Corpus Delicti

Vyrus 984 C3 2V

Von Daniele Carrozza
19.07.2010 18:45:55
  

Wem das Exklusive nicht exklusiv genug ist, der findet bei der italienischen Nobelhobel-Manufaktur Vyrus sein Glück. Der feudal bemittelte Kunde ist nicht König, sondern Gott.

Kennen Sie dieses Gefühl? Sie wissen genau, dass sie nicht dürfen, und dennoch verspüren Sie den ungebremsten Drang, es eben doch zu tun: die Gartenpflanzen des Nachbarn mit Nitroverdünner zu behandeln, dem Schleicher vor Ihnen voll hinten reinzudonnern oder auf den flimmernden Asphalt der sich mit laszivem Wimpernschlag vor ihnen öffnenden Kurve einen epochalen schwarzen Strich zu malen. Nun, mit genau dieser inneren Unruhe sehe ich mich in diesem Augenblick gerade konfrontiert. Ort des Geschehens: Albtal im südlichen Schwarzwald. Was mich in Versuchung bringt: eine super-exklusive Vyrus 984 C3 2V aus Bella Italia im Wert von rund 100 000 Franken. Hinter mir sticht mit auf mein Tun gerichteten Argus-augen Angelo Nastasi durch die Kurven, der Besitzer meines ultrakompakten fahrbaren Untersatzes für heute. Vor unserer Abfahrt hat mir der 45-jährige Italo-Schweizer, der mit seinem Betrieb «man-nastybike GmbH» gleichzeitig als Importeur und Erbauer der für den Schweizer Markt bestimmten Vyrus-Einheiten fungiert, noch ein gutgemeintes «Mi raccomando!» zugeworfen. Zu deutsch heisst dies etwa so viel wie «Halt die Ohren steif!», was in diesem Kontext jedoch eher als «Wage es ja nicht, sie hinzulegen!» zu verstehen ist.

Fit to size: Das Motorrad nach Mass
Bei Vyrus handelt es sich um einen noch jungen Kleinserienhersteller (Gründung: 2001) mit Firmensitz in Cerasolo Ausa bei Rimini. Das Team besteht aus gerade einmal fünf Personen, die einst allesamt bei Bimota angestellt waren. Mit Firmengründer und -eigner Ascanio Rodorigo steht ihnen eine schillernde Persönlichkeit vor, die nach der Insolvenz von Bimota im Jahr 2000 das aus der Feder des Ingenieurs Pierluigi Marconi stammende Tesi-Konzept – damals wurde an der Entwicklungsstufe Tesi 2D gearbeitet – in Vyrus überführt und dort weiterentwickelt hat. Kein Wunder also, dass sämtliche Vyrus über Radnabenlenkung, einen Omega-Rahmen aus gefrästen Alu-Elementen und Ducati-Motoren verfügen.

In der Schweiz sind zurzeit zwei Basismodelle verfügbar, die nach Belieben veredelt werden können: die hier getestete 984 C3 2V mit der neusten Entwicklungsstufe des aus der Monster bekannten Desmo-Zweiventil-V2 mit 1078 ccm Hubraum und 95 PS (ab Fr. 50 000.–) sowie das Topmodell 987 C3 4V mit dem 170-PS-Vierventiler Testastretta Evoluzione aus der Ducati 1198 (ab Fr. 78 000.–). Und wer so viel Geld für ein Motorrad ausgibt, der darf auch eine spezielle Betreuung erwarten: Jedes Bike wird eigens für den Kunden in der Werkstatt von Angelo Nastasi in Zeiningen (AG) aus Einzelteilen gefertigt und in allen Punkten individuell angepasst – von der Sitzposition über die Federelemente bis zu den Bremsen und auf Wunsch auch Lackierung oder speziellen Oberflächenbehandlungen. Die Liste kennt keine Grenzen, entsprechend ist auch die Preisskala nach oben hin offen. Die Bikes sind dann – sofern sich der Kunde entsprechende Bauteile aussucht – für die Schweiz homologiert und mit einer Werksgarantie von drei Jahren ausgestattet. Dass Nastasi zudem gewisse Komponenten wie beispielsweise Kabelstränge oder die Tacho-einheit durch noch hochwertigeres Material ersetzt, das er über sein eigenes Netzwerk an Zulieferern bezieht, zeugt vom ausgeprägten Perfektionismus des Aargauers, dessen Modifikationen ebenso wie seine Serviceleistungen vom Vyrus-Werk autorisiert sind.

Ein Kunstwerk von einem Motor
Zurück in den Schwarzwald. Wir haben diesen Motor schon mit verschiedensten Ducati-Modellen ausgiebig getestet – zuletzt in unserer Dauertest-Monster. Und kein Zweiventiler kam in puncto Power, Leistungsentfaltung, Ansprechverhalten und Laufkultur nur ansatzweise an den 90-Grad-V2 der Vyrus heran. Allerdings muss fairerweise festgehalten werden, dass es sich hierbei um ein von Riccardo Testaverde und damit von einem Ducati-­Corse-Techniker getunten beziehungsweise optimierten Antrieb handelt. Da geben Rennkolben die Power aus opulenten 1200 ccm Hubraum über Titanpleuel an eine Kurbelwelle aus der Superbike-WM weiter, steuern spezielle Nockenwellen und steppen Titanventile. Allerdings nötigt einen der exquisite 105-PS-Twin aufgrund seiner hohen Verdichtung zu ­einer recht aufwendigen Start-Prozedur – selbst mit einer Hilfsbatterie ausgestattet bringen ihn nur Kenner zum Laufen –, doch damit soll lediglich aufgezeigt werden, dass man bei Vyrus mit dem entsprechenden Budget auf Wunsch zu wirklich genialem Material kommt. Allerdings wäre das Bike mit dieser Motorisierung nicht homologierbar. Nicht zuletzt auch wegen des lautstarken Akrapovic-Karbondämpfers mit formschönem Auslassschlund der Marke Nastasi. Die ausgereifte und trotz üppig bemessener Lüftungsschlitze akustisch nicht aufdringliche Anti-Hopping-Kupplung von APCT leistet schliesslich einen wertvollen Beitrag zur Stabilität in der Anbremszone.

Weil wir es hier nicht mit der Basis-Motorisierung zu tun haben, wollen wir uns auch nicht länger mit diesem seidenweich ansprechenden und erfrischend drehfreudigen Prachtantrieb befassen. Immerhin können wir im Testprotokoll festhalten, dass das grandiose Fahrwerk der Vyrus die Mehrleistung locker wegsteckt. Doch dazu später mehr.

Ultimativ kompakt, aber komfortabel
Nicht selten haben in Kleinserie hergestellte Bikes kleine und, in Anbetracht des hohen Kaufpreises, überaus nervige Macken bei der Verarbeitung und insbesondere bei der Ergonomie. Da sticht irgendwo eine scharfe Kante in den Schenkel oder röstet die Abwärme des Motors einen Fuss. Nicht so bei der bis ins letzte Detail penibelst durchdachten Vyrus, auf der sich selbst grossgewachsene Zeitgenossen in einer überraschend komfortablen Sitzhaltung wiederfinden.

Wer mit diesem Bike irgendwo auftaucht, steht umgehend im Zentrum des Geschehens. Sofort tauchen Schaulustige auf, um sich an den betörenden Details der Vyrus sattzusehen. Zu nennen sind hier die unzähligen, aus dem Vollen gefrästen Aluminium-Bauteile, der das Bike umspannende Karbon-Anzug (bei der Basisausführung aus Alutex), die Brembo-Oro-Bremszangen (mit auf Wunsch homologierten Karbonscheiben), die Schmiederäder von Marchesini, die TTX-Federbeine von Öhlins (Nastasi importiert die Produkte von Gubellini), die formschöne Schwinge und natürlich die distinguierte Vorderradaufhängung. Das Beste daran: Die einzelnen Komponenten fügen sich zu einem durch und durch harmonischen Ganzen, womit die Vyrus nicht bloss mit einem Exponat für den Showroom, sondern auch mit einer ausgesprochenen Fahrmaschine gleichzusetzen ist, deren Einsatzspektrum die Rennstrecke alles andere als ausklammert.

Das Tesi-Konzept zur Reife geführt

Sobald die ersten Kurven auftauchen, ist die Vyrus voll und ganz in ihrem Element, und der gelungene Mix aus Handling und Stabilität treibt die Mundwinkel eines jeden Sportfahrers umgehend zu den Ohrläppchen. Dank ihres kurzen Radstands von 1380 mm gibt sich die trocken 150 kg leichte Vyrus erfrischend handlich, ist aber dennoch ausreichend spurstabil. Wenngleich ihr eine gewisse Reaktivität bei der Fahrt über Längsrillen und Asphalt-Flickereien nicht ganz abgesprochen werden kann. Schon die feinsten Lenkimpulse werden von der grundsätzlich straff abgestimmten Italienerin unmittelbar in Richtungsänderungen umgesetzt, und auch das Feedback vermag zu überzeugen, was angesichts der Radnabenlenkung nicht selbstverständlich ist. Kommt hinzu, dass die Vyrus dank dieses Prinzips bei starken Bremsungen vorne kaum einnickt (Bremsstabilität) und sich beim Ankern in Schräglage nicht aufstellt.

Nach dem mitreissenden Ritt auf diesem Kunstwerk von Motorrad, das beim Tester sämtliche Glückshormone zum Überschäumen brachte, bleibt letztlich nur noch eine Frage zu beantworten: Wie lauten die Lottozahlen der Ziehung vom nächsten Samstag?

Angelo Nastasi und seine Man-Nastybike GMBH

Schon seit 20 Jahren schraubt und tüftelt der gelernte Konstruktionsschlosser und Chemietechnologe Angelo Nastasi an Motorrädern. In der Überzeugung, dass der Kunde heute mehr Aufmerksamkeit verdient, hat er im Dezember 2009 seinen eigenen Werkstatt- und Importbetrieb «man-nastybike GmbH» gegründet, wobei «man» für «Motorrad Atelier Nastasi» steht. Das Wort «Atelier» betont dabei den künstlerischen Anspruch, den Nastasi an sich und seine Arbeit setzt, denn der 45-jährige Aargauer hat sich im Laufe der Jahre auf Umbauten, Tuning, Veredelungen und die Optimierung von Serienteilen spezialisiert. Egal, ob an einer Triumph Sprint ST das Heck einer MV Agusta F4 verbaut oder eine Vyrus mit Transponder, Schaltautomat, Rennmotor, programmierbarer Elektronik und Superbike-Lenker aufgebaut werden soll: Nastasi, dessen Betrieb in Zeiningen (Oberdorf 15) zu finden ist, hat ein offenes Ohr. Infos und Kontakt unter 079 247 06 03 oder über Facebook.

Direkt an der Radnabe verschraubte Lenk- und Bremsaufnahmeplatte. Direkt an der Radnabe verschraubte Lenk- und Bremsaufnahmeplatte. © Richard A. Meinert
TTX-Federbeine von Öhlins, unbrauchbarer Rückspiegel. TTX-Federbeine von Öhlins, unbrauchbarer Rückspiegel. © Richard A. Meinert
Aggressive Zyklopen-Front mit markantem Karbon-Lufteinlasskanal. Aggressive Zyklopen-Front mit markantem Karbon-Lufteinlasskanal. © Richard A. Meinert
Scharfes Design – alles wirkt harmonisch, nichts fällt aus der Reihe. Scharfes Design – alles wirkt harmonisch, nichts fällt aus der Reihe. © Richard A. Meinert
Eine der ersten je gebauten Vyrus und die aktuellste Entwicklungsstufe. Eine der ersten je gebauten Vyrus und die aktuellste Entwicklungsstufe. © Richard A. Meinert
Vorderradführung mit Zweiarmschwinge und Radnabenlenkung. Vorderradführung mit Zweiarmschwinge und Radnabenlenkung. © Richard A. Meinert
Die Lenkimpulse werden via Kugelgelenke und Schubstangen an die Radnabe geleitet. Die Lenkimpulse werden via Kugelgelenke und Schubstangen an die Radnabe geleitet. © Richard A. Meinert
Dreht linear und vor allem sehr schnell hoch: Getunter Ducati-Zweiventiler mit 1200 ccm und 105 PS. Dreht linear und vor allem sehr schnell hoch: Getunter Ducati-Zweiventiler mit 1200 ccm und 105 PS. © Richard A. Meinert
Kompakt: Der selbst für einen Blinden gut ablesbare Drehzahlmesser liegt wie der Rest des scharfen Cockpits während der Fahrt ausserhalb des Sichtfeldes. Kompakt: Der selbst für einen Blinden gut ablesbare Drehzahlmesser liegt wie der Rest des scharfen Cockpits während der Fahrt ausserhalb des Sichtfeldes. © Richard A. Meinert