Suzuki SFV 650 Gladius

Junge Römer...

Von Simon Haltiner
04.05.2009 08:20:43
...tanzen anders als die andern: Die modisch designte Gladius umgarnt stilbewusste Einsteiger.

Chic muss nicht zwingend teuer sein: Mit der Gladius drängt ein mutig gestylter Töff in den immer härter umkämpften Mittelklassemarkt. Vorbei sind die Zeiten trister Einheitsware: Die kleine Sugi macht sich im unverwechselbaren zweifarbigen Designerdress auf die Suche nach Käuferinnen und Käufern in den Städten dieser Welt.

Im Gegensatz zu den üblichen, beliebig wirkenden Kürzeln aus Zahlen und Buchstaben weckt der Name des römischen Kurzschwerts gezielt Assoziationen: Kultur, Historie und vor allem Schneid will sie haben, die modebewusste Begleiterin. Den Reiter zum nächtlichen Tanz im Lichtermeer der Innenstadt verführen, wie es der selige Falco mit «Junge Römer» besang. Vermessen ist dieser Name keineswegs, denn sie blickt auf einen gesunden Stammbaum innerhalb der Suzuki-Geschichte zurück: Der bewährte und zuverlässige 650er-Zweizylinder diente seit 1999 in der SV-Reihe, ist ständig weiter entwickelt worden und wird mittlerweile in verschiedenste Motorräder unterschiedlicher Marken exportiert.

Spritziger Twin mit Manieren
Für die Gladius wurde der Vierventiler mit Einspritzung und Doppelkerzenzündung eingehend überarbeitet. Er verfügt nun über fühlbar mehr Saft im unteren und mittleren Drehzahlbereich und erfüllt die derzeit angesagte Euro3-Norm. Mit regelmässigem, dumpfem Getrommel meldet sich der 90°-V2 zu Wort und reagiert unverzüglich auf Gasstösse.

In der Fahrt arbeitet er sich emsig und linear durchs Drehzahlband in Richtung Begrenzer bei 10 500/min: Jede Drehzahl ist ihm recht, und er werkelt ohne nennenswerte Vibrationen. Sogar untertourt werden darf er, ohne dass er missmutig auf die Kette einzuhacken beginnt. Im Zusammenspiel mit der einfach dosierbaren Kupplung ist er nicht nur frei von jeglichen Marotten, sondern bereitet mit seinem quirligen Charakter auch Fortgeschrittenen enorm Spass. Nicht zuletzt, weil man bei Trockenheit so ziemlich in jeder Situation den Hahn bedenkenlos aufreissen kann, ohne vom Heck überholt zu werden.

Zum locker-flockigen Gefühl des unbeschwerten Einherbollerns trägt das präzise Getriebe mit seinen kurzen Schaltwegen bei. Sogar eine Gang-Anzeige hat Suzuki der Gladius spendiert. Ein zeitgemässes Feature, welches bei einem so elastischen und damit schaltfaul fahrbaren Motor jedoch eher zur Kategorie «nice to have» zählt.

Komfortabel und sportlich
Auch die Ergonomie hat Suzuki richtig hingekriegt: Die straffe und tiefe (785 mm) Sitzbank vermittelt auch kleineren Piloten ein sicheres Gefühl beim Rangieren. Sollte Grossgewachsenen der Kniewinkel zu eng werden, können sie im Zubehörsortiment neben diversen Extras wie Top-case-Träger und Minischeibe eine höhere Sitzbank ordern. Der Oberkörper ist aufrecht und entspannt. Ideal, um im Stadtverkehr den Überblick zu wahren.

Der Eindruck eines kompakten und leichten Motorrades (202 kg trocken) wird durch die schmale Tanksilhouette verstärkt – allerdings auf Kosten des Volumens. 14,5 l reichen beim ermittelten Verbrauch von 5,6 l aber für über 200 km, deshalb spielt es im Alltagsverkehr wohl keine grosse Rolle. Der Verbrauchswert könnte bei schweizkonformer Fahrweise – wir sind die Gladius in Südeuropa gefahren – allenfalls tiefer ausfallen. Wichtiger ist die Soziustauglichkeit, damit die jungen Römer nach der Party den Heimweg nicht allein antreten müssen. Dazu besitzt die Sitzbank einen geringen Höhenversatz und tiefe Soziusrasten für einen menschenwürdigen Kniewinkel. Das Design der Ausleger wird im Prospekt mit «organisch» beschrieben und ist Geschmackssache.

Gestylt bis zur letzten Schraube
Dafür schützt die optisch gelungene verchromte Auspuffblende die Beine vor unerwünschten Brandings und den lieblos wirkenden Topf vor kritischen Blicken. Besonders erwähnenswert sind Komponenten, welche üblicherweise ignoriert werden: Die Spiegel. Massiv, hochwertig und ebenfalls nobel verchromt können sie ruhig drangelassen werden.
Überhaupt liegt der Qualitätseindruck des Fashionbikes mit mediterranem Charme im grünen Bereich. Klar kann man für den Kampfpreis von knapp über 10 000 Franken keine gefrästen Gabelbrücken oder CFK-Teile erwarten. Etwas plump geratene Plastikflächen sind unvermeidliche Spuren des Rotstifts der Controller.

Dennoch sind keine Mängel oder potenzielle Schwachstellen zu entdecken. Puristen mögen sich über Gaukeleien enervieren, wie das schön geschwungene massive Rahmenelement, in welches die Gitterrohre laufen: Doch es übernimmt wider seinen Anschein keine tragende, sondern eine kosmetische Funktion. Dafür sind vom Haltegriff bis zum Armaturenträger sämtliche Stellen des Töff durchgestaltet. Nirgendwo ist schnöder Standard oder trockene Technik zu sehen. Einzig die Instrumente wirken durch ihr nüchternes Styling konservativ, bieten damit wiederum den Vorteil guter Ablesbarkeit. Die Info-Leuchten im Digital-analog-Cockpit sind auch in gleissendem Sonnenlicht gut erkennbar, und die Ziffern glimmen orange im Dunkeln.

Eine gepflegte Zeitgenossin: Einfaches Handling, toleranter und elastischer Motor. Ein elegantes Auftreten, mit der man nicht um seine Sozialverträglichkeit zu fürchten braucht, statt Brutalo-Optik. Mit diesen Voraussetzungen mausert sich das kleine Schwertchen schnell zu einer treuen Begleiterin des urbanen Menschen. Trotz des noblen Anstrichs muss der Gladius-Treiber nicht auf einen erwachsenen Motorsound verzichten, der im Stadtverkehr meines Erachtens eine passive Sicherheitskomponente ist, da man auch bei niedrigen Tempi und Drehzahlen von seiner Umgebung wahrgenommen wird.

Auf freier Flur
Verlassen wir nun den dichten Verkehr der Ballungszentren und bewegen uns ins Revier der grossen Motorräder: Das Kurvengeschlängel entlegener Ausserortsstrassen. Kann sich unsere kultivierte Legionärin in den Gefilden barbarischer Superbike-Gallier behaupten?
Lassen wir die Gladius Kurven schneiden: Als erstes fällt das eher gemächliche Einlenkverhalten auf, das nicht recht zum Bild einer Nahkampfwaffe passen will. Zurückzuführen ist dies auf die Fahrwerksauslegung, welche dafür mehr Stabilität offeriert. Dieses Verhalten ist vor allem für den Einsteiger besser geeignet, denn schliesslich soll er sich durch ein hyperagiles Handling an der Klinge des Gladius nicht selbst verletzen.

Im Gegenteil: Die Suzuki fährt sich berechenbar und ruhig, ohne fiese Charakterzüge zu offenbaren. Das mit Dunlop Qualifier besohlte Fahrwerk ist komfortabel, ohne schwammig und untransparent zu wirken. Schräglagenfreiheit ist zur Genüge vorhanden, so dass sich der Lernende an fortgeschrittene Winkel herantasten kann. Dabei bleiben ihm unangenehme Erfahrungen wie Bremsaufstellmoment oder plötzliches Wegkippen erspart. Auch der gut kontrollierbare Leistungseinsatz hilft mit, die Freude am Kurvenwetzen zu entdecken.
Wer seine Chancen in brenzligen Situationen verbessern will, kann die Gladius ab kommenden Sommer gegen Aufpreis (rund 800 Franken) auch mit ABS-Stoppern ordern. Die Bremse vorn wurde bewusst so konfiguriert, dass für eine starke Verzögerung ein satter Händedruck erforderlich ist. Bei Vollbremsungen insbesondere wenig erfahrener Piloten ein willkommener Sachverhalt.

Im Normalbetrieb lässt sich die Gladius über die 290-mm-Anlage jederzeit bestens verzögern. Nichtsdestotrotz dürfte der Druckpunkt etwas definierter ausfallen. Dass die Gladius auch für den Soziusbetrieb gerüstet ist, lässt die grosszügig dimensionierte 240er-Scheibe im Hinterrad erahnen.

Nicht bloss für Einsteiger
Bei wirklich sportlicher Gangart fällt auf, dass die Gladius über 140 km/h etwas unruhig wird und die Übersetzung der letzten Gänge ein Quäntchen zu lang geraten ist. Doch mit solcher Kritik tut man dem Konzept unrecht, denn es ist für (Wieder-)Einsteiger optimiert und soll keine Rennmaschine sein.

Dafür ist die quirlige Japanerin mit südeuropäischem Flair ein flinkes und äusserst lustvoll zu fahrendes Motorrad mit genialem Verhältnis Preis/Leistung sowie erstaunlichem Potenzial: Ihr unkompliziertes Wesen sorgt dafür, dass auch routinierte Fahrer mit ihr auf engen Strecken flotter unterwegs sein mögen als mit einem anspruchsvoll zu fahrenden schweren Rennboliden.

Technische Daten Suzuki SFV 650 Gladius

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 90-Grad-V2-Viertakter, DOHC, 4 Ventile/Zyl., 2 Zündkerzen/Zyl., Bohrung u Hub 81,0 u 62,6 mm, 645 ccm, Verdichtung 11,5. Elektr. Benzineinspritzung / 2 Drosselklappen pro Ansaug. Mehrscheiben-Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. Geregelter Kat für Abgasnorm Euro-3.

72 PS bei 8400/min, 64 Nm bei 6400/min oder 34 PS
(25 kW) bei 8400/min, 55 Nm bei 4000/min.

Fahrwerk: Stahlgitterrohrrahmen, 41-mm-Telegabel, Vorspannung einstellbar, Zweiarmschwinge mit progressiv angelenktem Zentralfederbein, Federvorspannung einstellbar. Federwege 125/130 mm. Vorn Doppelscheibenbremse, x 290 mm,
Doppelkolben-Schwimmsättel, hinten Scheibenbremse,
x 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel. Leichtmetallräder,
Bereifung 120/70-17 und 160/60-17.

Die Gladius ist gegenüber der SV 650 – sie bleibt im Programm – milder ausgelegt und richtet sich in erster Linie an Einsteiger.

Abmessungen: Radstand 1445 mm, Lenkkopfwinkel 65°, Nachlauf 106 mm, Sitzhöhe 745 mm, Gewicht trocken 202 kg,
Tankvolumen 14,5 l.

Preis: Fr. 10 595.–, lieferbar ab sofort in Schwarz-Grün, Weiss-Blau, Weiss-Rot oder Schwarz. ABS-Version ab Sommer.

Chamäleon: Je nach Farbkombination wechselt die Gladius optisch den Charakter.

Import: Frankonia AG, Hohlstrasse 612, 8010 Zürich,
Tel. 044 431 65 11, www.suzuki-motorcycles.ch
Alter Bekannter: Suzuki 90°-V2 mit 650 Kubik und 72 (oder auf Wunsch 34) munteren Pferdchen Alter Bekannter: Suzuki 90°-V2 mit 650 Kubik und 72 (oder auf Wunsch 34) munteren Pferdchen © Markus Jahn
Übersichtlich statt abgedreht: Klassische Instrumentenkombi mit Ganganzeige Übersichtlich statt abgedreht: Klassische Instrumentenkombi mit Ganganzeige © Markus Jahn
Von der SV 650 bekannte, jedoch überarbeitete Beisser: Ab Sommer 2009 auf Wunsch mit ABS Von der SV 650 bekannte, jedoch überarbeitete Beisser: Ab Sommer 2009 auf Wunsch mit ABS © Markus Jahn
Fashion Meets Technology: Mit der Gladius ist Suzuki bereit für den Kampf in der Mittelklasse Fashion Meets Technology: Mit der Gladius ist Suzuki bereit für den Kampf in der Mittelklasse © Markus Jahn
Gutmütig: Das einfache und vorhersehbare Fahrverhalten schafft Vertrauen und weckt Lust auf Schräglage Gutmütig: Das einfache und vorhersehbare Fahrverhalten schafft Vertrauen und weckt Lust auf Schräglage © Markus Jahn
Kuckuck Mittelklasse, ich komme Kuckuck Mittelklasse, ich komme © Markus Jahn