Die Indian Springfield gibt es ab 29'000 Franken.
Die Indian Springfield gibt es ab 29'000 Franken. © Felix Romero

Wandelbar

Indian Springfield

Von Hanspeter Küffer
13.02.2017 14:58:05

Was solls denn sein? Ein trendiger Bagger, ein cooler Cruiser oder doch lieber ein bequemer Tourer? Kein Problem – die neue Indian Springfield ist (oder kann) alles.

Springfield – dem jüngsten Modell von Indian wird die grosse Ehre zuteil, den Namen des Gründungsortes der ersten und einst grössten Motorradmarke der USA tragen zu dürfen. 1901 wurde im Bundesstaat Massachusetts die Indian Motorcycle Company aus der Taufe gehoben. Als Lieferant der US-Army produzierten während dem Ersten Weltkrieg zwischen 1913 und 1918 zeitweise über 3000 Mitarbeitende jährlich mehr als 32'000 Einheiten. Nach einem halben Jahrhundert endete das Unternehmen im Konkurs.

2011 erwarb Polaris – grösster US-Konzern im Bereich Power-Sports-Fahrzeuge – die Rechte der Marke und lancierte Ende 2013 die ersten neuzeitlichen Indian-Modelle. Mit dem wandelbaren Bagger Springfield lässt die traditionsreiche Marke nun bereits die achte Neuheit in lediglich zweieinhalb Jahren anrollen.

Wie alle anderen Indian-Modelle wird die Springfield im neu erstellten Polaris-Werk in Spirit Lake (Iowa) produziert. Eigentlich ist die Springfield eine Kombination aus den beiden Baggern Chief Vintage (mit Ledertaschen) und Chieftain (mit lenkerfester Schale und elektrischer Scheibe). Von der Chieftain stammen die beiden Hartschalenkoffer, die Trittbretter, die Sturzbügel und die 16-Zoll-Gussräder; von der Chief Vintage die mächtige Scheinwerfer­konsole und die grosse Windschutzscheibe. Scheibe und Koffer sind mit Schnellverschlüssen ausgestattet, wodurch der Bagger Springfield bei Bedarf mit wenigen Handgriffen zum Cruiser mutiert. Und weil der verstärkte Heckrahmen identisch ist mit demjenigen des Komfort-Tourers Roadmaster, lässt sich auch das optional erhältliche Topcase mit überschaubarem Aufwand montieren. Die Springfield wird dadurch zum vollwertigen Tourer.

Neue Fahrwerksgeometrie

Obwohl zahlreiche Fahrwerkskomponenten und Anbauteile von den Schwestermodellen übernommen werden konnten, ist die Springfield ein eigenständiges Modell, was nebst der optischen Erscheinung auch die neue Fahrwerkgeometrie untermauert. Mit einem Lenkkopfwinkel von 65 Grad steht beispielsweise die Gabel um vier Grad steiler als bei der Chief. Der Nachlauf reduziert sich dadurch um beachtliche 22 Millimeter auf 133 Millimeter. Dazu kommt, dass das luftunterstützte Zentralfederbein hinten wie der Tourer Roadmaster komfortable 114 Millimeter Federweg bietet. 

Nicht zuletzt aufgrund dieses Fahrwerklayouts ist die Springfield die handlichste aller Big-Twin-Indians. Sie begeistert mit agilem Fahrverhalten ohne bezüglich der Geradeauslauf-Stabilität Einbussen in Kauf nehmen zu müssen. Sie reagiert auf minimale Impulse am breiten Lenker und meistert kurvige Reviere souverän und zielgenau. Ohne hektische Bremsmanöver, lediglich mit Gas-auf-Gas-zu-Steuerung rhythmisch durch Wechselkurven zu surfen, kann richtig süchtig machen. Die Schräglagenfreiheit ist für ein Fahrzeug dieses Segments überdurchschnittlich gut. Erst beim Manövrieren im Stand wird deutlich, dass die Springfield mit vollem Tank stattliche 388 Kilogramm auf die Waage stemmt. 

Zeitgemässe Technik

Das Herzstück, der 92 PS starke, luftgekühlte 111-Cubic-Inch-Thunder-Stroke-Motor wurde vom Schweizer Unternehmen Swissauto entwickelt. Das V2-Aggregat mit imposanten 1811 ccm Hubraum ist identisch mit demjenigen der anderen grossen Indian-Modelle. Während imposante Kühlrippen, aussenliegende Stösselstangen-Gehäuse sowie steil nach unten führende Auspuffkrümmer optisch stark an die seitengesteuerten Indian-Antriebe früherer Jahre erinnern, widerspiegelt das Innenleben des Aggregats zeitgemässe Technik mit elektronischer Gassteuerung.

Zum Starten brauchts keinen Schlüssel. Der Transponder in der Jackentasche sichert die Zündung, die per Knopfdruck aktiviert wird. Ein weiterer Knopfdruck erweckt den V2 zum Leben. Untermalt von dumpfem Donnergrollen und stimmigen Vibrationen stampfen die beiden mächtigen Zylinder mit rhythmischem Herzschlag. Erster, zweiter dritter, vierter Gang – bereits mit leicht erhöhtem Standgas kann die nächste Gangstufe eingelegt werden. Motor, Kupplung und Getriebe funktionieren tadellos. Das moderne Aggregat ist in nahezu allen Belangen jenen der heute grössten US-Marke überlegen.

Langstreckentauglich

Bei einer dermassen souveränen und druckvollen Kraftentfaltung aus dem Drehzahlkeller würden im Grunde genommen drei Gangstufen ausreichen. Selbst innerorts kann ohne Bedenken im fünften Gang gefahren werden. Und weil der Sechste als Overdrive ausgelegt ist, rollt die Springfield bei moderater Tourenzahl mit flottem Speed über die Autobahn. Mit weiter Armstellung, moderatem Kniewinkel und leicht nach vorn gereckten Beinen ist die Sitzposition im tief positionierten, breit ausgeformten Sattel sehr bequem und langstreckentauglich. Drei 300 Millimeter grosse Scheibenbremsen – vorne mit Vierkolbenbremssätteln hinten mit einem Zweikolbensattel – verzögern die Springfield bei entsprechendem Kraftaufwand souverän und im Notfall mit Unterstützung von ABS. 

Nebst überzeugender Motorcharakteristik und Fahrdynamik sowie authentischem Design zählen die hochwertige Fertigung und insbesondere auch die reichhaltige Grundausstattung zu den Stärken der Springfield.

30'000 Franken durch drei

Nebst den erwähnten Features sind auch der Tempomat, die beiden Positionsleuchten, Sturzbügel sowie zahlreiche liebevoll verarbeitete Details wie beispielsweise der leuchtende Indiankopf auf dem stählernen Frontkotflügel mit dabei. Die Sozius-Trittbretter sind höhenverstellbar, und die Seitenkoffer lassen sich mit Transponder oder per Drucktaste auf dem Tank verriegeln und öffnen. Wenn man bedenkt, dass man mit der neuen Indian Springfield eigentlich gleich drei Bikes erwirbt, geht selbst der auf den ersten Blick stolze Preis von 29 600 Franken in Ordnung.

Indian: mit Polaris-Power zunehmend wichtiger Konkurrent von Harley-Davidson

Mit enormen Investitionen in Milliardenhöhe schafft Polaris als grösster US-Konzern im Bereich von Power-Sports-Fahrzeugen die solide Basis für eine erfolgversprechende Zukunft – insbesondere für die Motorradmarke Indian. Derzeit beschäftigt Polaris rund 8100 Mitarbeitende – 16 Prozent mehr als vor zwei Jahren und rund 750 davon in den Bereichen Entwicklung und Fahrzeugtests.

 

Indian Springfield

Hubraum: 1811 ccm
Leistung: 92 PS bei 5300/min
Gewicht: 388 kg vollgetankt 
Preis: 29'600 Franken
Verkehrsabgabe: 60 bis 567.00 Fr./Jahr


Auf den Punkt gebracht:

Sie sieht aus wie ein perfekt restaurierter Oldtimer. Die Springfield ist jedoch ein top-modernes Motorrad mit souveräner Leistung und agilem Handling.


Plus-Minus:

+ Motorcharakteristik
+ Leistung tieftourig
+ Leichtes Handling im Fahrbetrieb
+ Sound
+ Wandelbarkeit
+ Serienmässige, moderne Ausstattung 
– Klobige Handhebel
– Handling im Stand
– Preis

Import:

Simota Bikes, 6043 Adligenswil,
www.simota-bikes.ch

 

Springfield: Klassischer Bagger mit Scheibe (wie Chief Vintage) und Koffern (wie Chieftain). Springfield: Klassischer Bagger mit Scheibe (wie Chief Vintage) und Koffern (wie Chieftain). © Felix Romero
Roadmaster: Mit seinem Topcase (Option) wird der Bagger Springfield zum Tourer. Roadmaster: Mit seinem Topcase (Option) wird der Bagger Springfield zum Tourer. © Felix Romero
Chief: Ohne Scheibe und ohne Koffer mutiert die Springfield zum Cruiser. Chief: Ohne Scheibe und ohne Koffer mutiert die Springfield zum Cruiser. © Felix Romero