Oscarverdächtig

Honda X-ADV

Von Michael Kutschke
03.07.2017 10:52:56

Der «Oscar» ist die bedeutendste Auszeichnung der Filmindustrie. Aber die Preisverleihung 2017 verlief ja eher so «lala». Das Debüt der neuen Honda X-ADV hingegen war gänzlich «oh là là».

Fake News und hybride Bedrohungen: Wer ist Oscar und wer La La Land? Und warum wurden die in Hollywood vertauscht? Oder waren's gar nicht die? Einem Biker ist das doch wurst. Wichtiger wäre es, die Frage zu klären, ob dies hier direkt vor mir ein Motorrad, ein Scooter oder eine Vision ist. Die Rede ist von der neuen Honda X-ADV. Ihre Schöpfer behaupten, mit ihr könne man sogar ins Gelände. Nun, die Faktenlage scheint es möglich zu machen. 150 mm Federweg sind für einen Roller nicht von Pappe. Pardon … was ist «es» denn nun? Honda behauptet frech, es handle sich um einen SUV im Töffgewand.

Meine Neugier ist geweckt
und die Gashand zuckt. Schliesslich habe ich mir als «Scooterman» auf der Swiss Alpenchallenge schon einen Namen gemacht. Als es darum ging, mit dem Yamaha-TMax gleich zwei GS innen in einer Serpentine abzuledern. Gut, der Angriff war heimtückisch und hinterrücks, aber erfolgreich! Damals hätte ich mir noch was oben drauf gewünscht. Ein Teil wie diese Honda. Drei wählbare Sportmodi und der gemächliche D-Modus fürs entspannte Cruisen machen dieses Gerät zur multifunktionalen Waffe. Genial, wie die X-ADV im Sportmodus beim scharfen Hineinbremsen in eine Kehre vehement in die niederen Gänge zappt. Die Federung bügelt angegrauten Asphalt gut aus. Auch das Abklappen in Schräglage hinter dem flüchtenden Gegner funktioniert wunderbar.

Aber was ist jetzt das?
«Krchhhhkchhhh»! Die Fussrasten haben aufgesetzt und der Hauptständer übrigens auch … Die Fussrasten? Ja, Sie haben richtig gelesen. Und wenn Sie jetzt noch immer meinen, dass dies ein Roller ist, dann entgegne ich: Die sportlich geschnittenen Trittbretter erlauben, je nach Wahl, entweder ein gestrecktes Bein wie bei einem Cruiser (ideal fürs entspannte Reisen) oder einen gebeugteren Kniewinkel – eine typische Rollerhaltung. Setzt man allerdings die Füsse auf die Fussrasten hinter den Trittbrettern, verspürt man plötzlich einen Knieschluss wie bei einem Töff. Doch das Beste kommt noch: Diese «Zusatzrasten» können auch von der Sozia genutzt werden. So sind die Beine nur leicht gebeugt. Geht’s dann auf Kurvenjagd, heisst es «Füsse auf die Beifahrerrasten».

Cruiser, Sportler, Roller, Enduro? 

Steht man auf den Fussrasten wie beim Endurofahren, lässt sich der X-ADV beim Driften gut mit den Innenseiten der Knie dirigieren. Cruiser, Roller, Enduro? Auch das Ergonomie-Arrangement mit dem breiten Alulenker à la Africa Twin passt für alle Fahrvorlieben wie die Faust aufs Auge. Ein Meisterwerk japanischer Ingenieurskunst! Auch das Konzept der Halbautomatik, die man mittels Schaltwippe manuell betätigen kann, in Verbindung mit dem 750-ccm-Zweizylinder, passt. Nur manchmal, wenn man die Modi wechselt, z.B. von Sport auf D, dann hält die Automatik die zuvor vom S-Fahrprogramm eingelegte hohe Drehzahl etwas zu lang.

Womit wir zur Landstrassenjagd zurückkommen.
Was dieses Fahrzeugkonzept so einmalig macht, ist, dass es seinem Piloten einfach einen Kanal mehr für die Jagd freilässt: Kein Kuppeln, kein Schalten. Wie eine Präzisionswaffe feuert die X-ADV am Scheitelpunkt aus der Kurve heraus. Kein Lastwechselruck, kein Zugkraftunterbruch. Die Kupplungshand hat Pause und das linke Bein auch. 

Sportmodus Stufe drei: G'fürchtig sieht sie aus und grimmig wird sie: Wie ein Kampfroboter ballert die X-ADV die Gänge durch, den Gegner immer fest im Visier. Jetzt die lange Gerade. Das Doppelkupplungsgetriebe zappt die Gänge durch, die X-ADV überzeugt durch eine hervorragende Geradeauslaufstabilität, selbst bei Topspeed. Und das per Handrad verstellbare Windschild ist der Knaller.

Chapeau Honda, diese wahr gewordene Idee hat einen Oscar verdient. Schade nur, dass sie keine Traktionskontrolle hat, das Cockpitdisplay etwas überfachtet daherkommt und es einen 12-Volt-Zugang für die Stromversorgung eines GPS nur im Heck gibt. Es sei euch verziehen! Auch dass ihr das Motorschutzblech vor der Ölwanne enden lasst und die Gabel im Gelände schon mal durchschlägt. Dieses Teil ist der Hammer! Und der Startschuss zu etwas, das ihr euch selbst eingebrockt habt, weil ich süchtig geworden bin: Wie wäre es mit einem 100 PS starken 500er X-ADV mit Kompressor? Mit Kurven-ABS, mehrstufiger und schräglagenabhängiger Traktionskontrolle und einem verstellbaren semi­aktiven E-Fahrwerk mit wählbaren Fahrmodi? Dann wird unsere legendäre Swiss Alpenchallenge zur «GS-Vollstrecker-Tour». Ach ja, bevor ich's vergesse: Gebt dem «X-ADV für Wahnsinnige» noch einen Tick mehr Schräglagenfreiheit mit … 

Viva la Revolución «Honda». Oscarverdächtig ist schon diese X-ADV allemal. Träumen und die eigenen Konditionierungen überwinden, weitet halt den Geist – was ich noch bemerken möchte.

Die neue Honda X-ADV kombiniert als Crossover im raffiniert robusten SUV-Stil Scooter- und Motorradeigenschaften und überrascht sogar durch bedingte Offroadtauglichkeit. Und die X-ADV macht mit ihrem durchzugsstarken 750er Twin auch beim sportlichen Kurvensurfen eine gute Figur. Die neue Honda X-ADV kombiniert als Crossover im raffiniert robusten SUV-Stil Scooter- und Motorradeigenschaften und überrascht sogar durch bedingte Offroadtauglichkeit. Und die X-ADV macht mit ihrem durchzugsstarken 750er Twin auch beim sportlichen Kurvensurfen eine gute Figur. © Marco Campelli
Dank ausbalancierter Gewichtsverteilung und gutem Handling überzeugt die X-ADV durch leichte Beherrschbarkeit. Dank ausbalancierter Gewichtsverteilung und gutem Handling überzeugt die X-ADV durch leichte Beherrschbarkeit. © Marco Campelli