Kawasaki W800
Kawasaki W800 © D. Carrozza

Retro-Fun

Kawasaki W800

Von Imre Paulovits
30.08.2011 11:28:21

Kawasakis Retro-Zweizylinder ist zurück. Mit 100 ccm mehr Hubraum, Benzineinspritzung und noch schöneren Details macht sie richtig Spass.

Die Frühlingssonne spiegelt sich mitsamt dem strahlend blauen Himmel im grossen verchromten Deckel der Königswelle. Die Welt drum herum strahlt wie ein Panoramabild in der gebogenen Hochglanzfläche. Aus der Ferne kommt das Hämmern eines grossen Einzylinders immer näher. Der Fahrer der dunkelgrünen Matchless G3 aus den frühen 1960er-Jahren bleibt stehen, als er die Kawasaki sieht. «Die ist aber schön. Kann ich mal hören, wie sie klingt?»

Ein Druck auf den Starterknopf − und nur ein leises Säuseln entweicht den beiden ganz in der Form der alten englischen Peashooter-Tüten geformten Auspufftöpfen. Die Enttäuschung steht dem Engländer-Fan ins Gesicht geschrieben. Retro darf leider nicht so weit gehen, dass es auch so schön tönt wie damals. Umso mehr wundert sich der Matchless-Treiber, wie lässig und wie an der Schnur gezogen die Kawasaki fährt. Und neben der alten Engländerin wird auch klar, dass ein guter Retro-Töff auch viel schöner ist als die Originale. Denn die Erinnerungen werden mit der Zeit immer verschönt, und so haben auch die Designer genau die Aufgabe, sie wieder so aufleben zu lassen, wie man sie sich erträumt. Kawa hatte dafür schon immer ein gutes Händchen.

Schon in den 1990er-Jahren bauten die Grünen die 250er-Estrella, die ganz so aussah wie die Reinkarnation der seligen NSU Max: mit Schwingsattel und wunderschön gezeichnetem Einzylindermotor. War die Estrella zunächst nur für den japanischen Markt gedacht, ermutigte der Applaus, der ihr aus Europa entgegenkam, die Kawasaki-Oberen, ihr eine grössere Schwester beiseitezustellen. Doch während Triumph mit der kurze Zeit später erschienenen Bonneville Riesenerfolg hatte, fristete die Kawasaki W650 eher ein Schattendasein. Dabei war sie bei genauer Betrachtung eigentlich die authentischere Kopie der Ur-Bonneville − filigran, mit einem klassischen Zweizylinder-Motor, der gar eine Königswelle für den Antrieb ihrer oben liegenden Nockenwelle zu bieten hatte. Ein Merkmal, das die Engländer keinem ihrer Twins gönnten, das aber prima zum Stil eines solchen Töffs passt. Dass Triumph für seine Retro-Interpretation einen kräftigeren Motor gebaut hatte, verschaffte den Briten genauso Vorteile wie die authentische Abstammung. Die Insider waren sich einig: Die Kawasaki hat nur das falsche Emblem auf dem Tank. Dabei griff die Marke, die durch ihre giftgrünen Renner berühmt wurde, mit dem Retro-Zweizylinder auch auf ihre eigene Geschichte zurück, schliesslich gab es von Kawasaki bereits 1967 einen Viertakt-Twin im britischen Stil, die W1.

Beim zweiten Anlauf alles besser

Nachdem die W650 Ende 2006 in der Versenkung verschwand, kommt sie jetzt als W800 wieder, und ihre Väter haben auf die Kritik gehört. Auf dem Tank findet sich kein Kawasaki-Schriftzug, selbst auf dem Motor nicht. Einzig am hinteren Ende der Sitzbank ist der Name des japanischen Herstellers in kleinen goldfarbenen Buchstaben aufgedruckt. Der Motor wurde durch fünf Millimeter mehr Bohrung von 675 auf 773 ccm vergrössert. Als Zeichen der Zeit bekam die W800 eine Keihin-Benzineinspritzung mit sekundären Drosselklappen und dem gleichen Saugrohrdurchmesser wie die Gleichdruck-Vergaser der W650. Der Motor hat trotz seines grösseren Hubraums zwei PS weniger Spitzenleistung, dafür liegt das maximale Drehmoment um 10 Nm höher und schon bei 2500 Touren an.

Auch bei der Optik haben die Designer noch einmal Hand angelegt. Das Dunkelgrün-Metallic im Farbton des British Racing Green steht der «W» bestens zu Gesicht, und Kleinigkeiten wie die feinen Drahtbügel, die bei den Ständern und dem Bremspedal verhindern, dass sich der Fahrer die Stiefel am Auspuff verbrennt, zeugen von Detailliebe. Umso unverständlicher ist es, dass die Einspritzung und ihr Kabelgewirr auf der rechten Seite hinter einem schönen, gebogenen und verchromten Deckel versteckt werden, während auf der linken Seite nur ein schnödes dreieckiges Blech aufgesetzt ist, das dem Blick freien Durchlass gewährt. Auch der Farbverlauf aus digitalem Pixelmuster von Grün zu Weiss an der Tankseite will nicht so recht zum Zeitgeist und den feinen goldenen Linien der W800 passen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Und ein paar Blindstopfen in den für den nachrüstbaren Gepäckträger vorgesehenen Aussparungen hätten der Optik auch nicht geschadet.

Umso mehr kann die W800 mit ihrem neuen Antrieb glänzen. Es ist eine Wucht, wie der Zweizylinder in den unteren drei Gängen ab Standgasdrehzahl schiebt und auch in den letzten beiden Fahrstufen ab 2000 Touren gleichmässiger Druck bereitsteht. Ab 60 km/h geht alles im Fünften. Erst einmal warmgefahren, glänzt der Einspritzer auch mit feiner Gasannahme und weichem Lastwechsel.

Eile mit Weile

Auf die Speichenräder im klassischen 19-Zoll-Format vorne und 18-Zoll-Format hinten wurde die Neuauflage des berühmten Dunlop K81  TT 100 aufgezogen. Der legendäre 1970er-Jahre-Reifen bekam seinen Namen, weil Malcolm Uphill auf seiner Triumph Bonneville mit dem Ur-K81 bei der Production-TT 1969 erstmals eine TT-Runde auf einem Serientöff mit mehr als 100 mph Schnitt fuhr. Die Neuauflage des britischen Reifens glänzt auch bei niedrigen Temperaturen mit gutem Grip und kann weit mehr, als es die Schräglagenfreiheit der W800 zulässt. Das Handling der Kawasaki ist ganz wie das der englischen Vorbilder: Das Bike bietet guten Geradeauslauf, dafür muss man beim Einlenken etwas Kraft aufbringen.

Eine wirklich glückliche Hand bewies Kawasaki bei der Abstimmung der Federelemente. Die Dämpfung ist zwar nicht einstellbar, doch sehr gut gewählt, und die zwei simplen Federbeine hinten sorgen immer für eine satte Radführung und bestes Feedback. Davon könnten sich viele Zentralfederbeine mit Umlenkmechanismus eine Scheibe abschneiden.

Natürlich ist die W800 bei 219 Kilo und 48 PS kein Kraftwunder, das will sie aber auch nicht sein. Sie erfreut ihren Fahrer umso mehr mit ihrem seidenweichen Antrieb, ihren schönen Details und einer Optik, die jedem Betrachter ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Genau das ist das Geheimnis von Retro: das Gute der alten Zeit wieder zu erleben. Und das kann man auf der W800 in schönster Form.

Kawasaki W800

Hubraum: 773 ccm

Leistung: 48 PS bei 6500/min

Gewicht: 217 kg vollgetankt

Preis: 11 490 Franken

Verkehrsabgabe: 60 bis 340 Fr./Jahr

Motor und Fahrwerk

Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-Reihen-Viertakter, OHC (Königswelle), 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 77 × 83 mm, Hubraum 773 ccm, Verdichtung 8,4. Elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr-Æ 34 mm; Nasskupplung, 5 Gänge, Kette; 48 PS bei 6500/min, 60 Nm bei 2500/min

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahl, 39-mm-Gabel, Stahlprofil-Schwinge, zwei Federbeine; vorne Scheibenbremse Æ 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, hinten Trommelbremse Æ 160 mm; Drahtspeichenräder mit Alufelgen 2.15-19 und 2.75-18 Zoll; Bereifung 100/90-19 und 130/80-18

Abmessungen

Tankvolumen 14 l, Schrittbogenmass 1780 mm, Lenkerinnenbreite 610 mm

Auf den Punkt gebracht

Retro zum Träumen: Optik und Feeling von gestern, Bedienungskomfort von heute

+ Sehr gefällige Retro-Optik

+Durchzugsstarker Motor mit sehr linearer Leistungsabgabe

+ Geringer Verbrauch (4,7 l/100 km)

+ Klassische Sitzposition

+ Guter Beifahrer-Komfort

+ Hauptständer

– Fussrasten setzen relativ früh auf

– Leichte Vibrationen ab 4000/min

– Gasannahme kalt nicht perfekt

Motor ***

Fahrwerk ***

Ergonomie ****

Verarbeitung ****

Import

 

FIBAG AG Kawasaki, Lischmatt 17, 4624 Härkingen, Tel. 062 285 62 00, www.kawasaki.ch

Die W800 und der Schweizer Gentlemen Cup 2011 – TÖFF fährt mit!

Wer an der Swiss-Moto am Kawasaki-Stand zugange war, kann sie unmöglich übersehen haben, die bildschöne Cup-W800, wie sie 2011 im von Kawasaki Schweiz organisierten und zu 100 Prozent in der Schweiz ausgetragenen Gentlemen Cup gefahren wird. Der Cup ist für jedermann offen, und man kann auch als Team antreten. Allerdings sind die Plätze sehr begehrt, weshalb man sich schleunigst anmelden sollte. Kawa Schweiz bietet den Teilnehmern die W800 inklusive Cup-Kit  (u. a. mit Flattrack-Lenker, Felgensatz, Wave-Bremsscheibe, Sport-Federbeinen, Auspuffanlage und Kotflügeln) für 13 900 Franken an. Angesichts der Tatsache, dass die W800 einen Wert von 11 490 Franken hat und die Cup-Teile 7500 Franken kosten würden, ist das ein sehr faires Angebot. Es wird fünf Rennläufe an vier Veranstaltungen geben. 26. 6.: Bergrennen, Boécourt (Gleichmässigkeitsfahrt); 6./7. 8.: Flattrack, Rohrbachgraben (Doppellauf); 28. 8.: Rasenrennen, Koppigen;  2. 10.: Race of Champions, Frauenfeld. Auch die TÖFF-Redaktion wird als Medienpartner am Cup teilnehmen. Infos, Reglement und Anmeldung auf www.kawasaki.ch.

 

Kawasaki W800 Kawasaki W800 © D. Carrozza
Damals und heute - Alte englische Matchless G3 aus den 1960er-Jahren mit der W800. Damals und heute - Alte englische Matchless G3 aus den 1960er-Jahren mit der W800. © D. Carrozza
Klassische Tankform ohne Kawasaki-Aufschrift. Klassische Tankform ohne Kawasaki-Aufschrift. © D. Carrozza
Retro-Rundinstrumente mit LCD-Display. Retro-Rundinstrumente mit LCD-Display. © D. Carrozza
Schlicht gehaltene Lenkerarmaturen, ganz in Schwarz. Schlicht gehaltene Lenkerarmaturen, ganz in Schwarz. © D. Carrozza
Bequeme Doppelsitzbank. Bequeme Doppelsitzbank. © D. Carrozza
Der Königswellen-Zweizylinder ist die reinste Augenweide. Der Königswellen-Zweizylinder ist die reinste Augenweide. © D. Carrozza
Kawasaki W800 Kawasaki W800 © D. Carrozza
Sehr leiser Peashooter-Auspuff. Sehr leiser Peashooter-Auspuff. © D. Carozza
Faltenbälge über den Gabelstandrohren. Faltenbälge über den Gabelstandrohren. © D. Carrozza
Die 300-mm-Scheibenbremse mit Doppelkolben-Schwimmsattel ist nicht zu giftig. Die 300-mm-Scheibenbremse mit Doppelkolben-Schwimmsattel ist nicht zu giftig. © D. Carrozza
Die TÖFF-W800 für den Schweizer Gentlemen Cup 2011. Die TÖFF-W800 für den Schweizer Gentlemen Cup 2011. © D. Carrozza