitiert. © Wout Meppelink
Der Tempomat dient der Entspannung und der Konstanz in der Geschwindigkeitsgestaltung. Der Tempomat dient der Entspannung und der Konstanz in der Geschwindigkeitsgestaltung. © Wout Meppelink
Kawasaki VN 1700 Voyager Kawasaki VN 1700 Voyager © Wout Meppelink
Entdeckung der Langsamkeit: Die betörende Schönheit südfranzösischer Ländereien in vollen Zügen geniessen. Entdeckung der Langsamkeit: Die betörende Schönheit südfranzösischer Ländereien in vollen Zügen geniessen. © Wout Meppelink