Fun-Bike
Aprilia Dorsoduro 1200
Aprilias 1200er-Dorsoduro macht Laune. Dank drei völlig unterschiedlichen Leistungsmodi sowie abschaltbarem ABS und Traktionskontrolle macht es auch Spass, ihre vielen Gesichter kennen zu lernen.
Die Bergstrasse windet sich unendlich durch die Landschaft Andalusiens. Kahle Hänge und Olivenbäume wechseln sich ab, die Leitplanke − aus Holz statt aus Metall – macht das Ambiente noch rustikaler. Links, rechts, links, rechts: Die Dorsoduro fällt von einer Schräglage in die andere. Spielerisch leicht nimmt sie jede Biegung und hält sauber die einmal vorgegebene Linie. Doch das Allerfeinste an dieser Kurvenfresserin ist der Motor. Sanft, seidig und doch richtig nachdrücklich schiebt er aus niedrigster Drehzahl und macht so das Fahren nicht nur zum Genuss, sondern auch zum Kinderspiel. Etwas Staub am Kurvenausgang, das Heck versetzt. Doch die Traktionskontrolle hat es noch eingefangen, bevor der Fahrer selbst reagieren kann.
Szenenwechsel: Beim Fotoshooting lassen es die Kollegen von der Stuntriding-Fraktion richtig brennen. ABS und Traktionskontrolle ausgeschaltet, Mapping auf S-Mode – und die eben noch handzahme Dorsoduro ist plötzlich ein wildes Tier. Nervös nimmt sie die Gasbefehle, hebt beim kleinsten Dreh am Gasgriff das Vorderrad und bringt den Hinterreifen zum Qualmen.
Viele Gesichter dank Elektronik
Aprilia hat bei der Verwendung von Elektronik den nächsten
Schritt gewagt: Während bisher die jeweiligen Modi noch knapp beisammen-lagen,
haben sie der neusten Generation der Dorsoduro drei völlig unterschiedliche
Gesichter gegeben. «Wir haben auf unsere Entwicklungen im Hypersport-Sektor
zurückgegriffen», so Aprilia-Produktmanager Francesco Poli-meni. «Es ist die
gleiche Hardware wie bei der neuen RSV4, nur haben wir einige Module
weggelassen. Diese Elektronik lässt uns sehr breit gefächerte Möglichkeiten.»
Im Regenmodus, auf 100 PS beschnitten, fährt sich das grosse Fun-Bike so artig, dass es auch einen Anfänger nicht zum Schwitzen bringt. Im Touringmodus gibt sich die Dorso dann sanft und kraftvoll und im Sportmodus direkt und aggressiv. Gegen Aufpreis gibt es dazu ABS und Traktionskontrolle, Letztere in drei Stufen einstellbar beziehungsweise wie das ABS ganz abschaltbar. Der Schweizer Importeur bietet beide Varianten der Dorsoduro an; ohne ABS kostet sie 16 400 Franken, mit ABS und Traktionskontrolle 17 500 Franken.
In der schärfsten Einstellung der Traktionskontrolle sind Slides noch möglich, auf Stufe zwei reagiert es prompt auf plötzlichen Gripverlust, auf Stufe drei nimmt es selbst auf sehr glattem Untergrund so viel Kraft raus, dass sicheres Vorwärtskommen möglich ist.
Aprilia selbst nennt die Dorsoduro eine «Soft-Motard»; damit beantwortet sich die Frage, ob das grösste bisher dagewesene Bike mit breitem Lenker, hohem Schutzblech und 17-Zoll-Rädern sinnvoll ist: «Sie ist nicht für den sportlichen Einsatz gedacht, sondern ein Bike, das Emotionen wecken soll, der Höhepunkt einer Entwicklung», so Polimeni.
Als Soft-Motard wurden der Dorsoduro auch einige Kapriolen ausgetrieben, mit denen man bei kompromisslosen Supermotos leben muss. Doch eben nicht alle. Nach 150 Kilometern schmerzt auch auf der 1200er das Sitzfleisch auf der schmalen Sitzbank, Windschutz darf man von der kleinen Lampenmaske auch keinen erwarten. Und auch wenn die Entwickler dem Fahrwerk dank massiver dimensionierter Rahmenrohre und mehr Nachlauf gegenüber der 750er viel Stabilität anerzogen haben, spürt man hier doch die Grenzen. Während ein Kollege mit enger Lederkombi davon berichtete, dass sein Bike 256 nach Tacho lief und dabei völlig stabil blieb, fing sie bei mir mit Stoffjacke und Rucksack bereits ab 200 an, um die Lenkachse zu pendeln. Die Pirelli Diablo Supercorsa 3, mit denen die Dorsoduro serienmässig bestückt ist, bieten zwar guten Grip, doch in kaltem Zustand legen sie zunächst ein knautschiges Verhalten an den Tag. Sind sie aber auf Temperatur, wird die Dorsoduro sehr zielgenau und handlich.
Auch für Normalfahrer
Während die 750er-Dorsoduro Wave-Bremsscheiben im Vorderrad
hat, bekam die grössere runde Scheiben, dafür aber Brembos radial montierte
Vierkolbenzangen. Auf einen radialen Hauptbremszylinder hat man hingegen
verzichtet, auch sind die Beläge so gewählt, dass die Bremse nicht zu giftig
ist; sie lässt sich aber gut dosieren. In der ABS-Version spürt man den Einsatz
der Elektronik durch feines Pulsieren. Gar nicht Supermoto-mässig fällt die
Wirkung der Hinterradbremse aus. Will man auch bei ausgeschaltetem ABS das
Hinterrad zum Blockieren bringen, muss man schon kräftig reintreten. Auch ist
der Pedalweg ziemlich lang.
Die Sonne steht bereits tief über den Hügeln von Jerez, die warme Nachmittagsstimmung nimmt jeden Stress. Genüsslich lässt es sich mit der Dorsoduro bummeln. Sie kann schaltfaul und sanft gefahren werden, bei der lässigen Sitzposition lässt sich die Landschaft in vollen Zügen aufnehmen. Der 1200er-Motor brummt ohne störende Vibrationen unter dem Tank, sonor dröhnt es aus den beiden flachen Austrittsöffnungen der Underseat-Anlage. Wird wieder das Tier im Mann geweckt, oder schlendert man doch einfach genüsslich weiter? Dies ist wohl die schwierigste Frage, die sich auf der Dorsoduro stellt.
|
Hubraumriese im Taschenformat
Interview mit Produkt-Manager Francesco Polimeni Warum debütiert der neue Motor gerade in der Dorsoduro? In welchen weiteren Modellen kann man den neuen Motor in
Zukunft noch erwarten? Hat Aprilia noch weitere neue Motoren in der Entwicklung? |
| Technische Daten Hubraum: 1197 ccm Leistung: 130 PS bei 8700/min Gewicht: 209 kg ohne Benzin Preis: ab 16 400 Franken Verkehrsabgabe: 60 bis 396.90 Fr./Jahr Motor: Flüssigkeitsgekühlter 90-Grad-V2-Viertakter, DOHC, (Kette und Zahnräder) 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 106 × 67,8 mm, Verdichtung 12,0; elektr. Einspritzung/Zündung; Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 130 PS bei 8700/min, 97 Nm bei 7000/min Fahrwerk: Verbundrahmen aus Stahl-Gitterrohr und Aluminiumguss-Elementen, 43-mm-USD-Gabel von Sachs, voll einstellbar, Alugussschwinge mit Hebelsystem; seitlich verschraubtes Sachs-Federbein, voll einstellbar; vorne Doppelscheibenbremse Æ 320 mm, radial verschraubte Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse Æ 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel; Alugussräder 3.50 x 17 und 6.00 x 17. Bereifung 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17 Abmessungen Auf den Punkt gebracht + Lässige Sitzposition – Wenig Windschutz |







