Goldies Heaven

Honda GL 1800 Gold Wing

Von Simon Haltiner
04.03.2011 10:26:02

Die epische Honda Gold Wing ist der Zeus im Motorrad-Olymp. Ist der seit zehn Jahren nahezu unverändert gebaute Luxusliner noch auf der Höhe der Zeit?

Wie wärs mit einem kleinen Quiz? Gesucht ist ein Gefährt mit folgender Ausstattung: Rückwärtsgang, CD-Wechsler, Zentralverriegelung und Airbag. Vermutlich denken Sie jetzt an einen Kompaktwagen. Fügen wir Multizonen-Sitzheizung und ein Navigationssystem hinzu, kommt eher eine Limousine in Betracht, denn derartiger Luxus ist den meisten Automobilisten fremd. Das gilt erst recht für den töfffahrenden Pöbel, der im Nieselwetter hinter beschlagenem Visier Passanten nach dem Weg fragen muss. Doch das Leben auf zwei Rädern muss nicht zwingend Askese bedeuten: Willkommen auf der mächtigen Honda GL 1800 Gold Wing, die dem Komfortvakuum entsagt und so der amerikanischen Vorstellung des Motorradfahrens entspricht. Garniert wird die mobile Oase mit japanischer Technologie und Perfektion, was eine besonders interessante Mischung zu sein verspricht. Gebaut wurde die Gold Wing bis 2009 im Hauptabsatzmarkt USA, in Marysville, Ohio. Zukünftige Gold Wing werden in Kumamoto produziert, was Spekulationen um einen baldigen Nachfolger begünstigt. Auf der Italien-Tour des RedWing-Club (TÖFF 11/10) bot sich uns die Gelegenheit, die Masslosigkeit auf zwei Rädern über hunderte von Kilometern am eigenen Leib zu erfahren.

Willkommen im Gold Members Club
Wird bei der Schlüsselübergabe der Pressemaschinen üblicherweise erklärt, wo sich der Fahrzeugausweis befindet, so erhielten wir diesmal eine halbstündige Einschulung. Diese ist nötig, denn die riesige Innenverkleidung ist komplett zugepflastert mit Druck- und Drehschaltern. Gold-Wing-Eigner mögen es scheinbar, sich ein wenig als Flugzeugpiloten zu fühlen. Erschwerend für den Neuling kommt hinzu, dass sich Radio, Bordcomputer und Navi einen Bildschirm und manche Knöpfe teilen. Wer gedenkt, sich durch die Trial-and-Error-Methode Überblick zu verschaffen, wird eine Weile investieren, sofern er nicht vorher die Geduld verliert. Sobald man den vollgetankt zirka 435 Kilo wiegenden Koloss vom Ständer gewuchtet und mit der Rückwärtsgang-Funktion des Starters aus der Einfahrt manövriert hat, überrascht die selbst für kurzbeinige Nichtbodybuilder erstaunlich souveräne Handhabung. Die Sitzbank ist tief, genau so wie der Schwerpunkt, was den konstruktiven Gegebenheiten wie dem Alu-Brückenrahmen und dem flachen Boxermotor zu verdanken ist. So fühlt man sich fast ein wenig wie auf einem überdimensionalen Grossraum-Roller. Dennoch ist bei Schritttempo etwas Vorsicht geboten, denn die Gravitation zieht die Goldie ab einer gewissen Schräge vehement der Mutter Erde entgegen, und dann ist sie durch ein Menschenbein nicht mehr zu halten. Wenn man aber Zappeleien – vor allem solche des Sozius – unterlässt, geht man diesen Problemen aus dem Weg und geniesst bald den herrlichen Aufenthalt auf dem Traumschiff.

Dieses entspricht in seinem Wesen der folgenden Gleichung: Wer mehr zahlt – nämlich 42 725 Franken, ohne seine Zeit in der ellenlangen Zubehörliste zu vertun –, der kriegt auch mehr. Und zwar in allen Belangen: mehr Komfort, mehr Sicherheit, mehr Zylinder, mehr Hubraum, mehr Image, mehr Unterhaltung und natürlich mehr Gewicht. Das muss nicht schlecht sein, denn wieder einmal scheint sich die Vermutung zu bestätigen, dass dieses flauschige Schweben einfach nicht ohne eine gewisse Korpulenz zu erreichen ist. Um trotzdem keine Lethargie aufkommen zu lassen, sorgt der monumentale 1,8-Liter-Sechszylinder für sanft einsetzenden, aber vehementen Druck. Dies scheinbar völlig unabhängig von allen denkbaren Kombinationen aus Gängen, Drehzahlen oder Geschwindigkeiten. So zurückhaltend und seidig summt das Aggregat im Bummelbetrieb vor sich hin, dass es vom Zahnradsirren des Getriebes und des Kardan übertönt wird. Das erinnert akustisch an einen Trolleybus, ändert sich aber drastisch, sobald die Drehzahlnadel die 3000er-Marke passiert. Dann ballt der Boxer die Fäuste und stürmt mit heiserer Porsche-Baritonstimme in den Begrenzer bei 6000/min. Aufgrund des Gewichts und der schwer vernachlässigbaren oszillierenden und rotierenden Massen fühlt sich die Beschleunigung im ersten Gang noch verhältnismässig unspektakulär an. Doch die Wucht der 167 Nm manifestiert sich nach dem Schaltvorgang in Form eines flauen Gefühls in der Magengegend oder – wenn die Kupplung schnellt – eines steigenden Vorderrades. Ein ungemein imposantes Erlebnis, nebenbei bemerkt. Den ersten Pluspunkt konnte Goldie schon vor der Reise verbuchen: Sie hat dermassen viel Laderaum, dass der halbe Hausstand reinpasst. Das ist gut so, denn der Verzicht entspricht nicht dem Naturell des Gold-Wing-Besitzers. Die Ladeluken lassen sich per Fernbedienung ver- und entriegeln, und auf dem Display wird gewarnt, falls sie nicht korrekt geschlossen sind. Im umfangreichen Zubehörprogramm finden sich passende Innentaschen, denn die Koffer und das Top-case sind nicht demontierbar. Letzteres dient zusätzlich als der Thron der Hausherrin, die sich dank Armlehnen, Sitzheizung und eigener Lautsprecher keine luxuriösere Residenz wünschen kann. Zwei kleine Wermutstropfen sind der beschwerliche Aufstieg in die zweite Etage und die fehlende physische Nähe zum Fahrer, sofern man nicht über amerikanische Körperdimensionen verfügt.

Bitte nur First Class
Einmal in Fahrt, ist es fast irrelevant, ob man zu zweit oder alleine unterwegs ist, denn das gewohnte Massenverhältnis von Fahrer und Maschine ist hier etwas anders. Doch falls Sie nun die Fahrphysik eines LKW erwarten, liegen Sie falsch: Die bis zu 602 kg Gesamtgewicht lassen sich dank steifem Alu-Brückenrahmen, 45-mm-Gabel mit Antidive und Einarmschwinge mit elektronisch justierbarem Federbein erstaunlich spurtreu bewegen und mit wenig Kraft in Kurven kippen, bis die Trittbretter kratzen. Letzteres ist naturgemäss bald der Fall, weshalb sich folgender Fahrstil anbietet: Hart bremsen, langsam ums Eck, möglichst bald aufrichten und grosszügig Gas geben. Die 296-mm-Bremsscheiben vorne und die 316er hinten sind ausreichend dimensioniert, um die Unmengen kinetischer Energie in Hitze umzuwandeln. Dank Dual-CBS wirken Fuss- und Handbremshebel dabei immer auf beide Räder. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst, welche Massen man hier lässig durch die Kurven pfeffert. So einfach lässt sich diese Maschine bewegen. Nur die Reifen verraten die physikalische Realität und zeigen mit leichtem Untersteuern zwar gutmütig, aber entschieden Grenzen auf. Das ist kein Wunder, stellt man sich vor, was der arme Gummi über sich ergehen lassen muss. Bei unserer Testmaschine war in langsamen und engen Kurven manchmal ein Wabbeln im Lenker zu spüren, was laut Honda Suisse auf den ungleichmässig abgefahrenen Vorderreifen zurückzuführen ist. Ein merkwürdiges, aber unbedenkliches Phänomen, das vermutlich die Leiden des Reifens offenbart.

Die Paradedisziplin ist aber das Cruisen, nicht das Rasen. Die im Stand einstellbare Scheibe bietet mehr Windschutz als manches Cabrio, die Arme ruhen entspannt auf dem breiten Lenker, Musik dudelt aus den Boxen, und der Tempomat kümmert sich um den Rest. Das ist Gold-Wing-Fahren: Wer die erforderliche extrovertierte Veranlagung mitbringt, geniesst das Zur-Schau-gestellt-Sein und fühlt sich als der König der Welten, der entspannt durch seine Ländereien schwebt. Auch etwas zackiger, wenn es sein soll, denn die 118 PS sind für lockere 200 Kilometerchen pro Stündchen gut. Das unterlässt man jedoch bald, da einen ab 180 ein leichtes Pendeln begleitet. Das ist wiederum irrelevant, denn wir sprechen von Tempi, die den Gold-Wing-Treiber wenig interessieren. Entscheidender ist, dass es bei entspannten 160 immer noch gepflegt zu- und hergeht und man auf Musikgenuss nicht verzichten muss. Klar fallen bei dieser Gangart öfter Tankstopps an, da sich der Brummer gegen 10 l pro 100 km genehmigt. Ein Obolus, den man angesichts der Tatsache, dass man so schnell und entspannt seinem Ziel näher kommt, gerne entrichtet. Weniger zur Entspannung trägt das aufpreispflichtige Navi bei, dessen Bedienung umständlich über Cursortasten erfolgt, die zudem deaktiviert werden, sobald man rollt. Der Babysitter-Staat lässt grüssen. Unvergessen ist der peinliche Moment, wo man sich im Stau zwischen Autos durchzwängt und das Navi zur allgemeinen Belustigung plötzlich lautstark «Kein Satellitenempfang!» verkündet. Es erstaunt aber nicht, dass gerade das Navi als softwarelastigste Komponente das Alter der Gold Wing verrät. Und das wiederum spricht für diese Maschine, da sie in den übrigen Belangen immer noch beeindruckend überlegen ist.

 

Technische Daten

Hubraum:                      1832 ccm
Leistung:                       118 PS bei 5500/min
Gewicht:                         417 kg leer
Preis:                            42 725 Franken
Verkehrsabgabe:            60  bis 567 Fr./Jahr

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 6-Zylinder-Viertakt-Boxer, OHC, 2 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 74 × 71 mm, Verdicht. 9,8. Elektr. Einspritzung/Zündung, G-Kat, hydr. Nasskupplung, 1000-W-Lichtmaschine, 5 Gänge, elektr. Rückwärtsgang, Kardan. 118 PS bei 5500/min, 167 Nm bei 4000/min.

Fahrwerk: Alu-Brückenrahmen mit verschraubtem Heck, 45-mm-Telegabel, Antidive. Alu-Einarmschwinge, Pro-Link-System, elektr. gesteuerte Federbasis mit Memory-Funktion, Federwege: 140/105 mm. Vorne Doppelscheibenbremse D 296 mm, Dreikolbenzangen, hinten Scheibenbremse D 316 mm, Dreikolbenzange, Dual-CBS, ABS. Leichtmetallräder. Bereifung 130/70-18 und 180/60-16.

Abmessungen
Tankvolumen 25 l, Schrittbogenmass 1760 mm, Lenkerinnenbreite 620 mm

Auf den Punkt gebracht
Ausgereift: Die Gold Wing überzeugt dank Wunschlos-glücklich-Ausstattung und erstaunlich leichtem Handling.

+            Herrliche Laufkultur des 6-Zylinders
+            Komfort auf höchstem Niveau …
+            … auch bei erwachsenen Tempi
+            Nahezu unendlich individualisierbar 

–            Kniewinkel nach 8 h anstrengend
–            Handschuhfach nicht abschliessbar
–            Warnleuchten teils schwer ablesbar

Gibt’s nur bei Honda: 6-Zylinder-Boxer mit 1,8 Liter. Nachteil: Fussrasten sind hinten. Gibt’s nur bei Honda: 6-Zylinder-Boxer mit 1,8 Liter. Nachteil: Fussrasten sind hinten. © Zepp Gori
Dual-CBS-Bremse mit ABS: Wer sich da noch hinlegt, muss es wirklich wollen. Dual-CBS-Bremse mit ABS: Wer sich da noch hinlegt, muss es wirklich wollen. © Zepp Gori
Polsterlandschaft mit separat regelbarer Musik und Heizung für den Sozius. Polsterlandschaft mit separat regelbarer Musik und Heizung für den Sozius. © Zepp Gori