Saxon Warlord / FireStorm
Kleinode ab der Stange
Wir sehen immer wieder Bilder von traumhaften Motorrädern. Leider sind es meist reine Schaustücke für Ausstellungen, die sich kaum auf unseren Strassen bewegen. Wer sich diesen Traum erfüllen will, kann zu Urs Erbachen und seiner bekannten Firma Fat Attack in Arlesheim gehen und sich ein Bike bestellen, wie er es sich wünscht. Nur sollte er 80 000 bis 140 000 Franken dabeihaben, um mitreden zu können.
Wenn er dann beim Besuch im Firmengebäude im Ausstellungsraum Bikes sieht, die toll aussehen und nur mit 50 000 Franken angeschrieben sind, rückt die Verwirklichung des Traums doch etwas näher. Er steht vor den Maschinen von Saxon, der FireStorm, einer tiefergelegten «pro street», und der Warlord, dem Flaggschiff der amerikanischen Erbauer von Cruisern/Choppern.
Auf den ersten Blick erscheinen die Unterschiede gering. Lang und tief sind beide. Die Warlord ist die klassische Ausführung mit hoch über dem Motor schwebendem Tank und langer Gabel. Bei der FireStorm ist das obere Rohr des Rahmens leicht gebogen. Die Rahmenunterzüge reichen in einem flacheren Winkel weiter nach vorn. Der Tank liegt beinahe auf den Zylinderköpfen des von S&S gebauten Twins. Die Gabel ist dadurch etwas kürzer. Der Lenkkopfwinkel bleibt mit 45 Grad jedoch identisch. Der Achsabstand ist bei der FireStorm mit 198 cm 8 cm kleiner als bei der Warlord.
Vom Zubehörmarkt
So weit die grundsätzlichen Unterschiede der beiden Typen. Gemeinsam ist der uramerikanische Zweizylinder mit Stösselstangen (OHV) ein Zylinderwinkel von 45 Grad. Das klingt vertraut. Richtig. Es erinnert vehement an Harley-Davidson. Nicht an die neusten Modelle, sondern an das Evolution-Triebwerk, mit dem die Amis bewiesen, dass sie standfeste und kraftvolle Motoren bauen können. Allerdings steht nicht H-D drauf, sondern S&S. Das ist die bekannteste Firma, die den Aftermarket mit Teilen und ganzen Motoren bedient (siehe Kasten).
Lange Auswahlliste
Eine Saxon ist an sich schon eine Sonderanfertigung. In den USA werden von verschiedenen Modellen zwar insgesamt etwa 3000 Maschinen pro Jahr gefertigt; in die Schweiz kommen jedoch höchstens ein paar Dutzend. Dazu kommt, dass kaum eine Saxon aussieht wie eine andere, da ein umfassendes Individualisierungsprogramm besteht. Der Käufer kreuzt an, was er begehrt. Fertiggestellte Modelle sind beim US-Hersteller sowie beim Importeur für Europa in Holland vorhanden, so dass die Maschinen in zwei (EU) bis vier (USA) Wochen geliefert werden. Auf Wunsch werden auch ausgefallene Ideen umgesetzt. Dabei kommt der Firma zugute, dass viele Teile im Haus hergestellt werden, wie etwa die in vielen Varianten erhältlichen Alufelgen, die poliert oder verchromt zu haben sind. Unzählige Dekors und Farben stehen ebenso zur Wahl wie Lenker, Fussrasten etc. Die Chance, dass es ein zweites, auch nur ähnliches Motorrad auf der Welt gibt, ist also verschwindend klein. So werden Individualismus und rationelle Herstellung optimal kombiniert.
Bitte Formular ausfüllen
Der Gang durch die das umfassende «Swiss Order Form» sei hier nur kurz skizziert. Zunächst entscheidet man sich zwischen FireSorm und Warlord. Dass die Erstere mit 47 775 Franken gut einen Tausender billiger ist, dürfte sich kaum kaufentscheidend auswirken, denn das ist der Preis für die Grundausstattung in Schwarz. Es folgt eine Auswahl von sieben speziellen Farben (Fr. 550.–). Ein «Graphic Upgrade» ist auf 4 Levels möglich. Was ein Level ist, wissen heute zumindest all jene, die Computerspiele beherrschen. Das heisst: Es wir immer schwieriger mit steigenden Levels. In diesem Fall besteht die Schwierigkeit darin, die Partnerin von der Notwendigkeit der Zusatzausgabe zu überzeugen. Das ist oft ein leichtes, denn die höherwertigen Ausführungen sehen augenfällig besser aus.
Dem heutigen Trend entspricht eine «Black Package». Da wird alles möglichst in Schwarz gehalten. Wer nun denkt, das sei billiger, täuscht sich. Die schwarze Farbe ist nämlich in der heute gewünschten Qualität nicht so einfach zu verarbeiten wie zu Zeiten von Henry Ford, wo sie das Tempo der Fliessbandproduktion positiv beeinflusste.
Und es fährt
Eine Saxon ist kein Schmusekätzchen für den Showroom. Sie ist vielmehr ein eher wildes Tierchen, das den Abdruck seiner gewaltigen Pfoten mit den prägnanten Krallen im Strassenbelag hinterlassen will. Ein Proberitt mit der Warlord bringt es zum Ausdruck. Dass der Anlasser die mächtigen Kolben nur mit Anstrengung über den oberen Totpunkt wuchtet, lässt auf eine hohe Kompression (10,1:1) schliessen. Der kurz danach den zwei wohlgeschwungenen Auspuffrohren entfleuchende Sound erscheint grenzwertig. Dazu kommen die passenden «Vibes». Amerika, wie es lebt und bebt.
Die Handhabung der Kupplung lässt vermuten, dass die Testfahrer in den Reihen gestandener Cowboys rekrutiert wurden, die gewohnt sind, den Colt auch mit der Linken abzufeuern. Kraftvoll durchziehen, heisst es. Die ersten Meter langsame Fahrt lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass es sich um ein Bike mit recht langer Gabel handelt. Entsprechend muss mit einigem Nachdruck gelenkt werden. Schwenker erfolgen mit einer gewissen Progressivität. Allerdings erscheint das Fahrwerk ausgewogen. Dank 6-Gang-Getriebe mit rechtsseitigem Abtrieb von Baker ist die Gewichtsverteilung gleichmässig. Dass Federungskomfort nicht unbedingt zu den primären Zielen der Erbauer gehörte, wird beim Überfahren der Trottoirkante deutlich. Ebenda macht sich der breite Schlappen hinten (260er) durch einen kleinen Versetzer bemerkbar. Dahinschweben wie im Himmel auf Wolke sieben ist das nicht. Ein Höllenritt, wie es die Fraktion im anderen, wärmeren Teil des Jenseits zelebriert, allerdings ebenfalls nicht.
Von Langstreckenfahrten wollen und können wir hier nicht berichten. Das ist nicht das Revier einer Saxon. Aber obwohl sie schon im Stand zu begeistern vermag: Sie ist auch in Fahrt ein eindrückliches Erlebnis. Eines, das zwar etwas Nehmerqualitäten verlangt, aber keine Tortur ist. Die Saxons sind Kleinode, die nicht nur für den Showroom taugen. Eine Probefahrt, die nach Vereinbarung bei Importeur Urs Erbacher jederzeit möglich ist, lohnt sich auf jeden Fall.
Den ausführlichen Artikel lesen Sie in TÖFF Nr. 01 / 2009.
| Aftermarket Manufacturer S&S Die Amis ticken etwas anders. Die Überwachung der Fahrzeuge durch technische Behörden strebt nach der Inverkehrssetzung zügig gegen null. Da gibt es natürlich jede Menge Möglichkeiten, das Motorrad nach eigenem Gutdünken zu optimieren, was mit «Customizing» umschrieben wird. Die Firma S&S ist ein Unternehmen, das sich seit 50 Jahren dem Markt widmet, der sich hier für die Veredler bietet. Sie ist also ein Aftermarket Manufacturer und beschäftigt heute über 200 Vollzeitangestellte. Begonnen hat alles im Jahr 1958, in dem George Smith und Stanley Stankos in Blue Island (Illinois) die Tuningfirma S&S ins Leben riefen, die Motorräder schneller machen sollte. Motto: The Company that Out-Harley’s the Harley. Es begann mit Teilen der Periferie. Bald waren jedoch die Innereien der Motoren Ziel der intensiven Optimierungsarbeiten. Mit der Zeit wurden ganze Motoren gebaut, auf denen S&S draufsteht und auch S&S drin ist, aber aussen alles nach H-D aussieht. Die sind billiger zu haben als die Originale und deshalb in der Tunerszene sehr beliebt. Besonders oft wird eine Variante der alten Evolution-Maschine mit mehr Hubraum geordert. Den Beweis dafür, dass die Motoren auch viel leisten, erbringt S&S seit Beginn bei Rennen in Bonneville, wo unzählige Rekorde gefahren wurden. |






