Fun-Bike

Aprilia Dorsoduro 1200

Von Imre Paulovits
21.12.2010 10:00:15

Aprilias 1200er-Dorsoduro macht Laune. Dank drei völlig unterschiedlichen Leistungsmodi sowie abschaltbarem ABS und Traktionskontrolle macht es auch Spass, ihre vielen Gesichter kennen zu lernen.

Die Bergstrasse windet sich unendlich durch die Landschaft Andalusiens. Kahle Hänge und Olivenbäume wechseln sich ab, die Leitplanke − aus Holz statt aus Metall – macht das Ambiente noch rustikaler. Links, rechts, links, rechts: Die Dorsoduro fällt von einer Schräglage in die andere. Spielerisch leicht nimmt sie jede Biegung und hält sauber die einmal vorgegebene Linie. Doch das Allerfeinste an dieser Kurvenfresserin ist der Motor. Sanft, seidig und doch richtig nachdrücklich schiebt er aus niedrigster Drehzahl und macht so das Fahren nicht nur zum Genuss, sondern auch zum Kinderspiel. Etwas Staub am Kurvenausgang, das Heck versetzt. Doch die Traktionskontrolle hat es noch eingefangen, bevor der Fahrer selbst reagieren kann.

Szenenwechsel: Beim Fotoshooting lassen es die Kollegen von der Stuntriding-Fraktion richtig brennen. ABS und Traktionskontrolle ausgeschaltet, Mapping auf S-Mode – und die eben noch handzahme Dorsoduro ist plötzlich ein wildes Tier. Nervös nimmt sie die Gasbefehle, hebt beim kleinsten Dreh am Gasgriff das Vorderrad und bringt den Hinterreifen zum Qualmen.

Viele Gesichter dank Elektronik
Aprilia hat bei der Verwendung von Elektronik den nächsten Schritt gewagt: Während bisher die jeweiligen Modi noch knapp beisammen-lagen, haben sie der neusten Generation der Dorsoduro drei völlig unterschiedliche Gesichter gegeben. «Wir haben auf unsere Entwicklungen im Hypersport-Sektor zurückgegriffen», so Aprilia-Produktmanager Francesco Poli-meni. «Es ist die gleiche Hardware wie bei der neuen RSV4, nur haben wir einige Module weggelassen. Diese Elektronik lässt uns sehr breit gefächerte Möglichkeiten.»

Im Regenmodus, auf 100 PS beschnitten, fährt sich das grosse Fun-Bike so artig, dass es auch einen Anfänger nicht zum Schwitzen bringt. Im Touringmodus gibt sich die Dorso dann sanft und kraftvoll und im Sportmodus direkt und aggressiv. Gegen Aufpreis gibt es dazu ABS und Traktionskontrolle, Letztere in drei Stufen einstellbar beziehungsweise wie das ABS ganz abschaltbar. Der Schweizer Importeur bietet beide Varianten der Dorsoduro an; ohne ABS kostet sie 16 400 Franken, mit ABS und Traktionskontrolle 17 500 Franken.

In der schärfsten Einstellung der Traktionskontrolle sind Slides noch möglich, auf Stufe zwei reagiert es prompt auf plötzlichen Gripverlust, auf Stufe drei nimmt es selbst auf sehr glattem Untergrund so viel Kraft raus, dass sicheres Vorwärtskommen möglich ist. 

Aprilia selbst nennt die Dorsoduro eine «Soft-Motard»; damit beantwortet sich die Frage, ob das grösste bisher dagewesene Bike mit breitem Lenker, hohem Schutzblech und 17-Zoll-Rädern sinnvoll ist: «Sie ist nicht für den sportlichen Einsatz gedacht, sondern ein Bike, das Emotionen wecken soll, der Höhepunkt einer Entwicklung», so Polimeni.

Als Soft-Motard wurden der Dorsoduro auch einige Kapriolen ausgetrieben, mit denen man bei kompromisslosen Supermotos leben  muss. Doch eben nicht alle. Nach 150 Kilometern schmerzt auch auf der 1200er das Sitzfleisch auf der schmalen Sitzbank, Windschutz darf man von der kleinen Lampenmaske auch keinen erwarten. Und auch wenn die Entwickler dem Fahrwerk dank massiver dimensionierter Rahmenrohre und mehr Nachlauf gegenüber der 750er viel Stabilität anerzogen haben, spürt man hier doch die Grenzen. Während ein Kollege mit enger Lederkombi davon berichtete, dass sein Bike 256 nach Tacho lief und dabei völlig stabil blieb, fing sie bei mir mit Stoffjacke und Rucksack bereits ab 200 an, um die Lenkachse zu pendeln. Die Pirelli Diablo Supercorsa 3, mit denen die Dorsoduro serienmässig bestückt ist, bieten zwar guten Grip, doch in kaltem Zustand legen sie zunächst ein knautschiges Verhalten an den Tag. Sind sie aber auf Temperatur, wird die Dorsoduro sehr zielgenau und handlich.

Auch für Normalfahrer
Während die 750er-Dorsoduro Wave-Bremsscheiben im Vorderrad hat, bekam die grössere runde Scheiben, dafür aber Brembos radial montierte Vierkolbenzangen. Auf einen radialen Hauptbremszylinder hat man hingegen verzichtet, auch sind die Beläge so gewählt, dass die Bremse nicht zu giftig ist; sie lässt sich aber gut dosieren. In der ABS-Version spürt man den Einsatz der Elektronik durch feines Pulsieren. Gar nicht Supermoto-mässig fällt die Wirkung der Hinterradbremse aus. Will man auch bei ausgeschaltetem ABS das Hinterrad zum Blockieren bringen, muss man schon kräftig reintreten. Auch ist der Pedalweg ziemlich lang.

Die Sonne steht bereits tief über den Hügeln von Jerez, die warme Nachmittagsstimmung nimmt jeden Stress. Genüsslich lässt es sich mit der Dorsoduro bummeln. Sie kann schaltfaul und sanft gefahren werden, bei der lässigen Sitzposition lässt sich die Landschaft in vollen Zügen aufnehmen. Der 1200er-Motor brummt ohne störende Vibrationen unter dem Tank, sonor dröhnt es aus den beiden flachen Austrittsöffnungen der Underseat-Anlage. Wird wieder das Tier im Mann geweckt, oder schlendert man doch einfach genüsslich weiter? Dies ist wohl die schwierigste Frage, die sich auf der Dorsoduro stellt. 

 

Hubraumriese im Taschenformat
Aprilias neuer 90-Grad-V2 ist ein Meisterstück der Kompaktbauweise. Seine äusseren Dimensionen sind gar kleiner als die seines «kleinen Buders», des 750er-Triebwerks aus der Shiver und der Dorsoduro 750. Um dies zu erreichen, hat man den Hubzapfen dicker, aber auch kürzer konstruiert, wodurch der Versatz der beiden Zylinder kleiner wird. Dazu ist der vordere Zylinder der 1200er nach links statt nach rechts versetzt. Besondere Mühe im Platzsparen gaben sich die Techniker beim Zylinderkopf, der durch die Kombination von Ketten- und Zahnradantrieb der Nockenwellen und dank einer durchdachten Bauweise des Ventiltriebs kleiner baut als derjenige der 750er. Als besondere technische Neuerung hat der stehende Zylinder andere Steuerzeiten als der liegende, weil festgestellt wurde, dass wegen der unterschiedlich langen Ansaugwege in der Airbox ein runderer Motorlauf zustande kommt. Dazu gesellt sich eine Doppelzündung, bei der die Spulen einzeln angesteuert werden.

 

Interview mit Produkt-Manager Francesco Polimeni

Warum debütiert der neue Motor gerade in der Dorsoduro?
Aprilia ist eine Nischenmarke mit Ausrichtung auf Sport und Lifestyle. Die Dorsoduro trifft in dieser Hinsicht genau den Nerv unserer Kundschaft.

In welchen weiteren Modellen kann man den neuen Motor in Zukunft noch erwarten?
Ein Motor hat in der Regel einen längeren Lebenszyklus als ein Modell, daher werden sicher noch weitere Modelle folgen. Die Tuono kommt jetzt mit dem Motor der RSV4. Aber es ist dennoch denkbar, dass wir bald auch ein Naked-Bike mit diesem Motor bringen. Dann müssen wir weitersehen. 

Hat Aprilia noch weitere neue Motoren in der Entwicklung?
Mit den vier eigenen grossvolumigen Motoren haben wir die Palette abgedeckt, die wir uns vor vier Jahren vorgenommen haben. In den nächsten zwei, drei Jahren wird es keinen neuen Motor mehr geben. Es wird aber eine stetige Evolution innerhalb der einzelnen Modellreihen geben. Auch eine Hubraum-Erweiterung der Motoren ist denkbar.

 

Technische Daten
Hubraum:                      1197 ccm
Leistung:                       130 PS bei 8700/min
Gewicht:                        209 kg ohne Benzin
Preis:                            ab 16 400 Franken
Verkehrsabgabe:             60  bis 396.90 Fr./Jahr

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 90-Grad-V2-Viertakter, DOHC, (Kette und Zahnräder) 4 Ventile/Zyl., Bohrung × Hub 106 × 67,8 mm, Verdichtung 12,0; elektr. Einspritzung/Zündung; Nasskupplung, 6 Gänge, Kette. 130 PS bei 8700/min, 97 Nm bei 7000/min

Fahrwerk: Verbundrahmen aus Stahl-Gitterrohr und Aluminiumguss-Elementen, 43-mm-USD-Gabel von Sachs, voll einstellbar, Alugussschwinge mit Hebelsystem; seitlich verschraubtes Sachs-Federbein, voll einstellbar; vorne Doppelscheibenbremse Æ 320 mm, radial verschraubte Vierkolbenzangen, hinten Scheibenbremse Æ 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel; Alugussräder 3.50 x 17 und 6.00 x 17. Bereifung 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17

Abmessungen
Tankvolumen 15 l, Schrittbogenmass 
1930 mm, Lenkerinnenbreite 670 mm

Auf den Punkt gebracht
Ein scharfes Italo-Fun-Bike mit vielen Gesichtern: Je nach Mapping ist die 1200er-Dorsoduro handzahm bis fuchsteufelswild.

+            Lässige Sitzposition
+            Handliches Fahrwerk
+            Seidenweicher, aber spritziger Motor

–            Wenig Windschutz

 

Der Rahmen wurde für die Mehrleistung verstärkt. Der Rahmen wurde für die Mehrleistung verstärkt. © Milagro
Die vielen Einstellungen der Elektronik lassen sich auf dem Multifunktionsdisplay ablesen. Die vielen Einstellungen der Elektronik lassen sich auf dem Multifunktionsdisplay ablesen. © Milagro
Der Motor baut sehr kompakt - Äusserlich ist die 1200er-Dorsoduro nur schwer von der 750er zu unterscheiden. Der Motor baut sehr kompakt - Äusserlich ist die 1200er-Dorsoduro nur schwer von der 750er zu unterscheiden. © Milagro