Thunderstorm am Hinterrad: Ein paar Millimeter lassen die 200er-Walze förmlich qualmen.
Thunderstorm am Hinterrad: Ein paar Millimeter lassen die 200er-Walze förmlich qualmen. © Jacky Ley

Bad Boy

Triumph T-Bird Storm

Von Markus Lehner
15.09.2011 11:25:33

Mächtig, muskulös, maskulin: Die Thunderbird Storm ist nichts für Disco-Fuzzis, sondern ein Männer-Motorrad mit Roadster-Qualitäten.

Krrrriiiiieeeeek … schrammt die Fussraste über den Asphalt, lässt fröhlich Funken sprühen und erinnert mich daran, dass die neue Thunderbird Storm in Hinckley, Leicestershire, Great Britain, halt doch vorwiegend mit Cruiser-Genen in diese Speed-feindlich gewordene Welt geschickt wurde.

Dabei kann die vollgetankt 3,39 Doppelzentner stemmende, nur in Harte-Männer-gerechtem Matt- oder Glanzschwarz feilgebotene Briten-Flunder mit ihrem unverwechselbaren 1699-ccm-Paralleltwin viel mehr als nur Passanten beeindrucken und auf dem Dragstrip vor dem In-Bistro schwarze Linien malen. Vor allem das für einen Cruiser überdurchschnittlich agile, straff abgestimmte Fahrwerk mit einer gelungenen Massenverteilung, einer hervorragend dämpfenden und federnden Telegabel sowie einer tadellosen ABS-Brems­anlage macht einen ausgesprochen flotten Rhythmus auf der Landstrasse möglich. Selbst das eingangs zitierte Aufsetzen der Rasten erfolgt für einen Cruiser dieses Kalibers verhältnismässig spät. Natürlich meldet sich in engen Stadtgassen und beim Rangieren das hohe Gewicht nachdrücklich zurück. Wer abwärts vor einer Mauer parkiert, ist erstens selber schuld und bringt zweitens den bösen Buben ohne fremde Hilfe nie mehr aus der misslichen Lage heraus. Oh Schande!

Breitseite gegen Harley V-Rod

Machen wir uns nichts vor: Die T-Bird Storm ist nichts anderes als eine britische Breitseite gegen die fast uneinnehmbare Cruiser-Burg von Harley-Davidson. Ein Vergleich mit dem ebenfalls nachtschwarzen US-Männertraum namens V-Rod Night Rod Special oder der V-Rod Muscle drängt sich geradezu auf.

Das gibt auch Pascal Meyerhans vom Triumph Schweiz unumwunden zu: «Die T-Bird soll in diesem Kundensegment räubern. Wir hoffen, 2011 rund hundert Stück in der Schweiz absetzen zu können. Dazu etwa 70 Stück der der etwas braveren und in helleren Farben erhältlichen 1600er-Thunderbird. Preislich sind wir mit rund 22 000 Franken sicher attraktiv, und dazu sprechen wir die Kundschaft mit einem komplett eigenständigen Konzept an.»

Recht hat er. Und damit sind wir beim Motor angelangt. Denn das Eigenständigste an der T-Bird ist der mächtige Zweizylinder-Parallel­twin mit 270 Grad Hubzapfenversatz und modernster Einspritztechnologie.

Reite den Stier

Die zwei Kolben mit gewaltigen 107,1 Millimetern Durchmesser zeigen Wirkung. Ab Standgas wuchtet der grösste Paralleltwin der Motorradwelt das mächtige Gerät nach vorne, als sei es aus schwerelosem Balsaholz gefertigt. Mehr als knapp 3000/min, wo immerhin 157 Newtonmeter Drehmoment auf die Kurbelwelle einwirken, sind nie nötig. Dennoch mag es der im Drehzahlkeller wie ein Schiffsdiesel bollernde Kraftbolzen, wenn er mal in den oberen Stockwerken ans Werk gehen darf. Bis 5500/min verblüfft der Stier mit einer ungeahnten Drehfreude und einem süchtig machenden Donnergrollen aus den zwei fetten, leicht hochgezogenen Chrom-Tüten. Dank zwei Ausgleichswellen wird der Matador dabei zwar sanft massiert, aber in ­keinem Drehzahlbereich von unangenehmen Schwingungen in die Mangel genommen.

Anders sitzen

Dass bei Triumph die Entwickler selber gern mal kräftig am Kabel ziehen, spürt man bereits beim Aufsitzen. Da passt alles. Die Rasten sind nicht zu weit vorne platziert, der Sattel nicht zu weich gepolstert, und der fast gerade, breite Lenker zwingt den Fahrer in eine leicht nach vorne gerichtete Position. So lässt sich’s auch mal Roadster-like herrlich angasen. Kurz: Der Kompromiss zwischen TV-Liegesofa und Sackmesser-Folterstuhl ist hervorragend gelungen. Nur der Kupplungs- und der Bremshebel dürften etwas filigraner gestaltet sein, nicht alle haben Pranken wie Schwingerkönig Kilian Wenger.

Mehr als nur Schein

Angesichts dieser relaxten, aber durchaus fahraktiven Sitzposition und der auch dezent sportlichen Motorcharakteristik kommt dem stabilen, zielsicheren Fahrwerk und den tadellosen Bremsen zusätzliche Bedeutung zu. Man hält es stundenlang im Sattel aus, wechselt zwischen gemütlichem Cruisen – der sechste Gang zieht ab 50 km/h problemlos durch – und genüsslichem Roadster-Schwingen ab. Enge Serpentinen, offene Landstrassen, schlechter Untergrund – alles null Problem.

Nur Schritt- und Stop-and-go-Tempo im Abendstau, das mag die T-Bird Storm nicht. Da ist nix mehr mit Balsaholz, sondern nur noch British Steel. Da ist der harte Mann gefragt. Zupacken, wuchten, stemmen. Die Entschädigung dafür erhält er spätestens zu Hause vor der Garage, wenn er der T-Bird Storm liebevoll den Hintern beziehungsweise den Kotflügel tätschelt. Der ist nämlich aus Metall gedengelt, genauso wie das vordere Teil, die Seitendeckel und sogar die Blinkergehäuse.

Fazit: Wer vom ganzen Plastik-Einerlei die Schnauze voll hat oder eine technisch ebenbürtige Alternative zu einer Harley-Davidson sucht, kann mit der britischen Power-Cruiser im XXXL-Format sicher glücklich werden. Teilen will die Storm das Vergnügen aber nur mit ihrem Reiter, denn für einen eventuellen Passagier hat die Storm nur ein winziges, knochenhartes Sitzbrötchen übrig.

Triumph T-Bird Storm

  • Hubraum: 1699 ccm
  • Leistung: 98 PS bei 5200/min
  • Gewicht: 339 kg vollgetankt
  • Preis: 21 990 Franken
  • Verkehrsabgabe: 60 bis 510.30 Fr./Jahr

Motor und Fahrwerk

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Paralleltwin, DOHC, 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 107,1 × 94,3 mm, 270° Hubzapfenversatz, Verdichtung 9,7. Elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr 42 mm. Nasskupplung, 6 Gänge, Zahnriemen. 98 PS bei 5200/min, 157 Nm bei 2950/min.

Fahrwerk: Stahl-Doppelschleifenrahmen, 47-mm-Teleskopgabel, Zweiarm-Stahl-schwinge mit Federbeinen, Federbasis fünffach einstellbar, Federwege 120/95 mm. Vorne Doppelscheibenbremse 310 mm mit Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse  310 mm, Doppelkolbenzange, ABS. Leichtme­tallräder, Bereifung 120/70-19 und 200/50-17.

Abmessungen

Tankvolumen 22 l, Schrittbogenmass k. A., Lenkerinnenbreite k. A.

Auf den Punkt gebracht

Der böse Triumph-Donnervogel verblüfft mit tadellosen Roadster-Qualitäten. Eine echte Alternative zur Harley.

+ Unverwechselbarer Paralleltwin

+ Mächtig Punch aus dem Drehzahlkeller

+ Stabiles, sicheres Fahrwerk

+ Überzeugende Bremsen inkl. ABS

– Zu knapp bemessener Soziusplatz

– Geringe Schräglagenfreiheit

Motor ****

Fahrwerk ***

Ergonomie ***

Verarbeitung ****

Import

Triumph S.A.S., Rue des Bugnons 4, 1217 Meyrin, Tel. 022 782 73 51. www.triumphmotorcycles.com. In Mattschwarz oder Schwarz métallisé

 

Triumph T-Bird Storm Triumph T-Bird Storm © Jacky Ley
Triumph T-Bird Storm Triumph T-Bird Storm © Jacky Ley
Triumph T-Bird Storm Triumph T-Bird Storm
Triumph T-Bird Storm Triumph T-Bird Storm © Jacky Ley
Federbasis fünffach einstellbar. Federbasis fünffach einstellbar. © Jacky Ley
Viel Bumms, viel Charakter. Viel Bumms, viel Charakter. © Jacky Ley
Den kaum sichtbaren Drehzahlmesser braucht eh keiner. Den kaum sichtbaren Drehzahlmesser braucht eh keiner. © Jacky Ley
Im Unterschied zur normalen Thunderbird leuchten bei der Storm zwei Scheinwerfer. Im Unterschied zur normalen Thunderbird leuchten bei der Storm zwei Scheinwerfer. © Jacky Ley