Yamaha XJ6
Filet Mignon
Wer behauptet, Mittelklasse-Naked-Bikes der unteren Preisklasse hätten kein Charisma, dem dürften spätestens beim Anblick der neuen Yamaha XJ6 die Argumente ausgehen. Was Anfang der 1980er-Jahre in der Gestalt der erfolgreichen und bis 2003 gebauten XJ 600 S respektive N Diversion als Zauberformel funktioniert hat – nämlich, dass man sich auch für wenig Geld einen anständigen Töff in die Garage stellen kann –, sollte auch heute noch Gültigkeit haben. An diesen Grundsatz glauben die Verantwortlichen bei Yamaha angesichts der angespannten Wirtschaftslage heute mehr denn je. Und so haben sie einen frischen Flitzer auf die Räder gestellt, der ab sofort für nicht einmal 10 000 Franken zu haben ist. Und die XJ6 ist keine Alibiübung, sondern ein erwachsenes sowie durch und durch wertiges Motorrad mit mannigfaltigen Qualitäten, das sich gehobenen Hauptes neben die engsten Mitbewerber Kawasaki ER-6n und Suzuki Gladius stellen wird.
Die XJ6 und ihre mit Ausnahme der Halbschale technisch baugleiche Schwester XJ6 Diversion sind komplett neue Motorräder. Einzig beim Antrieb hat Yamaha auf das bewährte Aggregat der eine Preiskategorie höher angesiedelten FZ6 zurückgegriffen. Allerdings nur als Basis: Die Topleistung des Reihenvierzylinders mit exakt 600 Kubikzentimeter Hubraum wurde um 20 auf 78 PS gekappt (bei 10 000/min). Dafür liefert der mit einem komplett neu gezeichneten Zylinderkopf gesegnete Sechzehnventiler mehr Druck im tiefen und mittleren Drehzahlbereich. Zurückzuführen ist dies auf die im Durchmesser von 36 auf 32 mm geschrumpften Drosselklappenkörper, die angepassten Steuerzeiten und die neue 4-in-1-Auspuff-anlage mit schwerpunktgünstig unter dem Motor verschraubtem Dämpferelement. Während die FZ6 63 Newtonmeter gen Hinterrad schaufelt, sind es bei der XJ6 immerhin noch deren 60.
Einsteiger im Visier
Sie vermuten es: Während es sich bei der FZ6 um ein sportliches Naked-Bike mit den Genen der YZF-R6 handelt, ist die XJ6 als praktischer Allrounder mit breitem Einsatzspektrum konzipiert, bei dem sich die Ingenieure in erster Linie auf eine leichte Kontrollierbarkeit der Leistung, auf ein flottes Handling sowie auf Komfort konzentriert haben. Sprich: Fahrspass durch einen unkomplizierten Umgang. Motorseitig lässt sich dies auch am überarbeiteten Schalt- und Kupplungsmechanismus ablesen: Während bei der FZ6-Kupplung der Ausrückmechanismus auf Zug arbeitet und auf der rechten Seite des Fahrzeugs untergebracht ist, finden wir diesen bei der XJ6 auf der linken Seite. Die Kupplung wird also durch den Motor hindurch via eine verlängerte Schubstange, die weniger zum Verkanten neigt, auseinander gedrückt. Im System entsteht so weniger Reibung – die Kupplung wird leichtgängiger und feiner dosierbar. Auf ein ähnliches Prinzip haben die Techniker beim Schaltmechanismus, der ebenfalls auf die linke Seite transferiert wurde, zurückgegriffen: Die Schaltwalze wird neu über eine verlängerte Schaltwelle angesteuert. Die Gänge lassen sich analog dem Prinzip bei der Kupplung leichter und präziser einlegen. Kommt hinzu, dass eine lange Schaltwelle gegenüber einer kurzen torsionsfreundlicher ist. Sie wirkt damit dämpfend, weshalb sich Schaltvorgänge jetzt sanfter anfühlen. Sprich: das «Schklock!» fällt weg.
Motor: «No worries!»
Und tatsächlich ist der Reihenvierer ein kleines Gedicht – überzeugt durchs Band mit einer vorbildlich-sanften Gasannahme. Die quirlige Japanerin liegt praktisch ab Schritttempo sauber am Gas und dreht dann konstant und absolut berechenbar und nie, aber auch gar nie überfordernd hoch. Schon ab 4000/min liefert die XJ6 verwertbare Power, um ab 6000/min ein für ein kleines Vierzylinder-Aggregat überaus respektables Mass an Midrange-Power abzudrücken. Bei 6500/min im letzten Gang werden im klar ablesbaren und von der FZ1 übernommenen Analog-Digital-Tacho 120 km/h angezeigt. Die XJ6 zeigt sich unbeeindruckt, quittiert dieses Tempo allerdings mit leichten Vibrationen an den Fussrasten. Den relativ hart eingreifenden Begrenzer treffen wir erst bei 12 500/min an, was für einen Mittelklasse-Motor erstaunlich ist.
Tatsächlich lässt sich's auf der XJ6 geschmeidiger und leiser schalten. Dennoch: Wer an der Ampel mit etwas Drehzahl den Ersten einlegt, erntet das charakteristische «Schklock!». Im Fahrbetrieb gehen die einzelnen Stufen allerdings fast wie von selbst und mit klarem Feedback rein. Ebenfalls hervorragend: Die jederzeit mit nur zwei Fingern leicht und präzis bedienbare Kupplung mit grosszügig dimensioniertem Dosierweg.
Agil, sportlich, komfortabel
Die XJ6 ist keine Sänfte. Dennoch fällt die Grundabstimmung der mit Ausnahme des direkt angelenkten und punkto Vorspannung justierbaren Federbeins nicht einstellbaren Federelemente ziemlich soft aus. Dass das Fahrwerk klar auf Komfort gepolt ist, heisst jedoch nicht, dass man mit der XJ6 keine sportlich orientierten Ambitionen hegen darf. Im Gegenteil!
Wer hätte gedacht, dass sich die vife XJ6 auf Wunsch bei erfrischend leichtem Handling so flott über die zum Teil arg gezeichneten Strassen nördlich von Sydney dirigieren lässt? Was nicht heisst, dass sie verspielt ist. Nein, Handling und Stabilität liegen bei der übrigens mit einem vorbildlich neutralen Einlenkverhalten aufwartenden XJ6 im Einklang. Klar, irgendwann gelangen die Federelemente an ihr Limit, doch dieses liegt in Regionen, in denen die allerwenigsten ihre XJ6 je bewegen werden. Mit Reserven geizt dieses Fahrwerk also bestimmt nicht.
Das Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage ist minimal – die Schräglagenfreiheit reicht bei Weitem. Das Feedback schliesslich kann trotz soft abgestimmter Gabel als klar und transparent bezeichnet werden. Sicher auch ein Verdienst der mit lobenswertem Grip aufwartenden Bridgestone-Gummis.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die XJ6 fahrwerksseitig so ziemlich alles mit sich machen lässt und die in ihrem Pflichtenheft stehenden Aufgaben bestens zu meistern weiss.
Die Bremsen: Die Doppelscheibenanlage mit Doppelkolbenzangen vorn überzeugt mit einem für die anvisierte Zielgruppe idealen, zumal recht milden Druckpunkt. Auf der anderen Seite fällt die astrein dosierbare Verzögerung fast schon sportlich aus. Hinten? Auch sehr gut dosierbar, aber eher unterstützender Natur.
Tagelang unterwegs …
Mit der XJ6 hatten wir ein Date, das sich über eine Strecke von rund 250 km zog. Immer wieder standen Fotofahrten auf dem Programm, und abends im Hafen noch eine Fotosession im grossen Stil. Die XJ6 hat uns also einen ganzen Tag begleitet. Das Schöne an der unkomplizierten und punkto Sitzposition äusserst komfortablen Japanerin: Trotz brütender Hitze wären locker noch einmal so viele Kilometer möglich gewesen. Erst recht mit der halbverschalten Diversion, bei der Brust und Schultern zuverlässig vom Fahrwind und den Launen des Wetters geschützt sind. Für einen Vierzylinder baut die XJ6 im Schritt erstaunlich schmal. So finden selbst kleine ZeitgenossInnen jederzeit festen Halt unter den Füssen. Auf der anderen Seite spannen Rasten, Sitzpolster und Lenker ein grosses Dreieck, so dass sich auch Hünen ohne Stress auf dieser Yamaha zurechtbüscheln können. Alles in allem eine sehr natürliche Sitzposition mit klassenüblich engem Kniewinkel. Einfach draufsitzen, wohlfühlen und losdüsen. Das ist diesmal keine Honda, sondern die ab sofort in Gelb, Weiss und Schwarz für Fr. 9490.– (auch als 25-kW-Version) erhältliche Yamaha XJ6. Wer weitere 1100 Franken investiert, erhält die ABS-Version.
Fazit: Yamaha ist es gelungen, eine hübsche, preiswerte, dennoch solide und technisch ausgereifte Fahrmaschine mit grossem Spass-Faktor zu bauen. Ein Töff, mit dem mit Sicherheit nicht nur Einsteiger liebäugeln werden.
| Technische Daten Yamaha XJ6 / Diversion Motor: Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, 4 Ventile/Zyl., Bohrung u Hub 65,5 u 44,5 mm, 600 ccm, Verdichtung 12,2. Elektr. Benzineinspritzung/Zündung, Saugrohr-x 32 mm. Geregelter Kat. Mehrscheiben-Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 78 PS bei 10 000/min, 59,7 Nm bei 8500/min. Auch neu: Angepasster Ventilhub, optimierte Luftfilter-Box. Fahrwerk: Stahlrohr-Brückenrahmen, 41-mm-Telegabel, nicht einstellbar, Zweiarmschwinge aus Stahl, direkt angelenktes Zentralfederbein, Federbasis einstellbar, Federwege 130/130 mm. Vorn Scheibenbremse, x 298 mm, Doppelkolbenzangen, hinten Scheibenbremse, x 245 mm, Einkolbenzange. Leichtmetallräder. Bereifung 120/70-17 und 160/60-17. Für die XJ6 und die Diversion gibt es viel hübsches und praktisches Zubehör. Unter anderem einen Zentralständer. Abmessungen: Radstand 1440 mm, Lenkkopfwinkel 64°, Sitzhöhe 785 mm, Gewicht fahrfertig 205 kg, Tank 17,3 l. Preise: XJ6: Fr. 9490.–, XJ6 ABS: Fr. 10 590.– (beide ab sofort lieferbar). XJ6 Diversion: Fr. 9990.–, XJ6 Diversion ABS: Fr. 11 090.– (beide ab März lieferbar). Farben XJ6: Weiss, Gelb, Schwarz. XJ6 Diversion: Graphit, Rot, Dunkelblau. Import: Hostettler AG, Haldenmattstrasse 3, 6210 Sursee, Tel. 041 926 61 11, www.yamaha-motor.ch |




