Back to the roots

Yamaha XJR 1300

Von Daniele Carrozza
27.01.2011 09:18:09

Im Sattel der Yamaha XJR 1300 fährt die glorreiche Ära des Wagemuts, der Auflehnung gegen das Establishment, der ölverschmutzten Finger, des Dreitagebarts und des Rock’n’Roll mit.

Es gab einmal eine Zeit, da waren Motorradfahrer noch richtige Männer. Nicht, dass sie es heute nicht mehr wären, doch würde man einen bärtigen und nach Öl riechenden Ritter aus den 1970er-Jahren mit einer Zeitmaschine in unsere von Fahrassystenzsystemen, Katalysatoren, Plastikteilen, Elektronik und Stromliniendesigns geprägte Zeit teleportieren, so würde sich dieser beim Anblick unserer neuzeitlichen Bikes eine deftige Portion Kautabak-Rotz auf den Boden spuckend umdrehen und davonlaufen.

Das Experiment würde mit Sicherheit anders verlaufen, wenn man unserem Probanden ein Bike vom Schlag einer Honda CB 1300, einer Suzuki GSX 1400, einer Kawa ZRX 1200 oder einer Yamaha XJR 1300 auftischen würde, wobei letztere auf diesen Seiten die schwindende Big-Bike-Armada vertretend die Fahne hoch hält. Im Fall der XJR bekäme er nur das Essentielle zu Gesicht, keinen unnötigen das Konzept verwässernden Schnickschnack. Er würde sich am mächtigen 21-Liter-Tank, am schlichten, gleichwohl aber majestätischen Rundscheinwerfer, am mit nostalgischen Kühlrippen besetzten Big-Block mit saftigen 1251 ccm Hubraum, am wunderschönen Sammler, den messingfarben schimmernden und voll einstellbaren Stereofederbeinen von Öhlins und am mächtigen Auspuffdämpfer erfreuen.

Sicher würde er sich fragen, was es mit der Drosselklappe am Auspuff vor dem Dämpfer auf sich hat und – einmal aufgeklärt – sichtlich interessiert, aber dennoch trocken einbringen, dass man das unschöne Teil doch auch auf der inneren Seite des mächtigen Rohres hätte anbringen können. Weiter würde er die klassischen Analog-Rundinstrumente studieren, deren Trägerplatte aus gebürstetem Alu mit integrierten Warnleuchten loben und beim
Erforschen der clever kaschierten Einspritzbatterie eine Augenbraue in die Stirn ziehen. 

The good old days
Zusammen mit ihren Artgenossinnen, von denen es mit der Suzuki und der Kawasaki zwei schon gar nicht mehr gibt, gehört die XJR zu jenen Bikes, in welchen die in die Neuzeit überführten Gene der Legenden Honda CB 750 Four und Kawasaki Z1 900 weiterleben. Genau genommen ist sie die Letzte, die übrig geblieben ist, denn die Honda CB 1300 verfügt über Wasserkühlung. Mit ihrem grossvolumigen, noch vom Fahrtwind gekühlten und bildschön in einem Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen in Szene gesetzten Reihenvierzylinder ist die XJR demnach das letzte manifeste Überbleibsel jener Ära, in der es Versicherungen für Biker nur zu Wucherpreisen gab und Begriffe wie «Lifestyle» oder «Metrosexualität» noch nicht einmal angedacht waren.

Das Licht der Welt erblickte die XJR – damals noch mit 1200er-Motorisierung – im Jahr 1995. Seither wurde das Big-Bike kontinuierlich mit Sorgfalt weiterentwickelt, wobei 1999 der Hubraumzuwachs auf 1300 Kubikzentimeter und ab 2007 die Bestückung mit Einspritzanlage erfolgten. Seither wurde nur noch an Details (Federelemente, Sitzposition usw.) und an der Kolorierung der XJR gefeilt. Das Wesentliche, nämlich der bärige, 108,4 Nm starke Reihenvierer, der breite Rohrlenker, der Rundscheinwerfer, das wuchtige Heck mit appetit-lichen Stereofederbeinen und gewaltigem Endrohr sowie das majestätische Gesamt­erscheinungsbild sind geblieben.

Sanfter Riese
Ich nutze einen der letzten sonnigen Novembertage und mache mich auf zur letzten Testfahrt auf heimischem Boden in diesem Jahr. Kaum habe ich mich auf der XJR eingerichtet, überkommt mich dieses Gefühl der Souveränität: Alles liegt bestens zur Hand, während ich auf diesem Dampfross von einem Bike throne. Unterstützt wird dieses Hochgefühl vom tiefen Grollen, das sich in der Tiefgarage nach Betätigung des Starterknopfs breit macht. Ich kupple ein, ohne am Gaszug zu drehen – 245 kg Metall setzen sich sanft in Bewegung. Komplett eingekuppelt rollt die XJR mit gerade mal 10 km/h auf dem Tacho erhaben vor sich hin, läuft sagenhaft rund und glänzt dabei mit einer Ansprache, die auch mit Vergasern nicht sanfter sein könnte. Gleichzeitig entzücken das leichte Handling und die perfekte Kontrolle, während ich mich mit diesem Grosskaliber um die Autos zirkelnd nach draussen an die frische Luft schlängle. Im erwachsen und wertig anmutenden Analog-Drehzahlmesser werden 3000/min angezeigt, als es – so kindisch es auch klingen mag – richtig männlich zu werden beginnt: Das Grollen des Inline-Four wird unrasiert, wobei sich am ganzen Bike Vibrationen unbeschreiblicher Natur breit machen. Es ist, als würden die 108 Nm Drehmoment, die bei 6000/min mit Nachdruck entfesselt werden, heiss brodeln. Und genau diese Drehmomentflut macht Schaltvorgänge am leicht und präzise bedienbaren Fünfganggetriebe so gut wie überflüssig.

Motorseitig beginnt die gelobte Souveränität ab zirka 5000/min abzunehmen: Die Ansprache des Reihenvierers wird zunehmend härter, und die Vibrationen beginnen am Gesäss und insbesondere im Bereich der Fussrasten unangenehm zu werden. Bei Autobahntempi vermisst man zudem den sechsten Gang. Ansonsten aber brilliert das Aggregat mit einer linearen und für routinierte Fahrer kaum überfordernden Leistungsentfaltung. Der Testverbrauch liegt bei 7,03 Litern, was angesichts des gigantischen 1300er-Blocks nicht weiter erstaunt.

Korpulent, aber erfrischend flink
Der Verdacht aus der Tiefgarage bestätigt sich beim Ritt auf der Landstrasse: Köstlich, wie Handling und Stabilität bei der XJR in einem nahezu perfekten Gleichgewicht zusammenspielen. Auf ihren Dunlop Sportmax D252 sticht die XJR unabhängig von Tempo und Kurvenradius, ohne sich zwei Mal bitten zu lassen, zielgenau und mit Elan ins Eck. Nur wer es richtig krachen lässt, wird bei Boden­unebenheiten ein Nachwippen des Hecks feststellen. Wer sich daran stört, kann an den sauber ansprechenden und wie die Gabel komplett einstellbaren Öhlins-Federbeinen Hand anlegen. Wir raten allerdings davon ab, denn eine sportlichere Abstimmung bedeutet einen Einschnitt in die vorzüglichen Komfort-eigenschaften der XJR 1300.

Auch in der City vermag die XJR dank grosszügigem Lenkeinschlag und der gelungenen Balance zu begeistern. Da schwingt man sich absolut stressfrei bei perfekter Übersicht (gute Rückspiegel!) und einer harmonischen Körperhaltung durch die Rushhour. Einzig beim Bremsen ist Vorsicht geboten, denn die Vierkolben-Beisser im Vorderrad, für die es kein ABS gibt, verzögern unmittelbar und mit Nachdruck. XJR-Piloten sind demnach gut beraten, wenn sie ab und an eine Vollbremsung üben. 

Zugreifen, solange es sie noch gibt
Auf der piekfein verarbeiteten Yamaha XJR 1300 fühlt man sich mit einem Schlag als Big-boss in die späten 1980er-Jahre zurückversetzt. Und die hochemotionale Zeitreise auf so weit zeitgenössischer Technik gibt es für bescheidene 15 740 Franken.

Mit der Einführung der Abgasnorm Euro 4 dürfte sich das Kapitel der grossvolumigen luftgekühlten Reihenvierzylinder und damit auch jenes der XJR für immer schliessen. Wer sich also noch ein Stück Geschichte in die Garage stellen will, der sollte jetzt zugreifen.

Technische Daten

Hubraum:                     1251 ccm
Leistung:                       98 PS bei 8000/min
Gewicht:                        245 kg fahrfertig
Preis:                            15 740 Franken
Verkehrsabgabe:            60  bis 396.90 Fr./Jahr 

Motor: Luft-/ölgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, DOHC (Kette) 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 79 × 63,8 mm, Verdichtung 9,7. Elektr. Einspritzung/Zündung, Saugrohr-D k. A. Nasskupplung, 5 Gänge, Kette. 98 PS bei 8000/min, 108,4 Nm bei 6000/min.

Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrohr­rahmen, konventionelle Telegabel, voll einstellbar, Aluminiumschwinge mit Stereo-Federbeinen von Öhlins, jeweils voll einstellbar. Vorn Doppelscheibenbremse D 298 mm, Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse D 267 mm, Zweikolbenzange. Leichtme­tallgussräder 3,5-17 und 5,5-17 Zoll. Bereifung 120/70-17 und 180/55-17

Abmessungen
Tankvolumen 21 l, Schrittbogenmass 1820 mm, Lenkerinnenbreite 480 mm

Auf den Punkt gebracht
Authentisches Puristen-Bike mit einem unerwartet breiten Einsatzspektrum.

+            Toller Mix aus Handling und Stabilität
+            Druckvoller und sanfter Motor
+            Detailverarbeitung, wertige Materialien
+            Hoher Kultfaktor, scharfe Optik

–            Benzinkonsum, kein ABS lieferbar
–            Vibrationen bei Autobahntempi           
–            Fünfganggetriebe nicht zeitgemäss

Messwerte

Topspeed:                              213 km/h
Beschleunigung 0 - 100km/h:     3,3 s
Testverbrauch:                        7,03 l

 

Hervorragende Sportbremsen, die mit den 245 kg gut fertig werden. Leider kein ABS. Hervorragende Sportbremsen, die mit den 245 kg gut fertig werden. Leider kein ABS. © Richard A. Meinert
Federbeine: Sehen nicht nur toll aus, sondern funktionieren inzwischen auch richtig gut. Federbeine: Sehen nicht nur toll aus, sondern funktionieren inzwischen auch richtig gut. © Richard A. Meinert
Hupe mit freistehenden Kabeln. Hupe mit freistehenden Kabeln. © Richard A. Meinert
Hätte man bestimmt auch schöner lösen können: Gut sichtbare, aber unschöne Auspuff-Drosselklappe. Hätte man bestimmt auch schöner lösen können: Gut sichtbare, aber unschöne Auspuff-Drosselklappe. © Richard A. Meinert
Rustikaler Big-Block ohne jeglichen Schnickschnack. Rustikaler Big-Block ohne jeglichen Schnickschnack. © Richard A. Meinert
Nostalgische Rundungen am Scheinwerfer, den Anzeigeinstrumenten und den Rückspiegeln. Nostalgische Rundungen am Scheinwerfer, den Anzeigeinstrumenten und den Rückspiegeln. © Richard A. Meinert
Analoge Rundinstrumente: Funktional, stilecht und mit allem, was es braucht. Analoge Rundinstrumente: Funktional, stilecht und mit allem, was es braucht. © Richard A. Meinert